Gelesen > Sexualität und Christentum (soweit ich es ertragen habe)


Vor vielen Jahren, es waren die lahmen 80er, fiel mir in der Stadtbücherei ein dickes Buch in die Hände, das verkündete, das Wissen und die Macht eines geheimen Ordens zu kennen. Der Orden: die Tempelritter (natürlich!). Der Gral war das Geheimnis, Jesus Christus sei als Pater Familiaris in einem Ashram in Indien im hohen Alter gestorben. Im Kreise seiner Kinder und seiner Frau Magda.

Ehrlich gesagt, die Pointe des Buches war ein ziemlicher Antiklimax. Ich hatte irgend etwas im Stile der Illuminaten erwartet. Jesus interessierte mich nicht so. Und ob er nun am Kreuz gestorben ist oder – leicht übergewichtig, das schüttere Haar immer noch lang, ab und zu kichernd im Neuen Testament blätternd – auf Goa, war mir egal. Immerhin war das Buch recht spannend geschrieben. Eine Ritterpistole, die auf echten Mythen beruht, die lose auf historischen Fakten basieren. Viel „man könnte sagen“ und “wenn man davon ausgeht, dass ..“ und natürlich auch „Aber was war auf dem Heuwagen? Forscher sagen heute ….“ Man kennt das aus „Galileo“.

Als ich die ersten ca. 20 Seiten von Dan Browns „Da Vinci Code“ gelesen hatte, wusste ich, worauf es hinaus läuft. Das Buch war trotzdem in der ersten Hälfte kurzweilig, dann übertrieb er es einfach mit immer neuen Wendungen, die nicht wirklich überraschend waren. Ein Trivialroman, der auf einem vergessenen populär“wissenschaftlichen“ Buch beruhte. Das einzige, das mich ärgerte, was der Erfolg Browns, bzw. dass er diesen mit so einem mittelmäßigen Roman erzielte. Aber die meisten erfolgreichen Dinge sind ja im besten Fall Mittelmaß.

Jetzt habe ich so viel zu anderen Büchern geschrieben und erwähne hier zum ersten Mal „Sexualität und Christentum“. Genau darum:

Dan Brown erregte […] gewaltiges Aufsehen. Er vertritt [in „Sakrileg“], Jesus sei verheiratet gewesen und habe Kinder gehabt. Dieses Buch ist […] als Roman klassifiziert, aber die Ausgangsposition dieser phantasievollen Erzählung ist […] plausibel.“ (19)

Dann ergeht sich der „Professor für Pastoraltheologie“ Raymond J. Lawrence Jr. Darin, dass die „Mutmaßung“ Browns hinsichtlich des Familienstandes JC’s „vermutlich“ „am ehesten“ zutreffe. In der Bible finden sich zwar keine Belege, aber „außerkanonische Texte“ (er nennt das Philippusevangelium) erwähnten eine „besondere Beziehung“ zu Maria Magdalena. Man könne das nicht so einfach als unhistorisch abtun.

Doch kann man. Genauso wie den Rest zumindest der ersten beiden Kapitel, die zu lesen ich ertragen habe. Es gibt keine Quellenarbeit oder zumindest Bibelexegese nach der historisch-kritischen Methode. Es gibt viele Vermutungen, Auslegungen und vor allem absolut unwissenschaftlichen Induktionen. Lawrence hat eine Agenda: die christliche Sexualmoral sei „falsch“ und beruhe auf willkürlich missverstandenen Lehren, bzw. kulturellen Traditionen, die nichts mit Jesus zu tun hätten. Diese Agenda bestimmt seine Argumentationslinie und, Mann, ist das eine miese Argumentation. Seine Quellen würden in eine Proseminarsarbeit passen, aber nicht zu einem ernst gemeinten Beitrag zur Religionsgeschichte. Seine Bibelzitate zum Beispiel stammen aus einer Übersetzung. Natürlich ist ein amerikanischer „Professor“ ein etwas besserer Lehrer, aber ich musste für meinen Magister in Religionsgeschichte mein Latinum (nach)machen und jeder Theologe muss

die „drei Sprachen der Kreuzesinschrift“ (Latein, Altgriechisch, Hebräisch) kennen. Jeder Historiker, Religions- und andere, ist vor allem von Quellen abhängig. Wenn man nicht eng an den Quellen arbeitet, kommt so etwas wie „Sexualität und Christentum“ heraus: ein spekulatives, von persönlichen Interessen geprägtes Schein-Sachbuch.

Wie gesagt: es ist mir persönlich egal, ob Jesus nun Single, Familienvater oder schwul war. Mich interessiert das Thema als Religionswissenschaftler, der plötzlich feststellen musste, dass er mehr über den Buddhismus als über das Christentum weiß und diesen Makel beheben will. Aber ich kann es auf den Tod nicht ausstehen, verarscht zu werden. Und nach der Lektüre der Einleitung, der ersten beiden Kapitel und dem Schluss des Machwerkes komme ich mir unglaublich verarscht vor.

Und ich habe den Vorteil, mich auszukennen. Die Fehlleistung „Professor“ Lawrences wäre mir zumindest nicht so krass ins Auge gefallen, wenn ich nicht parallel Diarmaid McCullochs „Christianity: The First Three Thousand Years“ lesen würde. Kein unumstrittenes Buch, aber etwa 10.000 mal besser recherchiert als „Sexualität und Christentum“ mit einem Apparat den man auch benutzen kann.

Was mich besonders wütend macht, ist dass Laien meistens nicht zwischen den gut recherchierten, wissenschaftlichen Büchern und dem Schrott unterscheiden können. Meine Mutter wollte sich über den Islam informieren und fragte mich, ob „dieses Buch“ gut sei. Ich schlug die erste Seite auf, las der ersten Absatz, in dem der einzig „erfolgreiche“ Kreuzzug (der erste) als Misserfolg abgetan wurde und konnte sofort sagen: „Nein“. Manchmal frage ich mich, ob die Sachbuchverlage mittlerweile die Position von Lektoren an Gymnasiasten vergeben.

McCulloch hat übrigens auch etwas zu Dan Brown gesagt:

Some overexcited modern commentators and mediocre novelists have even elevated her [Maria Magdalena] (on no good ancient evidence) to the status of Jesus’s wife“. (116)

