taub.stumm


Die Gebärde für „gehörlos“ ist der Zeigefinger, der zuerst auf das Ohr, dann auf den Mund zeigt. Sie stammt aus der Zeit, als Gehörlose noch „Taubstumme“ waren und ist in fast allen Dialekten gleich.
Ich dachte jedenfalls, dass sich die Gebärde auf die Vergangenheit bezieht.

***

Ein „Gespräch“:
Ich: Da hinten geht es lang. Ich war schon mal hier.
Andere: (…)
Ich: Hallo? Ich sag euch doch … Mensch, jetzt müssen wir … Warum hört ihr nicht auf …
Andere: (…)
Ich: Wir sollten hier Geld umtauschen. Da drüben ist eine Wechselstube. Sonst stehen wir nachher da, haben Hunger, aber nur Euro. Nicht? Wartet. Habt ihr in Deutschland schon? …
Andere (später): Wir hätten auf dem Flughafen vielleicht Geld tauschen sollen.
Ich: (…)

***

Unter den vielen beschissenen Dinge, die man als Gehörloser aushalten muss ist das Gefühl der „Unsichtbarkeit“ sicher eines der verletzendsten. Es ist, als würde man mit dem Verlust des Gehörs als Mensch unscharf werden. Ohne Zweifel wird man bemerkt. Aber sobald man auf eine Frage antwortet: „Tut mir leid, könnten Sie das wiederholen. Und langsamer bitte, ich lese von den Lippen.“ scheint man in einem Feld gefangen zu sein, das Douglas Adams treffend das PAL-Feld nennt. Problem Anderer Leute.

Dumme Menschen scheinen fast augenblicklich durch mich hindurch zu sehen. Man sieht förmlich das „Tilt“-Zeichen hinter ihren Augen aufleuchten. Wenn sie dann gezwungen werden, zum Beispiel in ihrer Eigenschaft als Verkäuferin oder Service-Kraft, sich mit meiner unangenehmen Existenz auseinander zu setzen, reagieren sie zunehmend gereizt und genervt. Bei besonders renitenten Exemplaren muss ich tatsächlich laut werden, damit sie meine Stimme überhaupt wahrnehmen können. Das ist für alle Beteiligten unangenehm. Aber Zeugen schauen sowieso beschämt in andere Richtungen.

Die meisten Menschen versuchen zumindest, zu fokussieren. Das gelingt ihnen mehr oder weniger gut. Trotzdem versuchen auch normal begabte, wohl meinende Menschen einer Konfrontation aus dem Weg zu gehen. In meiner gewohnten Umgebung bin ich mittlerweile recht bekannt. Ich merke das an den Menschen, die versuchen, mich nicht zu bemerken.

Entscheidungsträger, Professoren, Beamte usw. sind die Schlimmsten. Ich merke dann förmlich wie ihr Achtung für den Wurm, der sie nicht hören kann und ihre geistige Größe also nicht nachvollzieht mich aus ihrem Universum verbannt.

Oft fühle ich mich nicht nur taub, sondern auch stumm. Und ich merke auch an mir, dass mir mehr und mehr die Lust vergeht, mich zu „manifestieren“. Auf mich aufmerksam zu machen. Warum? Kommunikation ist schmerzhaft für alle. Die Versuchung zu „faken“, also Verständnis vorzutäuschen und Gespräche aus der Erinnerung zu führen ist riesig.

Als Taubstummer ist man Niemand. Aber man ist wenigstens auch kein Ärgernis.

***

Noch ein „Gespräch“:
Ich: Und, Herr Doktor? Ist es schlimm?
Arzt: murmelmurmelmurmel …
Ich: Äh, bitte was? Ich … könnten Sie das aufschreiben?
Arzt (zum Assistentarzt): murmelmurmelmurmel …
Assistenzarzt (zur Schwester): murmelmurmelmurmel …
Ich: Ich verstehe Sie nicht. Ist es schlimm? Nicken Sie, um Gottes Willen, oder schütteln Sie den Kopf.
Arzt (immer noch zum Assistenzarzt): murmelmurmelmurmel … (steht auf und gibt mir die Hand)
Ich: Was soll ich denn tun? Hallo?
Assistenzarzt (auf die Schwester zeigend): murmelmurmelmurmel … (geht ab)
Ich: Was zum … was soll … wie?
Schwester (gebärdet!):  murmelmurmelmurmel …

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Und wie war dein Wochenende?


