Gelesen > A Dance with Dragons


Ab Seite 500 geht er dann doch ab, der Tanz mit den Drachen. Das heißt, so ziemlich nach der Hälfte der lang ersehnten Fortsetzung von George R. R. Martins „Song of Ice and Fire“-Epos kommt langsam so etwas wie Spannung auf. Ach.

Was hatte ich mich gefreut! Fünf Jahre habe ich auf „A Dance with Dragons“ (ADWD) gewartet. Meine Begeisterung für die SIF-Serie habe ich damals ja schon zum Ausdruck gebracht. Nun, bei ADWD muss zumindest niemand befürchten, lesenderweise den Geburtstag seiner Mutter zu verpassen. Oder diesen langweiligen Film im Fernsehen.

Na gut, besser als Fernsehen ist es doch, vor allem in der zweiten Hälfte. Da entwickelt das Buch auch wieder Schmöker-Qualitäten. Vorher aber ist es nur mit kognitiver Dissonanz zu ertragen. Ihr wisst ja: wenn man schweine viel Geld für etwas bezahlt hat, oder seinen Jahresurlaub opfert, dann muss das einfach toll sein. Auch wenn das Auto ab der zweiten Woche dauernd in die Werkstatt muss oder die Fiji-Inseln kein Südseeparadies sind, sondern ein Moskito verseuchter Alptraum aus Beton, unfreundlichen Menschen und 42° im Schatten bei 150% Luftfeuchtigkeit.

Natürlich kann das auch ins Gegenteil umschlagen, in übertriebene Enttäuschung. Ähem.

Also von vorne. Ich versuche, so wenig wie möglich zu spoilern, aber wer bisher nur die „Game of Thrones“-Fernsehserie kennt und sich die Spannung nicht verderben will, sollte zum Fazit vorscrollen.

Wer sich mit der SIF-Serie befasst, weiß natürlich, dass ADWD nicht Teil 5 ist, sondern Teil 4.2. 4.1 war das vor fünf Jahren erschienene „A Feast for Crows“ (AFFC). In AFFC erzählt Martin, wie es im Süden der Seven Kingdoms nach dem Ende des „War of the five kings“* weiter geht. ADWD sollte den gleichen Zeitraum umfassen, nur im Norden und jenseits der narrow sea. Allerdings führt Martin die Geschichte dann doch weiter (etwa ab Seite 500) und man erfährt z.B. wie es mit Arya, Cersei, dem Kingslayer und anderen Figuren aus AFFC weiter geht. Also ist ADWD eher zwei Bücher. Dick genug ist es.

Wer aufgepasst hat merkte, dass das Buch etwa zu dem Zeitpunkt spannend wird, als es wirklich zum fünften Teil der Serie wird. Vorher liest es sich wie Melasse. Das liegt vor allem daran, dass Martin einfach nichts einfallen will. Man kann dabei zusehen, wie er mit der Schreibblockade ringt.

Inhaltlich äußert sich das im völligen Stillstand der Geschichte. An den beiden Hauptschauplätzen, der Mauer und Mereen, geht nichts mehr. Jon Snow ist von Stannis und seinen eigenen Leuten blockiert und als er einen Befreiungsschlag unternimmt, endet das … nicht so gut. Daenerys sitzt auf ihrem Thron und zagt und zaudert. Ihre Drachen werden bald weg gesperrt und so tanzt nichts und niemand mehr. Selbst eine meiner Lieblingsfiguren, Tyrion Lannister, wird zu einem langweiligen Säufer degradiert. Und weil ihm nichts einfällt, wiederholt Martin immer und immer wieder das, was mal gut an seinen Büchern war.

Als ich das erste Mal „… for the night is dark and full of terrors“ las, lief mir ein Schauder den Rücken runter. In ADWD wir R’hllor so oft angerufen, in endlosen langweiligen Litaneien, dass ich angefangen habe, ganze Seiten zu überspringen. Martins wenig zimperliche Art, Gewalt nicht zu beschönigen, wird durch die Reek-Figur und den Winterfell-Schauplatz zu einer Art Folter-Porno. Und der eine gute Einfall, Reek, halb wahnsinnig, mit seiner Identität ringen zu lassen, wird ad absurdum geführt durch die ständige Wiederholung von „My name is Reek, it rhymes with [weak/freak/meek/etc.]“.

So, das war genug Enttäuschung. Es gibt auch Gutes zu sagen über ADWD. Die Storyline an der Mauer war schon spannend, auch im ersten Teil. Und als Martin dann doch eingefallen ist, wohin er mit der Geschichte will, konnte ich stellenweise das Buch nicht aus der Hand legen und rief ein paar Mal „Lapis‘ gewölbte Augenbrauen des Todes“ hervor.

Leider fiel ihm dann aber zu viel ein. Der zweite Teil ist stellenweise ein Teppich, der am Rande ausgefranst ist. Überall lose Enden. Statt diese aber abzuschneiden oder einzuweben, ribbelt Martin das Gewebe weiter auf.

Im Vorwort äußert er die Hoffnung, in „Winds of Winter“, dem nächsten Buch, alle Personen und Schauplätze wieder unter einem Deckel zu versammeln. Nach der Lektüre von ADWD bin ich skeptisch, ob ihm das gelingt. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ich werde die nächsten Teile sicher lesen. Nur wie ein kleiner Junge an Heiligabend, werde ich bestimmt nicht mehr auf George R.R. Martin’s Bescherung warten.

 

 

 

 

 

 

*Ich benutze die englischen Begriffe, weil ich die Serie nur auf englisch gelesen habe und Verwirrung vermeiden will.

 

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Gelesen > Sexualität und Christentum (soweit ich es ertragen habe)


Vor vielen Jahren, es waren die lahmen 80er, fiel mir in der Stadtbücherei ein dickes Buch in die Hände, das verkündete, das Wissen und die Macht eines geheimen Ordens zu kennen. Der Orden: die Tempelritter (natürlich!). Der Gral war das Geheimnis, Jesus Christus sei als Pater Familiaris in einem Ashram in Indien im hohen Alter gestorben. Im Kreise seiner Kinder und seiner Frau Magda.

