Gelesen > Sexualität und Christentum (soweit ich es ertragen habe)


Vor vielen Jahren, es waren die lahmen 80er, fiel mir in der Stadtbücherei ein dickes Buch in die Hände, das verkündete, das Wissen und die Macht eines geheimen Ordens zu kennen. Der Orden: die Tempelritter (natürlich!). Der Gral war das Geheimnis, Jesus Christus sei als Pater Familiaris in einem Ashram in Indien im hohen Alter gestorben. Im Kreise seiner Kinder und seiner Frau Magda.

Ehrlich gesagt, die Pointe des Buches war ein ziemlicher Antiklimax. Ich hatte irgend etwas im Stile der Illuminaten erwartet. Jesus interessierte mich nicht so. Und ob er nun am Kreuz gestorben ist oder – leicht übergewichtig, das schüttere Haar immer noch lang, ab und zu kichernd im Neuen Testament blätternd – auf Goa, war mir egal. Immerhin war das Buch recht spannend geschrieben. Eine Ritterpistole, die auf echten Mythen beruht, die lose auf historischen Fakten basieren. Viel „man könnte sagen“ und “wenn man davon ausgeht, dass ..“ und natürlich auch „Aber was war auf dem Heuwagen? Forscher sagen heute ….“ Man kennt das aus „Galileo“.

Als ich die ersten ca. 20 Seiten von Dan Browns „Da Vinci Code“ gelesen hatte, wusste ich, worauf es hinaus läuft. Das Buch war trotzdem in der ersten Hälfte kurzweilig, dann übertrieb er es einfach mit immer neuen Wendungen, die nicht wirklich überraschend waren. Ein Trivialroman, der auf einem vergessenen populär“wissenschaftlichen“ Buch beruhte. Das einzige, das mich ärgerte, was der Erfolg Browns, bzw. dass er diesen mit so einem mittelmäßigen Roman erzielte. Aber die meisten erfolgreichen Dinge sind ja im besten Fall Mittelmaß.

Jetzt habe ich so viel zu anderen Büchern geschrieben und erwähne hier zum ersten Mal „Sexualität und Christentum“. Genau darum:

Dan Brown erregte […] gewaltiges Aufsehen. Er vertritt [in „Sakrileg“], Jesus sei verheiratet gewesen und habe Kinder gehabt. Dieses Buch ist […] als Roman klassifiziert, aber die Ausgangsposition dieser phantasievollen Erzählung ist […] plausibel.“ (19)

Dann ergeht sich der „Professor für Pastoraltheologie“ Raymond J. Lawrence Jr. Darin, dass die „Mutmaßung“ Browns hinsichtlich des Familienstandes JC’s „vermutlich“ „am ehesten“ zutreffe. In der Bible finden sich zwar keine Belege, aber „außerkanonische Texte“ (er nennt das Philippusevangelium) erwähnten eine „besondere Beziehung“ zu Maria Magdalena. Man könne das nicht so einfach als unhistorisch abtun.

Doch kann man. Genauso wie den Rest zumindest der ersten beiden Kapitel, die zu lesen ich ertragen habe. Es gibt keine Quellenarbeit oder zumindest Bibelexegese nach der historisch-kritischen Methode. Es gibt viele Vermutungen, Auslegungen und vor allem absolut unwissenschaftlichen Induktionen. Lawrence hat eine Agenda: die christliche Sexualmoral sei „falsch“ und beruhe auf willkürlich missverstandenen Lehren, bzw. kulturellen Traditionen, die nichts mit Jesus zu tun hätten. Diese Agenda bestimmt seine Argumentationslinie und, Mann, ist das eine miese Argumentation. Seine Quellen würden in eine Proseminarsarbeit passen, aber nicht zu einem ernst gemeinten Beitrag zur Religionsgeschichte. Seine Bibelzitate zum Beispiel stammen aus einer Übersetzung. Natürlich ist ein amerikanischer „Professor“ ein etwas besserer Lehrer, aber ich musste für meinen Magister in Religionsgeschichte mein Latinum (nach)machen und jeder Theologe muss

die „drei Sprachen der Kreuzesinschrift“ (Latein, Altgriechisch, Hebräisch) kennen. Jeder Historiker, Religions- und andere, ist vor allem von Quellen abhängig. Wenn man nicht eng an den Quellen arbeitet, kommt so etwas wie „Sexualität und Christentum“ heraus: ein spekulatives, von persönlichen Interessen geprägtes Schein-Sachbuch.

Wie gesagt: es ist mir persönlich egal, ob Jesus nun Single, Familienvater oder schwul war. Mich interessiert das Thema als Religionswissenschaftler, der plötzlich feststellen musste, dass er mehr über den Buddhismus als über das Christentum weiß und diesen Makel beheben will. Aber ich kann es auf den Tod nicht ausstehen, verarscht zu werden. Und nach der Lektüre der Einleitung, der ersten beiden Kapitel und dem Schluss des Machwerkes komme ich mir unglaublich verarscht vor.

Und ich habe den Vorteil, mich auszukennen. Die Fehlleistung „Professor“ Lawrences wäre mir zumindest nicht so krass ins Auge gefallen, wenn ich nicht parallel Diarmaid McCullochs „Christianity: The First Three Thousand Years“ lesen würde. Kein unumstrittenes Buch, aber etwa 10.000 mal besser recherchiert als „Sexualität und Christentum“ mit einem Apparat den man auch benutzen kann.