Gesellschaft ist Gewalt, Familie ist die Grundlage der Gesellschaft

Am letzten Wochenende habe ich meinen Freund M. in G. besucht. Es ist immer wieder schön, M. Zu treffen. Leider hat er viel zu tun, so dass wir uns selten sehen.
M. und seine Frau H. haben zwei kleine Mädchen, F. und N. Beim Frühstück am Sonntag wurde ich Zeuge einer Szene, die wohl jeder kennt, der Kinder hat. Die Mädchen sollten sich anziehen. H. hatte für beide Kleider heraus gelegt. N., die jüngere zog sich artig das Sonntagskleid an, das ihre Mutter heraus gelegt hatte. F. dagegen schien plötzlich von einem Schlag getroffen. Sie schrie auf und rannte laut heulend aus ihrem Zimmer in das Wohnzimmer, H. hinter ihr her. H. redete auf sie ein, aber F. war untröstlich. Dann verschwanden beide wieder und ich bekam nur Geschrei mit.
Während dieser ganzen, für mich höchst beunruhigenden, Szene saß M. ungerührt am Tisch und aß sein Brötchen.
Etwas irritiert fragte ich ihn: „Was ist denn da passiert? Hat F. sich verletzt oder so etwas?“ Resigniert antwortete er: „Nein, sie mochte das Kleid nicht, das H. für sie raus gelegt hat.“
„Und das geht jedes mal so?“
„Ja.“
Kurz darauf kam F., nun versöhnt, mit einem anderen Kleidchen ins Esszimmer. H. war sichtlich erschöpft.
Ich musste daran denken, dass Maurice Bloch geschrieben hat, dass bestimmte Gesellschaften sich auf ritualisierter Gewalt gründeten. Ich frage mich, ob er Kinder hatte.

Ich will ihn nicht im Gesicht haben!

Auf der Rückfahrt waren die Züge wieder einmal übervoll. Meine Agoraphobie muckte hin und wieder auf und ich versuchte, so gut es ging, die qualvolle Enge im Abteil zu ignorieren. Einatmen – was hat der denn gegessen? Ugh – Ausatmen – Einatmen – Moment, ist das mein Hintern? – Ausatmen – einatmen – He, das Deo wurde schon erfunden! – Ausatmen.
Auf der Strecke nach Saafeld hatte ich Glück und ergatterte einen Sitzplatz. Der Zug war einer dieser neuen Großraum-Nahverkehrszüge, die aussehen wie übergroße Straßenbahnen. Vielleicht kennst ihr die? Mit viel Platz über den Köpfen (meine Agoraphobie atmete auf) und großer Stellfläche für Fahrräder. Am letzten Sonntag war einigermaßen schönes Wetter, deswegen waren viele mit dem Fahrrad unterwegs und die Stellfläche füllte sich. Genau vor mir. Nun gut, der Zug war nicht so voll wie der letzte und in Saalfeld war eh Endstation, also keine Panik. Dann kamen die Profifreizeitradler mit ihren Mountainbikes.

Die Bikes waren wahre Monster von Fahrrädern. Wenn Mad Max je das Benzin und das Testoteron ausgegangen wären, würde er so etwas fahren. Und dreckig! ‚Schaut her‘, sagten sie,’wir haben heavy action gesehen. Wir sind die Veteranen jeder Pfütze des Thüringer Waldes. Don’t mess with us, Fußgänger.‘ Ich vermute, ihre Besitzer kultivieren den Schlamm irgendwie. Die waren dann auch sehr professionell angetan in Fahrradhelm, gelben Trikots (lol) und Radlerhosen.
Um, Radlerhosen. Enge Radlerhosen. Direkt .. vor .. meinem .. Gesicht. Und es stiegen immer mehr Leute ein. Die Hosen kamen immer näher. Um.
Ich bin mir meiner Sexualität ziemlich sicher. Und nach Sonntag war ich mir noch viel sicherer. Das nächste Mal stehe ich lieber.

