Glaubensarbeit

Die Weihnachtsgeschichte von Montag habe ich nicht nur erzählt, um euch mit einem Schwank aus meiner Jugend zu unterhalten. Meine damalige Naivität ist aus heutiger Sicht vielleicht komisch, aber letztendlich demonstriert sie, wie Glauben funktioniert. Glauben ist Arbeit.
Die landläufige Meinung der aufgeklärten Bevölkerung geht dahin, dass Menschen, die einer religiösen Weltanschauung anhängen als ein bisschen rückständig oder naiv angesehen werden. Sie machten sich nicht die Mühe, Fakten zu erforschen, sondern würden einfach das akzeptieren, was man ihnen in ihren Tempeln vorsetzt. Das ist vor allen Dingen amüsant, weil diese Urteile häufig von Menschen kommen, die naiv akzeptieren , was ihnen ihre Schulweisheit so beigebracht hat, ohne dass sie selber die geringste Ahnung von den „Fakten“ haben. Oder dass sie damit selber einen Glauben ausdrücken. Den Glauben an eine geordnete Welt, die von der menschlichen Vernunft (irgendwann einmal) genau erfasst und durchschaut werden kann.
Tatsache ist, dass Glauben, auch religiöser Glaube, erarbeitet werden muss. Eine der bahnbrechendsten, und heute eigentlich selbstverständlichen, Erkenntnisse des in diesen Tagen verstorbenen Ethnologen Claude Lévi-Strauss war, dass es eine universelle Rationalität gibt. Gesunde Menschen denken rational, d.h. Zweck orientiert, zielgerichtet und vernünftig. Auch, und das war die Sensation, sog. Primitive.
Unsere Vernunft ist ein Mittel zum Überleben. Rationalität ist geboren aus dem Gedanken: „Was muss ich tun, damit ich mein Ziel erreiche?“ Welche Kenntnisse helfen mir dabei? Ich muss mich mit der Welt auseinandersetzen, um ihr das zu entreißen, was ich brauche. Um bei unserem Thema zu bleiben: Welcher (religiöse) Glaube nützt mir mehr?
Religionwissenschaftler haben sich gewundert, warum die monotheistischen Religionen solch einen Siegeszug angetreten haben. Die Antwort ist aber relativ banal: weil es vernünftiger war, an einen Gott zu glauben.
Der Glaube an den einen Gott einigte die Stämme Israels und hielt sie auch in den schwierigen Zeiten der Vertreibung und der Gefangenschaft zusammen. Hätten sie an verschiedene höhere Wesen geglaubt, wäre der Zusammenhalt bei weitem nicht so stark gewesen und sie wären irgendwann in den anderen Ethnien des Nahen Osten aufgegangen.
Die Christen waren einig in ihrem Glauben, als Rom auseinander fiel. Kaiser Konstantin machte das Christentum zur Staatsreligion, um sein zerbröckelndes Reich zu retten.
Im frühen Arabien gab es einen regelrechten Marktplatz der Götter. Sein Zentrum war die Stadt Mekka. Die Kaufleute Mekkas verdienten gutes Geld mit den Gläubigen, die von überall her strömten, um an der Ka’aba zu beten. Da trat Mohammed mit der Botschaft auf, dass es nur einen Gott gäbe. Das verdarb das Geschäft und sie vertrieben den lästigen Propheten samt seiner Anhänger. Yathrib (Medina) war der größte Konkurrent Mekkas und nahm Mohammed mit offenen Armen auf. Was wie eine feindliche Übernahme begann,, wurde zur Weltreligion.
Das Problem bei der Rationalität ist, dass etwas, was für die eine Gruppe vernünftig oder rational ist noch lange nicht für alle gelten muss. Meine Aufzählung oben spricht die Rationalität der aufgeklärten Europäer an, aber streng gläubige Juden, Christen oder Moslems würden Anstoß daran nehmen, weil ich die Tatsächlichkeit der religiösen Erfahrung, unter anderem, weg gelassen habe.
Und hier kommen wir wieder zum kleinen Skeltem. Ich haben versucht, aus dem Wenigen, das ich „wusste“ (es gibt das Christkind, er ist ein Säugling, er bringt Geschenke) eine rationale Kette aufzubauen. Wenn meine Eltern und Großeltern religiöser gewesen wären, wäre meine Idee von den Ereignissen vielleicht stringenter und vernünftiger (in unserem erwachsenen Sinne von Vernunft) gewesen. Aber mir, dem 4-5jährigen, reichte meine Erklärung. Sie war für mich vernünftig und ging in den Vorrat kindlicher Tatsachen ein.
Auch wenn es nur der Glaube an das Christkind war, so war es Glaubensarbeit. Die Arbeit bestand darin, nicht nur die verschiedenen bekannten „Tatsachen“ zu glauben, sondern die Lücken zu schließen, die zwischen den Tatsachen klafften. Wie kann ein Säugling Geschenke tragen? So verschwurbelt das Endergebnis war, es war eine rationale Erklärung.
Heute denke ich, dass ich mich nicht so sehr für Religion interessieren würde, wenn ich damals ein komplettes Bild von den Ereignissen hätte vorgesetzt bekommen. Die Arbeit, aus dem Unmöglichen eine unwahrscheinliche Kette zu basteln hat mich vielleicht auf den Geschmack gebracht.
Religiöse Menschen, das wird unsere Atheisten vielleicht wundern, leben nicht in irgend einer Phantasiewelt, sondern in der Wirklichkeit, die wir alle teilen. Ihren Glauben müssen sie ständig an den Tatsachen messen und anpassen. Sie beurteilen, was sie erfahren und ziehen vor dem Hintergrund ihres Glaubens eigene rationale Schlüsse. Genauso wie es Menschen gibt, deren Erkenntnisinteresse nicht von den Offenbarungen der Götter oder vor dem Hintergrund der beseelten Natur befriedigt wird. Diese versuchen durch Beobachtung und Experimente eine Welterklärung zu finden.
Die meisten Menschen allerdings scheuen die Glaubens- und Erkenntnisarbeit. Sie sind zufrieden einfach alles auf der Basis „es steht geschrieben“ oder „der gesunde Menschenverstand sagt mir“ zu akzeptieren. Diese können an Gott glauben oder an [Land/Ideologie eurer Wahl] oder daran, dass die menschliche Vernunft alles erklären kann. Diese Trägheit ist keiner Weltanschauung verbunden, sondern ein fester Bestandteil der Conditio Humana. Wer keine Zweifel hat, ist glücklicher.