Ehrlich gesagt, die Pointe des Buches war ein ziemlicher Antiklimax. Ich hatte irgend etwas im Stile der Illuminaten erwartet. Jesus interessierte mich nicht so. Und ob er nun am Kreuz gestorben ist oder – leicht übergewichtig, das schüttere Haar immer noch lang, ab und zu kichernd im Neuen Testament blätternd – auf Goa, war mir egal. Immerhin war das Buch recht spannend geschrieben. Eine Ritterpistole, die auf echten Mythen beruht, die lose auf historischen Fakten basieren. Viel „man könnte sagen“ und “wenn man davon ausgeht, dass ..“ und natürlich auch „Aber was war auf dem Heuwagen? Forscher sagen heute ….“ Man kennt das aus „Galileo“.

Als ich die ersten ca. 20 Seiten von Dan Browns „Da Vinci Code“ gelesen hatte, wusste ich, worauf es hinaus läuft. Das Buch war trotzdem in der ersten Hälfte kurzweilig, dann übertrieb er es einfach mit immer neuen Wendungen, die nicht wirklich überraschend waren. Ein Trivialroman, der auf einem vergessenen populär“wissenschaftlichen“ Buch beruhte. Das einzige, das mich ärgerte, was der Erfolg Browns, bzw. dass er diesen mit so einem mittelmäßigen Roman erzielte. Aber die meisten erfolgreichen Dinge sind ja im besten Fall Mittelmaß.

Jetzt habe ich so viel zu anderen Büchern geschrieben und erwähne hier zum ersten Mal „Sexualität und Christentum“. Genau darum:

Dan Brown erregte […] gewaltiges Aufsehen. Er vertritt [in „Sakrileg“], Jesus sei verheiratet gewesen und habe Kinder gehabt. Dieses Buch ist […] als Roman klassifiziert, aber die Ausgangsposition dieser phantasievollen Erzählung ist […] plausibel.“ (19)

Dann ergeht sich der „Professor für Pastoraltheologie“ Raymond J. Lawrence Jr. Darin, dass die „Mutmaßung“ Browns hinsichtlich des Familienstandes JC’s „vermutlich“ „am ehesten“ zutreffe. In der Bible finden sich zwar keine Belege, aber „außerkanonische Texte“ (er nennt das Philippusevangelium) erwähnten eine „besondere Beziehung“ zu Maria Magdalena. Man könne das nicht so einfach als unhistorisch abtun.

Doch kann man. Genauso wie den Rest zumindest der ersten beiden Kapitel, die zu lesen ich ertragen habe. Es gibt keine Quellenarbeit oder zumindest Bibelexegese nach der historisch-kritischen Methode. Es gibt viele Vermutungen, Auslegungen und vor allem absolut unwissenschaftlichen Induktionen. Lawrence hat eine Agenda: die christliche Sexualmoral sei „falsch“ und beruhe auf willkürlich missverstandenen Lehren, bzw. kulturellen Traditionen, die nichts mit Jesus zu tun hätten. Diese Agenda bestimmt seine Argumentationslinie und, Mann, ist das eine miese Argumentation. Seine Quellen würden in eine Proseminarsarbeit passen, aber nicht zu einem ernst gemeinten Beitrag zur Religionsgeschichte. Seine Bibelzitate zum Beispiel stammen aus einer Übersetzung. Natürlich ist ein amerikanischer „Professor“ ein etwas besserer Lehrer, aber ich musste für meinen Magister in Religionsgeschichte mein Latinum (nach)machen und jeder Theologe muss

die „drei Sprachen der Kreuzesinschrift“ (Latein, Altgriechisch, Hebräisch) kennen. Jeder Historiker, Religions- und andere, ist vor allem von Quellen abhängig. Wenn man nicht eng an den Quellen arbeitet, kommt so etwas wie „Sexualität und Christentum“ heraus: ein spekulatives, von persönlichen Interessen geprägtes Schein-Sachbuch.

Wie gesagt: es ist mir persönlich egal, ob Jesus nun Single, Familienvater oder schwul war. Mich interessiert das Thema als Religionswissenschaftler, der plötzlich feststellen musste, dass er mehr über den Buddhismus als über das Christentum weiß und diesen Makel beheben will. Aber ich kann es auf den Tod nicht ausstehen, verarscht zu werden. Und nach der Lektüre der Einleitung, der ersten beiden Kapitel und dem Schluss des Machwerkes komme ich mir unglaublich verarscht vor.

Und ich habe den Vorteil, mich auszukennen. Die Fehlleistung „Professor“ Lawrences wäre mir zumindest nicht so krass ins Auge gefallen, wenn ich nicht parallel Diarmaid McCullochs „Christianity: The First Three Thousand Years“ lesen würde. Kein unumstrittenes Buch, aber etwa 10.000 mal besser recherchiert als „Sexualität und Christentum“ mit einem Apparat den man auch benutzen kann.

Was mich besonders wütend macht, ist dass Laien meistens nicht zwischen den gut recherchierten, wissenschaftlichen Büchern und dem Schrott unterscheiden können. Meine Mutter wollte sich über den Islam informieren und fragte mich, ob „dieses Buch“ gut sei. Ich schlug die erste Seite auf, las der ersten Absatz, in dem der einzig „erfolgreiche“ Kreuzzug (der erste) als Misserfolg abgetan wurde und konnte sofort sagen: „Nein“. Manchmal frage ich mich, ob die Sachbuchverlage mittlerweile die Position von Lektoren an Gymnasiasten vergeben.

McCulloch hat übrigens auch etwas zu Dan Brown gesagt:

Some overexcited modern commentators and mediocre novelists have even elevated her [Maria Magdalena] (on no good ancient evidence) to the status of Jesus’s wife“. (116)

Gesehen > Keine deutschen Filme auf DVD


Ok, ich hätte auch schreiben können, dass ich keine DVDs mit kasachischen Filme mehr sehe. Allerdings habe ich die Vermutung, dass Kasachstan bessere Filme macht und, vor allem, sie untertitelt. In bekannten Sprachen. Wie uigurisch.

Ne, im Ernst. Ich bin wirklich sauer auf die deutschen Filmfirmen. Die meisten davon sponsore ich sogar noch mit GEZ-Gebühren, weil da die Öffentlich-Selbstgerechtlichen ihre Finger im Spiel haben. Da will man dann den einen oder anderen sehenswerten „deutschen“ Film sehen, wie „Gegen die Wand“ oder „Soul Kitchen“ oder „Alle Anderen“ und stellt fest, dass man zwar mit zwei Jahren Türkisch lernen alle Untertitel von Fatih Akins großem Erfolg lesen kann, aber alle anderen genannten sind wieder typisch deutsch-arrogant nur in einer (Laut)sprache zu bekommen.