Spass mit der Bahn, die 23526.

Wann verübt jemand endlich einen Anschlag auf die „Bitte Durchsagen beachten“-Schilder? Ich habe ja nichts gegen ein wenig Adrenalin. Aber dieses dauernde Raten, was das Geplärre bedeutet, dann das Lesen der entsetzten Hörer-Gesichter und die Entscheidung, ob ich mich jetzt der Stampede anschließe oder ob die einem völlig anderen Zug gilt geht mir langsam auf den Sack. Schon für den normalen Bahnkunden ist Zugfahren ja ein Glücksspiel geworden. Für Behinderte ist es wie Russisches Roulette.
Vielleicht können sie von der nächsten Preiserhöhung mal ein bisschen mehr Plan kaufen. HAHAHA.

27.08.2010: Shopping Maul


Hi.

Was macht ein erfolgreiches Geschäft aus?

Bestimmt fuffzig Zillionen verschiedene Dinge. Für mich ist der Unterschied zwischen einem gutem Laden und einem schlechten der, dass der gute Laden mein Geld möchte.

Heute habe ich für Lapis Socken gekauft. Das heißt, ich wollte es. Aber in Coburg gibt es warme Wollsocken wohl erst, wenn der erste Schnee knöchelhoch liegt. Ich bin durch diverse Läden getingelt. Weil es regnete, hatte ich meinen Hörprozessor nicht bei. War also regulär taub.  Ich habe zwar schon Erfahrung mit Verkaufspersonal, aber es ist immer wieder erfrischend Leute zu sehen, die auf die Nachricht man sei gehörlos sichtlich laut sprechen.

Immerhin bemühen sich viele. Nicht so die Dame bei XXX , die genervt irgend etwas durch zusammengepresste Lippen nuschelte. Ob sie denn warme Woll- oder Fleecesocken hätte, immerhin sei ihr Laden als Spezialist für Outdoorsachen bekannt und out of the door ist es doch manchmal kalt. Nuschel, nuschel. Kopfschüttel. Beim Herausgehen fiel mir dann das Schild auf: „Totalausverkauf wegen Geschäftsaufgabe.“

Kein Wunder.

In eigener Sache: auf der Seite sind jetzt so komische Sterne. Damit könnt ihr die Miszellen bewerten.

12.6.2010: Mir ist heiß!


Hallo Alle.

Ja, euch auch, ich weiß. Eigentlich will ich auch nur mal „Guten Tag“ sagen und erklären, warum die aktuelle Miszelle (Thema „Spießer“) so lange auf sich warten lässt.

Da fällt mir ein:

Ihr wisst ja, dass ich ertaubt bin und dass eines meiner größten Probleme damit ist, dass ich keine Musik mehr hören kann. Am Wochenende waren Lapis und ich auf einer Hochzeit, bei der natürlich auch Musik aufgelegt und getanzt wurde. Wundersamerweise konnte ich den Rythmus einiger Lieder gut identifitzieren und dazu nicken, wenn schon nicht tanzen. Das war eine schöne Erfahrung. Ich sage allerdings nicht, welche Lieder das waren. Nur soviel: das einzige Lied, das ich auch erkennen konnte war ausgerechnet „YMCA“ von den Village People.

Jetzt werde ich, wenn es etwas angenehmer ist, mal verschiedene CDs aud ihre Rythmen untersuchen. Yay.

In diesem Sinne:

Babel, pantomimisch


Seit zwei Wochen gehen Lapis und ich wieder zum Gebärden Kurs in der Volkshochschule. Weil das jetzt schon unser dritter Kurs ist, waren wir so verwegen und haben uns für den Fortgeschrittenen-Kurs angemeldet. Die Tücken der deutschen Gebärdensprache hatten wir allerdings nicht eingeplant.

