Morgen morgen, nur nicht heute …

Gehören Sie auch zu den Menschen, die gnadenlos alles durchziehen, was sie sich vornehmen? Und das am besten noch gestern? Leute, die geradezu krankhaft erfolgreich sind? Die ihr Leben auf die Reihe bekommen und dabei auch noch gut aussehen? Wenn die Antwort „ja“ lautet, dann habe ich da doch eine Frage an Sie: Warum verschwenden Sie Ihre Zeit mit dem Lesen eines mäßig interessanten Blogs?

Da Sie also genau wie viele, sehr viele Menschen zu den Losern des digitalen Zeitalters gehören, will ich Ihrem armen Leben ein wenig auf die Sprünge helfen. Ich habe keine Ahnung, wie man reich und erfolgreich wird. Aber vom Prokrastinieren weiß ich eine Menge. Deswegen heute in der Miszellen „Lebenshilfe“ Rubrik: Wie slacke ich richtig?

Zuerst einmal gilt es herauszufinden, welcher Typ von Prokrast Sie sind. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Sorten: den Überspringer und die Pro-Krast. Überspringer sind allenfalls Hobby Prokrastiker. Sie haben wichtige, aber unangenehme Dinge zu erledigen, wie eine schwere Prüfung, für die sie lernen müssen, eine wichtige Präsentation oder einen Scheidungstermin. Weil sie die wichtige Sache nicht machen wollen, können oder sie sich danach umbringen müssen, schieben sie sie hinaus. Immer weiter. Das ist natürlich das Mantra des wahren Prokrastikers: „Was ich heute kann besorgen, das kann ich auch noch morgen.“ Aber Überspringer schieben nicht nur lustvoll auf. Sie bestrafen sich dafür, indem sie andere Dinge machen, die meistens nicht angenehmer sind als das Aufgeschobene. Hausarbeit etwa. Oder diese unglaublich wichtigen Reparaturen, die sie eigentlich schon vor Monaten hatten machen wollen. Oder ihr Abitur nach, bloß um nicht für diese Meisterprüfung lernen zu müssen. Aufschieber bringen die protestantische Ethik in das sinnliche, Schuld erzeugende und deswegen fast sexuelle, Vergnügen des Aufschiebens.

Überspringer können zwar echte Prokrastiker werden. Aber meistens entwickeln sie sich entweder zu den Leuten, die dann doch alles auf die Reihe kriegen. Oder einen Zwang. Es ist zwar beeindruckend die porentief reine Wohnung eines zwanghaften Putzers zu sehen, aber gesund ist es nicht. Zumindest nicht, wenn man eine Vorliebe für tropfendes Speiseeis und der Putzer einen schweren stumpfen Gegenstand zur Hand hat. Nein, Überspringer sind nur Prokrastiker pro tem. So oder so.

Der wahre Künstler des Prokrastinierens ist der Pro-Krast. Der Unterschied zwischen einem Pro-Krast und jemandem, der einfach nichts auf die Reihe kriegt ist, dass der Pro-Krast eben doch alles schafft, was er machen muss. Oder zumindest das meiste. Nur zum spätest möglichen Zeitpunkt. Wenn Sie Ihre Diplomarbeit einen Tag vor Abgabeschluss eingereicht haben, sind Sie kein Pro-Krast. Wenn Sie 5 Minuten vor Schluss im Copyshop, der sie Ihnen gebunden hat losrennen, auf dem Weg noch Ihre Unterschrift unter die eidesstattliche Erklärung kritzeln, ihren Fuß in die sich schließende Tür rammen und alles triumpherend auf den Tisch legen und noch eine gute Note kassieren, sind Sie auf bestem Wege, ein Meister des Aufschiebens zu werden.

Viele denken Prokrastination sei einfach. Man müsse einfach nichts machen, bis es fast zu spät sei und dann hektisch durchstarten. Amateure machen das so und wundern sich, warum sie nach ein, zwei Jahren entweder mit Depressionen am Fuß eines hohen Gebäudes liegen (dann natürlich sans Depression) oder Hartz IV beziehend Dosenravioli auf einem Feuer aus Hündekötteln erwärmen müssen.

Wichtig ist es, immer etwas zu tun, ohne zuviel zu tun. Beispiel: Wenn man lästige Hausarbeit machen muss, kann man sich die Qual sehr gut verlängern, indem man zum Beispiel giftigen Haushaltsreiniger versprüht. Bis die Gase unter den Grenzwert fallen ab dem man noch zeugungsfähig ist, kann man mit guten Gewissen andere Sachen machen. Solitaire spielen zum Beispiel (erfunden von Meister Pro-Krasten und garantiert Prokrastination fördernd) oder die gleiche Website 5-1000 mal neu laden.

