Das Leid an der Kultur


Meine nächste „große“ Miszelle heißt „Leidkultur“ und beschäftigt sich, wie der Name dezent andeutet mit der „Leitkultur“ Schimäre. Aber bevor ich in medias res gehe, will ich etwas wichtiges geklärt haben: wtf ist eigentlich „Kultur“?

Ok, das waren jetzt genug Gänsefüßchen in einem Absatz. Ab hier setzt einfach eure eigenen, ok?

Als Erstsemester der Ethnologie bekommt man eben diese Frage um die Ohren gehauen. Ethnologie als Wissenschaft fremder Kulturen (jede Menge Gänsefüßchen-Material hier) beschäftigt sich mit nichts anderem. Aber wenn man meint, dass die Ethnologie, oder jede andere Kulturwissenschaft, eine griffige Definition ihres Gegenstandes hat, ist man ziemlich auf dem Holzweg. Der letzte Nebensatz war übrigens Kultur in Reinform. Aber weiter.

Als unbedarfter Student mit großen Augen und dem Wunsch, die Welt zu erklären und möglichst ein bisschen besser zu machen bekommt man erst einmal ein nettes Buch zu lesen. Das Buch heißt schlicht „Culture“ (ok, ein paar Gänsefüßchen ….) wurde von den amerikanischen Ethnologen A.L. Kroeber und C. Kluckhohn verfasst und enthält nicht weniger als 300 Definitionen von „Kultur“. Das ist Wahnsinn!, denkt sich der Erstsemester. Wahnsinn? Das ist WISSENSCHAFT!

Wenn dann der erste Schock nachgelassen hat, lernt man, dass, in der Tat, Kultur eine sehr schwammige Sache ist. Aber auch sehr konkret. Kultur umfasst Dinge (materielle Kultur), Beziehungen zwischen Menschen (Sozialkultur), Ideen (keine Idee), Sprache (Sprachkultur) und letztlich alles, was Menschen machen, denken und sie von anderen Menschen in anderen räumlichen Zusammenhängen (das ist wissenschaftlich für „Gegend“) unterscheiden.

Als Kulturwissenschaftler schaut man sich eine Gegend an. Schaut, was die Menschen dort so machen oder nicht machen oder sich gegenseitig aufs Strengste verbieten zu tun, es aber trotzdem irgendwie tun. Guckt, welche ihrer Nachbarn das machen. Man lernt, wie eine Gruppe „Cousin“ sagt, oder stellt fest, dass es für jedes Kind der Elterngeschwister andere Bezeichnungen gibt, je nachdem ob sie vom Vaterbruder, der Mutterschwester oder aus einem anderen Clan sind. Man schaut sich an, was für Körbe sie flechten oder ob sie Tupperware bevorzugen. Sieht sich ihre Fernsehprogramme an, hört ihre Musik, lacht, oder nicht, über ihre Witze. Nimmt ihre Drogen, isst ihr Essen, trinkt ihren Alkohol, notiert, was sie tun, wenn ihnen schlecht ist. Begleitet sie zur Arbeit, feiert ihre Feste, beschreibt, was sie glauben oder auch nicht. Was ihre Nachbarn von ihnen halten, was sie von ihren Nachbarn halten. Wenn man also im Grunde das Leben der Menschen eines bestimmten Ortes beschrieben hat und es vielleicht mit dem Leben bei uns, wo immer das ist, vergleicht hat man eine Kultur erfunden.

Der Ethnologe Roy Wagner hat, treffend wie ich finde, Kultur als einen Prozess beschrieben. Dieser wird von den Menschen selbst in Gang gehalten, indem sie sich über ihre Leben austauschen. Um der Komplexität ihrer Welt gerecht zu werden benutzen sie Symbole, denen sie Bedeutung geben. „Vernunft“, zum Beispiel. Was vernünftig ist, bestimmt der kulturelle Konsens. Vernunft an sich gewinnt Bedeutung durch den Wert, den eine bestimmte Kultur ihr zuweist. So ist Vernunft in Europa zum Beispiel wichtiger als in den USA, wo es andere Symbole gibt, denen mehr Bedeutung gegeben wird. Ähnlich wie Wagner haben auch der deutsche Philosoph Jürgen Habermas und der Soziologe Niklas Luhmann auf die kommunikative Erzeugung von Kultur (oder Gesellschaft via sozialer Systeme bei Luhmann) hingewiesen.

Der andere Punkt, in dem sich fast alle Kulturwissenschaftler einig sind: Kultur verändert sich andauernd. Dazu muss man eigentlich nicht mehr viel schreiben, oder? Trotzdem ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass Kultur kein statisches Gebilde ist, sondern ein stetiger Prozess.

Also, Kultur.

  1. Alles, was Menschen so machen, sagen, denken im Gegensatz zu dem, was andere Menschen machen, sagen, denken. Die Grenzen, die um Menschengruppen gezogen werden, müssen irgendwie sinnvoll sein.
  2. Kulturen sind Erfindungen. Einerseits der Leute, die zu den Kulturen gehören. Andererseits der Leute, die sie beschreiben. Die Ersteren können Letztere sein.
  3. Kultur verändert sich. Mit jeder Folge neuen Folge „Dschungelcamp“, mit jeder Bundestagsrede, Rechtschreibreform, Revolution, Evolution, Devolution, Schulbuch, Theateraufführung, Windowsversion, Apple-Gadget, Kinderlied oder Blogeintrag.