Als kleinen Exkurs könne ich mich auch endlos darüber aufregen dass zum Beispiel in den Fernsehfilmen, und nicht nur im Degeto-Schund, alle Menschen auf der Welt wie selbstverständlich deutsch reden. Erst vor zwei Wochen gab es einen an sich ordentlichen Film mit dem Noethen, der in Schweden spielte. Wo natürlich jeder Schüler deutsch sprach. Das sind Details, aber mich macht so etwas sauer, weil das einfach von Faulheit zeugt. Bei den Produzenten und beim Publikum.

Zurück zu den DVDs. Ich habe ein Abo bei Love-Film. Das ist bequem, vor allem seit die letzte Videothek in Reichweite dicht machte. Nach der ersten Pleite mit einem deutschen Film ohne Untertitel, achtete ich dann darauf, ob in der Beschreibung Untertitel aufgeführt waren. Vorher war ich, zugegeben, ein wenig naiv. Da bin ich doch davon ausgegangen, dass es auf jeder DVD die Untertitel zum Film gibt. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Untertitel angegeben werden, die dann aber nicht auf der DVD sind. Oder, wie bei „Gegen die Wand“, es sind nur Passagen untertitelt, die nicht auf deutsch gesprochen werden. Oder türkisch.

Leider ist es im Moment so, wie damals, als die CD die Schallplatte ablöste. Erinnert sich jemand? Zuerst gab es auf den CD wunders was für Bonus-Tracks und manchmal sogar Dateien, die man man auf dem PC ansehen konnte, wie Musikvideos. Aber sobald die Platten so gut wie tot waren, hörte das schlagartig auf. Und natürlich wurden die CDs dann auch gleich mal teurer. Heute kann man das Gleiche bei den Blue-Rays beobachten. Inzwischen bin ich froh, wenn auf den DVDs wenigstens deutsche Untertitel sind.

Überhaupt: Deutsche und Untertitel. Als Junge habe ich unheimlich gerne das holländische Fernsehen geguckt. Die haben nicht nur die ganzen coolen englischen Serien wie „The Young Ones“ gezeigt. Die waren auch noch im Orginal und gerade Humor leidet wahnsinnig unter der üblicherweise mittelmäßigen Fernseh-Übersetzung. Das letzte, mir bekannte Opfer war die genial-komische britische Serie „Coupling“, die auf deutsch zu Recht floppte. Als Halbwüchsiger am Niederrhein verstand ich natürlich bei weitem nicht alles. Aber da halfen die holländischen Untertitel. Das puzzelte ich mir dann das meiste, whrscheinlich falsch, zusammen. TV aktiv.

Ich sollte vielleicht auch noch zwei Dinge erwähnen, der Fairness halber: Ich gucke auch keine englischen TV-Serien mehr auf DVD. Gerade Dienstag hate ich mit die erste DVD von „Skins“ bestellt. No fucking subtitles, man. Dito „Life on Mars“. Uncool.

Und: Es gibt natürlich auch absolut hervorragende deutsche Filme, einige sogar auf DVD und ein paar davon auch mit Untertiteln: „Das Leben ist eine Baustelle“ z.B. Oder der überraschend gute deutsche Zombiefilm „Rammbock“ oder „Jerichow“.

Natürlich gibt es immer noch Tv4user.de, wo man Untertitel zu fast allen Filmen und Serien herunterladen kann. Legal, denn die sind von enthusiastischen Fans selber gemacht. Aber die dazu gehörigen Filme und Serien muss man illegal aus dem Internet downloaden. Und es ist irgendwie scheiße, dass man als Behinderter seinen kulturellen Fix nur auf dem Bahnhofsklo bekommt und sich dabei vielleicht sogar wer weiß was holt.

Andererseits: Ich werde auch ohne deutsche Filme überleben. Es ist ja nicht so, als würden die mein Geld brauchen.

Gelesen > Noch einmal: „Blue Ant“


Vor drei Wochen habe ich die „Blue Ant“ Trilogie von William Gibson vorgestellt. Allerdings musste ich mir bis auf eine kurze Inhaltsangabe und ein „Gefällt mir! Kaufen!“ tiefer gehende Kommentare verkneifen. Das hat Gibson nicht verdient. Deswegen schreibe ich heute, warum genau mich die Romane so beeindruckten.

„Five hours‘ New York jet lag and Cayce Pollard wakes in Camden Town to the dire and ever-circling wolves of disrupted circadian rhythm.“ So beginnt es.

Als Cayce Pollard in London, in einer fremden Wohnung, seelenlos (die reist ihr über den Atlantik nach), in der „Spiegelwelt“ aufwacht, schickt Gibson sie in eine fremde Welt, in der ihr einziger Halt die vertrauten Muster der virtuellen Welt, dem Internet, sind. Cayce ist eine Fremde, und der Leser folgt ihr durch die fremde Welt, die Spiegelwelt, die eigentlich zuerst nur Europa umfasst, aber zusehends eine Metapher wird für ihre Reise. „Durch den Spiegel“, wie Alice’s zweites Abenteuer.

Und wie Cayce sich an vertrauten Mustern entlang hangelt, so ist man als Leser angehalten, das Unvertraute, das Fremde zu erleben. Das ergibt vollkommen Sinn, wenn man bedenkt, dass die Umrisse von Dingen andere Dinge formen.

Das erste Element der Fremdheit dürfte für die meisten Leserinnen und Leser eine Welt sein, in der Geld buchstäblich keine Rolle mehr spielt. Was die Protagonistinnen von Blue Ant brauchen, ist einen Telefonanruf entfernt. Bei mir hat dieser Reichtum eher Unwillen ausgelöst. Allerdings ist er ein wesentliches Element für die Motivation von Hubertus Bigend. Er macht sich keine Gedanken mehr über die Profite seiner Unternehmungen, er kann es sich leisten, mit seinem Geld zu spielen. Er spielt, indem er faszinierenden Ideen nachgeht und dafür Leute anstellt, die seiner Meinung nach „den Job hinbekommen“. Bigend ist nicht der sinistre Bösewicht, der Menschen manipuliert, um Ruhm, Macht oder andere „klassische“ Belohnungen zu bekommen. Er ist ein großes Kind, das zum Spaß Menschen rund um den Globus schickt, um zu sehen, was dabei heraus kommt. Allerdings hat er, wie Kinder, wenig Skrupel.

