Feels Like Nineteen Eighty Six


Die Katastrophe in Japan hat mich ebenso getroffen wie fassungslos gemacht. Ich wünschte, ich könnte etwas tun, als mir immer neue Hiobsbotschaften anzusehen. Meine Gedanken sind bei den Opfern des Erdbebens und des Tsunamis.

Aus aktuellen und vielleicht nachvollziehbaren Gründen lege ich die für heute geplante Miszelle „’Caveat‘ heißt ‚Hüte dich’“ nach hinten und schreibe etwas über das Jahr 1986. Ja, vor 25 Jahren „war Tschernobyl“.

Wenn ich zurück denke, war 1986 vielleicht das glücklichste Jahr meines Lebens, zumindest das unbeschwerteste. Ich war 17, in der Oberstufe und zum ersten Mal in meinem Leben ließ ich „so richtig die Sau raus“. Ich hörte laute „New Wave“ Musik (zum Leid meiner Großeltern) und verbrachte viele Nächte in noch lauteren, düsteren Discos. Trank zu viel, rauchte zu viel und malte schwarze Ränder um meine Augen. Mit anderen Worten: ich war normal. Mein Leben drehte sich vor allem um Schule, Mädchen und die „Sisters of Mercy“. Ich war jung, einigermaßen gesund, ich hatte Freunde (und Freundinnen!), die Welt war mein Schalentier und ich ihre schwarze Perle. Ich war das totale Arschloch. Ich war ein Teenager.

Was ist sonst noch hängen geblieben? Tschernobyl. Was damals vorfiel, kann man in der Wikipedia nachlesen oder, wenn man sich wirklich interessiert, in den Archiven zusammentragen. Wie wir uns fühlten, kann man da nicht sehen. Warum hat ausgerechnet dieser „Super GAU“ („Größerer Größtmöglicher Anzunehmender Unfall“) die Wolken aus Hasch und Hormonen durchdrungen, mit denen in meinem persönlichen Gedächtnis 1986 eingenebelt ist?

Erst mal war ich ein Jahr vorher in der Nähe von Tschernobyl. Im Zuge einer Studienreise in die UdSSR war ich auch ein paar Tage in der Ukraine. Die Fernsehbilder, die Männer in Strahlenschutzanzügen in den Straßen von Kiew zeigten, erinnerten mich daran, dass ich ein Jahr zuvor selber durch diese Straßen gegangen (oder gegängelt worden) war. Ich fragte mich, was aus dem netten Reiseführer geworden ist oder dem Kellner, der illegal meine Mark in Rubel getauscht hatte, die ich bis zum Ende der Reise nicht hatte ausgeben können.

Dann arbeitete mein Großvater, vermutlich um für meinen Tabak- und Alkoholkonsum aufzukommen, neben seiner eigentlichen Arbeit auf der Zeche auch noch morgens auf dem Großmarkt. Und dort spielten sich dann seinen Berichten nach wirklich Szenen ab wie aus einem Katastrophenthriller. Jede Gemüsekiste aus dem Osten und Norden (die radioaktive Wolke war nach Skandinavien gezogen) musste mit dem Geigerzähler untersucht werden. Pilze, die wohl radioaktives Cäsium besonders gut speichern, wurden gleich vernichtet.

Man kann auch die Informationssituation nicht mit heute vergleichen. Das Internet gab es natürlich noch nicht (in der heutigen Form) und unsere Informationen kamen aus dem Fernseher, dem Radio und dem Hörensagen. Die Ukraine war zudem damals noch Teil der Soviet Union und trotz „Perestroika“ wurde vieles gefiltert, was nach außen drang. Dafür lernte wir viele neue Wörter. Wir wussten plötzlich, dass „Becquerel“ keine Diätmargarine ist, sondern eine Einheit, die radioaktiven Zerfall angibt. Millirem, so lernten wir, schmiert man sich nicht aufs Brötchen, sondern versuchte man zu meiden. Möglichst weit weg von Tschernobyl zum Beispiel.

Es herrschten Angst und Verunsicherung. Gerade weil die Gefahr konkret, aber auch irgendwie ungreifbar war (Strahlen kann man nicht sehen, hören, schmecken, riechen), löste der GAU teils unsinnige Reaktionen aus. Kinder durften nicht im Regen spielen, der Import von Elchfleisch aus Skandinavien wurde verboten.

Gegen Angst als Motivation habe ich hier immer schon angeschrieben.Da kann nichts Gutes bei rum kommen. Aber spätestens seit Tschernobyl hat zumindest Europa, oder besser der nördliche Teil Europas, begriffen, dass die Folgen eines Unfalles bei der Kernenergie kein schlichtes „Oops“ sind. Staaten haben reagiert, Kernenergie wurde als Auslaufmodell behandelt. Aber plötzlich wird das Öl knapp, das Klima ächzt unter dem Kohlendioxid und AKWs sind wieder sexy. Japan zeigt leider auf tragische Weise, dass Atomkraft nicht sexy, sondern hochgefährlich ist. Angst sollte keine Motivation sein, aus dieser Energieform möglichst schnell auszusteigen und zwar nicht nur in Deutschland sondern weltweit. Strahlen machen nicht vor Grenzen halt. Meiner Meinung nach gebietet das die Vernunft.

Fukushima sollte endgültig zeigen, dass Murphys Gesetz im Zusammenhang mit der Kernenergie kein Spaß ist und dass, wenn etwas schief gehen kann, es schief gehen wird. Wenn Menschen ihre Finger im Spiel haben, stehen die Chancen dafür gut.

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15.2.2011: Kennzeichen der Identität


Hallo Alle.

Weil es gerade um Kultur und Identität geht, passt das Thema hervorragend.

Der Heilbronner Volkswirt Ralf Borchert hat eine Initiative zur Liberalisierung der deutschen Autokennzeichen gestartet. Er tritt dafür ein, dass die seit der Kreisreform Anfang der 70er Jahre abgeschafften Ortskennzeichen wieder eingeführt wird.

Umfragen in so illustren Orten wie Duderstadt oder Naila haben gezeigt, dass es ein unglaubliches Verletzungsgefühl gerade bei den Männern in den betroffenen Orten gibt.

