Babel, pantomimisch

Seit zwei Wochen gehen Lapis und ich wieder zum Gebärden Kurs in der Volkshochschule. Weil das jetzt schon unser dritter Kurs ist, waren wir so verwegen und haben uns für den Fortgeschrittenen-Kurs angemeldet. Die Tücken der deutschen Gebärdensprache hatten wir allerdings nicht eingeplant.

Wie ich ja schon mal erwähnt hatte, zerfällt die deutsche Gebärdensprache in so viele, teils völlig unterschiedliche, Dialekte wie unser föderales Land selber. Stand: ca. 1834. Lapis und ich fingen in Göttingen mit der Norddeutschen Gebärdensprache an, die in Hamburg gelehrt wird. Nach dem VHS-Kurs lernten wir zusammen mit zwei sehr netten Mitschülerinnen (Hallo D.! Hallo N.!) im Selbststudium weiter. Und zwar die Westdeutsche Gebärdensprache (Aachen)*. Die Hamburger und die Aachener Varianten unterscheiden sich in meiner Erinnerung allerdings nicht so sehr.

Umso heftiger war das Umlernen, als wir dann nach Coburg zogen und hier, in Oberfranken, den Würzburger oder mittelfränkischen Dialekt lernten und nicht den oberfränkischen aus Bamberg. Der wiederum ist näher an der „bayrischen Gebärdensprache“, wie sie in München gelehrt wird. Und eben diese Bayrische Gebärdensprache lernen wir jetzt in der VHS.

Wir sind in der Situation von Leuten, die irgendwann einmal chinesisch gelernt haben. Angefangen mit dem Pekinger Dialekt. Dann sind sie nach Shanghai gegangen und haben dort ein paar Worte aufgeschnappt. In Sichuan lernten sie dann Kantonesisch um schließlich an der Uni ihr Mandarin zu vervollkommnen. Nur noch ein bisschen komplizierter.
Denn bisher hatten wir immer die „Laut begleitende Gebärdensprache“ gelernt. Wie der Name schon sagt, unterstreichen die Gebärden laut gesprochene Worte. Das bedeutet, dass sich die Struktur der Gebärden nach jener der Lautsprache richtet. Jedes gesprochene Wort erhält eine Gebärde.

Jetzt lernen wir die „Deutsche Gebärdensprache“**. Die DGS ist eine eigene Sprache mit eigener Grammatik. Vieles was in der Lautsprache geäußert wird, übergeht die Gebärdensprache als redundant. Personalpronomina werde z.B. äußerst selten gebärdet, da meistens klar ist, wer oder was gemeint ist. Auch wird sehr viel über Mimik, Gestik und Mundbild vermittelt. Häufig bezeichnen die gleichen Gebärden unterschiedliche Dinge abhängig von Mimik und Mundbild. In diesem Sinne ist die DGS schon wieder dem Chinesischen sehr ähnlich, da sie auch sehr viel Wert auf Betonung und Flexion legt.

Was mich wirklich nervt ist diese „Kleinstaaterei“. Gehörlose und Hörbehinderte Menschen werden in diesem Land sowieso schon als „ein bisschen dumm“ wahrgenommen. Wir haben keine nennenswerte Lobby. Und im Gegensatz zu zum Beispiel den Vereinigten Staaten gucken einen die Leute hier an als sei man vom Mars, wenn man in der Öffentlichkeit gebärdet. Das Leben von Hörenden und Gehörlosen oder Ertaubten findet normalerweise getrennt statt. Dass wir keine gemeinsame Sprache sprechen, könnte damit zu tun haben. Aber dass man ohne Not keine neue Sprache lernen will, die nur an einem ganz bestimmten Ort ge“sprochen“ wird, sollte auf der Hand liegen.

Was kann man machen? Ich kann am eigenen Leibe erfahren, wie es wäre, wenn irgend jemand eine „Allgemeine DGS“ zwangseinführen wollte. Durch die vielen Dialekte haben Lapis und ich unsere „Privatsprache“ entwickelt, in der wir jeweils lieb gewonnene Gebärden benutzen. Mit anderen Worten: Kauderwelsch. Aber jedesmal wenn ich die „richtige“ Gebärde benutzen soll, zögere ich ein bisschen. Was ist dann erst mit den Menschen, die mit einem Dialekt aufwachsen?

Ich denke, es sollte eine einheitliche Gebärdensprache eingeführt werden. Das stärkt die Hörbehinderten und Gehörlosen und gibt eine gemeinsame Identität. Diese „aDGS“ sollte überall in Deutschland gelehrt werden und zwar zusätzlich zu den lokalen Dialekten.

Dann wäre die Gebärdensprache in der gleichen Situation wie die Lautsprache. Und es wäre wieder ein wenig mehr Gemeinsamkeit geschaffen.

* In einer früheren Miszelle habe ich das etwas vereinfacht wiedergegeben.
** Der Name ist eigentlich ein Witz, wie man aus meinen Ausführungen sehen kann.

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