Ein anderer Aspekt der „Spiegelwelt“ ist das Unsichtbare. Es ist die Welt des Verborgenen, der Geheimdienste: „Spook Country“. Hinter den Fassaden der globalisierten Warenwelt liefern sich die Überlebenden des Kalten Krieges Spiegelgefechte, deren Sinn man, wenn man Glück hat, nachvollziehen kann. Aber die nächste Generation der Spooks wächst heran und deren geheime Manöver sind schwer mit den klassischen Schemata der Spionage-Thriller zu vereinbaren und reichen eher in den Bereich der Kunst.

Letztendlich hetzen die Protagonisten durch eine entkulturierte, beliebige Umgebung, in der die einzelnen Länder, die sie besuchen wie Bühnenbilder wirken, vor deren austauschbaren Hintergründen gelangweilte, saturierte, reiche Menschen ihre Geschäfte betreiben. Nationen spielen vor allem durch ihre Produkte eine Rolle (die meisten Haushaltsgeräte sind deutsch) oder in den Absätzen, in denen die „alte Welt“ als scharfer Kontrast zur neuen Globalkultur beschworen wird. Meist von den wenig vermögenden Figuren. Die De-Kulturierung nimmt von Band zu Band zu, bis wirklich „Zero History“ erreicht wird, die geschichts- und gesichtlose Welt von morgen. Und diese Zukunft gehört Hubertus Bigend. Es gruselt einen.

Was Gibson als Endpunkt der Zivilisation in der Neuromancer-Trilogie gezeichnet hatte, könnte in unserer Welt und unserer Zeit beginnen, wenn sie so wäre wie in Cayce Pollards Spiegelwelt. Das Ende der Geschichte, diesmal endgültig. Das Ende der nationalen Regierungen zu Gunsten der Herrschaft von Witschaftsunternehmen. Das verschwinden der Mittelschicht und die Aufteilung der Gesellschaft in die armen Massen und eine superreiche Elite mir privilegiertem Zugang zu Technologie.

Aber zum Glück ist das alles nur Erfindung.

Oder?

Gelesen > William Gibsons „Blue Ant“ Triogie


Ich schreibe heute die erste „Gelesen“-Kolumne über William Gibsons drei Romane „Pattern Recognition“, „Spook Country“ und „Zero History“. Ich schreibe über die englischen Ausgaben, die ich bereits gelesen habe. Die ersten beiden Bücher der „Blue Ant“-Trilogie (meine Schöpfung) sind auf deutsch unter den Titeln „Mustererkennung“ und „Quellcode“ erschienen. Zero History ist als „Systemneustart“ angekündigt.

Alle drei Romane spielen in der Gegenwart bzw. für uns schon jüngeren Vergangenheit. Das Genre, in dem ich sie einordnen würde, wäre also eher Thriller oder Kriminalroman als Science Fiction, womit Gibson sonst eher identifiziert wird.

Zusammengehalten werden sie durch das wiederkehrende Auftreten der „Blue Ant“ Werbeagentur und deren skrupellosen Chef, dem Belgier Hubertus Bigend (bi -JEAN – d , aber ich denke beim Lesen auch immer ‚Big End‘ mit).

In „Pattern Recognition“ erteilt Bigend, der Cool Hunterin Cayce Pollard den Auftrag, nach dem Macher oder den Machern von Filmschnipseln zu suchen, die im Internet kursieren und eine Anhängerschaft um sich gesammelt haben, die vor allem über Foren kommuniziert und Spekulationen über den Inhalt des fertigen Films austauschen oder ob es überhaupt Teile des gleichen Films sind. Ein Online-Freund bringt sie auf die Spur eines verborgenen Wasserzeichens in den Clips und sie reist nach Tokyo, um mit dem Entdecker des Wasserzeichen zu sprechen. Dieser und eine zufällige Begegnung mit einem Kryptographen in London führen sie nach Russland, wo sie hinter die Quelle der Filmschnipsel kommt.

„Spook Country“ verbindet drei Plots, die am Ende ineinander müden. Der erste Plot dreht sich um die ehemaligen Rockmussikerin Hollis Henry, die für Hubertus Bigends geplantes Magazin Node einen Artikel über lokative Kunst schreiben soll, was wir heute als „Augmented Reality“ kennen. Daneben geht es um den kubanisch-chinesischen Tito, der aus einer Familie von „Vermittlerm illegaler Güter“ stammt und einem mysteriösem alten Mann aus dem Geheimdienstmilieu hilft und um den Agenten „Brown“, der Tito mit der Hilfe des Drogen abhängigen Milgrim jagt. Alles läuft auf eine Konfrontation in Vancouver hinaus, wo schließlich der Inhalt und die Rolle eines Containers enthüllt werden, hinter dem mindestens zwei Parteien des Romans her sind.

Der neuste Roman Gibsons schließlich verwirkt Figuren aus den Vorgängern wiederum in zwei Erzählsträngen: einer aus der Sicht Hollis Henrys, der andere handelt vom inzwischen geheilten Milgrim. Es geht vordergründig um Industriespionage (Milgrim) und der Suche nach einer „geheimen Marke“ (Henry). Dass es am Ende um etwas ganz anderes und gleichzeitig viel mehr geht, erfährt man wirklich erst ganz zum Schluss, bzw. muss man aus Äußerungen schließen, die Bigend, en passant fallen läst. Zero History ist der spannendste Roman der Trilogie, wenn auch nicht der beste.

Pattern Recognition ist einer der besten Romane, die ich gelesen habe. Gibsons Prosa ist wirklich wirklich packend und auch wenn es in dem Buch kaum wirklich „Action“ gibt, ist es ein Schlafverhinderer. Cayce Pollard mit ihrer Markenallergie und ihr Leben in Internetforen ist jemand, mit dem ich mich identifizieren kann. Das Rätsel um die Filmschnipsel, die Feindschaft der unsympathischen Werbetante, die originellen Nebenfiguren und nicht zuletzt Hubertus Bigend, der Teufel in Kaschmir verschaffen ein vordergründiges Lesevergnügen. Aber die wahre Stärke des Romans finde ich die Tiefe, die sich auftut, wenn man, wie der Titel verlangt, die Muster erkennt.