Ich, als Moerser (105.000 Einwohner, 67,69 km² Fläche, Historische Altstadt, Schloss, Schlosstheater, Saturn in der Innenstadt),  der seit 40 Jahren mit der Schmach leben muss, dass nicht nur unser Kreis aufgelöst wurde, nein, er wurde auch dem unsäglich langweiligeren Wesel (60.000 Einwohner auf 122 km², aber 200.00 Kühe und das ist schon alles, was man zu der Stadt schreiben kann) zugeschlagen, kann dem nur aus ganzem Herzen zustimmen! Gebt uns unser MO zurück! Weg mit WES!

Wenn man als Suchbegriff „Liberalisierung Kennzeichen“ in eine Suchmaschine seines Vertrauens eingibt, wird man erschlagen von all den Öhringern, Plauenern, Nailaern und Duderstädtern, die das Joch der ihnen aufoktroyierten Autokennzeichen abwerfen wollen.

Ich erwarte täglich, dass sich eine ähnlich erregte Masse vor dem Verkehrsministerium aufbaut wie auf dem Kairoer Tahrir-Platz. Einziges Hindernis könnte naürlich sein, dass es in Berlin keine Parkplätze gibt.

Leidkultur


Ende des letzten Jahrtausends erfand der deutsch-syrische Politikwissenschaftler Bassam Tibi die europäische „Leitkultur“. Er fand, dass Europa bestimmte Werte teilt, wie Demokratie, Laizismus, Menschenrechte, Aufklärung bzw.  die Zivilgesellschaft. Das, was wir in Deutschland unter „freiheitlich-demokratischer Grundordnung“ verstehen. Sofort stürzten sich die Medien auf den Begriff und kurz danach die Politik. Die Schlacht um die Deutung dessen, was „wir“ sind und was die „Anderen“ hatte begonnen.

Man kann Herrn Tibi ruhig attestieren, dass er eine Nase für Wörter hat, die sexy sind. „Leitkultur“ rollt einem Politiker nur so von der Zunge, während „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ sich anhört wie dicke Hornbrillen oder SED-Parteitag. Nur der Soziologe Ferdinand Tönnies wird gestutzt haben, der inhaltlich das, was Leitkultur umfasst schon in den 30er Jahren als „Moderne“ definierte. Aber der ist ja tot.

Nun ist die „Moderne“, als Epoche der Vernunft alles andere als unangreifbar. Ich erspare euch die Schlachten zwischen Modernisten, Postmodernisten und der Gegenaufklärung. Man muss aber festhalten, dass sie „gewonnen“ hat und dass bei allen Problemen die Werte der Moderne und der Aufklärung für den längsten Frieden in Europa gesorgt haben. Ever!

Warum hat man außerhalb der esoterischeren akademischen Kreise kaum etwas davon mitbekommen, dass wir als Europäer eine große Kulturleistung teilen? Weil die Zeit noch nicht gekommen war. Ende der 90er Jahre war die Globalisierung noch nicht so richtig in Fahrt gekommen, es gab den Euro als sichtbarstes Zeichen der Moderne noch nicht und das Feindbild „Kommunismus“ war noch nicht durch „Islamismus“ ersetzt. Das „Boot“ war noch „voll“, „Deutschland“ sollte den „Deutschen“ gehören oder, wie es die anderen sagten, „nie wieder Deutschland“ und zur Hölle mit den Prädikaten. Deswegen war wohl die Debatte um eine „deutsche Leitkultur“, die der Moped-Rowdy Friedrich Merz im Jahr 2000 entfachte auch kein langes Leben vergönnt. Was Deutschland so nötig hatte wie eine Oktoberrevolution, war eine Debatte, die den Faschisten in die Hände spielt.

Unsere große gemeinsame Kultur entdeckten bestimmte Politiker und dann deren Anhänger in der Zeit nach dem Fall der WTC-Türme. Zwar kam die „deutsche Leitkultur“ noch ein paar mal aus der Mottenkiste, vor allem bei den Intregrations- und Zuwanderungsdebatten, Aber wenn das Abendland in so akuter Gefahrt schwebt (mal wieder), müssen sich die aufrechten Europäer von Den Haag bis Budapest bis Berlin-Mitte.

Worte sind die Bausteine der Wirklichkeit. Was in „Leitkultur“ mitschwingt ist natürlich „leiten“. Führen. Die Leitkultur ist der Boss, der Anführer. Und Kultur ist alles Positive was „wir“ (ein entsetzlich schwammiges „Wir“, in etwa wie „Wir sind Papst“ oder „Wir sind Dritte bei der WM“) je gemacht haben. Leitkultur macht uns, zu den Chefs, die „anderen“ werden geleitet, haben sich anzupassen.
Wer sind „wir“? Na, alle die sich zu den Werten der europäischen Kultur bekennen. Und keine Moslems sind. Denn Moslems, wie wir ja heute wissen, können keine Demokratie, keinen Laizismus, keine Menschenrechte, keine Aufklärung und keine Zivilgesellschaft. Wie Herr Sarrazin festgestellt und so wunderschön mangelhaft „belegt“ hat, sind Moslems viel zu dumm dafür. Und hört mir auf mit der Türkei, die verstellen sich nur. Und die Araber, die gegen ihre vom Westen gestützten Unterdrücker aufstehen (aufrechte Verteidiger der Werte Rousseaus allesamt) sind potenziell islamistische Terroristen.

Wenn man genau hinschaut, dann ist die „europäische Wertegemeinschaft“ genau so eine Chimäre wie der „Islam“. Verzeihung, man muss nicht mal genau hinsehen. In Wirklichkeit ist allein der Gedanke absurd. Ebenso wie eine x-beliebige Religion oder Ideologie sind die Werte natürlich hehr. Aber ein Realitätscheck sollte einen intelligenten Menschen sofort auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Italien? Ungarn? Demokratie? Irland? Laizismus? Grenzpolitik? Menschenrechte? Oder was hat die deutsche Bildungspolitik mit den Werten der Aufklärung zu tun?