Was mich besonders wütend macht, ist dass Laien meistens nicht zwischen den gut recherchierten, wissenschaftlichen Büchern und dem Schrott unterscheiden können. Meine Mutter wollte sich über den Islam informieren und fragte mich, ob „dieses Buch“ gut sei. Ich schlug die erste Seite auf, las der ersten Absatz, in dem der einzig „erfolgreiche“ Kreuzzug (der erste) als Misserfolg abgetan wurde und konnte sofort sagen: „Nein“. Manchmal frage ich mich, ob die Sachbuchverlage mittlerweile die Position von Lektoren an Gymnasiasten vergeben.

McCulloch hat übrigens auch etwas zu Dan Brown gesagt:

Some overexcited modern commentators and mediocre novelists have even elevated her [Maria Magdalena] (on no good ancient evidence) to the status of Jesus’s wife“. (116)

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9.3.2011: Komm‘ ich getz ins Fernsehen?


NEIN!  (Aber in die Zeitung)

Suchbild. Wo ist ist der Miszellator?

Wo bin ich?
(c) Coburger Tageblatt 2011

Das war vor anderthalb Wochen bei der Coburger Probe für die große Menschenkette gegen den Ausstieg vom Atomausstieg an diesem Samstag. Weitere Infos

Es war arschkalt im Schatten und ich habe natürlich meine Handschuhe vergessen. Aber was macht man nicht alles, wenn einer Regierung ihre Vernunft beim Buckeln vor der Industrie irgendwie abhanden gekommen ist?

Wer mich findet, gewinnt 1 Internet 🙂

Ak – und andere Kulturationen


Im letzten Teil meines kleinen Kulturprogrammes habe ich festgestellt, dass wir alle Kinder der französischen Revolution sind. Irgendwie. Und wie diese Revolution in Terror, kleinen Kaisern und Russlandfeldzügen endete, stehen wir am Rande der größten Gefahr, der sich die Moderne in ihrer relativ kurzen Geschichte je gegenüber sah: Coca-Cola!

Aber der Reihe nach.

Kultur ist an und für sich unsichtbar. Wie ein Fisch wohl keine Vorstellung von Wasser hat, „schwimmen“ wir im Medium Kultur. Im Gegensatz zu unserem ichtyotiotischen Beispiel erzeugen wir aber Kultur, wo wir gehen und stehen und vor allem: kommunizieren. Wenn wir doch auf dem Trockenen sitzen ist das ein Schock. Ein Kulturschock.

Sichtbar wird die Kultur, wenn sie in den Kontakt mit einer anderen, fremden kommt. Wenn unsere Symbole nicht verstanden werden. Wenn unser Gegenüber die Pointe nicht kapiert, die Fernsehsendungen unserer Kindheit nicht kennt. Mit unserem Essen nichts anfangen kann, mit Mode oder unseren Vorstellungen von Partnerschaft, Moral oder guter Musik. Kurz: Welten prallen aufeinander.

Es ist fast unmöglich, heute nicht anderen Kulturen zu begegnen. In der modernen Welt schon gar nicht. Die Folge ist, dass das Eigene und das Fremde fast schmerzlich bewusst sind. Der Kontakt der Kulturen ist die Norm und also muss es, wie in einem Raum voller einander fremder Menschen, Strategien geben, wie man miteinander auskommt. Früher war das einfach. Da wurden fremde Kulturen entweder unterworfen und die Menschen assimiliert (oder abgeschlachtet). Oder man fand von alleine, dass die Leute aus X eigentlich viel cooler sind und deswegen wollte jeder aus X sein. In der Kulturwissenschaft nennt man das „Akkulturation“. Laut Wörterbuch der Völkerkunde ist das der Prozess, mit dem sich eine Kultur einer anderen, überlegen geglaubten, anpasst. Man kann Akkulturation in Deutschland wunderbar beobachten, bzw. hören. Z.B. bei der Deutschen Bahn: „Senk ju for trävelling“.

In der modernen Welt gilt es inzwischen als unfein, andere zu unterwerfen und zieht end – und fruchtlose UN-Resolutionen, sowie das ebenso plakative wie nutzlose Engagement alternder Künstler nach sich. Heute möchte man, zumindest im aufgeklärten Westen, integrieren. Zu wissenschaftlich: „inkulturieren“.

Wir stellen also den Fremden in unserem Haus nicht mehr vor die Wahl, entweder Schwein zu essen oder eins in die Fresse zu kriegen. Heute versuchen wir ihn von den Vorteilen, leckeren Schweinefleischs zu überzeugen. Natürlich kann er auch verhungern, seine Wahl.

Ungeschoren kommt niemand davon beim Kulturkontakt. Weder das Eigene noch das Fremde. Der Kontakt zu anderen Kulturen war schon immer ein Motor des Kulturwandels. Wie ich ja schon ausführte, verändert sich Kultur ständig. Aber Veränderung erzeugt Angst. Schon Plato träumte von seinem  idealen, weil ursprünglichen, Staat und die Aufklärung war bekanntermaßen auf der Suche nach dem „Urzustand“ des Menschen, weil jede Veränderung immer eine Veränderung zum Schlechten sei. Und wann hat sich die Welt, die Kultur, je schneller verändert als, sagen wir, in den letzten 20 Jahren? Die gravierenden Veränderungen seit dem Ende des Kalten Krieges muss ich wohl nicht im Einzelnen ausführen. Da würden auch 475 Seiten und 1200 Fußnoten nicht ausreichen. Aber die gravierendsten sind natürlich in zwei Symbolen zu finden, die alles überstrahlen mit ihrem Angstpotenzial: Globalisierung und 9/11.

Wird fortgesetzt …

21.2.2011: Yes, it’s fucking political!