Glaubensarbeit


Die Weihnachtsgeschichte von Montag habe ich nicht nur erzählt, um euch mit einem Schwank aus meiner Jugend zu unterhalten. Meine damalige Naivität ist aus heutiger Sicht vielleicht komisch, aber letztendlich demonstriert sie, wie Glauben funktioniert. Glauben ist Arbeit.
Die landläufige Meinung der aufgeklärten Bevölkerung geht dahin, dass Menschen, die einer religiösen Weltanschauung anhängen als ein bisschen rückständig oder naiv angesehen werden. Sie machten sich nicht die Mühe, Fakten zu erforschen, sondern würden einfach das akzeptieren, was man ihnen in ihren Tempeln vorsetzt. Das ist vor allen Dingen amüsant, weil diese Urteile häufig von Menschen kommen, die naiv akzeptieren , was ihnen ihre Schulweisheit so beigebracht hat, ohne dass sie selber die geringste Ahnung von den „Fakten“ haben. Oder dass sie damit selber einen Glauben ausdrücken. Den Glauben an eine geordnete Welt, die von der menschlichen Vernunft (irgendwann einmal) genau erfasst und durchschaut werden kann.
Tatsache ist, dass Glauben, auch religiöser Glaube, erarbeitet werden muss. Eine der bahnbrechendsten, und heute eigentlich selbstverständlichen, Erkenntnisse des in diesen Tagen verstorbenen Ethnologen Claude Lévi-Strauss war, dass es eine universelle Rationalität gibt. Gesunde Menschen denken rational, d.h. Zweck orientiert, zielgerichtet und vernünftig. Auch, und das war die Sensation, sog. Primitive.
Unsere Vernunft ist ein Mittel zum Überleben. Rationalität ist geboren aus dem Gedanken: „Was muss ich tun, damit ich mein Ziel erreiche?“ Welche Kenntnisse helfen mir dabei? Ich muss mich mit der Welt auseinandersetzen, um ihr das zu entreißen, was ich brauche. Um bei unserem Thema zu bleiben: Welcher (religiöse) Glaube nützt mir mehr?
Religionwissenschaftler haben sich gewundert, warum die monotheistischen Religionen solch einen Siegeszug angetreten haben. Die Antwort ist aber relativ banal: weil es vernünftiger war, an einen Gott zu glauben.
Der Glaube an den einen Gott einigte die Stämme Israels und hielt sie auch in den schwierigen Zeiten der Vertreibung und der Gefangenschaft zusammen. Hätten sie an verschiedene höhere Wesen geglaubt, wäre der Zusammenhalt bei weitem nicht so stark gewesen und sie wären irgendwann in den anderen Ethnien des Nahen Osten aufgegangen.
Die Christen waren einig in ihrem Glauben, als Rom auseinander fiel. Kaiser Konstantin machte das Christentum zur Staatsreligion, um sein zerbröckelndes Reich zu retten.
Im frühen Arabien gab es einen regelrechten Marktplatz der Götter. Sein Zentrum war die Stadt Mekka. Die Kaufleute Mekkas verdienten gutes Geld mit den Gläubigen, die von überall her strömten, um an der Ka’aba zu beten. Da trat Mohammed mit der Botschaft auf, dass es nur einen Gott gäbe. Das verdarb das Geschäft und sie vertrieben den lästigen Propheten samt seiner Anhänger. Yathrib (Medina) war der größte Konkurrent Mekkas und nahm Mohammed mit offenen Armen auf. Was wie eine feindliche Übernahme begann,, wurde zur Weltreligion.
Das Problem bei der Rationalität ist, dass etwas, was für die eine Gruppe vernünftig oder rational ist noch lange nicht für alle gelten muss. Meine Aufzählung oben spricht die Rationalität der aufgeklärten Europäer an, aber streng gläubige Juden, Christen oder Moslems würden Anstoß daran nehmen, weil ich die Tatsächlichkeit der religiösen Erfahrung, unter anderem, weg gelassen habe.
Und hier kommen wir wieder zum kleinen Skeltem. Ich haben versucht, aus dem Wenigen, das ich „wusste“ (es gibt das Christkind, er ist ein Säugling, er bringt Geschenke) eine rationale Kette aufzubauen. Wenn meine Eltern und Großeltern religiöser gewesen wären, wäre meine Idee von den Ereignissen vielleicht stringenter und vernünftiger (in unserem erwachsenen Sinne von Vernunft) gewesen. Aber mir, dem 4-5jährigen, reichte meine Erklärung. Sie war für mich vernünftig und ging in den Vorrat kindlicher Tatsachen ein.
Auch wenn es nur der Glaube an das Christkind war, so war es Glaubensarbeit. Die Arbeit bestand darin, nicht nur die verschiedenen bekannten „Tatsachen“ zu glauben, sondern die Lücken zu schließen, die zwischen den Tatsachen klafften. Wie kann ein Säugling Geschenke tragen? So verschwurbelt das Endergebnis war, es war eine rationale Erklärung.
Heute denke ich, dass ich mich nicht so sehr für Religion interessieren würde, wenn ich damals ein komplettes Bild von den Ereignissen hätte vorgesetzt bekommen. Die Arbeit, aus dem Unmöglichen eine unwahrscheinliche Kette zu basteln hat mich vielleicht auf den Geschmack gebracht.
Religiöse Menschen, das wird unsere Atheisten vielleicht wundern, leben nicht in irgend einer Phantasiewelt, sondern in der Wirklichkeit, die wir alle teilen. Ihren Glauben müssen sie ständig an den Tatsachen messen und anpassen. Sie beurteilen, was sie erfahren und ziehen vor dem Hintergrund ihres Glaubens eigene rationale Schlüsse. Genauso wie es Menschen gibt, deren Erkenntnisinteresse nicht von den Offenbarungen der Götter oder vor dem Hintergrund der beseelten Natur befriedigt wird. Diese versuchen durch Beobachtung und Experimente eine Welterklärung zu finden.
Die meisten Menschen allerdings scheuen die Glaubens- und Erkenntnisarbeit. Sie sind zufrieden einfach alles auf der Basis „es steht geschrieben“ oder „der gesunde Menschenverstand sagt mir“ zu akzeptieren. Diese können an Gott glauben oder an [Land/Ideologie eurer Wahl] oder daran, dass die menschliche Vernunft alles erklären kann. Diese Trägheit ist keiner Weltanschauung verbunden, sondern ein fester Bestandteil der Conditio Humana. Wer keine Zweifel hat, ist glücklicher.

Baby Jesus und der dicke Sack – ein Prolog


Als ich Kind war habe ich an das Christkind geglaubt. Das war harte Arbeit.

Vielleicht erinnert die Vor-Coca-Cola-Santa-Claus-Generation sich noch an das Christkind? Das war das Blag, dessen Geburtstag man eigentlich Weihnachten feiert. Baby Jesus sozusagen. Ich kannte das Christkind von der Krippe, die jedes Jahr im Advent im Wohnzimmer meiner Großeltern stand. Es war blond, hatte dicke rote Wangen, eine saubere Windel an und war ca. 10 Monate alt. Ein Wunder!

Meine Eltern waren orthodoxe Atheisten, die „das Ganze nur [Skeltem] zuliebe mitmachten“. Kirchlich geheiratet haben sie meinen Großeltern zuliebe. Meine Taufe war sicher auch jemandem zuliebe geschehen. Jedenfalls hatte Religion in meiner Kindheit viel mit Liebe zu tun.

Weihnachten war jedenfalls mein Fest. Es lief bei uns immer so ab: Den ganzen 24. Dezember hatte ich vor Aufregung Hummeln in diversen Körperteilen. Wir waren immer bei meinen Großeltern, weil meine Eltern a) mit Weihnachten nichts am Hut hatten wegen des ganzen orthoxen Atheisierens und b) wir in einem Loch wohnten, in dem ein Christbaum höchstens die Decke gestützt hätte. Außerdem war kein Platz für die Familie und Weihnachten ist ja bekanntlich das Fest der Liebe und der ausgedehnten Familienzwiste. Meine Tante und meine Mutter halfen meiner Oma bei der Zubereitung des Festmenüs, das sehr viel mit der Liebe zu toten Tieren zu tun hatte. Und weil es die 70er Jahre waren und sie emanzipiert taten sie es nicht gern. Schon gar nicht, weil der männliche Teil der Familie sich von jeder Form der Hausarbeit emanzipiert hatte. Allerdings schon vor den 70er Jahren.

Ich beschäftigte mich meistens mit meiner Cousine, bis unsere Eltern uns trennten und sie heulend und mich schmollend (es war nur eine
stumpfe
Waffe, oder?) vor „Wir warten aufs Christkind“ setzten. Die Sendung ist älter als jede andere Sendung im Deutschen Fernsehen und ist wahrscheinlich schon vor Hitlers „Ansprache zum endgültigen Ende des Endsiegs“ oder so einem Mist gelaufen.