Die Gefahr der „Leitkulturdebatte“ ist eben ihre Schwammigkeit. So hat der Verfassungsrechtler Ulrich K. Preuß festgestellt, dass die Idee der „Wertegemeinschaft“ die Rechtssicherheit aller Menschen untergrabe, die nicht mehr aufgrund der Staatsbürgerschaft, sondern aufgrund verschwommener „kultureller Zugehörigkeit“ gewährleistet werden könnte. Der eigentliche Skandal der Leitkulturdebatte, so Preuß, sei dass nicht mehr das Grundgesetz den Rechtsrahmen bilde, sondern eine imaginäre Wertegemeinschaft.

Da wird dann schnell mal das „christlich-jüdische“ Wertesystem herangezogen, dass sich vollkommen von anderen, implizit oder explizit islamisch je nach Schamgrenze des Senders, unterscheidet. Darüber wurde schon viel geschrieben. Mit bleibt festzuhalten, dass damit eine der großen Errungenschaften der Moderne, bzw. der europäischen Kultur ausgehebelt wird, nämlich die Unabhängigkeit politischer Diskurse von religiösen.

Überhaupt reißen die „Verteidiger des Abendlandes“ mit Wollust ein, wofür sie behaupten zu stehen. Religionsfreiheit? Sicher, aber nicht für Muslime. Menschenwürde? Im Prinzip schon. Flüchtlinge sind aber irgendwie noch keine, oder? Gleiches Recht für alle? Nur, wenn „alle“ die richtige Hautfarbe, Staatsangehörigkeit oder Religion haben. Der Rest, na ja, ist ungleicher.

Wird fortgesetzt mit „Ak- und andere Kulturationen„.

Wie ich Vegetarier wurde ….


Im Oktober und November war ich Vegetarier. Kein Tier kam über meine Lippen. Ich kaute keinen Kadaver. Statt dessen aß ich Gewachsenes und Tierdrüsenprodukte. Es war … unspektakulär.

Meine Frau ist Vegetarierin, was mich auch zu so etwas wie einem Vegetarier macht“

Lapis isst seit rund einem Vierteljahrhundert keine toten Tiere mehr. Deswegen kommt bei uns zu Hause auch so gut wie nie Fleisch auf den Tisch. Auf meinem Brötchen lag manchmal Wurst, aber irgendwie verlor die den Reiz und ein leckerer Käse schmeckt besser als eine abgepackte Salami „du Plastique“. Ich war also schon seit Jahren latent Vegetarier. Mit Lapis essen ist praktisch vegetarische Ernährung. Daher weiß ich auch, dass es nicht langweilig ist, auf Fleisch zu verzichten.

Meinen Kadaver-Kick hole ich mir von Außerhalb. Allerdings sind die Fleischtöpfe Coburgs auch nicht so reizvoll. Gut, es gibt das eine oder andere Restaurant, in dem man essen kann. Aber für mich ist eine Mahlzeit immer eine Zeit aufreibende Angelegenheit. Auswärts zu essen ist ein ziemlicher Aufwand. Und vom Geld will ich hier mal gar nicht schreiben. Meine Ernährung ist, man kann es sich denken, ziemlich schlecht. Jedenfalls unter der Woche. Fast Food und Fertigessen.

Dass ist ein Bisschen mehr Info, als ich brauchte.“

Es gibt einige Gründe, warum ich mich entschlossen habe, auf Fleisch zu verzichten. Natürlich ist das Leben mit einer Vegetarierin ein Anreiz. Zu Beginn unserer Beziehung wollte ich die ein paar Mal „umdrehen“. Fleisch ist immerhin „ein Stück Lebenskraft“. Oma lässt grüssen. Das hat aber (zum Glück) nicht hingehauen und wir sind dann sehr schnell dietär tolerant geworden.

Zum Anderen kam ich gerade aus der Türkei, wo es im All-Inclusive-Hotel jeden Tag Berge toten Tieres zu essen gab. Irgendwann ging mir das auf die Nerven, aber als Alternative blieben nur die Beilagen. Ich hasse Zwangsernährung.

Den Ausschlag hat schließlich mein Gewissen gegeben. Erstens scheint erwiesen zu sein, dass die industrielle Produktion von Fleisch (das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen) für einen Großteil der Treibhausgase in der Atmosphäre verantwortlich ist. Die genaue Prozentzahl ist mir egal, aber es viel zu viel. Man kann nicht „für die Umwelt“ sein und Fleisch essen. Jedenfalls nicht industriell hergestelltes (!). Und anderes gibt es heute kaum noch. Außerdem sind die Bedingungen, unter denen die Fleisch liefernden Tiere gehalten und geschlachtet werden, inakzeptabel für jeden Menschen, der sich einen Hauch Mitgefühl erhalten hat. Und spätestens seit „Tiere Essen“ von J.S. Froer kann man eigentlich nicht mehr sagen, dass man es nicht wusste. Zumindest nicht, wenn man nicht im Koma liegt oder die „BLÖD“ für eine hervorragende Informationsquelle hält.

Sag noch einmal ‚Fleisch‘! Noch ein einziges Mal!“

Auf dem Rückflug von Antalya war es dann soweit. Ich ließ das Hühnchen (?) in der geschmacklosen Mehlpampe liegen und aß nur die Beilagen. Kein totes Tier mehr für diesen Mann, Madam. Und so blieb es. Bis letzten Freitag.

 

Eine Integrationsdebatte


Er. Ich kann das nicht!

Sie: Wir haben doch schon stundenlang darüber geredet. Wir müssen uns besser integrieren.

Er (weinerlich): Wieso?

Sie (genervt): Komm schon. Denk doch einfach mal an die Kinder. Die sollen schließlich auch eine Chance haben, hier.

Er: Die geben unseren Kindern doch keine Chance. Was hat die Lehrerin letztens über unseren Ältesten gesagt?

Sie: Ich hab’s, ehrlich gesagt, nicht so ganz verstanden ….

Er: Kein Wunder bei dem Scheiß, den die hier Sprache nennen. Mit ihren „Äää“ und „Ööö“. Oft kann ich mich nicht entscheiden, ob die mir jetzt ’nen Guten Tag wünschen oder mich beleidigen. Und dann immer das blöde Grinsen….