Moin.

Wie ihr ja wisst, bin ich seit neuestem Mitglied bei den Grünen in Coburg. Mein Freund S. und Lapis hatten sich verschworen, damit ich a) etwas Sinnvolles aus meiner vielen Zwangsfreizeit mache und b) mal aus dem Haus und c) unter echte Menschen komme.

Das erste Treffen der Partei habe ich hinter mich gebracht. Es gab zwar keine Untertitel, aber S. hat hin und wieder aufgeschrieben, worum es ging. Das interessiert hier niemanden, aber mein erster Eindruck war, dass Parteiarbeit sehr, um es mal euphemistisch auszudrücken, „nah an der Realität“ ist. Ich war an der viel zitierten „Basis“ angekommen.

Zum Glück musste ich nicht, wie S. angedroht hatte, die Website der Grünen hier „machen“, denn in der Tat „machen“ das andere Leute, die viel profesioneller sind als ich das könnte. Dafür wurde ich in das Orts-Pendant eines Ausschusses gesteckt, der hier „Arbeitskreis“ heißt. Und zwar in den AK „Öffentlichkeitsarbeit“.

Der traf sich auch in der letzten Woche bei uns in der Küche. Sagte ich schon „nah an der Realität“? Die sah dann auch so aus, dass alle möglichen Ideen, die ich mir zurecht gelegt hatte, and der Klippe des Machbaren zerschellten. Die Klippe besteht vor allem aus zwei Materialien: Geld (und das Fehlen des selben) und Menschen (und das Fehlen der selben). Ich musste erfahren, dass die Grünen in Coburg (~50.000 Einwohner) in eine normale Oberstufenklasse passen würden. Aber wie sagte schon der Herzog von Rochefoucault im 17. Jahrhundert? „In der Politik soll man weniger versuchen, neue Gelegenheit zu schaffen, als die sich bietenden zu nutzen.“(ZITAT!!!!!)

Also habe ich mein hochtrabenden Pläne eingepackt: die großen Paraden durch die Fußgängerzone, die ganzseitigen Anzeigen in beiden Coburger Tageszeitungen und das Projekt, die Veste grün zu verhüllen und mich in das Klein-Klein gestürzt, das machbar ist. Und es macht schon Spaß und gibt mir das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Und weil es wirklich REAL ist, was wir machen, drängt es das Gefühl zurück, welches ich schon länger mit mir herum trage: Irrealität. Ich gehe vielleicht näher darauf ein, wenn ich über Kulturschocks schreibe.

Dass meine beiden Parteifreunde nette Menschen sind, hat mir natürlich  geholfen, meine absurde Nervosität vor dem AK zu überwinden. K. hat mir auf dem Laptop alles aufgeschrieben und beide haben zugehört, als ich meine Ideen, auch die absurdesten, vorschlug und haben nur ganz sanft gesagt:

„Die Coburger Grünen haben gar kein Flugzeug.“

So viel zu meinem Himmelsschreiber-Plan 😦

Ich habe eine neue Kategorie eingeführt: It’s fucking political. Zur Feier des Tages gibt’s ein Video:

Leidkultur


Ende des letzten Jahrtausends erfand der deutsch-syrische Politikwissenschaftler Bassam Tibi die europäische „Leitkultur“. Er fand, dass Europa bestimmte Werte teilt, wie Demokratie, Laizismus, Menschenrechte, Aufklärung bzw.  die Zivilgesellschaft. Das, was wir in Deutschland unter „freiheitlich-demokratischer Grundordnung“ verstehen. Sofort stürzten sich die Medien auf den Begriff und kurz danach die Politik. Die Schlacht um die Deutung dessen, was „wir“ sind und was die „Anderen“ hatte begonnen.

Man kann Herrn Tibi ruhig attestieren, dass er eine Nase für Wörter hat, die sexy sind. „Leitkultur“ rollt einem Politiker nur so von der Zunge, während „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ sich anhört wie dicke Hornbrillen oder SED-Parteitag. Nur der Soziologe Ferdinand Tönnies wird gestutzt haben, der inhaltlich das, was Leitkultur umfasst schon in den 30er Jahren als „Moderne“ definierte. Aber der ist ja tot.

Nun ist die „Moderne“, als Epoche der Vernunft alles andere als unangreifbar. Ich erspare euch die Schlachten zwischen Modernisten, Postmodernisten und der Gegenaufklärung. Man muss aber festhalten, dass sie „gewonnen“ hat und dass bei allen Problemen die Werte der Moderne und der Aufklärung für den längsten Frieden in Europa gesorgt haben. Ever!

Warum hat man außerhalb der esoterischeren akademischen Kreise kaum etwas davon mitbekommen, dass wir als Europäer eine große Kulturleistung teilen? Weil die Zeit noch nicht gekommen war. Ende der 90er Jahre war die Globalisierung noch nicht so richtig in Fahrt gekommen, es gab den Euro als sichtbarstes Zeichen der Moderne noch nicht und das Feindbild „Kommunismus“ war noch nicht durch „Islamismus“ ersetzt. Das „Boot“ war noch „voll“, „Deutschland“ sollte den „Deutschen“ gehören oder, wie es die anderen sagten, „nie wieder Deutschland“ und zur Hölle mit den Prädikaten. Deswegen war wohl die Debatte um eine „deutsche Leitkultur“, die der Moped-Rowdy Friedrich Merz im Jahr 2000 entfachte auch kein langes Leben vergönnt. Was Deutschland so nötig hatte wie eine Oktoberrevolution, war eine Debatte, die den Faschisten in die Hände spielt.