Danke, dass ihr bis hier durchgehalten habt 😉

Der Tempel …


Wenn die meisten von uns das Wort „Religion“ lesen, denken sie an Kirche, Terroristen, Fanatiker, Atheisten (in Bussen), Langeweile, Papst und ähnliche Sachen. Die religiöseste Erfahrung, die die meisten Deutschen machen ist das Öffnen des Umschlages mit dem Zaster zur Kommunion/Konfirmation. Als ich neulich auf einer Konfirmation war, fragte ich mich wieder einmal, ob sich die Kirche nicht eigentlich selbst zerstört, indem sie ihrem Nachwuchs ein so leidenschafts- und blutarmes Bild bietet. Wie soll man in den albernen Liedern, salbadernden Predigten, leeren Ritualen echte heiße Religion verspüren? Die vom Hinterkopf zu den Augen wandert, den Körper schüttelt und einen von der Anwesenheit des Heiligen überzeugt? Die Antwort ist natürlich, dass die ganzen Riten solche Erfahrungen verhindern sollen. Hat uns Luther denn gar nichts gelehrt?
Der Religionspsychologe William James hat unter anderem die Entwicklung von Machtstrukturen in Religionen untersucht. Echte religiöse Erfahrungen sind bei weitem nicht jedem Menschen gegeben. Meistens werden diejenigen, die sie machen als Kranke oder verwirrte dargestellt. Einige Persönlichkeiten beeindrucken ihre Mitmenschen allerdings so, dass sie an die religiöse Herkunft der Erfahrung glauben und um die Figur des Charismatikers bildet sich eine Gruppe oder ein Kult. Diese Gruppe wird von der religiösen Orthodoxie, dem ‚Establishment‘ meistens angefeindet und der Ketzerei, Abweichlertum oder Ähnlichem beschuldigt. Für die meisten war es das dann. Allerdings kann sich entweder die Person oder die Lehre des Kult Begründers als so ansteckend erweisen, dass die Orthodoxie zurückweichen muss. Sie versucht die neue Gemeinschaft dann entweder zu assimilieren oder abzustoßen. In ganz wenigen Fällen wird die Häresie zur neuen Orthodoxie und entwickelt ihrerseits nur Machtstrukturen, um ihre Lehre vor abweichenden Meinungen zu schützen.
Wer die Geschichte der „Hochreligionen“ kennt, dem wird das eben Geschilderte bekannt vorkommen. Allerdings hat James einige Dinge nicht bedacht. Zum Beispiel, dass sein Schema eben nur auf die drei abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) und den Buddhismus so anzuwenden ist. Schon bei den vedischen Religionen (meist als Hinduismus bezeichnet) greift es nicht, weil dort die „Orthodoxie“ sehr flüssig ist. Und von den ‚traditionellen‘ Religionen, die an bestimmte Gesellschaften geknüpft sind will ich gar nicht anfangen.
Deswegen hat die Religionswissenschaft andere, weitaus passendere Ansätze entwickelt. Wie zum Beispiel Wilfred Cantwell Smith, der den Begriff ‚Religion‘ aus hier auch schon genannten Gründen, ablehnte und lieber von ‚religiösen Traditionen‘ sprach. Heutzutage ist es usus, von Religionen als einem ‚Symbolsystem‘, das auf die Errichtung einer umfassenden Wirklichkeit abzielt‘ zu reden.
Warum habe ich James zitiert? Weil er, wie später Smith, betont, dass religiöse Gemeinschaften und religiöse Erfahrung nicht unbedingt zusammengehen. Wer mir in diesem Thema bisher gefolgt ist, hat festgestellt, dass ‚Religion‘ ein gesellschaftlicher Faktor ist. Oder, um es weniger nett zu sagen: ein Machtmittel.
Gehen wir einen Schritt zurück. Lasst uns das tun, was wir in der Aufklärung gelernt haben: analysieren, also zerschneiden. Ich trenne ab hier den Glauben, also die kognitive Ordnung der Lebenswelt aufgrund eines erlernten oder erfahrenen Symbolsystems von der religiösen Institution. Die Institution nenne ich mal den „Tempel“.
Die Frage ist jetzt: warum überhaupt ein Tempel? Können wir nicht einfach glauben und die gesellschaftlichen Ordnungsfragen den profanen weltlichen Behörden überlassen? In der Tat ist es im Gebiet der aufgeklärten Welt so. Mann nennt das auch Laizismus oder die Trennung von Staat und Kirche. Und viele Aufgeklärte hielten den Laizismus für das Ende der Religion. Denn, mal ehrlich, wenn die Kirche nicht herrscht und ihre Ideen überkommen sind, wer braucht sie noch? Einfache Antwort: alle.
Komplizierte Antwort: Für diese Miszelle setze ich noch mal voraus, dass wir alle darüber einig sind, dass jeder Mensch glaubt. Aber dieser Glaube ist zu einem großen Teil ‚kalt‘. Damit meine ich, dass die wenigsten Menschen genuin religiöse Erlebnisse haben. In der Aufklärung natürlich noch seltener als z.B. bei mystischen Sekten oder Pfingstkirchen. Aber Menschen tendieren dazu, erst mal ihr Leben leben zu wollen. Das Heilige ist immer wieder gern gesehen (oder auch nicht) aber das Rollen, In-Zungen-Sprechen. Trance, Ekstase, Gotteserlebnis überlässt man doch gerne den Fachleuten. Sprich: dem Tempel und seinen Priestern. Statt der ‚heißen‘ Religion, die in der Seele brennt und einen der profanen Welt entrückt bevorzugen die meisten die Riten des Tempels.
Der Ritus ist nicht nur eine Glaubensbekräftigung und damit ein beruhigender Beweis, dass die Welt immer noch die Welt ist. Riten haben auch eine verbindende und damit soziale Kraft. Sie schaffen eine gemeinsame Identität. Sei es beim gemeinsamen Gebet, Hochzeiten, Initiationsriten oder kollektiver Trauer bei Bestattungen. Der Tempel ist der Ort an dem Glaube zu Gesellschaft wird.

