Es war einmal …
… ein Land, das von Drachen regiert wurde. Die Drachen hatten ihre Schuppen, Zähne und Klauen abgelegt. Sie trugen jetzt feine Anzüge. Der Rauch aus ihren Nüstern stammte von kubanischen Zigarren. Statt selber zu fliegen stiegen sie lieber in ihre Lear Jets. Was sie nicht abgelegt hatten, war ihre Vorliebe für Schätze. Sie liebten Gold über alles und es war ihnen egal, wie sie es bekamen. Außerdem verspeisten sie auch die eine oder andere Jungfrau, die sie sich per sehr exklusivem „Escort-Service“ kommen ließen.
Die Drachen regierten auch nicht selber. Es war ihnen im Grunde egal, wie es den Menschen geht, also warum sollten sie sich mit langweiligen Dingen wie Bildung oder Gesundheit befassen. Solange es ihnen gut ging und sie ihren Reichtum mehren konnten überließen sie die Politik anderen. Sie setzten Menschen als Herrscher ein, was ihnen einerseits Arbeit abnahm und andererseits ihren ahnungslosen Subjekten das Gefühl gab, einen Einfluss auf ihr Schicksal zu haben.
Dann und wann machten die Menschenherrscher etwas, das bei ihren Untertanen
Unmut hervor rief. Dann beschworen die Drachen mit ihren magischen Kräften Gespenster. Etwa das schwarze Gespenst der Todesangst oder das rote Gespenst der Armut. Das wirkte in 90 Prozent der Fälle. Die Menschen bekamen solche Angst, dass sie ihre Herrscher alles tun ließen, um nur die Gespenster los zu werden. Das Land nannte sich selbst übrigens „das Land der Freien“. Was müssen die Drachen gelacht haben, als sie den Namen erfanden.
Die Drachen hatten einen Weg entdeckt, wie sie ihre Horte unabhängig von Schlössern oder Höhlen machten und gleichzeitig vorwitzige Kleinwüchsige davon abhielten, sich als Drachentöter zu versuchen. Sie verwandelten ihr gesamtes Gold in Zahlen. Diese Zahlen waren ungreifbar, aber beherrschten bald nicht nur das „Land der Freien“ sondern die ganze Welt viel besser als jeder Herrscher. Die Menschen wurden süchtig nach den Zahlen und die Drachen waren ihre Dealer. Niemand beherrschte das Spiel mit den Zahlen besser als die Drachen. Und niemand vermutete, dass die Zahlen ungefähr so viel Substanz hatten wie die Geister, die sie beschworen.
Weil ihnen eines Tages langweilig geworden war versuchten die Drachen herauszufinden, wie weit sie dieses Zahlenspiel treiben konnten. Sie versprachen armen Menschen, dass jeder von ihnen ein eigenes Haus bauen könne. Das Geld dazu müssten sie sich nur von den Drachen leihen. Über die Rückzahlung könne man später reden. Die Menschen sahen sich plötzlich in der Lage, einen Traum vom eigenen Heim zu realisieren. Wer hätte da nicht zugegriffen? Selbst wenn der Typ von der Bank so komisch grinst. Die Zahlen wuchsen und wuchsen. Die Zahlen, die geliehenes Geld darstellten, mit denen die armen Leute ihre Häuser bauten oder kauften. Die Zahlen des Geldes, die sich die Drachen untereinander liehen um die Kredite zu bezahlen.
Dann hatte irgendein Drache eine Idee, für die er spontan zum König der Drachen ernannt wurde: Warum machen wir nicht nur aus Nichts Geld, sondern auch noch aus weniger als nichts, den Schulden. Die Drachen jubelten. Fortan handelten sie untereinander oder mir Drachen anderer Länder mit den geschickt verpackten Schulden der armen Leute des „Landes der Freien“. Und das so erfolgreich, dass andere Länder sie imitierten und bald ganze Länder aufblühten, die mit weniger als nichts handelten. Wie die Hütchenspieler verschoben und verschoben sie die Zahlen, bis niemand wer wusste, wo die Erbse war. Ja, dass es überhaupt eine Erbse gab, die natürlich die ganze Zeit in der Hand der Drachen geblieben war.
Irgendwann merkten aber selbst die dümmsten Menschen, was Sache ist und der ganze Schwindel flog auf. Es erwischte eine Drachen mit dem seltsamen Namen „Lehman“. Die anderen verspotteten ihn und er musste für ein paar Jahre auf die Bank. Die stand natürlich auf einer sonnigen Insel und war bequem gepolstert.
Die anderen Drachen dachten darüber nach, worum sie jetzt spielen könnten. Da fiel einem ein: Menschenleben. Da Menschenleben erst mal wertlos sind, mussten die Drachen sich etwas ausdenken. Sie gaben den Leben einen Wert: ihr Alter. Je älter ein Mensch wurde, desto weniger wert war er für die Drachen. Sie kauften nun große Bündel von Wettscheinen auf das Alter der Menschen von Versicherungen. Versicherungen sind die kleinen, hässlichen Verwandten der Drachen.
Aber nach dem „Lehman“ Desaster waren die Menschen geschockt und hatten dieses eine Mal ohne irgendein Gespenst Angst bekommen. Sie hatten einen schwarzen Ritter als „Herrscher“ gewählt, der ihnen versprach, dass sich etwas ändere im „Land der Freien“. Als erstes wolle er dafür Sorgen, dass alle Menschen für ihre Gesundheit aufkommen können, zur Not mit Hilfe des Staates.
Das passte den Drachen nun gar nicht. Diese sahen sich in ihrem Spiel gestört, das ja gerade darum ging, dass die Menschen nicht gesund sind und früh sterben. Also beschworen sie wieder Gespenster. Um dem Ritter zu zeigen, wer im „Land der Freien“ wirklich das Sagen hat, gingen sie diesmal sogar so weit, alle beide zu rufen, das Rote und das Schwarze. Außerdem erinnerten sie einige Menschen daran, wer ihnen denn ihr Leben in Luxus und Überfluss ermöglicht.
Die armen Menschen im „Land der Freien“ waren ungebildet und die Reichen hatten viel zu verlieren. Deswegen glaubten die Armen den hanbüchenen Geschichten, die die Günstlinge der Drachen verbreiteten.
Das ist das Ende der Geschichte vom „Wandel“ im „Land der Freien“. Und wenn die Drachen nicht an ihrer eigenen Gier zugrunde gegangen sind, verarschen sie die Menschen auch heute noch.
Ende
Bis die Blase platzt dauert es aber definitiv länger.
Und da sag mal einer, die Banken hätten aus der Krise nichts gelernt!