Unsere große gemeinsame Kultur entdeckten bestimmte Politiker und dann deren Anhänger in der Zeit nach dem Fall der WTC-Türme. Zwar kam die „deutsche Leitkultur“ noch ein paar mal aus der Mottenkiste, vor allem bei den Intregrations- und Zuwanderungsdebatten, Aber wenn das Abendland in so akuter Gefahrt schwebt (mal wieder), müssen sich die aufrechten Europäer von Den Haag bis Budapest bis Berlin-Mitte.

Worte sind die Bausteine der Wirklichkeit. Was in „Leitkultur“ mitschwingt ist natürlich „leiten“. Führen. Die Leitkultur ist der Boss, der Anführer. Und Kultur ist alles Positive was „wir“ (ein entsetzlich schwammiges „Wir“, in etwa wie „Wir sind Papst“ oder „Wir sind Dritte bei der WM“) je gemacht haben. Leitkultur macht uns, zu den Chefs, die „anderen“ werden geleitet, haben sich anzupassen.
Wer sind „wir“? Na, alle die sich zu den Werten der europäischen Kultur bekennen. Und keine Moslems sind. Denn Moslems, wie wir ja heute wissen, können keine Demokratie, keinen Laizismus, keine Menschenrechte, keine Aufklärung und keine Zivilgesellschaft. Wie Herr Sarrazin festgestellt und so wunderschön mangelhaft „belegt“ hat, sind Moslems viel zu dumm dafür. Und hört mir auf mit der Türkei, die verstellen sich nur. Und die Araber, die gegen ihre vom Westen gestützten Unterdrücker aufstehen (aufrechte Verteidiger der Werte Rousseaus allesamt) sind potenziell islamistische Terroristen.

Wenn man genau hinschaut, dann ist die „europäische Wertegemeinschaft“ genau so eine Chimäre wie der „Islam“. Verzeihung, man muss nicht mal genau hinsehen. In Wirklichkeit ist allein der Gedanke absurd. Ebenso wie eine x-beliebige Religion oder Ideologie sind die Werte natürlich hehr. Aber ein Realitätscheck sollte einen intelligenten Menschen sofort auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Italien? Ungarn? Demokratie? Irland? Laizismus? Grenzpolitik? Menschenrechte? Oder was hat die deutsche Bildungspolitik mit den Werten der Aufklärung zu tun?

Die Gefahr der „Leitkulturdebatte“ ist eben ihre Schwammigkeit. So hat der Verfassungsrechtler Ulrich K. Preuß festgestellt, dass die Idee der „Wertegemeinschaft“ die Rechtssicherheit aller Menschen untergrabe, die nicht mehr aufgrund der Staatsbürgerschaft, sondern aufgrund verschwommener „kultureller Zugehörigkeit“ gewährleistet werden könnte. Der eigentliche Skandal der Leitkulturdebatte, so Preuß, sei dass nicht mehr das Grundgesetz den Rechtsrahmen bilde, sondern eine imaginäre Wertegemeinschaft.

Da wird dann schnell mal das „christlich-jüdische“ Wertesystem herangezogen, dass sich vollkommen von anderen, implizit oder explizit islamisch je nach Schamgrenze des Senders, unterscheidet. Darüber wurde schon viel geschrieben. Mit bleibt festzuhalten, dass damit eine der großen Errungenschaften der Moderne, bzw. der europäischen Kultur ausgehebelt wird, nämlich die Unabhängigkeit politischer Diskurse von religiösen.

Überhaupt reißen die „Verteidiger des Abendlandes“ mit Wollust ein, wofür sie behaupten zu stehen. Religionsfreiheit? Sicher, aber nicht für Muslime. Menschenwürde? Im Prinzip schon. Flüchtlinge sind aber irgendwie noch keine, oder? Gleiches Recht für alle? Nur, wenn „alle“ die richtige Hautfarbe, Staatsangehörigkeit oder Religion haben. Der Rest, na ja, ist ungleicher.

Wird fortgesetzt mit „Ak- und andere Kulturationen„.

4.2.2011: Skeltem in Grün


Hallo Alle.

Nach einigem Zagen und Zaudern bin ich dann doch bei Bündnis90/Die Grünen eingetreten. Vor allem nachdem ein Freund, der schon lange Parteimitglied ist mir den Antrag in die Hand drückte und Lapis meinte: „Tritt ein. Kommste mal aus dem Haus.“

Ich bin zwar schon ewig ein Sympathisant, ich habe nur ein Mal nicht grün gewählt, aber eintreten wollte ich nie. Ich bin nicht so ein Gruppentyp. Aber ist eigentlich Quatsch. Ich habe (zu) viel Zeit, ich kann das Programm der Grünen nur unterstützen und bei dem Zuspruch, den Partei gerade bekommt wird die Personaldecke schon dünn.

Für die Miszellen ändert sich nichts, das hier ist mein Blog und kein Parteiorgan. Vielleicht bin ich in Zukunft etwas besser darüber informiert, wie Politik gemacht wird. Sprich: noch zynischer.

Im Ernst. Es wird sicher interessant zu sehen, wie Politik „gemacht“ wird und ein bisschen daran teil zu haben. Ich stelle mir aber die Parteiarbeit recht schwer vor, wenn man die Kollegen nicht hören kann. Die Ortsgruppe trifft sich in einem Lokal. Ich hoffe auf Untertitel.

Meine weit reichende Kompetenz in Internet-Fragen (ein Blog!) hat mir schon die erste Drohung, äh, das erste Anliegen der Partei eingebracht. Ich soll wahrscheinlich die Website der Coburger Grünen „machen“.