Irgendwann wurden meine Cousine und ich dann aus dem Wohnzimmer verbannt und geheimnisvolle Dinge ereigneten sich. Es rumpelte und polterte im Haus. Erwachsene liefen in verschiedenen Stadien der Aufregung umher. Meine Cousine und ich waren so hypnotisert, dass wir sogar vergaßen, uns zu zanken. Am Ende erklang aus dem Wohnzimmer ein Glöckchen (ziemlich rachitisch), die Tür öffnete sich und wie durch ein Wunder lagen plötzlich Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Halleluja!

Ich weiß nicht wie andere Eltern ihren Kindern erklären, dass plötzlich das Indianerkostüm, das sie sich sich sehnlich gewünscht haben plötzlich unter dem Baum liegt. Bei uns hieß es jedenfalls: „Das Christkind war da“. Das musste reichen. Wie schon geschildert, war ich theologisch von meinem Elternhaus gefordert. Für mich war es erst mal ein Fakt, dass das Christkind da gewesen ist. Das Christkind, das hatte ich in der Krippe gesehen, ist ein Säugling. Ergo war ein Säugling in Omas Wohnzimmer gewesen und hatte mein Indianerkostüm unter den Tannenbaum gelegt.

Das fand ich ziemlich komisch. Wo soll es denn das Kostüm gehabt haben? Unter seiner Windel? Ugh! Nein, das Christkind hatte bestimmt einen Sack dabei wie der Nikolaus. Aber der Sack musste ziemlich groß sein. S‘. Puppe passte auch noch rein und was die Erwachsenen sich so schenkten. Hm. Brachte das Christkind auch Geschenke für Erwachsene? Die konnten sich das ja auch kaufen. Außerdem sparte das dem Säugling eine Menge Arbeit.

In meinem Kinderglauben vermischte sich das Christkind mit den Putten, die ich schon mal gesehen hatte. Ich glaubte, es flitzte am Heiligen Abend, mit seinen Stummelflügelchen schlagend durch das Wohnzimmerfenster herein, grüßte kurz meine Eltern und Großeltern, lud die Geschenke ab, die es in einem großen Sack mit sich führte und flog davon, um seine Runde fertig zu bekommen und dann in der Krippe Feierabend zu machen. Ich glaubte, dass wenn ich durch das Schlüsselloch lugen könnte, ich einen männlichen Säugling mit Windeln und einen großen Jutesack sehen würde.

Später erfuhr ich dann die Wahrheit.

Das Christkind beschäftigt Subunternehmer.

… des Todes


Fortsetzung von: „Der Tempel…“

Aber der Tempel ist nicht allein ein bindendes, sondern auch ein ordnendes Instrument. Als Moses die zehn Gebote empfing, wurden die israelitischen Stämme allein von Stammesrecht bzw. gar keinem regiert. Sie waren ja Flüchtlinge. Genauso die Araber vor Mohammed. Der Prophet machte mit Blutrache und Infantizid Schluss. Er gab den Frauen tatsächlich einige Rechte, wo sie vorher reiner Besitz ihrer Männer oder männlichen Verwandten waren.
In der Tat kann man den Siegeszug der großen Religionsgemeinschaften auch damit erklären, dass sie ein funktionierendes Gemeinwesen aufbauten, das sich einer gemeinsamen Idee verbunden fühlte und so für viele Menschen zum ersten Mal so etwas wie Sicherheit brachte. Es ist den Tempeln zu verdanken, dass sie den Glauben der Menschen in Bahnen lenkten, die irgendwann als „zivilisiert“ bezeichnet wurden. Bleibt die Frage bestehen, warum wir dem Tempel nicht danken für alles und „Gute gemacht“ sagen und ihm eine gute Reise wo auch immer hin wünschen. Geh mit Gott, aber geh!
Die Frage ist sehr westlich. Sie geht davon aus, dass man den Tempel, also ‚Religion‘, einfach aus dem Leben einer Gesellschaft herausschneiden kann. Das liegt vor allem daran, dass sich viele Menschen der Aufklärung nicht so ganz klar sind, was denn nun genau ihre Religion ist. Sie denken an die verschiedenen Kirchen. Dabei hat das neue Oberhaupt der katholischen Kirche eigentlich jedem deutlich sichtbar zu erkennen geben, dass der ‚Gott‘ der Aufklärung die menschliche Vernunft ist. Der Tempel der Vernunft ist die Akademie. Die meisten so genannten Atheisten deifizieren (vergöttlichen) ihre eigene Schlauheit. Mit religiösem Eifer auch noch.
Moment! Wenn die Vernunft religiös sein soll, dann ist doch alles religiös, oder nicht? Ist dann nicht das ganze Argument für den Popo? Wenn alles Religion ist, dann ist gar nichts Religion. Es gibt durchaus Unterschiede. Und die „Vernunft“ die der Prophet Immanuel Kant in seiner heiligen Schrift „Die Kritik der reinen Vernunft“ so empor gehoben hat, ist eine machtvolle Idee. Eine bindende, befreiende Idee. Kant hat sie natürlich nicht „erfunden“. Er hat jedoch eine Reihe von Gedanken, die in Europa seit Jahrhunderten umher waberten eine Form gegeben. Die Aufklärer begründeten ein Symbolsystem, das die profane Wirklichkeit wunderbar machte. Was einfach als gegeben akzeptiert werden musste wurde zum Gegenstand von Untersuchungen und nichts schien dem forschenden Geist mehr lange verborgen bleiben zu können. Die Aufklärung gab uns die Idee, dass wir, wenn wir nur lange genug und mit den richtigen Methoden hinsehen würden, alles würden wissen können.
Wissenschaftler sind die Priester der Aufklärung. Schulen lehren ihre Prinzipien, die Akademien verbreiten die Lehre und forschen immer weiter auf das große Ziel hin: Alles zu wissen. Totale Kontrolle.
Die endgültige (zumindest hier) Antwort auf die Frage, warum es immer noch Tempel gibt muss also lauten: man wird die Scheißdinger einfach nicht los. Was vor allem daran liegt, dass Menschen keine Inseln sind. Sie leben in Gruppen und Gesellschaften und die müssen irgendwie miteinander klar kommen. Und wenn jeder glauben würde, was er will, wo käme man da hin? Horden, also erweiterte Familien in meist nomadischen Gesellschaften, kommen wahrscheinlich ohne Tempel aus. Die Gruppen sind einfach zu klein dafür und neben dem Kampf ums Überleben haben religiöse Spitzfindigkeiten keinen Platz. Aber selbst Horden besitzen Vorstellungen von Ahnen und Geistern, die innerhalb der Familie weitergegeben werden.
Das heißt nicht, dass die Tempel grundsätzlich eine gute Sache sind. Im Gegenteil. In der katholischen Kirche missbrauchten Priester hunderte von Kindern und Jugendlichen. Die Kirche deckte sie auch noch. Evangelikale Christen propagieren Hass gegen Homosexuelle, Abtreibungsärzte und Andersgläubige auf und schrecken auch vor Gewalt nicht zurück. Muslimische Organisationen fordern zum Terror auf oder bringen tatsächlich Tausende um. Radikale jüdische Siedler töten Palästinenser. Radikal-islamische Palästinenser töten Juden. Hindu-Nationalisten töten Moslems. Moslems töten Inder. Buddhisten töten Hindus. Wissenschaftler entwickeln immer perfektere Möglichkeiten, Menschen möglichst effektiv umzubringen Die Liste ließe sich fortsetzen. Man kann sie jeden Tag aus den Nachrichten aktualisieren.
Die Gräuel, die von Tempeln angerichtet werden haben viele Menschen, vor allem der Aufklärung, dazu gebracht, zu glauben, dass wenn man die Tempel abschaffe, man auch die Gräuel abschaffe. Das ist natürlich naiv. Erstens kann man die Tempel nur abschaffen, wenn man die Menschheit ausrotten würde und zweitens töten nicht Tempel Menschen sondern Menschen töten Menschen. Oft.
Die Sache ist doch die: gebt Menschen Macht und sie missbrauchen sie. Niemand ist davor gefeit. Wer jetzt sagt, dass Religionen eher dazu führen, dass Macht mörderisch missbraucht wird, dem sage ich: stimmt. Das liegt in der Natur der Sache. ‚Religion‘ („Ein Symbolsystem, dass …“) erzeugt eine Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist absolut, sonst wäre sie es nicht. Religiöse Wirklichkeit lässt keine halben Sachen zu. Es gibt einen Gott oder nicht. Deswegen sind religiöse Auseinandersetzungen immer so, dass sie ums Ganze gehen. Wir in Europa haben das auf die harte Tour gelernt. Im Westfälischen Frieden wurde festgelegt, dass Kriege nie mehr wegen Religion geführt werden sollten. Aber der Krieger der Aufklärung, Napoleon Bonaparte, führte wieder einen „totalen Krieg“. Dann wurden Kriege für die „Nation“ geführt. Die zwei größten Mörder des letzten Jahrhunderts waren keine ‚religiösen‘ Männer (obwohl Hitler von sich selbst wohl als eine Art „Deutscher Messias“ dachte) bzw. sogar aggressiv antiklerikal. Heißt das, dass wir uns damit abfinden müssen, dass Tempel des Todes ein Teil unserer Wirklichkeit sind?
Nein, heißt es nicht. Und damit verlasse ich meine, sowieso nur mythologische, wissenschaftliche Objektivität. Wir müssen mit den Tempeln leben, denn sie sind ein Teil unseres Lebens. Die Tempel formen unser Denken. Sie zeigen uns, wie wir unsere Welt ordnen könne, was wir mit unseren Ideen anstellen können. Sie machen aus Glauben Sinn. Aber genauso werden die Tempel von den Gläubigen geformt. Eine der größten Erkenntnisse der Aufklärung war, dass wir frei sind, zu denken. Wenn wir es wagen. Im Zuge dieser Erkenntnis verloren die Tempel im Bereich der Aufklärung viel von ihrer Macht. Und damit auch die Priester. Und Priester ohne Macht können niemandem befehlen, die Ungläubigen zu töten, wo ihr sie trefft.
Das heißt nicht, dass die Aufklärung perfekt und ohne Fehl sei. Aber die Entmachtung der eigenen Tempel war ein großer Schritt nach vorne. Ich wünschte, dass andere Menschen sehen, was Europäer so blutig erkämpft haben und für ihre eigenen Gesellschaften anpassen. Aber durch unsere Geschichte von Intoleranz und Unterdrückung und der Verbreitung unserer Ideen durch das Schwert haben wir uns eigentlich jeden Anspruch auf Glaubwürdigkeit wieder verspielt.
Letztendlich sind die Tempel nur ein Teil unserer Wirklichkeit. Und wenn die anderen Teile statt Freiheit Tod bringen, was nützt die ganze Aufklärerei?