Spook Country ist auch kein Zufallstitel. Geht es in dem schwächsten der drei Blue Ant Romane doch um Geheimdienstmenschen (engl.: spooks). Gibsons Sprache ist immer noch herausragend,was das Buch insgesamt rettet. Denn der Plot ist verworren und, letzten Endes, leider uninteressant. Die drei Perspektiven machen das Lesen nicht einfacher, vor allem Milgrims Plotline ist durch seine Drogenabhängigkeit schwer zu ertragen. Und Hollis Henry wird durch ihre ehemalige Bandkollegin Heidi Hyde in ihrem kurzen Auftritt mal eben „an die Wand gespielt“. Einzig Tito und sein Milieu (und sein Systema) fand ich spannend. Gibson hat lange Zeit während er das Buch schrieb nicht gewusst, worauf es letztlich hinauslaufen würde. Und das merkt man, leider. Es ist trotzdem empfehlenswert, denn auch wenn es gegen die anderen beiden Bücher abfällt, ist es ein guter Roman.

Zero History ist der Blockbuster und das Popcornkino der Trilogie. Es gibt zwar keine Explosionen und Schießereien, aber Verfolgungsjagden und Todesgefahr. Bigend hat sich jetzt wirklich Ärger eingehandelt und Hollis und vor allem Milgrim müssen darunter leiden. Das Buch ist wieder ein Schmöker wie Pattern Recognition, aber diesmal wird die Spannung eindeutig vom Plot getragen und nicht von den Figuren. Letztere sind ein gemischter Segen. Der geheilte Milgrim, der jetzt tatsächlich Initiative entwickelt ist sympathisch bis begeisternd. Hollis Henry ist noch blasser als in Spook Country, nur wird sie recht schnell von Heidi Hyde unterstützt, die im folgenden die eigentliche Hauptfigur dieser Plotline ist. Als dann noch Hollis‘ ehemaliger Lover auftaucht und das Kommando übernimmt, ist es endgültig um die Figur geschehen.

Als neustes der drei Bücher hat Zero History das größte Sci-Fi-Potenzial der Trilogie. Während die technologischen Entwicklungen der ersten beiden Bücher heute alte Hüte sind (für die „lokative Kunst“ bemüht Gibson tatsächlich noch „Cyberspace“-Helme, wo heute ein Smartphone reicht), fragte ich mich hier beim Lesen mehrmals „gibt’s das“?

Insgesamt kann ich Gibsons Bücher (alle, nicht nur die drei hier) empfehlen. Natürlich ist die Neuromancer-Trilogie inzwischen ein Klassiker und ein must-read für alle Science Fiction Fans. Die Blue Ant Romane sind „erwachsener“ als Gibsons Sci-Fi Titel. Wenn die Figuren leider nicht so lebendig sind wie die der wirklich großen Romane der letzten Jahre macht er das mehr als wett durch seine kraftvolle und packende Sprache und seine Schilderung einer Welt, in der die Grenzen verschwinden. Einer Welt in der der Cyberspace, den er erfunden hat, in das „real life“ eindringt und zu einem „Everspace“ wird.

Buchpreisfindung


Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich mir das letzte Buch auf Deutsch gekauft habe. Ich glaube, es war „Die verschleierte Wirklichkeit„. Jetzt frage ich mich, ob die deutsche Buchpreisbindung nicht vielleicht eher ein Nachteil ist. Mal abgesehen davon, dass ich die englischen Titel lieber im Original lese, kaufe ich mir auch die Bücher spanischer oder skandinavischer Autoren auf englisch, weil es schlicht billiger preiswerter ist.

Dann wiederum: deutsche Verlage teilen einfach englische Bücher in zwei Hälften und verkaufen jedes doppelt so teuer wie das Original. As seen on „Song of Ice and Fire„. Oder sie halten erfolgreiche Titel ewig und drei Tage im Hardcover-Segment.

Was sie an Leuten wie mir verlieren, die dank guter Englischkenntnisse und Online-Händlern (und Bücherei- bzw. Landesbibliotheksausweis) keine Lust auf die hohen Preise von Carlsen und Co. haben, holen sie sich drei Mal von „Normallesern“ zurück.

Es wäre vielleicht mal ein gewagtes Experiment, ein gesamtes Sortiment zu „reclamisieren“. Vielleicht bekommt man damit auch die jüngeren Deutschen wieder ans Buch.

Nicht, dass ich das glaube. Aber das hat andere Gründe und die sollen (vielleicht) in einer anderen Miszelle angesprochen werden.

Schöne Wochenende.

23.7.2010: Axolotl Roadkill, gelesen – beinahe


Hallo Alle.

Unlängst habe ich eine Miszelle über das „Phänomen Helene Hegemann“ und ihr Debüt Axolotl Roadkill geschrieben. In dieser habe ich mich nicht auf den Inhalt des Buches bezogen, weil ich es nicht gelesen hatte. Das ist für Manche kein Hindernis, etwas in Grund und Boden zu verdammen, aber ich habe da einfach Standards.

Anyway.

Vorgestern kommt Lapis aus der Bücherei und übergibt mir den Skandalroman. Ich war begeistert. Na ja, interessiert. Jedenfalls schaffte ich es, das Machwerk bis Seite 30 zu lesen ohne dass mir die Augen zufielen. Klug? Radikal? El Oh El. Ohne Frau Hegemann zu nahe treten zu wollen, aber so habe ich auch geschrieben als ich 17 war. Ich habe sogar noch einige peinliche Beweise dafür auf der Festplatte. (Nein, die zeige ich nicht) Natürlich habe ich meine Ennui nicht zu Romanlänge aufgeblasen und keinen Verwandten, der reg im „Kulturbetrieb“ unterwegs ist. Und natürlich ist es mir nicht in den Sinn zu kommen, meine Geschichten zu „sampeln“.

Ich denke nicht, dass ich den Schinken zu Ende lesen werde. Mittlerweile hüpfe ich durch die immer gleichen Pfützen von Miftis Erbrochenem. Alles was ich sehe ist ein reiches Gör, dass glaubt es sei irgendwie besonders in den Allerwertesten gef … kniffen bloß weil es Drogen frisst wie andere Leute Smarties.  Na und? Spannend wie Paris Hiltons Autobiographie. Gott sei Dank bin ich kein Literaturkritiker, denen eine eigene Hölle direkt neben jener der Anwälte zugedacht ist, deswegen kann ich ohne Schwurbeleien sagen: Boooring!

Aber schön, dass das Feuilleton ein halbes Jahr was zu tun hatte. Wie der Barde so schön sagt: Much ado about nothing.