Ich bin entzückt. Nein, wirklich.

Grüne Grüße,
Skeltem

Das Leid an der Kultur


Meine nächste „große“ Miszelle heißt „Leidkultur“ und beschäftigt sich, wie der Name dezent andeutet mit der „Leitkultur“ Schimäre. Aber bevor ich in medias res gehe, will ich etwas wichtiges geklärt haben: wtf ist eigentlich „Kultur“?

Ok, das waren jetzt genug Gänsefüßchen in einem Absatz. Ab hier setzt einfach eure eigenen, ok?

Als Erstsemester der Ethnologie bekommt man eben diese Frage um die Ohren gehauen. Ethnologie als Wissenschaft fremder Kulturen (jede Menge Gänsefüßchen-Material hier) beschäftigt sich mit nichts anderem. Aber wenn man meint, dass die Ethnologie, oder jede andere Kulturwissenschaft, eine griffige Definition ihres Gegenstandes hat, ist man ziemlich auf dem Holzweg. Der letzte Nebensatz war übrigens Kultur in Reinform. Aber weiter.

Als unbedarfter Student mit großen Augen und dem Wunsch, die Welt zu erklären und möglichst ein bisschen besser zu machen bekommt man erst einmal ein nettes Buch zu lesen. Das Buch heißt schlicht „Culture“ (ok, ein paar Gänsefüßchen ….) wurde von den amerikanischen Ethnologen A.L. Kroeber und C. Kluckhohn verfasst und enthält nicht weniger als 300 Definitionen von „Kultur“. Das ist Wahnsinn!, denkt sich der Erstsemester. Wahnsinn? Das ist WISSENSCHAFT!

Wenn dann der erste Schock nachgelassen hat, lernt man, dass, in der Tat, Kultur eine sehr schwammige Sache ist. Aber auch sehr konkret. Kultur umfasst Dinge (materielle Kultur), Beziehungen zwischen Menschen (Sozialkultur), Ideen (keine Idee), Sprache (Sprachkultur) und letztlich alles, was Menschen machen, denken und sie von anderen Menschen in anderen räumlichen Zusammenhängen (das ist wissenschaftlich für „Gegend“) unterscheiden.

Als Kulturwissenschaftler schaut man sich eine Gegend an. Schaut, was die Menschen dort so machen oder nicht machen oder sich gegenseitig aufs Strengste verbieten zu tun, es aber trotzdem irgendwie tun. Guckt, welche ihrer Nachbarn das machen. Man lernt, wie eine Gruppe „Cousin“ sagt, oder stellt fest, dass es für jedes Kind der Elterngeschwister andere Bezeichnungen gibt, je nachdem ob sie vom Vaterbruder, der Mutterschwester oder aus einem anderen Clan sind. Man schaut sich an, was für Körbe sie flechten oder ob sie Tupperware bevorzugen. Sieht sich ihre Fernsehprogramme an, hört ihre Musik, lacht, oder nicht, über ihre Witze. Nimmt ihre Drogen, isst ihr Essen, trinkt ihren Alkohol, notiert, was sie tun, wenn ihnen schlecht ist. Begleitet sie zur Arbeit, feiert ihre Feste, beschreibt, was sie glauben oder auch nicht. Was ihre Nachbarn von ihnen halten, was sie von ihren Nachbarn halten. Wenn man also im Grunde das Leben der Menschen eines bestimmten Ortes beschrieben hat und es vielleicht mit dem Leben bei uns, wo immer das ist, vergleicht hat man eine Kultur erfunden.

Der Ethnologe Roy Wagner hat, treffend wie ich finde, Kultur als einen Prozess beschrieben. Dieser wird von den Menschen selbst in Gang gehalten, indem sie sich über ihre Leben austauschen. Um der Komplexität ihrer Welt gerecht zu werden benutzen sie Symbole, denen sie Bedeutung geben. „Vernunft“, zum Beispiel. Was vernünftig ist, bestimmt der kulturelle Konsens. Vernunft an sich gewinnt Bedeutung durch den Wert, den eine bestimmte Kultur ihr zuweist. So ist Vernunft in Europa zum Beispiel wichtiger als in den USA, wo es andere Symbole gibt, denen mehr Bedeutung gegeben wird. Ähnlich wie Wagner haben auch der deutsche Philosoph Jürgen Habermas und der Soziologe Niklas Luhmann auf die kommunikative Erzeugung von Kultur (oder Gesellschaft via sozialer Systeme bei Luhmann) hingewiesen.

Der andere Punkt, in dem sich fast alle Kulturwissenschaftler einig sind: Kultur verändert sich andauernd. Dazu muss man eigentlich nicht mehr viel schreiben, oder? Trotzdem ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass Kultur kein statisches Gebilde ist, sondern ein stetiger Prozess.

Also, Kultur.

  1. Alles, was Menschen so machen, sagen, denken im Gegensatz zu dem, was andere Menschen machen, sagen, denken. Die Grenzen, die um Menschengruppen gezogen werden, müssen irgendwie sinnvoll sein.
  2. Kulturen sind Erfindungen. Einerseits der Leute, die zu den Kulturen gehören. Andererseits der Leute, die sie beschreiben. Die Ersteren können Letztere sein.
  3. Kultur verändert sich. Mit jeder Folge neuen Folge „Dschungelcamp“, mit jeder Bundestagsrede, Rechtschreibreform, Revolution, Evolution, Devolution, Schulbuch, Theateraufführung, Windowsversion, Apple-Gadget, Kinderlied oder Blogeintrag.