Wird fortgesetzt…

Türkçe Düğün


Ich lese gerade ein Buch über den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648, 30 Jahre) und in diesem werden die Deutschen des ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts charakterisiert: „Zu dieser Zeit war Deutschland in ganz Europa durch nichts so sehr berühmt wie durch Essen und Trinken. ‚Ochsen‘ , sagten die Franzosen, ‚hören auf zu trinken, wenn sie nicht mehr durstig sind; die Deutschen fangen dann erst an.‘ Reisende aus Spanien und Italien waren gleichermaßen erstaunt über die ungeheure Völlerei und den Mangel an Unterhaltungsgabe in einem Land, in dem die Wohlhabenden aller Klassen unter dem ohrenbetäubenden Lärm einer Blechmusik stundenlang bei Schmaus und Trunk saßen.“* Hört sich doch an, wie das Oktoberfest.
Was hat das mit einer türkischen Hochzeit zu tun, um die es ja in der Überschrift geht? Weil in diesem Absatz der kulturelle Abgrund zwischen der Türkei und Deutschland in seiner ganzen Tragweite offenbar wird. Vergesst Religion. Vergesst Politik. An ihren Festen sollt ihr sie erkennen.
Eine türkische Freundin, D, heiratete ihren deutschen Freund, M.. Die deutsche Hochzeit war schon vor Monaten. Ich war indisponiert, aber Lapis berichtete von „ungeheurer Völlerei“. Von Blechmusik sagte sie nichts, aber ich nehme an, es war laut.
D.s Familie war natürlich auch anwesend, bzw. ein kleiner Teil ihrer Familie. So ca. 50 Personen. Bei der Beschreibung von Lapis‘ Mischpoche habe ich leider schon sämtliche Superlative aufgebraucht, die alles in allem beschreiben, na ja, dass sie groß ist. D.s Familie ist größer. Viel größer. Ich zögerte, ob ich auf die Hochzeit gehen sollte. Verschiedene Dinge sprachen dagegen, aber ich dachte: D. ist enttäuscht, wenn keiner kommt. Ahahahaha. Was genau habe ich wohl an Lapis‘ Aussage, sie hätten einen mittelgroßen Festsaal gemietet nicht verstanden? Weil ich ein Deutscher und als solcher auf eine stolze TraditonFressbeuteln zurückblicken kann machte ich einen verhängnisvollen Fehler: ich ging hungrig zu der Feier und in der Annahme, gefüttert zu werden.
Der Festsaal befand sich in einem Dorf an der Grenze. Es liegt an der Grenze zwischen Oberfranken und Thüringen und wenn es noch kleiner wäre, würde man es ein Haus nennen. Geographisch und kulturell liegt es am Ereignishorizont des langweiligsten Schwarzen Loches, das man sich vorstellen kann. An einem Ort, an dem Zeit und Raum eins werden: Ödnis. Als einzige Attraktion hat der Ort einen großen Saal, den man mieten kann. Das muss man sich überlegen. Und dann versuchen, nie wieder dort zu landen. Auch nicht per Zufall.
Aber die Feier war sehenswert. Es waren mindestens die angekündigten sechs hundert (600!!) Personen anwesend. Der mittelgroße Festsaal hätte gut und gerne alle ca. 2000 Seelen des Dorfes beherbergen können, in dem er sich befand. Von den Anwesenden schätzte ich etwa ¾ als Vorderorientalen ein. Die deutsche Fraktion hockte in mittendrin und guckte von interessiert bis zu unbehaglich auf das Gewimmel der erweiterten Brautfamilie. Diese hatte überhaupt keinen „Mangel an Unterhaltungsgabe“.
Während die Mitteleuropäer gesittet auf ihren Bänken klebten, an ihren wenigen Getränken nippten (es gab zwar Bier aber in homöpathischen** Dosen) und dem wachsenden Hungergefühl mit bereit stehenden Knabbereien begegneten, liefen die Orientalen in fröhlichem Chaos durch die Gegend. Jeder schwatzte mit Jedem und die Kinder (viele Kinder!) spielten dazwischen. Es war eine sehr lebendige Feier.
Dann spielten eine türkische Band auf. Weil ich meinen Prozessor ausgeschaltet hatte, bekam ich es nicht mit, aber es wird nicht der „Schneewalzer“ gewesen sein. Lapis meinte, sie seien gut gewesen. Jedenfalls hielt es niemanden mehr auf den Stühlen (außer an den deutschen Tischen) und die Leute, jung und alt, Mann und Frau und Kind stürmten nach vorne, um zu tanzen. Das war dann auch am Rest des Abends so.
An den deutschen Tischen waren inzwischen die Knabbereien rar geworden und man sah erste Verrohungstendenzen beim Kampf um die letzte Salzstange. Gestresste Familienväter, Bier benötigend, wurden immer unruhiger. Mein Magen knurrte hörbar und es war mir nicht mehr peinlich. Die Türken tanzten.
Einige Deutsche, Lapis unter anderem, gesellten sich zu dem fröhlichen Treiben und hatten „Spass für ’ne Mark“. Ich beneidete sie. Irgendwann kam dann tatsächlich etwas zu Essen. Mehr so als Nebensache. Ich glaube, die Türken haben nicht mal alle etwas gegessen. An meinem Tisch wurde „ur-teutsch“ geschlungen und verzehrt und gevöllt. Und, ja, ich schäme mich nicht es zu sagen: Ich war glücklich.

* C.V. Wedgwood, „Der Dreißigjährige Krieg“, 1983
** zumindestr für deutsche Feier-Verhältnisse

Sex und Religion


Wie ich ja in „Gegen die Wand“ schrieb, beschäftige ich mich derzeit mit der Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Religion, Sexualität und Gewalt gibt. Bisher habe ich mich, bestimmt zur Enttäuschung nicht weniger Miszellen-Leser, hauptsächlich mit Religion beschäftigt. Heute würde ich gerne etwas zu Sex und Religion schreiben.

Jede Religion* ist mit Sexualität assoziiert, weil Sexualität und Reproduktion ein fundamentaler Teil von Leben überhaupt ist. So weit, so banal. Interessant wird es da, wo Religion (und andere kulturelle Phänomene) den kreatürlichen Drang verbrämen oder gar verdrängen. Siegmund Freund hat den ganzen Tanz, der in unserer Kultur um Sex aufgeführt wird, als einen reinen Ausdruck eines Konfliktes des kreatürlichen „Es“ und dem kultivierten „Über-Ich“ bezeichnet. Kulturwissenschaftler der funktionalistischen Schule haben religiöse und soziale Institutionen wie Ehe, Tabus oder Verwandtschaftsregeln als einen Ausdruck des Grundbedürfnisses nach Sicherheit der Reproduktion gesehen. Das ist natürlich heute banal, zeigt aber auch wie sehr uns (als Gesellschaft) Sexualität beschäftigt.

Seit der Zeit der „Neolithischen Revolution“ etwa, als große Teile der Menschheit sesshaft wurden, hat ein Wandel auch im Denken stattgefunden. Mit aller gebotenen Knappheit zusammengefasst: Die Natur wurde gezähmt, also verlagerte sich die Verehrung von Naturphänomenen zu abstrakteren Entitäten, also Gottheiten. Solange die Menschen weitgehend von der Fruchtbarkeit der Felder, des Viehs und den Launen des Wetters abhängig waren, ist Fruchtbarkeit ein Gegenstand der Verehrung gewesen. Fruchtbarkeit und Reproduktion ist eine weiblich asoziierte Domäne. Deswegen wird in bäuerlichen Gesellschaften oft eine idealisierte Mutterfigur verehrt. In vielen bäuerlichen Regionen findet man auch heute noch einen starken Kultus der Mutter, der auch innerhalb monotheistischer Religionen wiederzufinden ist. Man nehme zum Beispiel den Marienkult, der am stärksten in landwirtschaftlich geprägten Gegenden verbreitet ist. Fruchtbarkeit und Reproduktion sind ein Grundelement aller menschlichen Gesellschaften und also auch aller Religionen. Umso stärker wird die Rolle derjenigen gewertet, die sich diesen grundlegenden Dingen entziehen. Freiwillig oder unfreiwillig.

Immer wieder gibt es Männer und (seltener) Frauen, die sich dem „natürlichen“ reproduktiven Prozess verschließen. Sei es die „Hijras“ in Indien, Polynesiens „Fakaleiti“ oder die „Berdache“ der nordamerikanischen Indianer. In vielen Kulturen, in denen es diese Ausnahmen aus dem reproduktiven Zyklus gibt, werden sie verehrt oder doch zumindest toleriert. Ihre Außenseiterrolle wird nicht zuletzt als eine Verbindung mit dem Ungewöhnlichen, der Anderswelt oder dem Heiligen gedeutet. Deshalb erfüllen sie oft Rollen als Priester, Schamanen oder Seher. Ihre Stellung „zwischen den Geschlechtern“ ist auch ein Platz zwischen den Welten des Profanen und des Heiligen.

Es ist also kein Wunder, dass in vielen Religionen der Entschluss sich als Mönch oder Nonne freiwillig der Reproduktion zu verschließen ein Ausdruck besonderer Hingabe ist. Die Sexualität ist ein wertvolles Gut, weil sie den Erhalt der Gruppe, der Gesellschaft, der Nation oder der Religion sichert. Auf Sex zu verzichten ist das höchste Opfer, das man seinem Glauben bringen kann.