Der PC ist sowieso der Traum jedes Pro-Krasten und das Internet das Paradies. Ohne diese beiden Zeitverscwendungs-Mittel kommt ein Verschieber und Verschwender, der etwas auf sich hält heute gar nicht mehr aus. Mit nichts anderem kann man so tun, als würde man arbeiten und trotzdem nichts tun. Wenn man dann tatsächlich eine Aufgabe hat, ist die Prokrastination immer eine Alt-Tab entfernt. Die pure Lust.

Eine gewisse Brillianz ist allerdings nie verkehrt als Pro-Krast. So muss man fähig sein, eine Hausaufgabe, bis zum Ultimo aufgeschoben, in den 5 Minuten vor dem Unterricht zusammen zu lügen und dabei auch noch zu beeindrucken. Ein Nobel-Prokrast hat Gerüchten zufolge seine Promotion, seine Habilitation und die Rede vor dem Stockholmer Komitee eine Minute vor dem jeweiligen Termin auf eine Serviette geschrieben. Das sind allerdings Sphären, in die wir Otto-Normal Prokrastiker nie vorstoßen. Trotzdem darf man nie vergessen, dass das, was einem vom gemeinen Penner trennt ein sehr schmaler Grat ist.

Das einzige Problem, das durch die ganze Ablenkerei und Aufschieberei auftut ist, dass die Konzentration flöten geht. Zum Beispiel fällt einem kaum ein guter Schluss für einen Blog-Eintrag ein, wenn man den Flow die ganze Zeit unterbricht, um im Internet zu surfen.

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9 Gedanken zu “Morgen morgen, nur nicht heute …

  1. Dragon

    Wie treffend geschrieben, zu dem Thema kann ich auch den Artikel in der aktuellen Zeit Campus (04/2008) empfehlen. Auf der Seite hier war ich übrigens mal wieder nur weil ich eigentlich für eine Klausur lernen müssten, aber ich ja noch 3 Tage 😉

  2. kaja

    Ja Mann, das is genau das, was ich gerne lese um mich vor meiner Hausarbeit zu drücken, die ich in den nächsten paar Stunden schreiben muss. Schaffe alles immer noch irgendwie, wo sich andere schon Wochen vorher brav mit beschäftigen. Ein bisschen stolz bin ich ja schon, aber ich wüsste zu gern, woher dieses Aufschieben eigentlich überhaupt kommt. Ist das reine Gewohnheitssache? Denn irgendwelche Ängste oder Unlust habe ich eigentlich nicht vor meinen Aufgaben. Mir macht mein Studium eigentlich Spaß und ich schreibe unglaublich gern Hausarbeiten. Mein Verdacht ist ein anderer: Das Leben wäre zu einfach und zu unspektakulär ohne den Nervenkitzel des Aufschiebens. Man hätte halt nur den normalen Alltag. Aber es peppt doch nichts den Alltag besser auf, als zu einer ganz unmöglichen Zeit noch zur Uni aufzubrechen, dem Bus hinterher zu rennen, gerade noch so in die U-Bahn zu springen um dann 5 Minuten zu spät ins Seminar zu kommen und zu merken, dass der Dozent eh noch nicht angefangen hat. Man hatte dafür mehr Zeit beim Frühstück UND den zusätzlichen Spaß auf dem Weg.

    Nur manchmal wird mir mein Leben ein bisschen zu stressig auf die Weise, aber auch da kann man als Profi der Aufschieber nachhelfen. Einfach mal einen ganzen Tag nicht aus dem Bett kommen. Hilft total gut und man schiebt gleichzeitig auch wieder Aufgaben auf, um die nächsten Tage wieder die optimale Spannung zu erleben.

    Mein anderer Verdacht: Ein wichtiger Faktor ist wahrscheinlich auch meine WG. Wir quatschen einfach so furchtbar gern in der Küche. Da lässt man schon mal ein paar Stunden verstreichen. Wen kümmerts, wenn man im letzten Moment noch alles schafft?

    Naja, nur zu einer Sucht sollte das nicht werden. Ich will schließlich frei entscheiden können, ob ich etwas aufschiebe oder nicht. Aber der freie Wille ist ja inzwischen sowieso nicht mehr so sicher vorausgesetzt…

    Super! hab mal wieder ein paar Minuten rumgekriegt 🙂

  3. FF

    Wunderbarer Artikel…hat mich wieder ein paar Minuten das anstehende Essay (Deadline in 3h, 45 Min – Ich hab noch nicht angefangen) vergessen lassen…schade, dass der Blogeintrag nicht länger ist. 🙂

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    the fast-back roofline the vehicle is new in 2010.

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  7. Ja witzig geschrieben. Warum den ein Verhaltensmuster ändern, dass so viel Sekundärgewinn bringt? Viele Dinge haben sich ja auch irgendwann erledigt, wenn man sie nur lange genug liegen lässt. Und Entschleunigungs-Synergien gibt es auch. Den Druck anstauen, bis genug Energie da ist für Höchstleistungen – das nenne ich eine clevere Strategie.

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