Danke, dass ihr bis hier durchgehalten habt 😉

Und wie war dein Wochenende?


Gesellschaft ist Gewalt, Familie ist die Grundlage der Gesellschaft

Am letzten Wochenende habe ich meinen Freund M. in G. besucht. Es ist immer wieder schön, M. Zu treffen. Leider hat er viel zu tun, so dass wir uns selten sehen.
M. und seine Frau H. haben zwei kleine Mädchen, F. und N. Beim Frühstück am Sonntag wurde ich Zeuge einer Szene, die wohl jeder kennt, der Kinder hat. Die Mädchen sollten sich anziehen. H. hatte für beide Kleider heraus gelegt. N., die jüngere zog sich artig das Sonntagskleid an, das ihre Mutter heraus gelegt hatte. F. dagegen schien plötzlich von einem Schlag getroffen. Sie schrie auf und rannte laut heulend aus ihrem Zimmer in das Wohnzimmer, H. hinter ihr her. H. redete auf sie ein, aber F. war untröstlich. Dann verschwanden beide wieder und ich bekam nur Geschrei mit.
Während dieser ganzen, für mich höchst beunruhigenden, Szene saß M. ungerührt am Tisch und aß sein Brötchen.
Etwas irritiert fragte ich ihn: „Was ist denn da passiert? Hat F. sich verletzt oder so etwas?“ Resigniert antwortete er: „Nein, sie mochte das Kleid nicht, das H. für sie raus gelegt hat.“
„Und das geht jedes mal so?“
„Ja.“
Kurz darauf kam F., nun versöhnt, mit einem anderen Kleidchen ins Esszimmer. H. war sichtlich erschöpft.
Ich musste daran denken, dass Maurice Bloch geschrieben hat, dass bestimmte Gesellschaften sich auf ritualisierter Gewalt gründeten. Ich frage mich, ob er Kinder hatte.

Ich will ihn nicht im Gesicht haben!

Auf der Rückfahrt waren die Züge wieder einmal übervoll. Meine Agoraphobie muckte hin und wieder auf und ich versuchte, so gut es ging, die qualvolle Enge im Abteil zu ignorieren. Einatmen – was hat der denn gegessen? Ugh – Ausatmen – Einatmen – Moment, ist das mein Hintern? – Ausatmen – einatmen – He, das Deo wurde schon erfunden! – Ausatmen.
Auf der Strecke nach Saafeld hatte ich Glück und ergatterte einen Sitzplatz. Der Zug war einer dieser neuen Großraum-Nahverkehrszüge, die aussehen wie übergroße Straßenbahnen. Vielleicht kennst ihr die? Mit viel Platz über den Köpfen (meine Agoraphobie atmete auf) und großer Stellfläche für Fahrräder. Am letzten Sonntag war einigermaßen schönes Wetter, deswegen waren viele mit dem Fahrrad unterwegs und die Stellfläche füllte sich. Genau vor mir. Nun gut, der Zug war nicht so voll wie der letzte und in Saalfeld war eh Endstation, also keine Panik. Dann kamen die Profifreizeitradler mit ihren Mountainbikes.

Die Bikes waren wahre Monster von Fahrrädern. Wenn Mad Max je das Benzin und das Testoteron ausgegangen wären, würde er so etwas fahren. Und dreckig! ‚Schaut her‘, sagten sie,’wir haben heavy action gesehen. Wir sind die Veteranen jeder Pfütze des Thüringer Waldes. Don’t mess with us, Fußgänger.‘ Ich vermute, ihre Besitzer kultivieren den Schlamm irgendwie. Die waren dann auch sehr professionell angetan in Fahrradhelm, gelben Trikots (lol) und Radlerhosen.
Um, Radlerhosen. Enge Radlerhosen. Direkt .. vor .. meinem .. Gesicht. Und es stiegen immer mehr Leute ein. Die Hosen kamen immer näher. Um.
Ich bin mir meiner Sexualität ziemlich sicher. Und nach Sonntag war ich mir noch viel sicherer. Das nächste Mal stehe ich lieber.

Spass mit der Bahn, die 23526.

Wann verübt jemand endlich einen Anschlag auf die „Bitte Durchsagen beachten“-Schilder? Ich habe ja nichts gegen ein wenig Adrenalin. Aber dieses dauernde Raten, was das Geplärre bedeutet, dann das Lesen der entsetzten Hörer-Gesichter und die Entscheidung, ob ich mich jetzt der Stampede anschließe oder ob die einem völlig anderen Zug gilt geht mir langsam auf den Sack. Schon für den normalen Bahnkunden ist Zugfahren ja ein Glücksspiel geworden. Für Behinderte ist es wie Russisches Roulette.
Vielleicht können sie von der nächsten Preiserhöhung mal ein bisschen mehr Plan kaufen. HAHAHA.

Den Spießer umdrehen


Das Interessante an Spießern ist, dass, egal welche Definition man anwendet, man selber niemals dazu gehört. Generell scheinen Spießer zum Beispiel immer älter zu sein als man selbst. Ab einem gewissen Alter jedoch wird der Raum nach oben eng und man fängt an, von den „jungen Spießern“ zu reden und wie revolutionär und vor allem unspießig man in deren Alter doch war. „Die Jugend von heute“ – reloaded.

Abgesehen davon, dass der Spießer immer der Andere ist scheint es aber kaum eine einhellige Meinung darüber zu geben, was nun genau spießig ist. Sicher, es gibt Symbole für Spießigkeit: der Jägerzaun, Gelsenkirchener Barock, Stammtische, die Kehrwoche. Aber wenn ich diese Liste ansehe, spricht daraus eigentlich nur, was ich spießig finde. Und was man heute so eigentlich auch gar nicht antrifft.