Sie (ungerührt): … aber es war was von „anerzogener Renitenz“ und „Anpassungsunfähigkeit“ und dann wollte sie wissen, was du von Beruf bist.

Er: Und als du „Hochschullehrer“ sagtest ….

Sie: … hat sie nur komisch geguckt. So über ihre Brille. Und was in ihrer Sprache gesagt, das ich nicht verstanden habe.

Er: Wir hätten nie herkommen sollen.

Sie: Ach ja? Und was hätten wir zu Hause gemacht? Vom Staat gelebt oder den Hof deiner Eltern bewirtschaftet? Mit deinem Rücken?

Er: Ist halt ein agrarisches Land.

Sie: Hier habe ich auch einen Job, die Kinder sind in einer guten Schule …

Er: Wo sie von den anderen Kindern geschnitten werden. Wegen ihrer Herkunft. Ich mach den Kindern keinen Vorwurf. Aber die Eltern. Die erzählen ihnen sicher wer-weiß-was über uns.

Sie: Deswegen sind wir hier. Wir müssen uns einfach ein wenig anpassen. Der fremden Kultur öffnen.

Er: Das ist keine Kultur! Das ist …. Hottentottenland!

Sie (zischt): Pscht!

Er: Die saufen Alkohol, als würden sie dafür bezahlt. Und dann gröhlen sie in dieser ekligen „Sprache“ Lieder, in denen es ums Saufen geht. Das Essen ist ungenießbar. Und dann fi…

Sie: NA!

Er: …. findet überall Unzucht statt. Keine Religion diese Menschen.

Sie: Zu Hause hast du es nie mit der Religion gehabt. Immer, wenn ich dich gefragt habe, ob du mitkommst zum Gottesdienst, hast du abgewunken. „Die größte Leistung unserer Kultur ist die Befreiung von der Vormundschaft der Glaubens.“ dozierst du doch immer.

Er: Stimmt ja auch. Aber in der Gemeinde sind wir halt unter uns. Da ist keiner der Hiesigen. Da sprechen wir die gleiche Sprache. Sind zwar auch Leute von woanders da, aber die Religion verbindet uns auch kulturell.

Sie: Tolle Parallelgesellschaft.

Er (verkniffen): Jetzt redest du wie die Rechten.

Sie (sauer): Jetzt höre mir mal zu. Ich kann deine Greinerei echt nicht mehr hören. Und heute WILL ich sie auch nicht hören. Ich dachte, wir könnten ein Mal Spaß haben. Zu Hause hast du rum gesessen, auf unser Land geschimpft und erzählt, wie viel besser sie es hier machen. Zukunft, Wirtschaft, Medien, Bildung, alles besser. Und seit wir hier sind jammerst du in einem fort. Ich weiß, dass du dich einsam fühlst. Und dass das nicht besser wird, weil du deine Kollegen kaum verstehen kannst.

Ja, mein Gott, dann lerne doch endlich die Sprache. So schwierig ist das doch nicht. Und wenn du nur soviel lernst, dass sie sehen, dass du dich anpassen willst. Du musst ja nicht gleich anfangen, ihre Plörre zu trinken. Aber wir sind hier die Fremden und die sind hier zu Hause. Du hast die Möglichkeit bekommen, hier zu arbeiten.

Und es schadet uns sicher nicht, wenn wir über unseren Tellerrand gucken, kulturell gesehen. Wir müssen ja nicht gleich werden wie die und unsere ganze Erziehung vergessen.

Er: Und was ist, wenn unsere Kinder hier so werden wie die? Willst du, dass dein Sohn sich vollaufen lässt bis zum Koma und ständig mit anderen Mädchen …

Sie: Als ob sie das bei uns nicht auch machen würden. Und ich hoffe, du vergisst nicht, dass WIR die Eltern unserer Kinder sind und sie auch erziehen müssen. Mit unseren Werten.

So, mein Schatz. Jetzt gehst du mit mir dort rein und bist nett zu den Leuten. Sieh es als eine Feldforschung. Eine teilnehmende Beobachtung. Fremde Sitten und Gebräuche kennenlernen.

Er (kläglich): Ja, Schatz.

Sie (aufmunternd): Komm, wir stellen uns einfach vor, wir wären auf dem Schützenfest in Hannover. Los Tiger, zeig denen, was ne Lütje Lage ist!

Er: Miau?

Sie öffnen die große Tür. Sofort wird es sehr laut. Über dem Lärm hört man:

„ … en Köö – lle – denn do jehööt hä hin. Wat sull di ….“

Thilo trollt


Und wieder wird eine Sau durchs Dorf getrieben. Diesmal heißt sie Thilo. Thilo hat ein Buch geschrieben. In dem steht, dass Deutschland immer dümmer wird. Weil es zu viele Ausländer rein lässt. Vor allem Muslime, die ja von Natur aus dumm sind. Das ist genetisch, genauso wie das Judentum. Diese Muslime setzen besonders viele Kinder in die Welt, die natürlich auch dumm sind. Und weil die klugen deutschen Frauen keinen Bock auf oder keine Zeit für Kinder haben, werden die klugen Deutschen immer weniger und die dummen Muslime immer mehr.

Was im ersten Absatz steht ist natürlich Quatsch. Herr Sarrazin hat das zwar alles so irgendwie geschrieben und mit vielen Zahlen und Studien begründet. Aber andere Leute haben wiederum Zahlen dagegen gehalten, andere Studien vorgelegt. Seine Kronzeugin hat sich empört, dass sie das so nie geschrieben hätte und eigentlich hat er sich in seinem Buch schon selber widerlegt, als er schrieb, dass man Voraussagen über Bevölkerungsentwicklung nicht wirklich seriös machen kann. Alles regt sich auf, das Land ist in Aufruhr, Thilo kriegt viel Applaus, viel Kritik, kurz: Aufmerksamkeit. Nicht zu vergessen eine fürstliche Vergütung in Form von Tantiemen und eine noch höhere Pension, weil er von seinem Vorstandsposten bei der Bundesbank freiwillig zurückgetreten ist.