Wie ich ja schon mal erwähnt hatte, zerfällt die deutsche Gebärdensprache in so viele, teils völlig unterschiedliche, Dialekte wie unser föderales Land selber. Stand: ca. 1834. Lapis und ich fingen in Göttingen mit der Norddeutschen Gebärdensprache an, die in Hamburg gelehrt wird. Nach dem VHS-Kurs lernten wir zusammen mit zwei sehr netten Mitschülerinnen (Hallo D.! Hallo N.!) im Selbststudium weiter. Und zwar die Westdeutsche Gebärdensprache (Aachen)*. Die Hamburger und die Aachener Varianten unterscheiden sich in meiner Erinnerung allerdings nicht so sehr.

Umso heftiger war das Umlernen, als wir dann nach Coburg zogen und hier, in Oberfranken, den Würzburger oder mittelfränkischen Dialekt lernten und nicht den oberfränkischen aus Bamberg. Der wiederum ist näher an der „bayrischen Gebärdensprache“, wie sie in München gelehrt wird. Und eben diese Bayrische Gebärdensprache lernen wir jetzt in der VHS.

Wir sind in der Situation von Leuten, die irgendwann einmal chinesisch gelernt haben. Angefangen mit dem Pekinger Dialekt. Dann sind sie nach Shanghai gegangen und haben dort ein paar Worte aufgeschnappt. In Sichuan lernten sie dann Kantonesisch um schließlich an der Uni ihr Mandarin zu vervollkommnen. Nur noch ein bisschen komplizierter.
Denn bisher hatten wir immer die „Laut begleitende Gebärdensprache“ gelernt. Wie der Name schon sagt, unterstreichen die Gebärden laut gesprochene Worte. Das bedeutet, dass sich die Struktur der Gebärden nach jener der Lautsprache richtet. Jedes gesprochene Wort erhält eine Gebärde.

Jetzt lernen wir die „Deutsche Gebärdensprache“**. Die DGS ist eine eigene Sprache mit eigener Grammatik. Vieles was in der Lautsprache geäußert wird, übergeht die Gebärdensprache als redundant. Personalpronomina werde z.B. äußerst selten gebärdet, da meistens klar ist, wer oder was gemeint ist. Auch wird sehr viel über Mimik, Gestik und Mundbild vermittelt. Häufig bezeichnen die gleichen Gebärden unterschiedliche Dinge abhängig von Mimik und Mundbild. In diesem Sinne ist die DGS schon wieder dem Chinesischen sehr ähnlich, da sie auch sehr viel Wert auf Betonung und Flexion legt.

Was mich wirklich nervt ist diese „Kleinstaaterei“. Gehörlose und Hörbehinderte Menschen werden in diesem Land sowieso schon als „ein bisschen dumm“ wahrgenommen. Wir haben keine nennenswerte Lobby. Und im Gegensatz zu zum Beispiel den Vereinigten Staaten gucken einen die Leute hier an als sei man vom Mars, wenn man in der Öffentlichkeit gebärdet. Das Leben von Hörenden und Gehörlosen oder Ertaubten findet normalerweise getrennt statt. Dass wir keine gemeinsame Sprache sprechen, könnte damit zu tun haben. Aber dass man ohne Not keine neue Sprache lernen will, die nur an einem ganz bestimmten Ort ge“sprochen“ wird, sollte auf der Hand liegen.

Was kann man machen? Ich kann am eigenen Leibe erfahren, wie es wäre, wenn irgend jemand eine „Allgemeine DGS“ zwangseinführen wollte. Durch die vielen Dialekte haben Lapis und ich unsere „Privatsprache“ entwickelt, in der wir jeweils lieb gewonnene Gebärden benutzen. Mit anderen Worten: Kauderwelsch. Aber jedesmal wenn ich die „richtige“ Gebärde benutzen soll, zögere ich ein bisschen. Was ist dann erst mit den Menschen, die mit einem Dialekt aufwachsen?