Glaubensfrage – ein Prolog


Manchmal spricht die Welt zu mir.
Sie tut das nicht mit Donnerstimme oder brennender Vegetation. Engel sind mir auch noch nie erschienen. Zumindest haben sie sich nie vorgestellt. Auch hat mir Jesus nie befohlen, irgend jemand in Stücke zu hacken und zu verspeisen. Nein, die Welt spricht eigentlich auch nicht wirklich. Was gut ist, weil ich sie ja eh nicht hören kann.
Aber zum Beispiel: Letztens war ich wieder mal ziemlich in Gedanken über dieses Religions-Ding. Ich war eigentlich schon vor Monaten oder Jahren zu dem Schluss gekommen, dass es einen gravierenden Unterschied gibt zwischen erlebtem und institutionalisiertem Glauben gibt. Also Glaube vs. Kirche. Mir fehlte nur noch ein fetziger Aufhänger.
Da trug es sich zu, dass ich in der Landesbibliothek Coburg ein paar Bücher abgeben musste. Ich schlenderte wie üblich zu den Neuerscheinungen in „Theologie/Religion, Geisteswissenschaften und Zeug“. Da fiel mein Blick fast automatisch auf „Die Vermessung des Glaubens“ von ZEIT Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel. Ich nahm das Buch mit, las es und, zack, da war es. Nicht nur werden viele meiner Gedanken zum Thema Glauben angesprochen. Schnabel bringt auch eine Systematik hinein, die mir bislang gefehlt hatte. Und, am allerwichtigsten, er erwähnt William James. Einen Religionspsychologen, der von 1847 bis 1910 gelebt hat und Dinge sagte, die ich stellenweise exakt so sagen würde. Ich hatte eine Trittmöglichkeit, von der aus ich meine eigenen Nachforschungen vorantreiben kann. So spricht die Welt zu mir. Sie zeigt mir manchmal genau das, was ich brauche.
Ok, bevor es jetzt unangenehm für uns alle wird eine kleine Erklärung für vernünftige Menschen. Ich beschäftige mich wie ihr wisst ja schon eine ganze Zeit mit dem Thema. Und jedes Mal, wenn ich in die LBC gehe, gucke ich, was es so Neues gibt. Dass ich an diesem Tag vor drei Wochen genau das Buch sehe, was ich brauche ist zwar ein Zufall, aber kein wirklich großer. Ob das Buch nun da gestanden hätte, wenn ich nicht in den Lesesaal gekommen wäre ist natürlich ein schöner Koan. Aber ich kann zumindest genau sagen, welches Geräusch der Baum macht, wenn er im Wald umfällt und nur ich bin da: gar keins. Die Welt besteht aus Milliarden und Abermilliarden Sinneseindrücken, aus denen wir das heraus filtern, was wir brauchen. Der Rest ist ein weißes Rauschen. Wenn wir uns mit bestimmten Dingen beschäftigen, tritt einfach alles, was damit zu tun hat in den Vordergrund. Als ich vor Jahren mit meiner Freundin Jasmin am Rhein saß und Kaffee trank, fuhr plötzlich das Schiff „Jasmin“ vorbei. Keine Zauberei, einfach nur ein Ereignis, das mit der aktuellen Situation zu tun hat.
Es kann auch sein, dass ich an gar nichts besonderes dachte, als ich zu dem Regal schlenderte. Das Buch löste dann eine bestimmte Reaktion in mir aus und ich war mir sicher, genau das gesucht zu haben. Nur wusste ich 2 Sekunden vorher gar nicht, dass ich etwas Bestimmtes suche. Sprich, erst der Fund brachte mich darauf, dass ich etwas suche.
Wenn ich mich konzentriere, kann ich „die Welt“ besser „hören“. Ich bin einfach aufmerksamer für das, was um mich passiert. Das ist keine neue und tolle Erkenntnis und auch kein Geheimnis, für das ich jetzt auf dem Esoterik-Markt hunderte von Euro verlangen könnte. In der Tat machen Menschen das seit Jahrzehntausenden. Sie werfen Knochen, lesen in Gedärmen oder schlagen willkürlich heilige Texte auf. Wer oder was immer da zu ihnen spricht: verstehen und interpretieren müssen sie es selbst.
Wer aber sagt mir, wie ich die Dinge „richtig“ sehe?
Und glaube ich ihnen?
Ich frage mal die Welt.