Cheers, Skeltem

Vegetarische Blutwurst


Wie angekündigt und nach einer längeren unlustiges-RL-Pause hier mein Kommentar zum „Twilight“-Phänomen. Die Hasskappe bleibt in der Schublade, denn nach der Lektüre von „Bi(s) zum Morgengrauen“ (Scheiß Titel!) weiß ich, dass mich die Geschichte von Edward, dem Vampir und Bella, der Torte so sehr betrifft wie ein Fix&Foxi-Heft.
Für diejenigen, die entweder auf Papua-Neuguinea wohnen oder keine adoleszente Tochter haben hier eine kurze Zusammenfassung, worum es geht: Nekrophilie.
Ja, gut, ein bisschen mehr. 17 jähriger Ami-Backfisch verliebt sich in 90jährigen. Der seltsamerweise keine Ex-Fußballtitan ist, sondern Vampir. Der Vampir hat sie zum Fressen gern und verwechselt Blutlust mit Liebe. Soweit so normal.
Was ich nicht ganz nachvollziehen kann ist das Gewese um die blutarme Tetralogie. Ok, ich habe mich nur durch den ersten Band gekämpft und das meine ich wirklich wörtlich. Es war ein titanischer Kampf gegen den Schlafimpuls. Mehr als einmal hätte ich fast eine Kiefernsperre bekommen und das Lesen von Bis(s) zum Morgengrauen (Scheiß Titel!) kann ich wirklich nur in absolut schlafsicherer Haltung empfehlen, da das Buch spontane Narkolepsie verursachen kann.
Das kommt vor allem daher, dass nichts passiert. Die Liebesgeschichte ist schnell abgehandelt, denn wie, um Himmels Willen, wollte jemand erklären, dass sich ein pubertierendes Mädchen NICHT in den schönsten, reichsten, interessantesten Junge der ganzen Schule verknallt? Frau Meyer hat dann als Spannungselement noch ein bis(s)chen kindlichen Trotz eingestreut, aber die gute Isabella hatte von Anfang an keine Chance.
Die Motivation des jugendlichen Blutgreises wäre dann vielleicht etwas interessanter gewesen, wenn Stephenie ihr Pulver nicht auch schon in diesem Punkt früh verschossen hätte: Sie riecht wie sein Leibgericht! Oh wow. Ach, und er kann ihre Gedanken nicht lesen. Jeder der Twilight-Vampire ist nämlich nicht nur super schön, super stark, super schnell und sowieso allgemein super, nein, er oder sie hat auch noch eine coole Power. Und sie funkeln in der Sonne wie die Glanzbildchen in der Poesie-Alben der Leserinnenschaft. Funkeln? Jup. Ab hier spätestens dürfte jeder Mensch mit XY-Chromosomen das Buch angewidert in die Ecke gepfeffert haben.
Die Autorin, und das muss man hier auch mal ausdrücklich festhalten, hat uns aber auch wirklich nicht gemeint. Die Beschreibungen erschöpfen sich ausführlich darin, wie toll Edward denn nun aussieht und zwar in sehr ermüdenden, und repetitiven, Details. Ein Shopping-Ausflug der Protagonistin wird als Höhepunkt zelebriert, die danach folgende Fast-Vergewaltigung eher nüchtern geschildert. Wobei Edward, der Bella natürlich rettet, richtig gut aussieht, wenn er wütend ist und die bösen Jungs ausdrücklich nicht um Arme, Beine und Blut erleichtert.
Überhaupt zeichnet sich Bis(s) zum Morgengrauen (Scheiß Titel!) vor allem durch das aus, was nicht passiert. Es gibt keine Gewalt. Jedenfalls nicht explizit. Am Ende muss ein böser Vampir dran Glauben, aber das erfährt frau quasi in Nebensätzen. Humor ist ebenfalls abwesend, so wie jeder Anflug von Ironie oder Mehrdeutigkeit. Auch eine ganze Periode der modernen Geschichte ist nicht vorhanden. Die Welt der Twilight-Romane ist von den 50er Jahren sofort in die 0er gesprungen, die Postmoderne ist anderswo. Und Frauenbewegung sowieso. Das schwache Geschlecht wird von älteren Männern gerettet und gebissen wird erst nach der Hochzeit.
A propos. Über Sex in den Twilight-Büchern ist ja schon viel geschrieben worden, weil das Feuilleton Jungmädchensex genauso liebt, wie der nächste Mann. Und da zeigt sich so etwas wie Talent bei der Mormonin Meyer. Man kriegt mit, wie sich die 17jährige Bella nach diesem Stück kalten Braten verzehrt und quasi in hellen (Lust-)Flammen steht. Nur man liest es in nichts sagende Sätze hinein. Das Wort „Sex“ kommt nicht vor in Bis(s) zum Morgengrauen (Scheiß Titel!). Auch kein damit verwandter oder assoziierter Begriff. Außer natürlich, man deutet das ganze ‚Blut trinken‘ – Thema so, wie es weiland die Gothic Horror Novellisten von Polidori bis Stoker getan haben, als Symbol für verbotenen Sex. Bei Twilight ist der Sex jedoch nicht nur verboten, er ist tödlich. Man könnte das als einen Kommentar zu AIDS sehen, aber das traue ich Frau Meyer nicht zu.
Vielmehr spricht aus dem Buch die Weltsicht einer stockkonservativen US-Amerikanerin, die sich eine Welt mit festen Werten, festen Rollenverteilungen und unbegrenzten Ressourcen zusammen gesponnen hat.
Und zur Popularität dieser Bücher möchte ich noch eine kleine Geschichte erzählen: Mein Lieblingsbuch als ich so 9 oder 10 war hieß „Mein geheimnisvoller Freund“. Darin ging es um einen Jungen, Lasko, der unbeliebt, linkisch und einsam war. Dieser Junge begegnet einem Außerirdischen wie aus einem feuchten Hugo Gernsback-Traum. Die dieser Mann vom Planeten Bella (!) bringt Lasko Judo bei, bessert sein englisch mittels Hypnosemaschine auf und schenkt ihm das Selbstbewusstsein, sich seinen Peinigern (heute würde man ‚Bullies‘ sagen) zu stellen und Achtung zu gewinnen. Ich wäre so gerne Lasko gewesen! Ich habe davon geträumt, auf einer Flugscheibe durch die Gegend zu fliegen, zusammen mit meinem außerirdischen Freund.
Deswegen verstehe ich die Mädchen gut, die Bis(s) zum Morgengrauen (Scheiß Titel!) lesen und seufzen und von ihrem Vampir träumen, der sie huckepack nimmt und durch die Wälder rennt oder was auch immer mit ihnen macht.
Aber was habe ich damit zu tun? Gar nichts! Also, liebe Leute, wenn ich das nächste Mal sage, dass ich Vampire, das Rollenspiel spiele, auf das World of Darkness MMO warte oder die Sonja Blue Romane cool fand und ihr was von „Twilight“ knichelt: Fuck you!