Ich denke, es sollte eine einheitliche Gebärdensprache eingeführt werden. Das stärkt die Hörbehinderten und Gehörlosen und gibt eine gemeinsame Identität. Diese „aDGS“ sollte überall in Deutschland gelehrt werden und zwar zusätzlich zu den lokalen Dialekten.

Dann wäre die Gebärdensprache in der gleichen Situation wie die Lautsprache. Und es wäre wieder ein wenig mehr Gemeinsamkeit geschaffen.

* In einer früheren Miszelle habe ich das etwas vereinfacht wiedergegeben.
** Der Name ist eigentlich ein Witz, wie man aus meinen Ausführungen sehen kann.

… behindert wird man


Nazi-Vergleiche sind böse. Im besten Fall sind sie geschmacklos, im schlimmsten kriminell. Nur Leute, denen das letzte Bisschen Argumentation verloren geht, schmeißen auch jeden Anspruch auch Ernsthaftigkeit über Bord, um ein letztes: „Hitler war auch Vegetarier!“ in eine Diskussion zu rotzen und dann den erbärmlichen Tod einer Lachnummer zu sterben. Und Politiker. Und Bischöfe. Und Leute, die auf der dritten Seite eines Forenthreads schreiben.
Trotzdem. Als meine Mutter am Ende eines langen, anstrengenden und demütigenden Tages mit der Deutschen Bahn sich in dem Waggon für gesellschaftliche Randgruppen (Radfahrer, Eltern mit Kleinkindern, Behinderte) „Viehwagen“ auf unseren Block kritzelte, konnte ich den unwillkürlichen Gedanken an andere Waggons, als die Bahn noch Reichsbahn hieß, nicht ganz unterdrücken. Vielleicht lag es auch dran, dass wir in Würzburg den „Zug der Erinnerung“ gesehen hatten. Der hatte zumindest in meinem Fall dann ganze Arbeit geleistet.
Vorausgegangen war, wie gesagt, ein Tag auf Schienen. Bzw. auf kalten zugigen Bahnsteigen, eingeklemmt zwischen Türen, unter den gleichgültigen Blicken von „Helfern“, der freundlichen Güte von Fremden, der ständigen Angst, den Zug zu verpassen, Langeweile und schließlich im „Viehwagen“.
Wenn ich den Tag in einem kurzen Statement zusammenfassen sollte, würde der wohl: „Fahrt nicht mit der Bahn! Jedenfalls nicht, wenn ihr gehbehindert und auf Hilfe angewiesen seid.“ lauten. Seit der Zeit, in der Frachtwaggons so schrecklich missbraucht worden sind, ist die Bahn weit gekommen. Alles ist modernen geworden. „Modern“ ist im Falle der Bahn kein besonders positives Wort. Zwar setzt man jetzt Züge ein, die auf etwa 100 KM im deutschen Schienennetz eine Spitzengeschwindigkeit von einer hundertstel Astronomischen Einheit pro Stunde erreichen können. Diese tollen Züge sind aber notorisch verspätet, was den Geschwindigkeitsvorteil ad absurdum führt. Darüber hinaus sind sie unbequem und sehr sehr teuer.
Es ist irgendwie süß anzusehen, wie die Bahn sich um die Gesundheit ihrer Kunden sorgt. Sie hat sich ein sportliches Programm ausgedacht, das jedem Sporthotel zur Ehre gereichen würde. Zum Beispiel sind die Bahnsteige mindestens eine Bundesjugendspiel-Urkunde im Weitsprung weit vom Zug entfernt. Irgendwann hat ein Ingenieur sich Regionalzüge ausgedacht, deren Einstieg mit der Bahnsteigkante abschließt. Ich schätze,der Mensch wurde gefeuert. Denn die nächste Generation fügte dem Zug-Fitnessprogramm neben dem Weit- auch noch den Hochsprung zu. Und ein paar Treppen. Im Zug.