Sex, Gewalt, Religion und lauter fetzige Sachen


Am Anfang war die Grundschule. Und der katholische Geist schwebte über den Kindern und zwang sie, Gott zu loben und zu preisen. Und der Sinn der Worte, die sie zu singen hatten war wüst und leer. Aber Gott, durch seinen stellvertretenden Priester war unerbittlich. Da stand ein Knabe auf und fragte, was Menschen immer gefragt haben: „Warum?“ Doch Gott gab keine Antwort. (Der Priester sagte: „Darum!“) Und das Kind sah, dass Reli schlecht war.
Oder so ähnlich. Mein Gott, das ist jetzt 32 Jahre her. Jedenfalls war das mein religiöses Erwachen, wie auch in dieser Miszelle beschrieben. Andere Menschen finden Gott, Allah, Buddha oder wen-auch-immer. Ich fand Fragen. Diese Fragen haben mich seitdem nie mehr los gelassen. Ich bin geradezu süchtig danach. Warum? Warum das Alles? Und kommt mir nicht mit „42“!
Fast forward ein kurzes christliches Erwachen, jede Menge obskure und unappetitliche religiöse Erfahrungen, einige genuin spirituelle Erkenntnisse und ein Hochschulstudium später sitze ich heute hier und die Fragen sind nie weniger geworden. Eher im Gegenteil. Zumindest bin ich heute in der Lage, meine Frage in ein System zu bringen und ein paar gebildete Vermutungen anzustellen. Und weil ich so gerne teile, teile ich sie euch gerne mit.
Die Reise, auf die ich euch mitnehmen will begann hier. Was ich über den Glauben und das Wissen schrieb ist eine sehr subjektiv geprägte Position der Erkenntnistheorie: wir können nie mit Gewissheit etwas wissen. Ergo ist unser Wissen über die Welt Glaube.
Danach versuchte ich, den Religionsbegriff zu erläutern, bin aber über meine eigene Fasziniertheit gestolpert und habe im Grunde mehr schwadroniert als meine Position erklärt. Immerhin habe ich das erkannt und eine Miszelle über mein Scheitern verfasst. Ja, auch so kriege ich mein Pensum voll 😉
Immerhin konnte erkennen, was mich in den nächsten Monaten und Jahren beschäftigt. Religion nicht als abstraktes Phänomen, sondern religiöse Wirklichkeit. Also: was macht Religion? Wie wirkt sie? Konkret, warum gibt es religiös motivierte Gewalt und Unterdrückung? Außerdem habe ich in der „Gegen die Wand“ Miszelle ein eigenes, noch relativ ungeformtes, Konzept eingeführt: die Aufklärung.
Das führe ich dann auch sofort aus. „Aufklärung“ ist für mich nicht nur das, was der Papa seinem Sohn errötend erzählt oder eine Epoche der europäischen Geschichte oder ein Aufsatz Kants. Die Aufklärung ist eine Geisteshaltung, und ihre Ausbreitung ist geographisch ebenso wenig festzumachen wie die Pepsi/Cola Cola Grenzen. Die Aufklärung ist analytisch und anthropozentrisch. Sie will die Natur beherrschen und ihr Gott ist die menschliche Vernunft. Die „Religion“ der Aufklärung ist die Wissenschaft und ich bin einer ihrer Priester. Laienpriester.
Nach einem kurzen Versuch über religiösen Fundamentalismus, in dem ich einige wichtige (für den Verlauf dieser Miszellenreihe) Gedanken in einigen zu emotionalen Absätzen äußerte, kam ich schließlich zum einem Knackpunkt meiner Religionsmiszellen: Sex und Religion.
Als erstes Ergebnis stelle ich fest, dass es einen wichtigen Zusammenhang gibt, nämlich die Kontrolle über die Fruchtbarkeit, bzw. die reproduktiven Kräfte einer Gemeinschaft. Sobald die Kulturen weniger stark von natürlichen Einflüssen abhängig sind, werden auch die religiösen Vorstellungen weniger vom beherrscht-sein als vom beherrschen diktiert. Die Fruchtbarkeit in der jeweiligen Gesellschaft, meist repräsentiert von Frauen, wird politisch und kultisch unterworfen.
Diese Miszelle behandelt zwar nicht direkt den religiösen Aspekt des Themas, sie gehört aber zwingend in den Komplex. Letztendlich ist Wort „beherrschen“ nämlich gleich bedeutend mit „Gewalt ausüben“. Es geht bei allen Formen der Herrschaft darum, dass die Beherrschten tun, was die Herrscher sagen. Mit einem kurzen knappen Wort: Macht.
Der Zusammenhang von Sex, Gewalt und Religion ist Gewalt.
Ist also eine der Antworten, die ich seit 32 Jahren suche so simpel, dass ich auch als achtjähriger darauf hätte kommen können? Dass wenn ein katholischer Priester versucht, ein Kind dazu zu bringen, etwas zu tun, was es nicht will (und bei mir war es Gott sei Dank nur Singen!), das eine religiös motivierte Form von Gewalt ist? Dass Religion ein Machtinstrument von vielen ist?
Die Annahme ist so verbreitet in der Aufklärung, dass es verführerisch ist, ihr zuzustimmen. Aber ich werde nicht in diese Frucht vom Baum der Ignoranz beißen. Denn, und da schließt sich ein Kreis, was ist mit dem Glauben?
Bleibt dran.