Allerdings würde die Gesellschaft zusammenbrechen, wenn zu viele Menschen sich dem reproduktiven Zyklus verweigern würden. Deswegen gibt es oft strenge Auflagen, die mit Sexualität zu tun haben. Homosexualität wird gerade bei Kulturen mit ausgeprägten religiösen Institutionen verfolgt. So wird die Ehelosigkeit von Mönchen, Nonnen und Priestern in der katholischen Kirche als gottgefällig gesehen. Homosexualität aber mit dem Hinweis auf das göttliche Gebot der Reproduktion und ihre „Unnatürlichkeit“ abgelehnt.

Es hat also eine Entwicklung gegeben, dass ein „natürlicher“ Rückzug aus dem reproduktiven Zyklus, sei es aus Veranlagung oder biologischen Gründen, von Ruch des Heiligen zu einer Abartigeit erklärt wurde. Auf der anderen Seite wurde die „unnatürliche“ Unterdrückung des Geschlechtstriebes als ein Zeichen von Heiligkeit gesehen.

Und genau hier setzten meine Überlegungen über den Zusammenhang von Sex und Gewalt an. Denn eigentlich ging es um den Zusammenhang von der Abwesenheit von Sex und Gewalt. Aber das ist eine andere Miszelle.

 

 

 

*Ich benutze aus Bequemlichkeit wieder den eingebürgerten Begriff ohne „“. Stellt euch einfach vor, ich schriebe „System, das mit Hilfe transzendentaler, nicht-empirischer Phänomene die Erzeugung einer lückenlos sinnhaften Wirklichkeit zum Ziel hat“. ( ^ )

Ethno


Als ich letzte Woche wieder in Moers war habe ich auch A. getroffen, einen Jugendfreund aus ganz frühen Tagen. Ich hatte ihn bestimmt 20 Jahre nicht mehr gesehen und wir haben uns beide sehr gefreut. A. ist der Sohn marokkanischer Eltern. Fragt mich nicht, wie der Borg-Schädel funktioniert, aber das Treffen mit A. hat mich daran erinnert, dass Kent sich bei der ersten oder zweite Miszelle gefragt hat, wie ich dazu gekommen bin, zu studieren, was ich studiert habe. Heute werde ich es nicht erzählen.

Zumindest nicht alles. Die Geschichte, wie ich zur Soziologie gekommen bin wäre mir zu peinlich und Religionsgeschichte ist eine Miszelle für sich. Dass ich Ethnologe geworden bin verdanke ich, wie so vieles in meinem Leben, Frauen.

Aber von Anfang an. Wie gesagt habe ich als Kind viel mit A. und seinem Bruder Y. gespielt. Bei uns in der Zechenkolonie war es damals völlig normal, dass Menschen verschiedener ethnischer Herkunft zusammenlebten. Es gab sicher auch Reibereien, aber das ist meine Erinnerung und da lebten Deutsche, Polen, Italiener, Türken, Griechen usw. in trauter Harmonie zusammen. Na ja, bis auf den Bruder des italienischen Mädchens mit dem ich damals aus der Grundschule nach Hause gegangen bin. Der hat mich (7) verhauen und mir den Umgang mit seiner Schwester (auch 7) verboten. Das war ein harter Schlag, wollte sie doch etwas von mir und nicht umgekehrt. Das Leben ist ungerecht. War das der Grund, warum ich mich später für die Eigenarten und Lebensweisen fremder Völker interessierte? Nein.

Meinen Neigungen auf der Schule entsprechend habe ich angefangen Deutsch und Geschichte auf Lehramt zu studieren. Ich war einer dieser Schüler, die nie genug von der Schule kriegen können und deswegen da alt werden wollen. Also einer jener zukünftigen Lehrer, die mit 30 Selbstmord begehen, weil 99% der Schüler sie hassen. Ich wurde zum Glück gerettet. Ein Teil meiner Rettung war sicher, dass wir so interessante Seminare hatten wie „Die Gründung des Erzbistums Bamberg durch Heinrich II im Jahre 1007“, vulgo: Texte aus dem mittelalterlichen Latein übersetzen. Das Mittelalter bzw. Mediävistik versetzten auch meinem Enthusiasmus für die Germanistik den Todesstoß. Tanderadei.

Es war also klar, dass ich dringend etwas anderes machen musste. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit Konstanze liiert, die Ethnologie und Soziologie studierte. Sie schlug sich gerade mit dem Grundstudium herum und hatte die FunktionalismusStrukturalismus-Debatte am Hals. Wir redeten öfter darüber und ich stellte sofort fest, dass der Funktionalismus von falschen Voraussetzungen ausging und leicht anfechtbar war, während ich aber die Schwächen des Strukturalismus nicht so leicht durchschaute. He! Ich war 20 und habe Germanistik studiert, na und?! Hat der Kontakt mit dem Fach durch Konstanze mich so gefesselt, dass ich endlich einen Ausweg aus dem Mittelalter-Dilemma sah? Wo denkt ihr hin?

Aus einer völlig anderen Richtung kam dann der Anstoß, das Studienfach und den Studiengang zu wechseln. Über andere Bekannte in Göttingen lernte ich Roberta von Wunsiedel kennen, eine typische Aristokratentochter, die auch Ethnologie studierte. Roberta, mit der ich keine Beziehung hatte, sollte als Proseminarsarbeit etwas über Voudoun schreiben. Da ich schon immer Interesse an religiösen Themen hatte, half ich ihr ein bisschen bei der Recherche. Um genau zu sein, drängte ich mich wohl ein wenig auf. Am Ende vernachlässigte ich sträflich meine Hausarbeit „Handwerksgilden im ausgehenden 14. Jahrhundert“ für Robertas Projekt. Deswegen und weil die Frau, mit der ich die Hausarbeit schrieb mit sämtlichen Büchern zum Thema zwei Wochen verschwand und ohne eine Zeile Text und Lust etwas zu schreiben wieder auftauchte. Wenn mich jemand fragt, warum ich so lange studiert habe, schiebe ich es immer dieser Frau in die Schuhe.

Jedenfalls: Konstanze stellte dann nur noch trocken (und ein bisschen säuerlich fürchte ich) fest, dass ich dann ja auch gleich Ethnologie studieren kann. Da hätte ich auch eher drauf kommen können.

Hilferuf


Nach 16 Jahren deutscher Einheit soll endlich zusammenwachsen, was zusammen gehört. Und zwar mehrere Gemeinden in Oberfranken mit Thüringen. Der Bürgermeister von Nordhalben bei Kronach hat bei der Landesregierung den Antrag auf die Übersiedlung ins nahe Thüringen gestellt.

Das ist meiner Meinung nach auch überfällig. Oberfranken hat kulturell, kulinarisch und kurioserweise viel mehr mit Thüringen gemeinsam als mit dem fernen Oberbayern. Oder Niederbayern oder Bayern überhaupt. Heißt es nicht hier wie drüben „No“, wenn man Ja sagen will? Oder ist nicht Franken wie Thüringen Brat- und nicht Weißwurst-Gebiet? No! Das will ich meinen. Ob Trachten oder Tänze, einem Ethnologen ist völlig klar, dass wieder einmal die Politik grausam Grenzen zwischen befreundeten und verwandten ethnischen Gruppen gezogen hat. Selbst die Arbeitslosenquote ist in Oberfranken thüringisch.