Thilo ist ein Troll. Und zwar ein sehr erfolgreicher.

Für die zwei bis sieben Menschen daheim vor ihren Monitoren, die nicht wissen, was ein Troll ist, hier eine kurze Definition: (Internet)Trolle sind Leute, die sich dümmer stellen als sie sind und entweder absichtlich unwahre oder provokante Meinungen von sich geben, um so Aufmerksamkeit zu erlangen. Dabei genießen sie positive wie negative Rückmeldungen. Die Sache an sich ist ihnen herzlich egal. Trollen geht es um Aufmerksamkeit und sie genießen sie Aufregung, die um sie entsteht.

Ein Hinweis, dass es sich bei Herrn Sarrazins Buch und seinen bisher so energisch vertretenen Thesen um Trollerei handelt, habe ich schon genannt. Die Zahlen, die er zur Begründung seiner Thesen heranzieht halten keiner kritischen Überprüfung stand. Hingegen deuten frühere Einlassungen darauf hin, dass Herr S. gerne mal einen großen oder kleinen Krawall provoziert.

Wenn man dem Herren wohlwollend gegenüber steht, könnte man sagen, dass er unter Verwendung von Satire auf bestehende Missstände hinweisen möchte. Dass es die gibt steht außer Frage . Allerdings ist das auch keine Neuigkeit, sondern seit Jahren bekannt. Inwieweit sie allerdings behoben werden können, indem man rechtspopulistisch einen auf dicke Eier macht, ist mir schleierhaft. Vielleicht bereitet er seinee größte Trollerei vor. Die Gründung einer Partei. Die heißt dann sicher „Progressiv Haushalten für Arbeit und SozialStaat““ (ProHASS).

Wenn ich in meinem dummen Kopf sehe, dass es ein großes Gefälle von Bildungschancen zwischen etablierten Deutschen und Kindern von Migranten gibt, was die P.I.S.A-Studie 2007 und die UNESCO bereits im Jahr 2003 kritisierte, dann würde ich doch irgendwie vermuten, dass mit dem Bildungssystem dieses Landes was nicht stimmt und dass der prozentual höhere Anteil an jugendlichen Gewalttätern etwas damit zu tun haben könnte. Dass mangelnde Integration vielleicht auch damit zusammenhängt.

Vielleicht muss man schlaue Eltern haben, um zu begreifen, dass es an den Genen liegt, dass Menschen bestimmten Weltanschauungen anhängen. Da wäre ich nie drauf gekommen. Und dass die Weltanschauung dann auch noch bestimmt, ob man schlau ist und Bundesbanker wird oder nur ein Gemüsehändler bleibt. Das hätte mir mein Prof in Göttingen doch bitte mal erzählen sollen. Da habe ich vier Jahre für ein Studium der Religionswissenschaft verschwendet, wenn die Lektüre eines langweiligen Buches gereicht hätte. Aber damals war Thilo auch bei der Treuhand und hat sich vermutlich über die angeborene Faulheit der Ossis erregt. Dass Moslems dumm sind, hat ihm erst später jemand erzählt.

Allerdings geht der normale Troll nur seiner unmittelbaren Umgebung auf den Sack. Sarazzin hat es geschafft, ein ganzes Land zu verarschen. Dabei finde ich es höchst interessant zu sehen, wie plötzlich von überall die „Ja, er hat Recht“-Schreier auftauchen. Populäre Populisten polarisieren polemisch Populationen. Sprich: Alles schreit, kaum einer denkt nach und niemand tut etwas. Und wenn die Aufregung vorbei ist?

Letztendlich sind Trolle arme Würste. Sie provozieren mit Unsinn, denn sie nicht glauben oder mit Nichtwissen, das man ihnen abnimmt oder nicht. Es ist ziemlich schnell egal, ob sicher einer blöd anstellt oder blöd ist, denn so oder so geht er allen auf die Eier. Trolle haben keine Standpunkte, denn dann würde ihre Masche nicht mehr funktionieren.

Leider bietet das Internet einem alten Bekannten, früher hießen die Trolle „Klassenclown“, „Dorftrottel“ oder „Judäische Volksfront“, eine große Bühne mit tausenden von Lesern und Zuschauern, an deren Reaktionen sie sich hochziehen können.

Wenn zum Beispiel Pastor Terry Jones, evangelikaler Vertreter eines Christentums aus dem Mittelalter, früher angekündigt hätte, den Koran verbrennen zu wollen, hätten vielleicht seine 41 Anhänger gejubelt und die Nachbarn die Augen verdreht. So aber provoziert dieser Schwachkopf Unruhen mit Toten. Natürlich sind die Leute, die die Moslems weltweit aufhetzten auch Schwachköpfe. Und wieder ist es interessant zu sehen, wie Leute, die vorgeblich gegen religiösen Fanatismus sind, demjenigen zujubeln, dessen Credo ist: „Islam ist vom Teufel“.

Vielleicht setzt sich irgendwann mal die Vernunft durch. He, ich konnte das schreiben, fast ohne zu grinsen. Aber immerhin besteht die Hoffnung, dass sich nicht nur die Trolle vermehren sondern auch diejenigen, welche die alte Internet-Weisheit beherzigen:

– Don’t feed the trolls! –

14.6.2010: The Why?


Hallo nochmal.

Wie der Zufall spielt, stand der CVJM nach meiner montäglichen Miszelle gestern im Lichte allgemeinen Interesses.

Besser gesagt, der amerikanische Urvater aller jungen Christen, das viel besungene YMCA. Die Amerikaner mögen anscheinend nichts mehr mit schwulen Discobands zu tun haben und/oder sind schlicht zu faul, ein 4-Buchstaben-Akronym auszusprechen. Sie haben die altehrwürdige Young Men’s Christian Association schlicht in „theY“ umgetauft. Sie folgt damit wohl einem Trend in den USA, der hierzulande „Abküfi“ genannt wird.