Aahmdmahl


Ethel: Du machs‘ dat falsch, sach ich dir.
Rachel: Ich hab‘ schon Fische gefillt, da bist du noch unter dem Baum der Erkenntnis dein Geschäft verrichtet. Bloß weil du mal in der Karawanserei an der Straße nach Kanaan gekocht has‘, musst du mir nich‘ erzählen, wie ich Fische fillen soll.
E: (schweigt beleidigt)
R: Is‘ schon komisch…
E: Was?
R: Na, die Gesellschaft da draußen. 13 Jungs und keiner lacht oder macht schweinische Witze oder so. Nich‘ mal in den Po haben se mir gekniffen.
E: Dir hat keiner mehr in den Po gekniffen, seit de Römer hier sin‘. Un‘ dat is‘ nu auch schon …
R: Du weiß‘ was ich mein‘. Sitzen da, als würd einer sterben. Nur der kleine schwarzhaarige versucht, etwas Stimmung zu machen. Der, der auch für alles zahlt.
E: Sind auch komisch viele Römer in die Gegend.
R: Gib mir mal die Milch.
E: Bis‘ du meschugge? Nachdem du den Fisch angefasst hast? Sollen die uns den Laden dicht machen?
R: Mein ****! Als ob da ein Hahn nach …
E: Und ob die da nach krähen tun. Einmal nich‘ koscher geblieben und, schwupps, is‘ de Lizenz weg. Scheiß Religion.
R: A propos. Der da in der Mitte soll auch so einer sein.
E: Koscher? Ich weiß nich‘. Rennt mit 12 Jungs durch de Gegend, kneift dir nicht in den Hintern, lange Haare, gepflegt. Würd‘ mich nicht wundern, wenn der bald am Kreuz is‘. Sodom und Gomorrha sach‘ ich nur. Den‘ Römern tut dat egal sein, aber unsere sin‘ da hinter her.
R: Ne, so einer is‘ dat nich‘. Das is‘ ein Prophet.
E: Profit? So wie der aussieht? Und bloß sein Kumpel bezahlt? Würd mich wundern, wenn der 30 Shekel in der Tasche hätte.
R: Prophet. Die, die prophezeien tun.
E: Ach nää, geh weg. Dat sin‘ doch die Spinner, die in der Wüste hocken oder auf nem Baumstamm oder so. Und den lieben **** nen guten Kerl sein lassen und der Allgemeinheit auf der Tasche liegen tun. Wie mein Jupp immer gesagt hast: ‚Tu’s die Stimme eines Rufers in der Wüste hören, hasse meistens schon nen Sonnenstich‘.
R: Der scheint aber besonders gut zu sein.
E: So? Wat hat der denn proffezeit? Dat am Morgen die Sonne aufgehen tut und am Abend wieder unter? Oder dat de Welt am unter am gehen is‘? Oder sacht er, dat wir alle Sünder sind, weil wa unsere Kinder nich‘ durch Hand drauflegen machen tun, sondern f ….
R: Ethel!
E: Ne, watt ma‘. Er sacht sicher, dat er der Sohn vom lieben **** is‘.
R: Ja, tut er.
E (stöhnt): Noch einer. Anscheinend hat **** noch mehr Bälger als der alte Herodes.
R: Tu dat nich‘ so sagen. Herodes war ein feiner Mann. So gebildet. Un‘ hat Massala….
E: Massada.
R: gebaut. Und der Kerl hat eine schöne weit tragende Stimme.
E: Dat beweist also, dat er der Sohn vom lieben *** is‘, ja? Ne aschöne Stimme. Un‘ woher wills‘ dat wissen? Hat doch kaum den Mund aufgemacht, seit die hier sin‘. Nur einmal bei der Vorspeise is‘ der aufgestanden und hat ne kurze Rede gehalten.
R: „Nehmt, dat is‘ mein Laib“. Hörsse, wie nett der is‘? Gibt sein Brot wech.
E: Ham doch noch genug hier.
R: Un‘ dann sacht er noch, dat er kein Wein mehr will.
E: Dat is‘ nu wieder nich‘ sehr proffetisch. Wo die doch so Schluckspechte sind. ‚Da kommt der Geist ****es besser über ein‘!‘
R: Mann, Ethel. Der Mann gibt alles für seine Jungs. So’n Netter is‘ das. Und guck mal, wie der immer am gucken is‘.
E: Als hätt‘ der zu viel von dem indischen Zeuch geraucht. Geh weg mit die Religiösen. Machen nur Ärger. Die Römer sind auch schon am Durchgreifen wegen die Piloten.
R: Zeloten
E: Wat auch immer. Wer als Motto hat, ‚Egal ob ich gehe drauf, **** nimmt uns gnädig auf‘ hat se nich mehr alle. Scheiß Mehrtürer.
(kurze gedankenvolle Pause)
R: Der da soll Wunder vollbracht haben.
E: Wat für Wunder?
R: Zum Beispiel soll er mir nur einer Amfore Wein 3000 Gäste bewirtet haben.
E: Dat machs‘ du doch auch.
R: Pscht, muss ja nich‘ jeder wissen.
E: Un‘ wieso hat der 3000 Gäste? Passen die alle bei dem in sein Haus?
R: Das war bei ner Hochzeit. Und geheilt hat der auch. Die Ruth deren Nachbar hat ein Sohn und der ist mit einem auf der Schule, dessen Vater gesagt hat, er hat gesehen, wie er einen Aussätzigen geheilt hat.
E: Die Ruth lügt doch wie gedruckt. Wenn die einem ‚Gu’n Tach‘ sacht, musste gucken, ob nicht schon Nacht is‘.
R: Trotzdem.
E: Wat gibt et eigentlich zum Essen?
R: Als Vorspeise ‚Hummus Oriental auf ungesäuertem Brot‘.
E: Hmm, Hummus. Aber von die Kichererbsen tu ich immer so Blähungen …
R: Fischgang is ‚Gefilter Fisch aus dem See Genezareth, handgepflückt‘.
E: Handgepflückt?
R: Ja, weiß auch nich. Hat einer von denen mitgebracht. Hat mir den Fisch gegeben,wie blöd gezwinkert und gesacht, dass der Meister die mit seinen Hände gefangen hat.
E: Eklig. Dat tut doch so stinken an die Finger. Un‘ dat Hauptgericht?
R: Zicklein, gemästet mit Trauben von den Weinbergen des Engadi.
E: Du tus‘ dich aber ins Zeuch legen.
R: Un als Desert gibt es Balsam-Birnen in Blattgold, mit Weihrauch geräuchert und Myrrhe-Sorbet.
E: Man meint, du hätts‘ einen Könich hier und nich‘ bloß nen langhaarigen dauerbekifften Profeten.
R: Wer weiß …
—————
Petrus: Und?
Jesus: Zehn Punkte.
Philippus: Du gibst immer zehn Punkte, J.
Jesus: (lächelt milde)
Petrus: Hier soll es einen netten Garten geben. Judas, zahl mal. Wir machen einen Verdauungsspaziergang.
Judas (nervös): Also der gefilte Fisch war nicht so gut wie einer, den ich mal …
Andreas: Wie kommst du eigentlich zu der ganzen Kohle, Judas?
Judas: Erbschaft. Ein Onkel aus Sikariot ist gestorben und hat mir ein paar Denare hinterlassen. So ein Glück, was? Haha.
Jesus: (lächelt milde)

Leere, wo das Herz sein sollte


Eigentlich wollte ich ja in die Kandinsky Ausstellung. Aber als wir am Donnerstag Abend im strömenden Regen beim Lenbachhaus in München vorfuhren und die Schlange der Menschen immer noch so lang war wie beim Vorverkauf für eines der vielen Stones-Abschiedskonzerte, wenn das Publikum wohl auch etwas jünger war, gaben wir das Vorhaben auf.
Zumal sie auch keine Karten vorverkauften und Lapis und mir der Gedanke, Stunde um Stunde im kalten Münchner Fiesel* zu stehen jeden Kunstgenuss verdarb. Also beschlossen wir, uns das neue jüdische Museum am Jakobsplatz anzusehen.