Vielleicht hilft es, wenn man zurück zu den Ursprüngen geht. Der Spießer war zu Beginn der Neuzeit ein Bürger, der zur Verteidigung seiner Stadt in Regimenter gesteckt wurde, die ihre eigenen Spieße (oder Piken) zu stellen hatten. Die Bürger sahen ihrerseits auf die Habenichtse herab, die vor der Stadt wohnten und noch nicht mal einen Spieß besaßen. Die Spießer oder Pikeniere wurden gegen die anreitende Kavallerie eingesetzt, die meistens aus Adeligen, aber immer wohlhabenden Kombattanden bestanden. Neben den Spießern und der Kavallerie gab es noch die Spezialisten Musketiere und Artillerie, gut bezahlte Berufssoldaten. Die Spießer waren also „der kleine Mann“. Und weil die Spießreihen nur funktionierten, wenn man dem Gegner eine entschlossene Front bot, durfte niemand aus der Reihe tanzen.

Historisch sind die Spießer also Bürger, die gegen die Oberschicht eingesetzt wurden (es kam eher selten vor, dass Pikeniere gegen andere Pikeniere kämpften) und auf die Armen herabsahen. Dabei war es für sie wichtig, dass alle in Reih und Glied blieben. Militärdienst garantiert Bürgerrecht!

Spießertum ist eng mit Bürgertum verknüpft. Die Idylle der Spießer: das eigene Haus, Auto, der bescheidene Wohlstand, 1,7 Kinder und der Urlaub, zwei Mal im Jahr, an wohlbekannten Orten. Der Traum der Mittelschicht.

Spießer, so könnte man es vielleicht sagen, sind Bürger, die außer Kontrolle sind. Die bürgerlichen Ideale wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit werden von den Spießern zu sozialer Kontrolle, Konformismus und Opportunismus verdreht. Statt Humanität, Gerechtigkeit, Sittlichkeit wie sie die großen bürgerlichen Autoren der Aufklärung (z.B. Lessing oder Schiller) propagierten finden sich im Herzen der Spießer Heuchelei, Bigotterie und Prüderie. Statt Aufklärung Borniertheit.

Spätestens jetzt sollte klar sein, dass der Spießer, der dunkle Bruder des Bürgers, tatsächlich eine Karikatur ist. Wer auch immer ihn sich hat einfallen lassen wollte vielleicht zeigen, was passieren kann, wenn man die Bürger ermächtigt. Der Spießer, der Bourgois, der „Normalverbraucher“ steht zwischen den „gottgewollten Herrschern“ und „den unterdrückten Massen“. Er ist der Wächter des Status Quo. Seine Waffen sind üble Nachrede, das kleine bisschen Macht, das er von oben bekommt und welches er weidlich ausnutzt, geschürzte Lippen, abwertende Kommentare, Leserbriefe und ein unerschütterlicher Glaube, dass er im Recht ist. Wenn Spießer herrschen, kann man die Hölle auf Erden erleben.

Aber wie bei jeder Karikatur sind auch die Spießer nur verzerrte Bilder von tatsächlich existierenden Vorbildern. Als ich vor ein paar Jahren an der Uni arbeitete, kam eine Studentin auf mich zu, ob sie sich ein paar Kopiervorlagen mit nach Hause nehmen dürfe. Es war Freitag und die Kopierer waren bereits abgeschaltet. Meine Antwort war, dass sie sich das doch früher hätte überlegen können. Worauf die Sekretärin dem Mädchen die Unterlagen gab und laut zischte: „Skeltem. Ich wusste gar nicht, dass Sie so ein Spießer sind.“ Autsch. Und jede Woche aufs Neue verspüre ich den Drang, meinen Hausbewohnern scharfe Zettel zu schreiben und beim Müll aufzuhängen.

Spießigkeit ist nicht, ein Haus in der Vorstadt zu besitzen. Nicht mal mit Jägerzaun. Wenn man in Gelsenkirchener Barock sitzt, hat man vielleicht einen, äh, unmodernen Geschmack. Einem Dackelzüchterverein beizutreten bedeutet vielleicht nur, dass man einen Fetisch für Tiere mir krummen Beinen hat. Spießig wäre, das eigene Leben zum Maß aller Dinge zu machen. Abweichungen mit allen Mitteln zu bekämpfen und sich selbst nie in Frage zu stellen.