Ameríka muss natürlich wieder bei allem übertreiben, wenn jetzt schon die Abkürzungen abgekürzt werden. Ich warte darauf, dass das Land sich selbst in „theU“ umbenennt, seinen Auslandsgeimdienst in „theA“ und den größten Softwarekonzern in „$“. Allerdings ist $ natürlich ein nicht-Akronym Konzern gefährlich auf den Fersen. Man stelle sich vor, welches Potenzial es hätte, wenn Apple seinen sperrigen Namen in das schlanke „i“ änderte. Dann wäre „Micro“ Soft wohl wirklich ein sprechender Name.

Ich sehe es schon: „i is slick!“, „i is sexy“, „i can has Cheezburgerz!“.

Ich bin zu der letzten Miszelle gar nicht gefragt worden, warum ich die Gelegenheit habe verstreichen lassen, etwas Disko-Kultur zu verbreiten.

Großer Fehler.  Jetzad:

PS: Der CVJM hat leider abgelehnt, sich schlicht in „Zefi“ umzubennen. Schade.

L’Allemagne: Douze Points


Einerseits ist er ein kranker alter Mann. Andererseits aber ein ekelhafter, von sich selbst eingenommener Rechthaber. Und ein schlechter Verlierer obendrein. Ich rede natürlich von Ralph „Der Grand Prix bin ich“ Siegel. Die unglaubliche Ahnung, die dieses Musikfossil vom Pop-Geschäft des 21. Jahrhunderts hat, kulminiert an diesem Wochenende im Sieg der deutschen Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest. Siegel in einem Interview: „Süßes Mädchen, das den Ton nicht trifft. Keine Chance im Vergleich mit den besten Künstlern anderer Länder. Vielleicht wählen ein paar Facebook-Kids sie. Gutschi. Gutschi. Guck, was ich für ein Riesenmikrophon in der Hose habe!“
Für den, für ihn völlig unwahrscheinlichen Fall, dass Lena doch gewinnen sollte, sicherte er sich natürlich gleich ab, indem er das Lied „Satellite“ eine amerikanisch-dänische Koproduktion nannte und er folglich der einzige deutsche Grand Prix Sieger bleiben würde. Ja, ne. Is klar.
Ähm … Moment. Skeltem schreibt über den Eurovisions-Spießer-Contest (ESC)? Ja. Und mit Recht! Nicht nur kann ich so diesem ekligen Macho einen reinwürgen. Ich befinde mich auch in der Konsens-Zone. Lena regiert. Wir sind Europa. Die Kanzlerin sendet Grüße! Die Miszellen können da nicht zurückstehen. Kann mir jemand sagen, wie das Lied ist?
Am Samstag beschlossen Lapis und ich spontan, es 15 Millionen Deutschen gleich zu tun und uns den ESC anzugucken. Als links-grüne intellektuelle Akademiker hatten wir natürlich einen gebührenden Vorrat von Ironie, Popcorn und flapsigen Bemerkungen. Das war allerdings auch nötig. Die „Weltmeisterschaft der Musik“ (Siegel) brachte so hervorragende Mannschaften wie Aserbaidschan, Armenien und Großbritannien auf die Bühne. Großbritannien? Stimmt, das ist unfair. Aserbaidschan und Armenien hatten wenigstens annehmbare Interpreten nach Oslo geschickt. Den englischen Beitrag nannte die SZ „an der Grenze der Menschenquälerei“.
Ich habe natürlich den großen Vorteil, dass ich mir die Musik (z.B. „Allez, Allez, Olle, olle“ aus Frankreich) nicht antun musste. Dafür durfte ich dank Videotext-Tafel 150 alle Texte lesen. Aua. Leider sangen von 25 Teilnehmern 22 in Sprachen, die ich verstehe. Deswegen hätte ich zum Beispiel meine Stimme sofort den Griechen gegeben, die erstens eine annehmbare Show ablieferten und zweitens auf griechisch sangen.
Als ich den Text des Siegerliedes las, fühlte ich mich aber schon ein bisschen verschaukelt. „Love, love, oooh, ohh“. Na ja. Der Vortrag von Lena Meyer-Landrut war auch irgendwie, umm, staksig. Keine Frage, das Mädchen hat Charisma. Aber für einen Moment hatte ich Zweifel, ob der Schlager-Dinosaurier nicht doch Recht hatte. Da waren wirklich Sängerinnen und Sänger, die es besser konnten. Lapis bestätigte dann aber, dass „Satellite“ wohl wirklich das beste Lied war. Und Bekannte aus anderen europäischen Ländern zeigten sich auf Nachfrage auch angetan.
Dazu kommt wohl auch, dass Lena sich wohltuend aus dem Einheitsbrei von Windmaschinen, Pyro-Effekten und 08/15 Pseudo-Breakdancern abhob. Süß, hübsch, natürlich, selbstbewusst, feminin. Wenn ich eine Tochter hätte, wollte ich, dass sie so ist, wie Lena Meyer-Landrut. Schwarzer Nagellack inklusive.
Bei der Bewertung, die durch die neuen Regeln zum Glück nicht mehr in eine Gähn-Orgie ausartet, ertappte ich mich dabei, wie ich plötzlich ganz unironisch „yeah“ rief, als es hieß: „Germany: twelve points. L’Allemagne: douze points.“
Was nervig war: Peter Urban, der das Spektakel seit der Entstehung der Erde kommentiert, war schon immer grottig. Aber an diesem Samstag hatte ich das Gefühl, dass er nochmal eins draufgelegt hat. Vor allem seine völlig überflüssigen Bemerkungen zu dem Abstimmungsverhalten der anderen Länder ließen die tief sitzende Verbitterung der Grand Prix-Veteranen über die „osteuropäischen Seilschaften“ durchblicken. Und dann die omnipräsenten deutschen Farben, als Lena gewonnen hat. Da bin ich vielleicht einfach noch zu sehr aus einer Generation, die bei jedem Funken Nationalstolz gleich Nazis riecht.
Auf jeden Fall hat dieser Samstag allen Ralph Siegels und Anhängern der anti-deutschen Musik-Verschwörungstheorie ins Gesicht gepfeffert: Wenn man mit guter Musik statt der immer gleichen Scheiße antritt klappt’s auch mit dem Grand Prix. Danke, Lena.