(c) Roland Halbe Stuttgart
(c) Roland Halbe Stuttgart

Von außen haben das Museum und die neue Synagoge den diskreten Charme von Betonklötzen. Was daran liegt, dass der Architekt, nun, sehr sehr große Klötze aus Beton genommen hat und sie auf eine Glasbasis stellte. Na ja. Aber wenigstens sie die Tore sowohl des Museums als auch der Synagoge sehr beeindruckend. Die Architekten, Wandel Hoefer Lorch aus Saarbrücken, sind allerdings auch hier ihrem „Atombunker in Hochbauweise“ Thema treu geblieben.
Im Museum waren drei Ausstellungen zu sehen. Die Dauerausstellung über die Geschichte der Münchner Juden, eine Sonderausstellung über die „Stadt ohne Juden“ und eine weitere Sonderausstellung über die Beziehung Münchens zu Istanbul als Fluchtpunkt aber auch Herkunftsort Münchner Juden.
Alle Ausstellungen sind nach modernen museumsdidaktischen Gesichtspunkten gestaltet worden von Leuten, die wirklich wissen, was sie tun. Was das bedeutet sagte Lapis hinterher: „Ich fand die Ausstellungen schon gut, aber es waren mir zu wenig Objekte dort und zu viel Text. Außerdem habe ich zu wenig über das jüdische Leben erfahren.“
Während meines Studiums hatte ich selber Ausstellungen (mit-)gestaltet und war praktisch an der Front des Umbaus von voll gestopften Vitrinen mit kuriosem Zeug hin zu bedeutenden Exponaten, die in ihrem Zusammenhang präsentiert werden. Für mich war das Museum ein Fest. Die Ausstellungen sind spartanisch bestückt und mit sehr viel erklärendem Text versehen. Die Ausstellungsstücke sind Objekte, Videos, Installationen und sogar ein Comic. Durch die sehr hohen Räume und die Weitläufigkeit des Museums wird die Konzentration auf die einzelnen Stücke noch einmal unterstrichen.
Aber Lapis hat auch Recht. Denn bei aller Modernität entsteht nicht nur der Eindruck von „Konzentration auf wenige Objekte zu maximaler Entwicklung ihrer Bedeutung“, sondern auch von: Leere.
Das fällt vor allem im ersten Stock in der Ausstellung „Stadt ohne Juden“. Eine Ausstellung die ja Abwesenheit thematisiert. Hier wird anhand von zwölf Objekten an Zeiten erinnert, in denen Juden nicht in München leben durften. Selbst mit den strategisch eingezogenen Zwischenwänden wirkt dieses Geschoss leer.
Ich habe mir dann gedacht, dass dieser „moderne Ansatz“ vielleicht eine Tugend ist, die aus der Not geboren wurde. Was ist, wenn einfach nicht mehr so viele Objekte existieren, die ein umfassendes Bild vom jüdischen Leben in München (und Deutschland) geben. Vielleicht will das Museum auch zeigen, dass das rege jüdische Leben, das vor den Nazis existierte nur noch in Fragmenten über den tiefen Abgrund unserer Geschichte zu uns kommt. Wie viel wir im Feuer verloren haben. Wie viele Menschen könnten heute unser Land bereichern, wenn sie nicht ermordet worden wären? Was könnte dieses Land für ein Land sein?
Plötzlich hatte ich ein Bild vor Augen. Ein Bahnsteig, der absolut menschenleer ist. Nur auf dem Boden liegen ein paar Dinge herum. Hier steht ein hastig gepackter Koffer. Da liegt eine Puppe. Ein paar Sabbatleuchter, achtlos weggeworfen um Gewicht loszuwerden. Und über allem hängt eine Gewissheit: Sie werden nie wieder kommen.

*Fiesel oder Fissel (niederrh.): leichter Regen, der einem am Anfang nicht so richtig auffällt, nach etwa 5 Minuten unangenehm wird und nach etwa 10 die chinesische Wasserfolter erstrebenswert macht. Die Inuit mögen keine 300 Wörter für Schnee haben, aber wir am Niederrhein kennen jede Menge Wörter für Regen.**
** Jedes drückt tief empfundene Abscheu aus.

Unintelligentes Design


Um es deutlich vorneweg zu sagen: das ist keine Diskussion über die Wahrheit oder Unwahrheit der Evolutionstheorie beziehungsweise des Kreationismus. Ich bin ein Laie in Biologie und achte das Menschenrecht auf freie Religionsausübung. Diese Miszelle soll zeigen, wie man kritisch-rational mit wissenschaftlichen Fragestellungen umgehen kann und dass es letztendlich doch eine Rolle spielt, ob Beobachtungen mit einer empirischen Wirklichkeit korrespondieren.

Es ist mit großen Schwierigkeiten verbunden, „outside the box“ zu denken, also jenseits der gewohnten Rahmen des Bekannten und Akzeptierten. Wie schwer das wirklich ist kann jeder sich vor Augen führen, wenn er versucht dafür Argumente zu finden, dass die Welt wie wir sie kennen nicht mehrere Milliarden Jahre alt ist, sondern höchstens zehntausend. Dass die Vielfalt des Lebens auf dieser Erde nicht durch genetische Mutation und natürliche Auslese entstanden ist, sondern durch den kreativen Akt eines höchstens Wesens.

Oder, auf der anderen Seite, wie schwer es ist, sich vorzustellen, dass das gesamte komplexe Ökosystem der Welt dadurch entstanden ist, dass im Laufe von Milliarden von Jahren bestimmte zufällige Mutationen im Genom der Lebewesen einen bestimmten positiven Effekt hatten. Und dass Träger der positiven Mutation ihr verändertes Genom weitergeben konnten, weil die weniger angepassten Lebewesen früher starben. Das bedeutet, dass unsere gesamte Welt auf mehr oder weniger glücklichen Zufällen beruht. Dass wir das Ergebnis einer sehr langen Reihe von trial and error der Natur sind.

Die beiden angeführten Weltanschauungen erklären beide, wie die Welt zu dem wurde was sie ist. Sie machen es beide auf der Basis von rationalen Denkprozessen. Die rationale Basis der Evolutionstheorie ist die empirische Wissenschaft. Die Basis des Kreationismus ist der theistische, in Heiligen Texten offenbarte, Glaube an ein oder mehr Höhere Wesen.

Wenn man kritisch an die Evolutionstheorie herangeht, kann man alle Argumente anführen, die die Wissenschaftsphilosophie gegen den Empirismus ins Feld führt. Kurz gesagt, wir können unseren Sinnen nie vollständig trauen, weswegen jede Theorie die auf Sinneseindrücken beruht letzten Endes Glauben ist, der aber so weit wie möglich Tatsachen entsprechen soll. Die Evolutionstheorie hat sich in den letzten 150 Jahren verändert. Sie hat sich den neuen Erkenntnissen der Naturwissenschaften angepasst, wurde erweitert und vervollständigt. Sie unterliegt dem wissenschaftlichen Prozess einer ständigen kritischen Hinterfragung. Der Grund, warum sie immer noch „Theorie“ heißt ist, dass es noch viele offene Fragen gibt, missing links und einfach Nickeligkeit des Wissenschaftsbetriebes. Dazu kommt, dass der Gedanke hinter der Evolutionstheorie auf einem Verständnis von Zeit und Entwicklung beruht, der typisch „westlich“ ist und sich somit der Verdacht auf Ethnozentrismus besteht. Trotzdem: die Wahrscheinlichkeit, dass es eine Evolution des Lebens im Verlauf der letzten Milliarden Jahre gegeben hat ist nahezu 100%. Zumal diese Entwicklung heute immer noch stattfindet.

Mittlerweile ist die Theorie einer evolutionären Entwicklung des Lebens zusammen mit anderen Theorien über die Entstehung des Lebens, des Universums und allem anderen längst im kollektiven Wissensschatz fast jeden Bewohners der von der Aufklärung erfassten Gesellschaften. Man kann anhand der Evolutiostheorie gut sehen, wie Spezialwissen zum Common Sense wurde. Und wieder zurück. In der hier zitierten Umfrage unter US-Biologielehrern, scheint sich ein Trend der letzten Jahre widerzuspiegeln, die positivistische Weltanschauung der Aufklärung zugunsten religiöser Wirklichkeiten aufzugeben.

