Gelesen > William Gibsons „Blue Ant“ Triogie

Ich schreibe heute die erste „Gelesen“-Kolumne über William Gibsons drei Romane „Pattern Recognition“, „Spook Country“ und „Zero History“. Ich schreibe über die englischen Ausgaben, die ich bereits gelesen habe. Die ersten beiden Bücher der „Blue Ant“-Trilogie (meine Schöpfung) sind auf deutsch unter den Titeln „Mustererkennung“ und „Quellcode“ erschienen. Zero History ist als „Systemneustart“ angekündigt.

Alle drei Romane spielen in der Gegenwart bzw. für uns schon jüngeren Vergangenheit. Das Genre, in dem ich sie einordnen würde, wäre also eher Thriller oder Kriminalroman als Science Fiction, womit Gibson sonst eher identifiziert wird.

Zusammengehalten werden sie durch das wiederkehrende Auftreten der „Blue Ant“ Werbeagentur und deren skrupellosen Chef, dem Belgier Hubertus Bigend (bi -JEAN – d , aber ich denke beim Lesen auch immer ‚Big End‘ mit).

In „Pattern Recognition“ erteilt Bigend, der Cool Hunterin Cayce Pollard den Auftrag, nach dem Macher oder den Machern von Filmschnipseln zu suchen, die im Internet kursieren und eine Anhängerschaft um sich gesammelt haben, die vor allem über Foren kommuniziert und Spekulationen über den Inhalt des fertigen Films austauschen oder ob es überhaupt Teile des gleichen Films sind. Ein Online-Freund bringt sie auf die Spur eines verborgenen Wasserzeichens in den Clips und sie reist nach Tokyo, um mit dem Entdecker des Wasserzeichen zu sprechen. Dieser und eine zufällige Begegnung mit einem Kryptographen in London führen sie nach Russland, wo sie hinter die Quelle der Filmschnipsel kommt.

„Spook Country“ verbindet drei Plots, die am Ende ineinander müden. Der erste Plot dreht sich um die ehemaligen Rockmussikerin Hollis Henry, die für Hubertus Bigends geplantes Magazin Node einen Artikel über lokative Kunst schreiben soll, was wir heute als „Augmented Reality“ kennen. Daneben geht es um den kubanisch-chinesischen Tito, der aus einer Familie von „Vermittlerm illegaler Güter“ stammt und einem mysteriösem alten Mann aus dem Geheimdienstmilieu hilft und um den Agenten „Brown“, der Tito mit der Hilfe des Drogen abhängigen Milgrim jagt. Alles läuft auf eine Konfrontation in Vancouver hinaus, wo schließlich der Inhalt und die Rolle eines Containers enthüllt werden, hinter dem mindestens zwei Parteien des Romans her sind.

Der neuste Roman Gibsons schließlich verwirkt Figuren aus den Vorgängern wiederum in zwei Erzählsträngen: einer aus der Sicht Hollis Henrys, der andere handelt vom inzwischen geheilten Milgrim. Es geht vordergründig um Industriespionage (Milgrim) und der Suche nach einer „geheimen Marke“ (Henry). Dass es am Ende um etwas ganz anderes und gleichzeitig viel mehr geht, erfährt man wirklich erst ganz zum Schluss, bzw. muss man aus Äußerungen schließen, die Bigend, en passant fallen läst. Zero History ist der spannendste Roman der Trilogie, wenn auch nicht der beste.

Pattern Recognition ist einer der besten Romane, die ich gelesen habe. Gibsons Prosa ist wirklich wirklich packend und auch wenn es in dem Buch kaum wirklich „Action“ gibt, ist es ein Schlafverhinderer. Cayce Pollard mit ihrer Markenallergie und ihr Leben in Internetforen ist jemand, mit dem ich mich identifizieren kann. Das Rätsel um die Filmschnipsel, die Feindschaft der unsympathischen Werbetante, die originellen Nebenfiguren und nicht zuletzt Hubertus Bigend, der Teufel in Kaschmir verschaffen ein vordergründiges Lesevergnügen. Aber die wahre Stärke des Romans finde ich die Tiefe, die sich auftut, wenn man, wie der Titel verlangt, die Muster erkennt.

Spook Country ist auch kein Zufallstitel. Geht es in dem schwächsten der drei Blue Ant Romane doch um Geheimdienstmenschen (engl.: spooks). Gibsons Sprache ist immer noch herausragend,was das Buch insgesamt rettet. Denn der Plot ist verworren und, letzten Endes, leider uninteressant. Die drei Perspektiven machen das Lesen nicht einfacher, vor allem Milgrims Plotline ist durch seine Drogenabhängigkeit schwer zu ertragen. Und Hollis Henry wird durch ihre ehemalige Bandkollegin Heidi Hyde in ihrem kurzen Auftritt mal eben „an die Wand gespielt“. Einzig Tito und sein Milieu (und sein Systema) fand ich spannend. Gibson hat lange Zeit während er das Buch schrieb nicht gewusst, worauf es letztlich hinauslaufen würde. Und das merkt man, leider. Es ist trotzdem empfehlenswert, denn auch wenn es gegen die anderen beiden Bücher abfällt, ist es ein guter Roman.

Zero History ist der Blockbuster und das Popcornkino der Trilogie. Es gibt zwar keine Explosionen und Schießereien, aber Verfolgungsjagden und Todesgefahr. Bigend hat sich jetzt wirklich Ärger eingehandelt und Hollis und vor allem Milgrim müssen darunter leiden. Das Buch ist wieder ein Schmöker wie Pattern Recognition, aber diesmal wird die Spannung eindeutig vom Plot getragen und nicht von den Figuren. Letztere sind ein gemischter Segen. Der geheilte Milgrim, der jetzt tatsächlich Initiative entwickelt ist sympathisch bis begeisternd. Hollis Henry ist noch blasser als in Spook Country, nur wird sie recht schnell von Heidi Hyde unterstützt, die im folgenden die eigentliche Hauptfigur dieser Plotline ist. Als dann noch Hollis‘ ehemaliger Lover auftaucht und das Kommando übernimmt, ist es endgültig um die Figur geschehen.

Als neustes der drei Bücher hat Zero History das größte Sci-Fi-Potenzial der Trilogie. Während die technologischen Entwicklungen der ersten beiden Bücher heute alte Hüte sind (für die „lokative Kunst“ bemüht Gibson tatsächlich noch „Cyberspace“-Helme, wo heute ein Smartphone reicht), fragte ich mich hier beim Lesen mehrmals „gibt’s das“?

Insgesamt kann ich Gibsons Bücher (alle, nicht nur die drei hier) empfehlen. Natürlich ist die Neuromancer-Trilogie inzwischen ein Klassiker und ein must-read für alle Science Fiction Fans. Die Blue Ant Romane sind „erwachsener“ als Gibsons Sci-Fi Titel. Wenn die Figuren leider nicht so lebendig sind wie die der wirklich großen Romane der letzten Jahre macht er das mehr als wett durch seine kraftvolle und packende Sprache und seine Schilderung einer Welt, in der die Grenzen verschwinden. Einer Welt in der der Cyberspace, den er erfunden hat, in das „real life“ eindringt und zu einem „Everspace“ wird.

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