Mehr Brutto im Minus

Lapis und ich trauern. Unsere „Minus“-Filiale ist geschlossen. Die direkt über die Straße. Die uns allen so illustre Freunde wie Lady Letta geschenkt hat. Wo sich Penner, türkische Mutter von fünf und armer Öko die Schwingtür in die Hand gaben. Da wo jeder deinen Namen kennt und alle sich freuen … sorry.
Die Minus-Kette wurde letztes Jahr an Zwodeka verkauft. Die Minus Läden sollten Zwodeka zusammen mit der eigenen Kette „Brutto“ zur größten Discounter Kette Deutschlands werden. Ich habe vergessen, ob sie größer als „Alberich“ ist. Aber ich glaube, nichts ist größer als der billige Zwerg, Und wie das so ist in der Welt des Kapitalismus sollen die Kosten möglichst gestern wieder reingeholt werden. Und weil der größte Kostenfaktor selbst bei den modernen Sklavenhaltern das Personal ist, wurde dort erst mal gespart. Lapis und ich bekamen in den letzten Monaten eine sehr anschauliche Lektion in modernem Wirtschaften.
Zuerst merkten wir, dass in unserem Minus weniger Personal arbeitete. Gesichter, die wir seit Jahren dort gesehen haben, waren plötzlich weg. Und die Frauen, die bleiben (ja, alles Frauen) rotierten plötzlich unaufhörlich.
Die Filiale suchte seit etwa einem Jahr nach einem neuen Filialleiter oder einer Filialleiterin. Es ist allerdings niemals einer aufgetaucht. Nachdem ich mit einem Bekannten gesprochen habe, der in der Branche arbeitet, wusste ich warum. Nein, wenn ich das schreibe, könnte ich Ärger bekommen. Die stellvertretende Filialleiterin jedenfalls scheint mittlerweile dort zu wohnen.
Die anderen Damen hetzen zwischen Regalen und Kassen hin und her. Beides kommt natürlich zu kurz. Entweder stehen die Leute bis zu den Kühlregalen oder sie fallen übereinander in den total verstopften Gängen. Denn das Sortiment scheint mehr und mehr aus „Saisonware“ (oder besser „Wochenware“) zu bestehen und wird ständig ausgetauscht. Das bedeutet, dass Regale ständig geleert, aufgefüllt usw. werden müssen. Und das während der Geschäftszeiten, denn sonst reicht es einfach nicht. Personalmangel.
Entsprechend gut drauf sind die Damen. Nein, das stimmt nicht. Ich würde wahrscheinlich mittlerweile nervende Kunden körperlich züchtigen. Die Minus-Maiden sind oft leicht genervt, aber immer höflich bis freundlich.
Das Sortiment hat arg gelitten. Der Minus war früh ein Vorreiter von bezahlbaren Bio-Produkten. Lapis und ich sind ohne die Minus-Marke völlig aufgeschmissen. Sicher, das andere Zeug kann man auch konsumieren. Es ist sogar billiger. Aber wir wollen nicht billig, sonder preiswert. Und das Zeug, das seit der Zwodeka-Übernahme im Minus verkauft wird ist zwar billig aber seinen Preis in Vielen Fällen einfach nicht wert. Um genau zu sein: viele der Brutto-Marken sind ungenießbar. Mittlerweile kaufen wir die Bio-Produkte und die Markenartikel, aber das andere Zeug fassen wir mit der Kneifzange nicht an.
Und bei den Marken habe ich festgestellt, dass viele der Chips, Cappuccinos oder Puddingpulver alt schmecken. Und dass das Haltbarkeitsdatum etwas ist, worauf man achten sollte. Ich vermute (ich vermute!), dass die Brutto Zentrale große Mengen von Waren, die sie bei den Zwodekas nicht mehr verkaufen wollen an ihre Discounter umleiten und da billiger verscheuern. Dass man nicht immer das Gleiche bekommt, erhärtet meinen Verdacht. Mittlerweile komme ich mir ein bisschen wie weiland der „Konsum“-Kunde vor, der halt das mitnehmen muss, was da ist.
Aber das ist auch vorbei. Der Minus ist zu. Und nächste Woche macht er wieder auf. Als Brutto. Wenn du denkst, es kann nicht schlimmer kommen …

Addendum: Wie wichtig unser Minus für die Gegend hier ist, sehe ich jedes Mal, wenn ich aus dem Fenster gucke. Ab morgens acht Uhr sehe ich Leute gegen die geschlossenen Türen laufen. Ich weiß nicht, ob ich das tragisch oder komisch finden soll. Vielleicht beides. Lapis und ich kaufen inzwischen bei „T-Bonum“ ein. Teurer, preiswert.

2 Antworten zu “Mehr Brutto im Minus”

  1. Die Geschichte kommt mir bekannt vor. Bevor mein Brötchengeber beschloss es sei Zeit um zuziehen, weil die drei Jahre an einem Standort schon wieder vorbei waren, hatten wir direkt neben dem Büro einen Brutto. Neben den gesellte sich nach einiger Zeit ein neu gebauter Minus. Ich war vom Minus begeistert da er nicht nur meiner Faulheit entgegenkam (ein paar Meter in der Mittagspause gespart) sondern weil er auch das besser Sortiment hatte. Dann wurde er Teil des anderen großen Konzerns und den Personalabbau konnte man quasi live mitbekommen. Auch hier wurde irgendwann ein neuer Marktleiter gesucht… Aber wer will so einen Job. Ich hatte meine ersten beruflichen Schritte im Retailbereich gemacht und muss sagen dass in vielen Ketten der Job des „kleinen“ Marktleiters der Hölle auf Erde so nahe kommt wie es ohne Feuer und Schwefelgeruch nur möglich ist.
    Das Ende des Liedes war dass der Minus neben dem Brutto schlicht und einfach redundant war, was dann sein Schicksal besiegelte (redundant war er vorher auch, aber da kämpften noch zwei Ketten um Marktanteile).

  2. Dein Job hört sich allerdings auch nicht an als wäre er etwas für Sesshafte.

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