Aber ach! Natürlich geht es wieder um das liebe Geld. Der Landesausgleich funktioniere nicht mehr, klagt Josef Daum (CSU) in seinem „Hilferuf“ an die Landesregierung. München würde 60 mal so viel Geld bekommen wie Nordhalben. Das tut dem oberfränkischen Städtchen aber bitteres Unrecht. Im letzten Jahr feierten fast 300 Besucher im Gemeindehaus die Premiere des Films zum Jubiläum des Ortes. Es wehte ein Hauch von Glamour und rotem Teppich durch den Frankenwald. Und im nächsten Monat stellt Harry Demantikel seine historisch-kritische Autobiographie vor: „2. Weltkrieg – im Stahlgewitter“. 850 Jahre gibt es Nordhalben, aber die bayrische Staatsregierung setzt alles daran, den Ort von der Landkarte verschwinden zu lassen.

Die Probleme kenne viele Gemeinden in Ostdeutschland und an der ehemaligen Zonengrenze. Allerdings ist es meistens so, dass die östlicheren (oder in unserem Falle die nördlicheren) Gemeinden an Einwohnerschwund leiden. Denn wer kann, arbeitet im „Goldenen Westen“. Hier in Oberfranken ist aber vieles anders als im Rest der Republik, no? Denn weil Firmen in Thüringen viel besser gefördert würden als hier, zögen immer mehr dem Geld hinterher über die nahe Grenze. Nordhalben habe seit 1972 schon fast ein Drittel Einwohner verloren. In anderen Gemeinden sehe es nicht anders aus.

Allein, die Bürgermeister rechnen nicht wirklich damit, dass die Landesregierung sie ziehen lässt. „Dies sei ein Hilfeschrei“, sagt der Verfasser des Briefes und Kopf der Separatisten Daum. Das Signal, das der Oberfranke ausschickt, ist klar. „Wir leben am Existenzminimum“, schreibt er. Aber da wird er beim Freistaat wohl nicht viel Gehör finden, der sich ja ebenfalls ein rigoroses Sparprogramm verordnet hat, weil „einfach nichts mehr da ist“. So wurde in Schweinfurt an Polizeibeamten gespart, so dass der genervte Bürgermeister, der Vandalen und Randale in seiner Fußgängerzone ertragen muss, „schwarze Sheriffs“ engagieren mussten, damit Law&Order wieder eintraten. Auch Lehrer werden in Bayern großflächig gespart, sowie teure Unterrichtsstunden. Und ein ganzes Schuljahr obendrein.

Aber ich finde, die Oberfranken haben es falsch angestellt. Statt sich Thüringen anschließen zu wollen, hätten sie ihre Aufnahme als Münchner Vororte beantragen sollen. Dann hätten sie den satten Finanzausgleichsfaktor bekommen. Und weil es schick ist, in den Vororten zu wohnen würden bestimmt viele der Reichen und schönen Münchener nach Nordhalben & Co. gezogen. Da in München alles gefördert wird, was teuer, schnell und modern ist, hätte Oberfranken bestimmt einen Transrapid-Bahnhof bekommen und selbstverständlich einen eigenen Großflughafen und Autobahnzubringer samt Autobahn.

Wenn man die Idee weiter spinnt, sehe ich eine goldene Zukunft für Deutschland. Wir schließen und einfach den reicheren Teilen des Landes an. Künftig wird es nur noch vier Bundesländer geben: München, Hamburg, Baden-Württemberg und Berlin. Die Metropolen mit ihrer Wirtschaftskraft ziehen das ganze Land aus der Scheiße. Außerdem können nicht so viele egomanische Ministerpräsidenten sich, äh, einmischen in Dinge die sie, äh, rein gar nichts angehen. Oder ihr eigenes Süppchen kochen. Also mir würde es nichts ausmachen in München zu wohnen. Selbst, wenn es wie Coburg aussieht.

Meister


Hier die Fortsetzung von „Kultisten!“

 Ein weiteres Zeichen der Macht des Meisters ist, dass er eine vollständige Ausgabe der Heiligen Schriften seines Kultes besitzt, die sog. „Regeln“. In den Regeln werden die Rituale festgehalten, die das Erschaffen der Pseudo-Realität der Rollenspieler erst ermöglichen. Die meisten dieser Rituale beschäftigen sich mit dem Werfen von Orakel-Steinen, den sog. „Würfeln“. Dass diese „Würfel“ bis zu hundert [sic!] Seiten haben können, stört die Rollenspieler wenig.

Vieles in der Welt der Rollenspieler hängt vom Werfen der „Würfel“ ab. In früheren Zeiten wurde sogar das Aussehen des Characters nach diesem omenhaften Prozess bestimmt. Auch die sehr häufig vorkommenden und unappettitlichen Konflikte zwischen den Charactern und ihren Gegnern, den „Monstern“, werden durch das Werfen von „Würfeln“ simuliert. Meist wird das Ritual der Würfelwurfes von grossem Geschrei begleitet, wenn der eine oder andere Spieler „getroffen“ hat, oder „verwundet“ wurde. Die simulierten Kämpfe stellen einen Höhepunkt in jeder Séance der Rollenspieler dar und selbst die zivilisiertesten jungen Menschen können in diesen Momenten ihr grosses kultuerelles Erbe vergessen und sich auf die Stufe von geifernden Besuchern einer römischen Arena begeben, die den Gladiatoren zusehen, wie sie sich gegenseitig abschlachten. Zartbesaitete Passanten sollen, wenn sie unabsichtlich dieser „Kämpfe“ ansichtig wurden, auch schon mit schweren Nervenzusammenbrüchen in ärztliche Behandlung gekommen sein.

Ihrer Rolle entsprechend wird den „Würfeln“ auch eine besondere Position in der Welt der Rollenspieler eingeräumt. Zumindest der Meister hat einen eigenen kompletten Satz dieser Kultobjekte. Den „Würfeln“ der Meister werden auch besondere Kräfte zugerechnet. Sie sollen besonders gut würfeln und einige werden quasi als Gegenstände mit viel „Mana“ betrachtet, die besonders dafür hergestellt wurden, um möglichst viele Characters zu töten. Deswegen sind die Würfel der Meister auch tabu. Rollenspieler glauben, dass die Würfel ihre Macht verlieren, wenn ein Uneingeweihter sie benützt. Aber nicht nur die Würfel der Meister sind für diese exklusiv reserviert, auch die einfachen Kultisten machen mitunter ein solches Theater um die kleinen Dinger, dass es unter ihnen schon ernsthafte Handgreiflichkeiten gegeben haben soll, als ein Spieler die Würfel eines anderen verbotener weise benutzt hat. Ein weiterer Beweis für die Unreife und den Aberglauben der Rollenspieler ist das „Einwürfeln“. Beim Einwürfeln handelt es sich um ein kleines Ritual, das vor dem eigentlichen Beginn der Séance durchgeführt wird, und dass dem Spieler die Gunst der Götter des Schicksals versichern soll. Der Spieler rollt alle seine „Würfel“ und eliminiert diejenigen, die ihm nicht das gewünschte Ergebnis zeigen.