Damit die Ausdauer nicht zu kurz kommt, gibt es beim Umsteigen die Sprints. Die Züge sind normalerweise schon so geplant, dass man höchstens 5-6 Minuten zum Umsteigen hat. Allerdings kommen sie selten zu dem exakten Zeitpunkt an. Und sich darauf zu verlassen, dass der Anschlusszug auch verspätet ist, heißt das Schicksal herausfordern. Also sieht man schwer beladene Reisende ihre Fitness beim „Treppe runter rennen, Baby verlieren, Baby wieder einsammeln, Uhr checken, Panik kriegen, Treppe rauf rennen, Bby in den Zug werfen, in den Zug springen“ steigern.
Und weil „Wellness“ so hip ist, hat die Bahn ein Programm für die seelische Ausgeglichenheit entwickelt. So kann man sich, während man auf den Zug wartet, in Zen-Medidation üben. Man kann sich vor Augen führen, dass man ein Nichts ist, wenn man versucht, mit dem Kundendienst und/oder Schaffner zu verhandeln. Die Stoiker frohlocken, wenn sie erfahren, dass ihr Anschlusszug weg ist, sie den letzten Zug nach Hause verpassen und sehen müssen, wo sie bleiben. Nein, Entschädigungen gibt es nur im Fernverkehr. Das ist Ihr Problem, nicht meins. Wer unter diesen Umständen nicht das Tutzinger Bahnhofsmassaker veranstaltet, kann auch gleich ins Nirvana eingehen.
Dass die Bahn auch ein Herz für Kinder hat, beweisen immer wieder besorgte Schaffnerinnen und Schaffner, denen die Gesundheit der jungen Bahnreisenden am Herzen liegt. Sie bringen die Sport geforderten Jugendlichen deswegen häufig dazu, auszusteigen, und sich körperlich zu betätigen. Auch nachts. Ich sehe Peter Lustig mit DB-Mütze förmlich vor mir: „Und jetzt, du weißt schon. Einfach mal aussteigen, ne?“
Leider gilt das Fitnessprogramm der Bahn nur schon gesunden Menschen. Wenn man behindert ist, ist Bahn fahren die Hölle. Wir haben zwar Atteste, die uns vom Sport befreien, aber das interessiert die Bahn nicht. Viele Bahnhöfe haben keine Aufzüge. Wie soll man im Rollstuhl die Treppen bewältigen? Die Umsteigezeiten sind für gesunde Menschen knapp. Sollen ältere und gehbehinderte stundenlanges Warten auf Bahnhöfen in Kauf nehmen? Überall steht „Achten Sie auf die Durchsagen“ wegen Gleisänderungen. Das ist toll. Ich kann zumindest hören, dass das eine Durchsage ist. So wie die anderen Millionen Schwerhörigen. Gehörlose fragen sich da wenigstens nicht, ob es sie wohl betrifft. Die Durchgänge im Zug sind zu schmal für Rollatoren und Rollstühle. Letztere kommen sowieso nur mit Hebebühnen in die Züge rein. Und es sind ja nicht nur behinderte Menschen, sondern auch Senioren und Familien mit Kleinkindern für die Bahn fahren eine Tortur ist.
Meine Mutter jedenfalls will das nächste Mal wieder fliegen. Und die meisten Menschen mit Handicaps werden, wenn sie können, lieber das Auto nehmen. Die Bahn kommt – aber wir kommen nicht rein.