3 Antworten zu “Glaubensarbeit”

  1. SirWinston Sagt:

    Die Macht eines Gottes entspringt aus der Zahl seiner Anhänger.
    Es ist volkommen gleichgültig, ob es sie gibt oder nicht – solange ihnen niemand folgt. Denn dann sind sie unbedeutend.
    Es mag sie geben. Aber am besten ignoriert man sie. Sie haben schon genug Schaden angerichtet.

  2. Genug Schaden angerichtet? Das kann ja wohl kaum einem Gott zugeschrieben werden. Gott/Götter wurden/werden missbraucht um Schaden, den Menschen anrichten zu rechtfertigen. Klar bringen Religionen nicht nur Gutes mit sich aber pauschal zu sagen, „ignoriert die Götter“ kanns ja wohl auch nicht sein. Zu den Säulen der Kirche gehört auch die Diakonie. Wie vielen Menschen gibt der Glaube an einen Gott halt und Hoffnung? Kirche ist auch eine soziale Einrichtung, basierend auf dem Glauben. Ich möchte gar nicht bestreiten, dass dies alles auch außerhalb einer Religion zu finden ist, allerdings kann ich mich der pauschalen Meinung, Gott richtet Schaden an, nicht anschließen, solange so viele Menschen halt und Zuversicht in ihm finden und eine Moral aus ihrem Glauben an Gott ziehen.
    Das der Name Gottes missbraucht wird, bedeutet nicht, dass der Glaube an Gott schwinden muss, sondern das der Missbrauch seines Namens bekämpft werden muss.

  3. Ich finde es ja nett, dass ihr meine Miszellen kommentiert. Aber es wäre auf jeden Fall besser, zumindest für meine Nerven, wenn ihr sie vorher lest. Auch wenn es ein trockenes Thema ist.

    Sir Winston, ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen. Aber ich habe nicht von irgendwelchen Göttern geschrieben, sondern vom Glauben. Das Thema der Miszelle war, wie der Glaube ein Teil des Menschseins ist. Und „Glaube“ ist erst mal eine neutrale Funktion und nicht der Glaube an Gott oder sonst etwas Heiliges. Wie ich geschrieben habe, kann der Glaube sich auf alles mögliche beziehen.

    mats, zu deinen Punkten komme ich in einer der nächsten Miszellen. Wenn ich nicht weg müsste, würde ich diese Woche „Die Macht des Glaubens“ schreiben. Aber was ich von den Kirchen halte, habe ich in „Der Tempel …“ und „… des Todes“ geschrieben.

    Aber nur um das noch einmal klar zu machen:
    Ich schreibe so gut wie nie über Götter oder das Numinose, sondern über Menschen. Ich bin kein Theologe, noch hänge ich irgend einer bestimmten religiösen Gruppierung an. Ich bin Religionswissenschaftler und Agnostiker.

    Genausowenig wie wir die Existenz des Göttlichen beweisen können, können wir es ausschließen. Wir, die Menschen, sind schlicht nicht in der Lage, mehr wahrzunehmen, als den äußerst begrenzten Rahmen, den und unsere Sinne vorgeben. Was da draußen ist … wer weiß?

    Aber wir können alles erkennen, was mit uns selbst zu tun hat. Und kein Gott hat meines Wissens jemals Schaden angerichtet. Aber Menschen, die sich bemüßigt fühlen, Erklärungen für ihre Unmenschlichkeit zu finden, tun dies jeden Tag.

    Das war mein Wort zum Mittmoch, jetzt muss ich selber ans Kreuz.

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