Um die Rolle eines Meisters übernehmen zu können muss der Anwärter zuerst die „Regeln“ der Spielwelt erlernen. Dies ist je nach Kult eine langwierige oder rasche Phase, die in der Initiation des jungen Meisters mündet, dem „Ersten Mal“.

Wie bei den meisten Initiationritualen kann man auch hier die von vanGennep festgestellte Dreiteilung beobachten. In der Phase der Seklusion zieht sich der Initiat mit den heiligen Schriften der Rollenspieler von seinen Mit-Kultisten zurück, um diese zu studieren. Er wird in dieser Zeit von seinen Gefährten gemieden, weil sie insgeheim fürchten, der Meister in spe verzweifelt ob der Tragweite seines Vorhabens und will die schwere Verantwortung weitergeben. Man nennt es den „Mach du doch auch mal den Meister, nicht immer nur ich“-Effekt. Das sog. „Erste Mal“ bezeichnet dann die Phase der Transformation, wenn der Initiat zum ersten Mal die Rituale durchführen darf. Seine Jünger beobachten ihn sehr kritisch und sparen meistens auch nicht mit Hohn und Spott, wenn er die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Man nennt dies, regional unterschiedlich, den „Mathias“, „Markus“ oder „Hermi“-Effekt. Wenn die Transformation aber geglückt ist, kann die Inklusion beginnen Das bedeutet, dass der neue Führer der kleinen Kultgemeinschaft, meist mit mehr Prestige, in die Gemeinschaft zurückkehrt. Dieser Phase wird durch den „Ja, Meister“-Effekt gekennzeichnet, was heißen soll, dass die einfachen Kultisten die Auslegung der heiligen Schriften durch den Meister akzeptieren.

Aber der Meister kann auch herausgefordert werden, was zu einigen der hässlichsten Szenen führen kann, die in der Geschichte der Rivalität beobachtet wurden. Meist erfolgt die Herausforderung durch einen zweiten Meister, der an der Séance teilnimmt, oder einen abgewiesenen Initiaten, der zwar die „Regeln“ kennt, aber nicht als Führer akzeptiert wurde. Letztere, die sog. „Klugscheisser“ oder auch „Bürokraten“ versuchen ihre Mitgläubigen durch besondere Regelkenntnisse zu beeindrucken und sogar die des Meisters zu übertrumpfen. Meist stellen die Klugscheisser ein disruptives Element in den Ritualen der Rollenspieler dar, was die Séance für alle Beteiligten unbefriedigend gestaltet. Während es bei einer Herausforderung zweier Meister meist zu einer friedlichen Einigung kommt, quasi von Profi zu Profi, können die neidzerfressenen Klugscheisser eine ganze Kultgemeinschaft zerstören, da das erlösenden Moment der „geteilten Wirklichkeit“ nicht mehr zustande kommen kann, das ich gleich schildern werde.

 

Der dritte und letzte Teil der Rollenspieler-Ethnographie folgt in der morgigen Miszelle.

Kultisten


Für viele moderne Menschen ist Rollenspiel das Aufbauen von Pixelcharakteren in ihrem PC und dabei nebenbei „Ihr“ und „Euch“ zu schreiben, aber meistens auch das nicht. Als Urgestein des Rollenspiels und Ethnologe ist es geradezu meine Pflicht eine kleine Ethnographie zu dieser Subkultur zu verfassen. Der folgende Text ist im „ethnologischen Präsens“ gehalten und widmet sich einer vergehenden Kultur, die fremd ist, obwohl sie mitten unter euch existiert.

***

Immer wieder hört oder liest man von jungen Menschen, die sich einem seltsamen Kult verschrieben haben, der im allgemeinen als „Rollenspiel“ bezeichnet wird. Die Absicht dieser kurzen Abhandlung wird es sein, in gegebener Straffung, über dieses moderne Phänomen aufzuklären, denn es wird noch sehr mit Vorurteilen umgeben, insbesondere von reißerischen Medienberichten.

So ist es falsch, dass Rollenspieler(1) per se Teufelsanbeter, Mörder oder Schlimmeres sind. Das trifft nur auf wenige Individuen zu, die meisten sind in ihrem Verhalten nur auffällig, neigen zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen, Drogenmissbrauch oder alberner Kleidung.

Es ist unter diesem Kult zwischen Subgenres, wie das Fantasy-Rollenspiel, das Sci-Fi-Rollenspiel (sprich: Ssei-fieh), oder, eine der gefährlichsten Varianten, das sog. Live-Rollenspiel zu unterscheiden. Gerade bei letzterem ist die Identifikation mit der dargestellten Figur, dem „Character“, so hoch, dass es zu hochgradig soziopathischem Verhalten kommen kann, wenn diese Betätigung regelmässig und in kurzen Abständen erfolgt. Dem begrenzten Raume Rechnung tragend, werde ich allerdings die verschiedenen Ausprägungen der primitiven Kulte, die übrigens meist als „Freizeitvergnügen“ getarnt werden, als ein einheitliches Phänomen behandeln.

Der Kult der Rollenspieler trägt viele Züge der primitiveren Religionen. Da wäre zuerst einmal der Kultführer. Er wird, je nach Sekte, mal Meister, Master, Spielleiter oder Storyteller genannt. Dem Führer wird meist besondere Ehrfurcht entgegengebracht, was sich zum Beispiel durch seine exaltierte Position am Ort der Kulthandlungen ausdrückt. Die anderen Kultisten versuchen, ihn nicht zu verärgern, da sie glauben, dass sein Zorn den Tod über die „Character“ bringen kann. Manchmal wird auch versucht, ihn durch Speise- oder Trankopfer gnädig zu stimmen. In frühen, primitiven Tagen verbarg der Kultführer sein Antlitz hinter einer schwarzen Maske, da die Rollenspieler glaubten, dass allein der Blick des „Meisters“ töten kann. Aber selbst diese primitive Subkultur hat mit der Zeit einiges ihres Aberglaubens abgelegt und so ist als Überbleibsel der Masken-Zeit nur noch ein kaum brusthoher Papierverhau geblieben, der die wichtigen Tabu-Gegenstände der Meister verbirgt, nicht aber sein Gesicht (2).

Die Tätigkeit des Meisters ist zentral in den Ritualen der Rollenspieler. Er ist der, der am meisten redet und versucht, seinen Gläubigen weiszumachen, dass sie in einer Welt leben, in der solche Phänomene wie Magie, Götter, Zeitreisen, Ungeheuer und ähnliches möglich sind. In einem Wechselgespräch, nicht unähnlich denen der sibirischen Schamanen, versucht der Meister eine Pseudo-Realität zu erzeugen, in der sich dann seine Jünger, die „Spieler“, zurecht finden sollen. Wie gut das gelingt hängt immer von der Tagesform des Kultführers ab. Da Rollenspieler auch notorische Drogenkonsumenten sind, neigt der Meister in acht von zehn Séancen dazu, unkonzentriert, unfreundlich und unvorbereitet zu sein. Da die Gläubigen danach hungern, von ihrem Idol mit einer weiteren Geschichte aus der rauen Wirklichkeit entführt zu werden, lassen sie sich aber eine Menge gefallen, bevor sie dem Meister die Gefolgschaft aufkündigen.