Das deutlichste Merkmal eines Spießers ist übrigens seine Humorlosigkeit 😉

Glaubensarbeit


Die Weihnachtsgeschichte von Montag habe ich nicht nur erzählt, um euch mit einem Schwank aus meiner Jugend zu unterhalten. Meine damalige Naivität ist aus heutiger Sicht vielleicht komisch, aber letztendlich demonstriert sie, wie Glauben funktioniert. Glauben ist Arbeit.
Die landläufige Meinung der aufgeklärten Bevölkerung geht dahin, dass Menschen, die einer religiösen Weltanschauung anhängen als ein bisschen rückständig oder naiv angesehen werden. Sie machten sich nicht die Mühe, Fakten zu erforschen, sondern würden einfach das akzeptieren, was man ihnen in ihren Tempeln vorsetzt. Das ist vor allen Dingen amüsant, weil diese Urteile häufig von Menschen kommen, die naiv akzeptieren , was ihnen ihre Schulweisheit so beigebracht hat, ohne dass sie selber die geringste Ahnung von den „Fakten“ haben. Oder dass sie damit selber einen Glauben ausdrücken. Den Glauben an eine geordnete Welt, die von der menschlichen Vernunft (irgendwann einmal) genau erfasst und durchschaut werden kann.
Tatsache ist, dass Glauben, auch religiöser Glaube, erarbeitet werden muss. Eine der bahnbrechendsten, und heute eigentlich selbstverständlichen, Erkenntnisse des in diesen Tagen verstorbenen Ethnologen Claude Lévi-Strauss war, dass es eine universelle Rationalität gibt. Gesunde Menschen denken rational, d.h. Zweck orientiert, zielgerichtet und vernünftig. Auch, und das war die Sensation, sog. Primitive.
Unsere Vernunft ist ein Mittel zum Überleben. Rationalität ist geboren aus dem Gedanken: „Was muss ich tun, damit ich mein Ziel erreiche?“ Welche Kenntnisse helfen mir dabei? Ich muss mich mit der Welt auseinandersetzen, um ihr das zu entreißen, was ich brauche. Um bei unserem Thema zu bleiben: Welcher (religiöse) Glaube nützt mir mehr?
Religionwissenschaftler haben sich gewundert, warum die monotheistischen Religionen solch einen Siegeszug angetreten haben. Die Antwort ist aber relativ banal: weil es vernünftiger war, an einen Gott zu glauben.
Der Glaube an den einen Gott einigte die Stämme Israels und hielt sie auch in den schwierigen Zeiten der Vertreibung und der Gefangenschaft zusammen. Hätten sie an verschiedene höhere Wesen geglaubt, wäre der Zusammenhalt bei weitem nicht so stark gewesen und sie wären irgendwann in den anderen Ethnien des Nahen Osten aufgegangen.
Die Christen waren einig in ihrem Glauben, als Rom auseinander fiel. Kaiser Konstantin machte das Christentum zur Staatsreligion, um sein zerbröckelndes Reich zu retten.
Im frühen Arabien gab es einen regelrechten Marktplatz der Götter. Sein Zentrum war die Stadt Mekka. Die Kaufleute Mekkas verdienten gutes Geld mit den Gläubigen, die von überall her strömten, um an der Ka’aba zu beten. Da trat Mohammed mit der Botschaft auf, dass es nur einen Gott gäbe. Das verdarb das Geschäft und sie vertrieben den lästigen Propheten samt seiner Anhänger. Yathrib (Medina) war der größte Konkurrent Mekkas und nahm Mohammed mit offenen Armen auf. Was wie eine feindliche Übernahme begann,, wurde zur Weltreligion.
Das Problem bei der Rationalität ist, dass etwas, was für die eine Gruppe vernünftig oder rational ist noch lange nicht für alle gelten muss. Meine Aufzählung oben spricht die Rationalität der aufgeklärten Europäer an, aber streng gläubige Juden, Christen oder Moslems würden Anstoß daran nehmen, weil ich die Tatsächlichkeit der religiösen Erfahrung, unter anderem, weg gelassen habe.
Und hier kommen wir wieder zum kleinen Skeltem. Ich haben versucht, aus dem Wenigen, das ich „wusste“ (es gibt das Christkind, er ist ein Säugling, er bringt Geschenke) eine rationale Kette aufzubauen. Wenn meine Eltern und Großeltern religiöser gewesen wären, wäre meine Idee von den Ereignissen vielleicht stringenter und vernünftiger (in unserem erwachsenen Sinne von Vernunft) gewesen. Aber mir, dem 4-5jährigen, reichte meine Erklärung. Sie war für mich vernünftig und ging in den Vorrat kindlicher Tatsachen ein.
Auch wenn es nur der Glaube an das Christkind war, so war es Glaubensarbeit. Die Arbeit bestand darin, nicht nur die verschiedenen bekannten „Tatsachen“ zu glauben, sondern die Lücken zu schließen, die zwischen den Tatsachen klafften. Wie kann ein Säugling Geschenke tragen? So verschwurbelt das Endergebnis war, es war eine rationale Erklärung.
Heute denke ich, dass ich mich nicht so sehr für Religion interessieren würde, wenn ich damals ein komplettes Bild von den Ereignissen hätte vorgesetzt bekommen. Die Arbeit, aus dem Unmöglichen eine unwahrscheinliche Kette zu basteln hat mich vielleicht auf den Geschmack gebracht.
Religiöse Menschen, das wird unsere Atheisten vielleicht wundern, leben nicht in irgend einer Phantasiewelt, sondern in der Wirklichkeit, die wir alle teilen. Ihren Glauben müssen sie ständig an den Tatsachen messen und anpassen. Sie beurteilen, was sie erfahren und ziehen vor dem Hintergrund ihres Glaubens eigene rationale Schlüsse. Genauso wie es Menschen gibt, deren Erkenntnisinteresse nicht von den Offenbarungen der Götter oder vor dem Hintergrund der beseelten Natur befriedigt wird. Diese versuchen durch Beobachtung und Experimente eine Welterklärung zu finden.
Die meisten Menschen allerdings scheuen die Glaubens- und Erkenntnisarbeit. Sie sind zufrieden einfach alles auf der Basis „es steht geschrieben“ oder „der gesunde Menschenverstand sagt mir“ zu akzeptieren. Diese können an Gott glauben oder an [Land/Ideologie eurer Wahl] oder daran, dass die menschliche Vernunft alles erklären kann. Diese Trägheit ist keiner Weltanschauung verbunden, sondern ein fester Bestandteil der Conditio Humana. Wer keine Zweifel hat, ist glücklicher.