Absolut Overkill


NSFW! Achtung. Das Folgende ist eine satirische Abrechnung mit … ach scheiß drauf!

Ich hatte mal eine Nachbarin mit einem Axolotl. Das war so eine riesige weiße Made, die in ihrem Aquarium schwamm wie der Kaktuswurm im Mezcal. An der Seite des, ich vermute, Kopfes ragen rote unappetitliche Antennen ins Wasser, die aussehen wie Korallen aus Rinderhack. Von daher ist es passend, dass das neuste deutsche Frrolleinwunder ihr Buch nach der Permalarve benannt hat.
Mir reicht es langsam.Beinahe jeden Tag grinst mich das käsige Gesicht dieses raubkopierenden Literaturlurchs aus dem Feuilleton an. „Helene dieses, Helene jenes“. Plötzlich ist die Totfahrerlaubnisgrenze eines Teenagers eine Nachricht wert. Und diese Zähne. Haben wir von den Amis denn gar nichts gelernt? Zahnspangen ab 8, sonst gute Nacht! Vor allem, wenn man auch nur den Hauch einer Chance hat, irgend wann einmal von anderen Menschen als der wohlwollenden Familie gesehen zu werden. Und statt Hackkorallen sondert dieses „Phänomen“ (Die Zeit) krauses Zeug ab, dass dann begierig von alten Säcken wie dem Ex-Entertainer und jetzigen Buchinsbildhalter Harald Schmidt aufgeleckt wird, als wäre es Schulmädchenrotz bei einer Pedo-Nummer.
Und dann kommt – oh Graus – heraus, dass Miss „Barely Legal“ den ganzen Sex- und Drogenkram, den ganzen Schmutz auf den sich die Literaturhengste einen runtergeholt haben, gar nicht selber geschrieben hat. Sondern eine „Compilation“ (Helene) war. Und jetzt sind die verschrumpelten Penisse des Establishments in Aufruhr und überbieten sich in verlogenen Diskussionen über Zitat, Plagiat und Derivat. Das führt wiederum dazu, dass die Frauenbewegung in Form der Radischen (nochmal Zeit, die jetzt sogar ihre eigenen Redakteure in einer Art „Literature Deathmatch“ gegeneinander antreten lässt) wieder ins Horn der Vaginalsolidarität tuten muss.
Was da durch scheint ist die echte Enttäuschung, dass wir hier keine deutsche Catherine Millet haben. Noch dazu minderjährig! Kein „Sexuelles Leben der Helene H.“, sondern ein echter Roman. Den sich jemand ausgedacht hat! Zumindest in Teilen. Helenchen hat clever die Karriere als Kinderstar umgedreht. Was ist aus all den Wunderkindern denn passiert? Mit 6 schön schön E.T. beim Phallusfinger gepackt, mit 12 Koks geschnupft (Drew Barrymore). Die Jung-Autorin (Alle Literaturbeilagen) fängt mit Sex-und Drogenexzessen an und stellt sich dann als ganz normaler Backfisch heraus, die ihre Höhepunkte dadurch bekommt, dass sie drüber schreibt. Eine ganz normale Streberin unserer „Bologna und Bachelor“-Generation also. Dass sie abschreibt ist weder pikant oder skandalös, sondern heute ganz normal. Wenn ihr alten Säcke eure 60 Jahre jüngeren Freundinnen mal nicht nur ficken würdet, sondern mit ihnen redetet würdet ihr erkennen, wie zielstrebig junge Frauen heute sind. Ohne Rücksicht auf Verluste.
A propos Verluste. Habt ihr den Hauptbestohlenen mal gesehen? Diesen Airen? Da zeigt sich ganz deutlich die Cleverness von HH. Der Typ ist ein Wrack. Ein unglaublich weinerliches Wrack. Meine Fresse ist das eine Memme. So sieht einer aus, der tatsächlich alles geschluckt, geschnieft und geraucht hat, was ihm vor diverse Körperöffnungen gekommen ist. Oder jeden und alles gefickt hat. Und jetzt vergleiche man Räuberin und Beraubten. Na? Hm? Genau. Kinder, lasst die Finger von Drogen, sonst geht es euch wie Airen: Mit 30 ist euer Gehirn ein schimmeliger Broccoli und dann kommt auch noch eine Minderjährige und tritt euch in die Eier.
Was „das Wunderkind der Bohême“ (Spiegel) gemacht hat ist in weiten Teilen der Jugend (die mittlerweile bis weit in die 30er Lebensjahre rein reicht) akzeptierte Praxis. Hegelmannen (unbekannter Held des Internets) ist nur die logische Weiterführung des Raubkopierens. Wir stehen an der Wende zu einer Zeit, in der Kultur ein einziger brodelnder Eintopf ist und jeder, der will löffelt sich daraus auf seinen Teller, konsumiert es oder spuckt einmal kräftig rein und verkauft es als Manna. Geschmack ist sowieso drittrangig.
Es ist zum Kotzen. Wenn es nicht so unglaublich banal wäre, was da abgeht, wäre es fast lustig. Das Feuilleton, in ständiger Angst vor der eigenen Irrelevanz bestätigt wieder einmal, dass es wirklich irrelevant ist. Nicht die Tatsache, dass Birne Helene ungefragt und unzitiert ganze Passagen ihres Machwerks geklaut hat ist interessant, sondern ihre Rechtfertigungen, die die wirkliche Sprache der „Jugend von Heute“ ist. Daraus sollte man ein Buch machen.

Ich gestehe: Ich habe mir nicht alle Wörter dieses Textes selbst ausgedacht. Komme ich jetzt ins Fernsehen?