Zu dem Meister gehören auch die Paraphernalien seines Standes. Einen dieser Gegenstände habe ich schon erwähnt, den sog. Meister-Schirm oder Spielleiter-Sichtschirm für die bürokratischeren Rollenspieler. Diese, meist aus Papier oder Pappe gefertigten, Sichtblenden dienen dazu, den Blick auf die anderen Zeichen des Spielleiter-Standes zu verwehren. Dabei gibt es in der Ausführung der Schirme sehr große Unterschiede. Man unterscheidet zwei Grundformen: den 3er-Schirm und den 4er-Schirm. Der Unterschied besteht in der Anzahl der verwendeten DIN A4- Seiten aus starkem Karton, die für die Herstellung des Schirms benutzt wurden. Allgemein wird beobachtet, dass ein 3er Schirm eher von den neuen, unerfahreneren Meistern benutzt wird, während ein älterer, erfahrener Meister mehr Geheimnisse erlangt hat, die er vor den neugierigen Augen seiner Jünger verstecken muss und so zu einem 4er tendiert. Die Schirme werden entweder von den Meistern oder, als Demutsgeste, von den Rollenspielern verziert. Hier tun sich dann meist die weiblichen Rollenspieler mit ihrer angeborenen Kreativität hervor. Es kann als Faustregel festgehalten werden, dass je einfacher und schmuckloser ein Spielleiterschirm ausfällt, desto weniger Prestige besitzt der Kultführer hinter dem Schirm.

Während die Aussenseiten der Sichtblenden meist mehr oder weniger geschnückt sind, ist die Innenseite voll mit geheimnisvollen Formeln. Diese „Tabellen“ oder Regel-Zusammenfassungen sind Ausdruck der wahren Macht der Spielleiter. Weiterhin wird hinter dem Sichtschirm der Aufbau der Welt der Rollenspieler verborgen. Der Meister weckt bei seinen Gläubigen zwar gerne den Eindruck, dass ihre virtuelle Realität allein in seinem Kopf oder, seltener, in den Köpfen der beteiligten Kultisten entstehe. Aber diese arglistige Täuschung wird durch die vielen wild bekritzelten Zettel entkräftet, die der Meister hinter dem Schirm versteckt. Hier hat er in sog. „Abenteuern“ den Ablauf seiner scheinbar frei erfundenen Geschichten festgehalten. Aus diesem Grunde reagieren Meister sehr unfreundlich, wenn ein Spieler in seinen heiligen Bezirk eindringen. Bei besonders schlechtgelaunten Meistern soll ein Einblick in den Bereich hinter dem Sichtschirm sogar schon mit dem Tod des „Characters“ bestraft worden sein.

 

  1. Das masculinum wird durch die Demgraphie der Rollenspieler gerechtfertigt, da dem Kult zu ca. 90% Männer angehören. Die Frauen, die sich den Rollenspielern anschliessen, sind entweder unattraktiv oder Sozialpartnerinnen der männlichen Rollenspieler – was meist auf das Gleiche hinausläuft – die zur Teilnahme am Kultgeschehen gezwungen werden. Diese Beobachtung erklärt auch das ständige und zwanghafte Kompensationsverhalten der Rollenspieler.

  2. Obwohl von Forschern auch beobachtet wurde, wie der Meister in besonders nervenaufreibenden Situationen sein Gesicht hinter dem sog. „Meisterschirm“ verborgen hat und Gebete wie „Oh Gott, die sind alle so doof. Und ich bin der Meister der Doofen!“ oder „Das GLAUB’ ich einfach nicht! Ich hab’ da doch ‚Falle’ daraufgeschrieben!“ oder „Warum MACHEN die das?!“ gesprochen hat.

 

Morgen geht es weiter bei unserer Expedition in die wilde Welt der Rollenspieler.

Eiertanz


Als Kulturwissenschaftler, insbesondere als Ethnologe, ist man beständig Versuchungen ausgesetzt. Eine der Versuchungen ist es, sich dem Exotismus hinzugeben, also der schwärmerischen „Verehrung“ des Fremden. Auf der anderen Seite begegnet man vielleicht Kulturen oder kulturellen Eigenheiten, die einem Europäer schier den Magen umdrehen. Ich kann da ein Lied von singen. Fragt mich mal nach Evangelikalen Fundamentalisten in den USA. Da ist man gerne versucht, seine wissenschaftliche Objektivität einem verdammenden Urteil weichen zu lassen.

Früher war zwar nicht alles besser, aber immerhin war es viel einfacher, einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden. Als die modernen Kulturwissenschaften entstanden, war die Welt noch klar eingeteilt in die „überlegenen“ Kulturnationen Europas und die „wilden“ oder „rückständigen“ Nationen im Rest der Welt. Der Kolonialismus schien den Europäern Recht zu geben, dass selbst solche alten und zivilisierten Nationen wie China oder Japan hatten scheinbar der moralischen Kraft der europäischen Imperien nichts entgegen zu setzen. Die Wissenschaft untermauerte das mit Theorien wie dem Evolutionismus, der ganz zweifelsfrei belegte, dass Kulturen analog zur neu entdeckten biologischen Abstammungslehre sich über gewissen Stadien hin zu einer Hochkultur entwickelten, die verdächtig wie die europäische aussah. Religionswissenschaft war damals noch Theologie und daher galt bis weit ins 20. Jahrhundert (Religion ist immer ein wenig schwerfälliger in der Anpassung) der monotheistische Gottesglaube als die Krone der religiösen Ideen.

Wissenschaft ist auch nur eine den Mode der Zeit unterworfenen Erscheinung und so wurden gleichsam peinlich berührt mit dem Zusammenbrechen der Imperien auch die Theorien, die diese als die Spitze der menschlichen Kultur stilisierten, fallen gelassen.

Aus den Vereinigten Staaten kam dann die Lehre vom kulturellen Relativismus, begründet vom deutschen Emigranten Franz Boas .Boas und seine Schülerinnen und Schüler gingen in die genau entgegengesetzte Richtung wie die Evolutionisten. Man kann Kulturen nicht einem allgemeinen Gesetz unterwerfen sagten sie, sondern muss jede nur für sich sehen und erforschen. Auch diese Bewegung wurde bald widerlegt. Nicht nur, dass die „Boasianer“ mitunter fragwürdige Methoden anwandten, um ihre Thesen zu beweisen. Berühmt ist der Fall Margaret Meads geworden. Boas hat auch die Möglichkeiten des kulturellen Kontakts und des Austauschs zu wenig in Betracht gezogen.