Dinare für Danaer


Der Edel-Grieche „Saloniki“ in Berlin.

Kellner: Soo, bitte. Einmal die Fischplatte „Naxos“ für die Dame. Taramossalata und Vorspeisenteller „Ouzo“ für diesen Herrn und (keucht ein wenig) Grillteller „Zeus“ mit extra Gyros, extra Souvlaki und (leicht angeekelt) süßer Senf für diesen Herrn. Wohl bekomm’s.
Herr W.: Danke Yannis. Sagen Sie, wieso sprechen Sie so hervorragend deutsch?
Herr S.: Und a Weizn, bittschön!
Kellner: Ich bin in Erlangen geboren, habe hier an der FU meinen Magister in Philosophie gemacht und über die Demokratie bei Plato promoviert.
Frau M.: Donnerwetter! Und da arbeiten Sie hier als Kellner?
Kellner: Ich hätte einen besseren Job als Müllmann bekommen, aber meine Frau war degegen. Möchten Sie noch ein Glas Imiglykos?
M.: Ich muss mal ein ernstes Wort mit der deutschen Industrie- und …
S.: Erlangen? Da kannt‘ I mal eine …
M.: Herr S. Ihr Essen wird kalt.
S.: Mei! (Essgeräusche)
W.: Ist ja sehr nett hier, Frau M. Aber, ich meine …griechisch? Wenn uns jemand hier sieht, könnte das als politisches Signal gewertet werden.
M.: Keine Sorge, Herr W. Dieses Treffen ist top secret. Ich dachte, wir reden mal ganz zwanglos so unter 6 Augen, was wir jetzt machen. Und das Ambiente passt ja gut zum Thema.
W.: Steuern senken!
M.: Was?
W.: Verzeihung, das ist ein Reflex.
S. (kauend): Piff Paff.
W.: Meinen Sie Pavlov?
S.: Auch des.
M.: Meine Herren. Die Lage ist ernst. Griechenland könnte den ganzen Euro runter reißen. Und damit das halbe Lebenswerk meines politischen Ziehvaters zerstören. Von den Folgen für die Menschen gar nicht zu reden.
W.: Ach, die sollen sich nicht so haben. .
M. (ungerührt): Die Griechen haben sich das zwar alles selber zuzuschreiben mit ihrer legeren Art, aber sie sind nun mal Teil der Währungsunion und damit unser Problem.
S.: Un‘ des der anderen Euroländer auch, bittschön.
M..: Wer?
S.: Nah, Idalien, z’Beispiel oder .. Monaco.
W.: Monaco?
S.: I hab‘ a schöner Euro aus Monaco. Mit’m Fürst drauf.
M.: Ja, das ist alles schön und gut, aber wir sind die größte Wirtschaftsnation Europas und die anderen erwarten sicher von uns, dass wir das meiste zahlen, um die blöden Griechen raus zu hauen.
W.: Äh, würde das bedeuten, dass die Steuerreform nicht wie im Koalitionsvertrag vereinbart …
S. (erregt): Ja Heerschaftssackra! Kannst EINMAL von der Scheiß-Steuerreform aufhören, du Leichtmatrose?
W.: Herr. S. Ich verbitte mir aufs Schärfste diesen Tonfall!
S.: I fäll di gleich, wann du noch einmal von …
Kellner: Entschuldigung, aber die Herrschaften der Opposition beschweren sich.
M.: Erinnern Sie Frau Lötzsch bitte an den letzten 1. Mai in Kreuzberg und wer da unbedingt die „Marianne“ geben wollte. Und Frank-Walter hat nach seiner Disco-Nummer in Washington wahrlich nichts zu melden.
Kellner: Ich werde es ausrichten.
M.: Können wir uns jetzt aus das Wesentliche konzentrieren? Griechenland?
S.: Na soll doch der da mal was sagen. Mit griechisch kennt er sich ja schließlich aus.
W. (springt auf): Ich schlag dich tot, du bayrischer Fleischkäse!
(Kampfgeräusche, plötzlich endend und leises Stöhnen)
M.: Danke Yannis.
Kellner: Tipote, Frau M.
M.: Die Sache ist die, wie sie genau wissen: Wenn Griechenland bankrott ist, kann das den Euro mitreißen und dann fallen alle Euroländer um wie Dominosteine. Die Investmentbanken wetten bereits auf einen Verfall des Euros und schielen auf Portugal, Spanien und Italien. S&P haben griechische Papiere zu Ramsch erklärt, was bedeutet, dass Griechenland nicht einmal seine Schulden durch noch mehr Schulden decken kann. Es sei denn, wir anderen Europäer stützen Griechenland. Was vor allem heißt: wir bürgen für deren Schulden. Was im Klartext bedeutet: Wir zahlen. Ca. 22 – 25 Milliarden Euro, wie man mir sagte.
(Schweigen, dann hustende Geräusche)
M.: Herr S.? Geht es Ihnen gut?
S.: Argh .. (Husten) ..yros .. (Röcheln) .. alsch .. ls .. (Keuchen)
W.: Trinken Sie von dieser Plörre, dann geht es besser. Frau M. Als ihr Koalitionspartner kann ich dem unmöglich zustimmen. Wenn wir diese Summe in Griechenland versenken, können wir die dringend benötigten Steuererleichterungen für die Leistungsträger … äh, vergessen. Und (Rascheln) sehen Sie hier im Ko …
S.: Sie haben den Vertrag hier? Im Restaurant?
W. (indigniert): Ich schlafe auf dem Vertrag, Herr S.
M.: Ich habe die Zahlung bereits angewiesen.
S. und W.: Was??
M.: Ich weiß, die Wahlen in NRW etc. pp. Aber wenn der Euro kippt, kippt alles andere auch. Und mein politischer Ziehvater würde mich persönlich dafür verantwortlich machen.
W.: A-aber. Die Steuern! Der Bundesrat! Mein schönes, schönes Amt. Meine Reisen. Der Glamour. Mein Freund würde mich verlassen!
S.: Aber b’stimmt zahlt er die Scheidung aus eigener Tasche, was?
M.: Wir müssen jetzt erst mal politisch denken und nicht opportunistisch und …
(ein markerschütternder Schrei ist zu hören)
W.: Was war das?
M.: Ah, ich glaube Herr Rüttgers ist informiert worden.
S.: Ist der nicht in Düsseldorf?
M.: Doch, ja. Hm, diese Dorade ist köstlich. Wollen Sie auch Herr S.?
S.: Ne Dora hatt‘ I auch mal. Wenn’s mir was abgeben, Frau M….
W. (wimmert): 25 Milliarden! Meine Steuerreform. Mein Freund. Meine Partei. Der Rösler wird Vorsitzender! Jürgen, Jürgen, gib mir meine Prozente!
M.: Wir müssen entscheiden, was wir tun, um den Schaden für die Koalition möglichst gering zu halten.
(stampfende Schritte nähern sich) Frau M. Das war absolut unterste Schublade, diese Anspielung auf Washington. Und wenn ich überlege, dass wir mal per „Du“ waren. Unsere Unterstützung für Ihr Hilfspaket können Sie vergessen. Basta! (Schritte entfernen sich)
S.: Herr W.? Essen ’s die Calamari noch? Wir könnten’s der Vorgängerregierung in die Schuhe schiebn. Des die des unseriöse Treiben der Griechen nicht bla bla bla…
M.: Herr S., WIR waren die Vorgängerregierung.
S.: Ah. Mei.
W.: Wir könnten die USA um Hilfe bitten. So, im Zuge der Globalisierung im Namen der freien Marktwirtschaft. Ich könnte nach Amerika reisen und die marktliberalen Kräfte dazu bewegen, in Griechenland zu investieren, wegen der Chancen für die Märkte. Und Zeug. Reisen wäre jedenfalls gut. Präsenz zeigen. Außenminister sein.
M.: Herr W., die Märkte fressen die Griechen und den Euro gerade auf.
W.: Ich war aber so lange nicht mehr in den Staaten.
S.: Schaut’s, da kommt der Schäuble. Bloß net hinguck’n sonst … Mist, z’spät.
M.: Schäuble? Der kann wieder sitzen?
W.: Frau Kanzlerin! Da haben wir’s! Schneiden wir uns eine Scheibe von ihrem großen Ziehvater ab! So überstehen wir jede Krise und kommen noch in die Geschichtsbücher als Retter der Republik …
S.: … und des Bimbes …
M.: … und regieren ewiglich!
S. + M. + W.: Aussitzen!