Die Kreationisten haben es viel einfacher. Zum Ersten ist ihre Lehre viel plausibler. Es gibt eine Wirkung, also gibt es auch eine Ursache. Die Wirkung ist die Existenz eines schier unüberschaubar komplexen Universums, das wir nicht einmal mit den Methoden der Wissenschaft endgültig beschreiben können. Der Schluss liegt also nahe, dass die Ursache genau so unüberschaubar komplex sein muss. Jenseits der menschlichen Erfahrung. Also muss es ein Höchstes Wesen geben, dass der Grund von Allem ist. Und, praktisch, es steht ja alles bereits geschrieben. Wieso also noch suchen, wenn die Wahrheit schon bekannt ist?

Das Problem bei der Schöpfungslehre ist einmal, die Nachvollziehbarkeit für aufgeklärte Menschen. Das Denken, welches dahinter steckt ist diametral entgegengesetzt zum wissenschaftlichen. Es wird die Existenz eines Höchsten Wesens angenommen, also werden Beweise dafür gesucht. Diese Beweise sind die offenbarten Worte eben jenes Wesens, also ist der Beweis erbracht, dass es existiert. Das ist rationales Denken. Nur anders ratonal.

Die aktuellen Versuche, besonders amerikanischer Fundamentalisten oder auch des türkischen Kreationisten Oktar, der Lehre von der Schöpfung ein wissenschaftliches Gesicht zu geben indem sie „intelligent Design“genannt wird und ein paar „wissenschaftliche Argumente“ zu finden ist fast sexy. Besonders der weniger evangelikale Kreationismus, der die Evolution anerkennt aber einen „intelligenten Designer“ als ihre Triebfeder sieht, kann von den aufgeklärten Menschen als eine Versöhnung des wissenschaftlichen und des religiösen Weltbildes aufgefasst werden.

Ich bin wie immer bereit, den Leuten ihren Glauben zu lassen. Aber ich bin auch wenig sauer, dass uns der Glaube als Wissenschaft untergeschoben werden soll. Auf der Wikipedia gibt es dazu einen längeren Text. Hier reicht es mir aufzuführen, dass es von intellektueller Faulheit zeugt Dinge, die man nicht erklären kann, als Hinweis auf einen höheren Intellekt am Werk zu sehen. Wer so etwas macht, der öffnet den Spekulationen über seinen Geisteshorizont Tür und Tor. Auch das Suchen nach einem positiven Beweis ist unwissenschaftlich. Das Ganze „intelligent Design“ Geschwurbele ist leider sehr unintelligent aufgezogen. Und die Kampagne für eine „objektive“ Lehre von ID und Evolution entlarvt endgültig, welcher Geist am Werk ist. Unfassbar ist es allerdings, dass Menschen in hohen Positionen der Bildungspolitik wie z.B. die hessische Kultusministerin den religiösen Glauben an die Schöpfung gleichberechtigt neben der wissenschaftlichen Theorie der Evolution an den Schulen lehren lassen wollen.

Dass der (noch) mächtigste Mann der Welt ein überzeugter Anhänger des „intelligent Design“ ist, wundert wahrscheinlich niemanden Aber intelligente, aufgeklärte Menschen sollten zwischen Glauben und (wahrscheinlichem) Wissen unterscheiden können.

Es wird kritisch


Am Ende dieser Miszelle habe ich den Standpunkt wiedergegeben, dass unser Wissen über die Wirklichkeit nur einen Teilaspekt dieser Wirklichkeit wiedergibt und dass wir nicht in der Lage seien, die gesamte Realität zu begreifen. Die Teile des Ganzen, die wir erfassen können, spiegeln vor allem kulturell tradiertes Wissen wider. Um es kurz zu sagen: Wirklichkeit liegt immer im Auge des Betrachters.

Die resignierte Aussage, dass etwas wahr sei, wenn es wahr ist und dass man keine sicheren, positiven Aussagen treffen kann, scheint zu bedingen, dass alles irgendwie wahr sein kann. Das kann natürlich nicht sein, es würde den Grundlagen unseres Denkens widersprechen und sinnvolle Wissenschaft wäre unmöglich. Deswegen haben Erkenntnistheoretiker den „kritischen Rationalismus“ entwickelt, der sinngemäß besagt, dass als wahr angenommen werden kann, was einer ernsthaften Kritik standhält.

Das ist ziemlich dünnes Eis. Sie räumen ein, dass letztendlich alles Wissen Glauben ist. Aber wenn der Glaube gerechtfertigt ist, dann geht das in Ordnung. Diese Rechtfertigung erfolgt durch kritisches Hinterfragen. Kurz gesagt: Es wird überprüft, ob ein Glaube „vernünftig“ ist oder anderen „akzeptablen“ Wissensinhalten widerspricht.

Das ist (zumindest mein) Stand dessen, was Wissenschaft heute ist: Der Wissenschaftler ist sich bewusst, dass Wissen gerechtfertigter Glaube ist. Es ist die Aufgabe der Wissenschaft durch ständige Überprüfung der eigenen Postulate sicherzustellen, dass ihre Erkenntnisse, soweit man es sagen kann, „wahr“ sind. Aber genug Theorie! An einem Beispiel aus der richtigen Welt will ich den kritischen Rationalismus in Aktion zeigen.

Kreationismus, das dürfte bekannt sein, ist die Lehre, dass die Welt vor etwa 10.000 Jahren (die genauen Angeben gehen hier auseinander) erschaffen wurde. Sie bezieht sich explizit auf die Heiligen Texte der Religionen, die wortwörtlich als wahr angenommen werden. Eine moderne Spielart des Kreationismus ist die Lehre vom „intelligent Design“. Sie sieht sich selbst als Wissenschaft, die versucht zu beweisen, dass die Komplexität der biologischen Vielfalt der Welt nicht durch Mutation und Selektion entstanden ist, sondern durch die „lenkende Hand“ eines nicht näher bezeichneten „Designers“.

Der Kreationismus steht in direktem Gegensatz zu der Evolutionstheorie, die im 19. Jahrhundert von Charles Darwin begründet wurde und davon ausgeht, dass sich die Lebewesen über Jahrmilliarden durch zufällige Mutationen in natürlicher Auslese zu den heutigen Formen entwickelt haben. Grundlagen dafür sind Beobachtungen der rezenten Flora und Fauna und Fossilienfunde.

Momentan ist der Kreationismus wieder groß in Mode. Kürzlich wurde eine Umfrage unter Biologielehrern in den USA veröffentlicht, laut der etwa ein sechstel der Lehrerinnen und Lehrer erklärten, sie würden Kreationismus und Evolutionstheorie gleichwertig im Unterricht behandeln. Auch in Großbritannien Deutschland oder der Schweiz ist der Kreationismus im Biologieunterricht aufgetaucht. Andere Beispiele für das Wiedererstarken des Kreationismus sind die Macht, die der türkische Islam-Kreationist Harun Yahya alias Adnan Okdar besitzt, der wegen Kritik an seiner Person und seinen Vorstellungen („Wenn es die Evolution gegeben hätte, stünde etwas davon im Koran!“) alle WordPress Blogs in der Türkei sperren ließ. Und nicht zuletzt ist ja auch der ‚Commander-in-Chief‘ der letzten verbliebenen Supermacht ein evangelikaler Christ und Wortführer des „Intelligent Designs“.

Die Arena ist bereitet. Die beiden Kontrahenten stoßen in „Unintelligentes Design“ aufeinander.

(Wer sich für das Thema interessiert, dem lege ich das (kritische) Blog „Evil Under The Sun“ von JLT ans Herz, das sich ausschließlich mit Evolution <> Kreation befasst.)