Schmöker – ein Trauerspiel


Kurz bevor ich, wie ich wusste, lange Zeit in irgendwelchen Kliniken verbringen musste, hatte ich mir wie ein fleißiges Eichhörnchen große Vorräte an Lesestoff besorgt und in meinem verwaisten Zimmer zu einem großen Haufen aufgetürmt. Dies ist die Geschichte von zweien dieser Bücher, einem großen Autor, der gefallen ist, ohne dass er etwas dafür kann – und einem Autor, der groß ist, ohne dass er es verdient hätte.
Es gibt Bücher, die, ich schäme mich nicht es zuzugeben, mich zum Weinen bringen. Darunter ist auch „Night Watch“ von Terry Pratchett, der vielleicht ernsthafteste Scheibenwelt-Roman. Dann gibt es Bücher, die mir Tränen es Zorns ins Gesicht treiben. Die meisten davon habe ich verdrängt oder sie sollen hier und immerdar ungenannt bleiben. Aber Wolfgang Hohlbein hat ein paar geschrieben.
Die beiden Bücher, die ich hier vorstelle haben mich immerhin traurig gemacht. Weil sie beide schlecht sind. Wirklich schlecht und zwar nicht im „Paradoxe Intervention“ Sinn, sondern in echt. Trotzdem sind beide sehr unterschiedlich schlecht und auf ihre Art fast unterhaltsam.
Das erste Buch ist „Unseen Academicals“ (UA) von Terry Pratchett. DER Terry Pratchett? Ein schlechtes Buch? Ja, genau. Es ist zum Heulen.
Die Eröffnungszene, in der die Zauberer der UU auf den Rücken von Dienern einen als Vogel verkleideten Rincewind jagten, gab mir einen Vorgeschmack auf die Irritationen, für die Pratchett bei seinen treuen Lesern sorgen sollte. Erst aber fängt sich das Buch wieder in bewährtem trocken humorigen sehr britischen Stil und man atmet auf. Es geht um Fußball in Ankh-Morpork und wie der Patrizier das Spiel vom Bürgerkriegs ähnlichen Spektakel für die armen Massen zu einem geordneten sportlichen Ereignis à la Bundesliga/Premier Division machen will. Die ‚Handlung spielt also wieder in AM, dass nach „Going Postal“ und „Making Money“* immer zivilisierter wird. Außerdem geht es um einen gewissen Mr. Nutt. Leider vergisst Pratchett ziemlich früh, worum es in dem Buch eigentlich geht. Die Fußball-Storyline verschwindet fast völlig und taucht nur hin und wieder mal auf. Nebenfiguren werden Hauptfiguren und wieder zurück. Eine Köchin beschimpft den Patrizier, der sich besäuft (!!) und außerdem spielen lauter „komische“ Leute mit, die leider aber kein Stück komisch (der Nekromant z. B.) ) oder skurril sind, sondern meistens einfach nur platt. Dazu kommen 150 Kilo, 70+ Jahre alte Zauberer, die plötzlich über ein Fußballfeld rennen können (ohne Magie), Toilettenwitze, Sex und ein Ende, das mehr als zu wünschen übrig lässt. Na ja, es lässt einen wünschen, dass TP das Buch nicht geschrieben hätte.
Es ist zum Weinen. Wir wissen, dass Pratchett an einer Form der Alzheimer Krankheit leidet. Aber warum musste er dann noch ein Buch schreiben, in dem das so deutlich ist? Es scheint, dass der
Autor mitten im Buch schlicht und ergreifend vergessen hat, worum es geht. Irgendwann fiel ihm dann ein, dass es ein Ende haben muss und er schüttelte sich irgendwas aus den Fingern. Ich denke, nicht mal Pratchett wird zufrieden gewesen sein.
So vergeht der Ruhm der Scheibenwelt. Nichtsdestoweniger: Pratchett war, und ist, ein großer Schriftsteller.Und andere Rezensenten haben das Buch auch weit besser besprochen als ich hier. Ich wünsche mir sehr, dass ich einfach nur was in den falschen Hals gekriegt habe und UA in Wirklichkeit ein großartiges Buch ist, wie dieser Rezensent meint. Wirklich.
Das zweite Buch ist „Limit“ von Frank Schätzing. Nach „der Schwarm“, den ich zumindest zur Hälfte sehr spannend fand, hatte mich das Buch hauptsächlich durch seine physische Erscheinung (1328 Seiten, ca. 2 Kilo) angesprochen, die ein langes Lesevergnügen versprach. Das Lesen konnte dann auch mit Adjektiven bezeichnet werden, die „Lang“ enthalten. Langweilig zum Beispiel. Ich habe mich durch das Buch gequält, weil ich irgendwie auf den Knalleffekt gewartet habe und nichts besseres zu tun hatte. Dachte ich. Ich hätte besser ein Rätselheft ausgefüllt. Auf das Ende kommt selbst ein vom Genre unbedarfter Leser nach ca. 300 Seiten, die vor allem mit uninteressanten und vor Adjektiven strotzenden Beschreibungen gefüllt sind. Und dann darf er sich weiter 1000 Seiten zu dem völlig vorhersehbaren Schluss quälen. Booring!
Worum geht es? 2025 hat ein Privatunternehmen alleine das Energieproblem der Menschheit gelöst. Er hat auf dem Mond das Mineral Helium-3 entdeckt, mal eben Fusionsreaktoren erfunden, die es verwenden und einen Fahrstuhl in den Erdorbit gebaut, damit man es Kosten deckend abbauen kann. In dem Buch fliegt er mit einer Reisegruppe zum, Mond, wo seine Tochter nebenbei ein Hotel leitet, um schwer reiche Investoren dazu zu bringen, bei ihm einzusteigen. Im zweiten Handlungsstrang sucht der Hard-boiled Cyber Detektiv Jericho Owen nach der chinesischen Dissidentin Yoyo, deckt eine Verschwörung auf und am Ende fliegt viel in die Luft. Eigentlich ist „Limit“ ein James Bond-Film aus den 80ern.
Aber Schätzing hat sich so viel Wissen angelesen, dass er er es unbedingt und auf aufdringliche, wie ich finde arrogante, Art an seine Leser weitergeben muss. Die Anzahl der unnötigen Fremdwörter pro Seite ist einfach ärgerlich und übersteigt diejenige der „Miszellen“ bei weitem.
Ach ich werde schon wieder sauer bei dem Gedanken an soviel verschwendete Lebenszeit. Ich könnte noch viel darüber schreiben, wie nichts in dem Buch zusammenpasst. Zum Beispiel die Technologie, die in 15 Jahren Hoverboards, fliegende Autos und künstliche Intelligenz mit „realistischer“ Technik, die es so durchaus geben kann, verbindet. Aber das ist „Limit“ einfach nicht wert.
Ich würde gerne eure Meinung, besonders zu „Unseen Academicals“ wissen.

*Ich könnte die deutschen Titel heraussuchen, will ich aber nicht, weil die schlicht zu dumm sind. Danke Goldmann Verlag.