FDP-Kurzwahlprogramm, übersetzt


tl;dr: Der gleiche Scheiß, den wir seit Jahrzehnten predigen. Wähl dich reich!

Freie Deutsche Partei (FDP) Deutschlandprogramm, Kurzwahlprogramm:

1. Mehr Netto vom Brutto
Die marktwirtschaftliche Erneuerung bietet viele neue Zukunftschancen.
Dafür brauchen wir eine echte Steuerstrukturreform. Unser Ziel sind einfache, niedrige und gerechte Steuern: für mehr Netto vom Brutto.
Unser Stufentarif mit niedrigen Steuersätzen (10%,25%, 35%) entlastet die Bürger. Dann können Sie sich mehr leisten und Unternehmen mehr investieren. Entlastung ist die Voraussetzung für Wachstum und Arbeitsplätze – und nicht nur die Folge davon.
Übersetzt: Die niedrigen Einkommen entlasten wir um 4%, die hohen um mehr als 12%. Das Problem der „kalten Progression“ fassen wir gar nicht erst an. Und die zig Miliarden Steuerausfälle, die der Staat durch die Entlastung gerade der hohen Steuerklassen, die einen höheren Anteil an den Steuereinnahmen des Bundes haben als die kleineren interessieren uns auch nicht. Wir (und unsere Wähler) haben es ja.

2. Gute Wirtschaftspolitik ist die beste Sozialpolitik
Der Staat soll sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren. Wir werden die Fehler der Unternehmensteuerreform beseitigen. Die deutschen Unternehmen brauchen weniger Bürokratie für mehr unternehmerische Handlungsfreiheit. Wir wollen die Verschwendung von Steuergeldern
beenden und Subventionen abbauen.
Übersetzt: Lasst die Unternehmen machen, was sie wollen. Am Ende wird schon irgend etwas Gutes dabei rum kommen. Geld brauchen wir auch nicht, denn der Staat muss ja nichts mehr machen als Außenpolitik (können wir die nicht auch privatisieren?) und, eh, Hungeraufstände niederschlagen. Soziale Netze sind ja so 20. Jahrhundert.

3. Neues Vertrauen in das Finanzsystem
Bürger und Unternehmer müssen Vertrauen in das Finanzsystem haben können. Dieses Vertrauen ist erschüttert. Wir wollen es wiederherstellen. Dies gelingt uns nicht durch mehr, sondern durch bessere und wirksamere Regeln für den Finanzmarkt. Die Bankenaufsicht auf nationaler und internationaler Ebene muss effektiver und professioneller werden.
Übersetzt: Das war jetzt irgendwie Scheiße mit der Bankenkrise und alles. Liebe Banker, dafür geht ihr heute Abend ohne Hupferl ins Bett. Und morgen denken wir zusammen darüber nach, wie so was nicht nochmal vorkommt. Wenn ihr Lust habt.

4. Energie- und Umweltpolitik für mehr Lebensqualität
Die FDP steht für eine Umwelt- und Energiepolitik mit Verstand. Der Wettbewerb der Ideen führt zu neuen Lösungen, um unsere Zukunft zu meistern. Technischer Fortschritt sorgt dafür, dass Umweltschutz, Mobilität und Energie kein Luxus sind.
Übersetzt: Bloß keine Verpflichtungen für die Industrie! Außerdem hat Guido Westerwelles Friseur gesagt, dass der Klimawandel eh mit Erdstrahlen zu tun hat. Mit uns an der Regierung muss sich niemand vor den Folgen seiner Verschwendungssucht fürchten. Und Eisbären sind doch am schönsten im Zoo, oder?