23.5.2009: Behindert ist man nicht ….


Skeltem: Guten Tag. Ich hätte gerne eine Sperrmüllkarte.
Freundliche Gisela Schlüter Imitatorin im Coburger Bürgerbüro: Ulartnicherabaieönnachufn.
S: Äh, verzeihung. Ich kann Sie nicht hören. Können Sie bitte etwas langsamer reden?
FGSiICB: Esgibtkeinearteabaieonnach an ru fen.
S: Um. Anrufen?
FGSIiCB: Aischreibieumaauf.
S: Sie müssen die Nummer nicht aufschreiben. Ich bin gehörlos. Ich kann nicht telefonieren.
FGSIiCB: Sieöreich? Aiedasoch.
S: Das habe ich Ihnen doch eben gesagt. Kurz vor: „Können Sie bitte etwas langsamer sprechen?“
FGDIiCB: KennenSie niemandenerachufnan?
S: Meine Frau. Aber die muss arbeiten und es wäre mir lieber gewesen, das selber zu erledigen.
FGSIiCB: Ie önn auumofar.
S: Äh, was?
FGSIiCB: IE ÖNN AUUMOFAR!
S: Ich bin taub, nicht schwerhörig. Wenn Sie langsam und deutlich reden, kann ich von Ihren Lippen absehen. Ich höre ein wenig mit diesem …. Wertstoffhof?
FGSIiCB (mit ’na also, geht doch‘ Miene): Ja, ingieochachenin.
S: Wir haben gar kein Auto.
FGSIiCB: Dann mussohlireauufn.
S: Die wird sich freuen. Kann man vielleicht im Internet…?
FGSIiCB: Nein.
S: Na, dann schreiben Sie mir bitte die Nummer auf. Warum gibt es denn keine Karten mehr?
FGSIiCB: Um das System Bürger freundlicher zu machen.
S: (seufzt)

11.3.2009: Short Cuts


Ein Umpf-Moment:

In Coburg wird der Bahnhof umgebaut. Jede Hoffnung auf einen barrierefreien Zugang zu den Zügen wurde allerdings schon früh zerschlagen. Wenn das im Jahr 2013 tatsächlich mal so weit kommt, wird der Preis für den Umbau sicher als Begründung herhalten müssen, warum die Ticketpreise drei Mal im Jahr erhöht werden. So lange fahren Rollstuhlfahrer eben eine Station weiter oder steigen früher aus, um sich dann mit dem Taxi nach Coburg bringen zu lassen.
Aber schöner soll er werden. Immerhin. Leider sind die Anzeigetafeln dafür außer Betrieb. Die Bahn denkt aber an alles: „Bitte achten Sie auf die Lautsprecherdurchsagen“ steht da. Umpf.
Wie gut, dass noch keiner meiner Züge auf einem anderen Gleis hielt. An die Verspätungen gewöhnt man sich ja eh. Und da wundert sich jemand, dass Gehörlose generell ungerne mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren.

—–
Völkerverständigung:

In München waren Lapis und ich indisch essen. Freunde hatten uns eingeladen. Der Laden hieß „Nuurgh Moor“ oder so ähnlich. Leckeres Essen, pampige Kellner. Aber das das eigentlich Interessante war das Schild am Eingang des Restaurants.
Dort stand der Name des Ladens „Aargh Morgh – indische Spezialitäten“. Das „indische“ war auf einer Plakette nachträglich angebracht worden. „Was steht darunter?“ fragte nicht nur ich mich. J. schraubte die Plakette ab und unter dem Wort „indische“ kam „pakistanische“ zum Vorschein.
Ich bin kein Experte, aber die Abwesenheit von Armen, blauen Frauen und weißen Elefanten sowie die Speisekarte waren für mich ein Hinweis, dass „Graah Murg“ tatsächlich eher ein pakistanisches denn ein indisches Etablissement ist. Eigentlich ist das ja auch egal, solange es schmeckt.
Nur: Eigentlich, so ist die vorherrschende, durch die Medien verbreitete Meinung, hassen sich Inder und Pakistanis bis aufs Blut. So ein „Erbfeindschafts“-Ding.Ich fragte mich also, was die, mutmaßlich, pakistanischen Besitzer dazu gebracht hat, sich den Ruch ihres Erzfeindes zu geben.
Vielleicht ist Pakistan durch die Politik gerade so unbeliebt, dass die Besitzer dachten, ein ausgewiesen pakistanisches Lokal würde keine Gäste bekommen. Dass sie sich dann kurzerhand als indisch ausgeben, zeigt doch: eigentlich ist es egal, solange man Geld verdienen kann. Ich habe den Verdacht, dass diese ganze Erbfeindschafts Geschichte zwar irgendwo auf einem Level stimmt, dass die konkreten Menschen, Restaurantbesitzer, Kellner, whatever ganz normal ihre Arbeit machen wollen.
Vielleicht sollten Politiker öfter essen gehen.

24.6.2008: Schön war’s …


… aber anstrengend.