Als ich studiert habe, galt die Kulturkritik als ein Eiertanz zwischen eigener Voreingenommenheit und der Notwendigkeit für wissenschaftliche Objektivität. Wie eingangs erwähnt ist dieser Tanz besonders für Ethnologen schwer, da unser Hauptforschungsinstrument immer noch die „teilnehmende Beobachtung“ ist. Es sind schon einige Ethnologen „native“ gegangen, die sich zu sehr in ihre „Stämme“ verliebt haben. Die Lösung, die damals in Göttingen bevorzugt wurde, war, dass man versucht, die Phänomen so objektiv wie möglich zu schildern, aber auch auf eigene Vorbehalte hinzuweisen. Kritik konnte gesondert geübt werden und wurde auch gefördert, denn die Philosophie war es dass Ethnologen geradezu verpflichtet sind, disruptive Tendenzen in Kulturen aufzudecken. Abgesehen davon gibt es einfach kulturelle Phänomene, die den grundsätzlichen Menschenrechten zuwider laufen. Soll man als Ethnologe beispielsweise die Praxis weiblicher Genitalverstümmelung verurteilen, die in Teilen Afrikas ausgeübt wird? Auf jeden Fall! Auch wenn sie Teil von über Jahrhunderte gewachsenen Gesellschaften sind? Dann wird’s Zeit, den Mädchen und Frauen endlich zu helfen, die da grausam misshandelt werden.

Aber die Grenze zwischen Ethnozentrismus und Allgemeinem Menschenrecht ist mitunter fließend. Wahrscheinlich ist es das Beste, Kritik aus den jeweiligen Kulturen aufzugreifen und für alle hörbar zu machen. Europa kann da viel von dem Schaden, den es angerichtet hat, wieder gut machen, wenn es seine Ressourcen einsetzt, um eine Veränderung von Innen zu unterstützen. Es könnte sich dabei auch wohltuend von unserem Großen Bruder absetzen. Im Fall der Genitalverstümmelung werden Initiativen von Frauen aus den betroffenen Ländern (Und innerhalb Europas! FGM wird auch in Emigrantengesellschaften praktizuert.) mittlerweile von Regierungen und NGOs in ihrem Kampf gegen diese ekelhafte Praxis unterstützt.

Meistens muss man auf Eiern tanzen, aber manchmal muss man einfach den richtigen Leuten in die Eier treten.

Eskimos


Eskimos sind ein Paradox. Es gibt sie nicht und doch sind sie überall. Seit Jahren gehe ich Lapis auf die Nerven, wann immer ich einen sehe. „Da ist schon wieder einer“, grolle ich und bekomme spontan schlechte Laune. Lapis nickt dann freundlich und sagt „Hm-hm“. „Man sollte doch meinen, dass sie in Zeiten von Nanotechnologie und dem ganzen Mist die verdammten Eskimos in den Griff kriegen“. „Ja, Schatz.“ Meist geht sie dann weg ohne dass ich es merke und guckt nur ab und zu mal rein, um sich zu vergewissern, dass ich mich immer noch echauffiere. Meistens echauffiere ich mich noch.

Neulich, beim morgendlichen Studium einer großen deutschen Qualitätszeitung ging sie dann doch zu weit. „Schatz?“ „Ja?“ „Warum ist hier ein Loch in der Zeitung?“ „Och. Da war ein Artikel, den ich für die Arbeit brauche.“ Lapis lügt nicht gut. „Da war ein Eskimo, oder?“ Lapis wird aber auch nicht rot. „Stimmt. Und weißt du was? Ich habe einfach keine Lust, mir deine Tiraden am Frühstückstisch anzuhören. Was kümmert es dieses oder jene Volk ob sie nun Khoi oder Hottentotten genannt werden?“ „Die Khoi stört es vermutlich eine Menge. Schließlich wurden sie als Hottentotten beschimpft und ausgebeutet und verfolgt und ….“ „Geht das schon wieder los?“ „Ich bin halt traumatisiert.“ Kreischt Lapis:. „Du bist was? Traumatisiert? Ach ja. Ich wusste nicht, dass du jemals in ernster Lebensgefahr warst und schon gar nicht wegen der Eskimos. Ich kann es echt nicht ab, dass alle denken, sie müssten unbedingt psychologische Begriffe verwenden. Dann wenigstens richtig. Genauso wie Depression! Das ist irgend einem Teenager langweilig und schon hat er eine Depression. Dabei ist das eine genaue klinische Diagnose. Oder Essstörungen!….“ Das Ende vom Lied war, dass sie an diesem Morgen fast zu spät zur Arbeit gekommen wäre. In der Tür rief sie mir noch zu: „Angst! Erzähl mir nichts von Angst! Die Leute wissen doch gar nicht was Angst ist.“

Scheint also, dass meine liebe Frau auch Eskimos hat, nur andere als ich. Um der Sache auf den Grund zu gehen, fragte ich in meinem Lieblingsforum, ob die Jungs auch Eskimos kennen. Das Ergebnis war gemischt, aber eindeutig tauchten auch hier Eskimos auf. Interessant war nicht nur die spontane Diskussion, warum „Klaustrophobie“ keine „Platzangst“ ist („Wie, das kommt nicht von Platzen?“) oder warum Licht nicht „brennt“, sondern „leuchtet“ (Inklusive empirischer Versuche mit dem Ergebnis, dass eine leuchtende Glühbirne doch brennt). Alles wie gehabt.

Nein, was mit wirklich auffiel war, wie viele Eskimos persönliche Anliegen ihrer Besitzer sind. Ob luchs nicht „Kathole“ (im Gegensatz zu „Evangelisten“) sein will oder der Animator Zraak kein Animateur. Heretikeen, seines Zeichens Übersetzer, kriegt eine Krise, wenn er als Dolmetscher bezeichnet wird. Jaggromiz, der wahrscheinlich ein Grieche ist, regt die Ignoranz des Restes der Welt seinem Volk und seiner Geschichte (also auch unserer) gegenüber auf.

Da liegt, denke ich, des Eskimos Kern. Sie sind ein Symbol für Identität und den unachtsamen Umgang mit dieser. Wenn eine deutsche „Qualitätszeitung“ einen Eskimo bringt, ist das als wenn die Times titeln würde: „Krauts elect a Shencellor!“ Wer würde sich gerne als „Krautfresser“ bezeichnen lassen? Oder als „Itaker“, „Döner“ und was es sonst noch an Nettigkeiten gibt? Warum sollten dann Leute, die sich einfach „Menschen“ (Inuit) nennen mit dem Wort „rohes Fleisch Fresser“ (Eskimos) betiteln lassen. Ist es Haarspalterei, wenn ich möchte, dass andere Menschen so behandelt werden, wie ich selbst behandelt werden möchte?

Und wie Identität ein ambivalentes Phänomen ist, so sind auch die Eskimos keine Einbahnstraße. Wenn ich will, dass man meine Eskimos ernst nimmt, muss ich auch die von anderen ernst nehmen. „Wahre“ Eskimos sind ein Teil der Persönlichkeit ihrer Besitzer. Und wenn ich mich über die Eskimos lustig mache, verspotte ich auch ihn oder sie.

Wenn ich also demnächst in der Zeitung lese: „Ottfried Fischers Knödel-Trauma“, dann weise ich Lapis darauf hin – und stelle meinen Sprachprozessor aus.