Hallo Alle!

Am Wochende waren ja meine EVE Kollegen da. Nicht, dass man nie von diesem Blog hätte gehört haben müssen, um DAS nicht mitzubekommen.

Die Panik im Vorfeld erwies sich (zum Glück) als völlig unbegründet. Coburg steht noch, unsere Wohnung ist nicht abgebrannt, Lapis lässt sich nicht scheiden und ich glaube, den Jungs hat es auch gefallen. Also bin ich wohl noch der CEO eines fiktiven futuristischen Konzerns. Was für eine Erleichterung! 🙂

Und das, obwohl es am Freitag irgend jemandem gelungen sein muss, meine Cola mir Rum zu versetzen. Drei Mal! Dank des Zaubers „Skeltems erstaunliches ausfahrbares Ohr“ und einem banalen Schreibblock konnte ich mich auch akzeptabel verständigen. Zumindest bis zum zweiten „Cuba Libre“. Den habe ich aber nur zur Hälfte trinken können. Irgendwie gelang es mir, den Rest über mein Gegenüber zu schütten. Wir haben alle gelacht. Ich kann mich in dem Lokal erst wieder sehen lassen, wenn Gras über das Wochenende gewachsen ist, fürchte ich. Später kam dann Lapis und hat mich gerettet. Ich weiß nicht mehr genau wovor, aber da das eine ihrer netten Angewohnheiten ist (das Retten meine ich) habe ich mich nicht beklagt. Zumal meine Augen beschlossen hatten, dass ich zuviel Spaß habe und sich entflammten wie Teenager im Mai. Alle hatten wohl gedacht, ich sei betrunken, als ich mit Lapis Hilfe nach Hause taumelte. Und das nach nur drei (zweieinhalb, actually!) Cuba Lires.

Der Samstag begann mit dem Versuch, wie viele Junge Männer man wohl in eine kleine Küche pressen kann. Erstaunlich viel stellte sich heraus. Es stellte sich weiterhin heraus, dass Weißwürste nicht jedermanns Sache sind. Nicht wirklich überraschend. Aber wenn man in Rom ist … äh Coburg … soll man’s wie die Franken … wie auch immer, ich mag Weißwürste.

Dann war meine eigene Planung ein wenig ins Schwimmen geraten, denn die Nerds hatten partout keine Lust auf Kultur und die ist in Coburg die Veste. Aber meine Frau rettete mich wieder mal (erkennt ihr ein Schema?) und wir starteten die Fete dann früher, während Lapis sich um die Salate und anderes kümmerte. Ich deligierte wie ein guter CEO meine Mannen und so schafften wir es, diverse Dinge zu erledigen ohne dass es zum logistischen Alptraum kam, den ich seit Wochen hatte. Das ist mein „Konzern“! Jeder hat eine Aufgabe und ich kriege auch noch Lob.

Der Rest des Samstags stand unter dem generellen Motto „zuviel“. Wir hatten viel zuviel von allem. Zuviel Essen, zuviel zu Trinken und für mich leider auch zuviel zu hören. 15 durcheinander sprechende Personen mit mehreren Akzenten und einer deutsch/englischen „Fachsprache“ ergaben bei mir das Tilt. Da ging nichts mehr.  Das war so ein bisschen das, was ich im Vorfeld befürchtet hatte. Man kann auch nicht bei einer Party rumgehen und jedem immer wieder sagen: „Sprich langsam und deutlich …“. Aber es war eine gute Stimmung und nach und nach erfahre ich so ein bisschen, was gesprochen wurde. Ich habe mich dann mit dem Kicker des „Contakts“ getröstet und wir hatten ein paar coole Turniere. Einige der Leute waren wirklich wirklich gut. Unter anderem Lapis. Das hat mich allerdings nicht gewundert. Von den Resten des Samstages essen wir immer noch. Von der Kameradschaft, die entstand, zehrt der „Konzern“ hoffentlich auch noch lange.

Die Tage kommt ein „miszelliger“ Bericht und vor allen Dingen Fotos von der Sache 😉

Cheers,
Skeltem