Unverdorben
Diese Miszelle ist ein Update von „Verdorben“.
Was mich damals geritten hat, weiß ich auch nicht mehr so genau. Vielleicht der Überschwang. Jedenfalls habe ich fast das Bedürfnis, mich für „Verdorben“ zu entschuldigen. Bei euch und Nick Hornby.
„A long way down“ (dt.: A long way down, ausgesprochen wie „Along vei daun“) ist ein gutes Buch. Kann ich jedem nur empfehlen. Allerdings die Handlungskapriolen, von denen ich damals geschrieben hatte, kann ich heute, nach einer ereneuten Lektüre, nicht mehr so ganz nachvollziehen. Natürlich weiß ich heute, was geschehen wird, aber im Grunde genommen gibt es kaum überraschende Wendungen. Vielleicht war ch damals von der Lektüre eines Hohlbein-Romans verdorben? Das war ein Witz. Ich würde Hohbein nur lesen, wenn ich Geld dafür bekäme. Viel Geld!
Um was geht es eigentlich? Auch da war ich damals ja sehr vage. Also. „A long way down“ (ALWD) ist die Geschichte von vier Selbstmördern. Ein gescheiterter Fernsehmoderator, ein gescheiterter Musiker, eine gescheiterte Mutter eines wachkomatösen Kindes und eine 18jährige, der man es nach dem Ende nur gönnt, dass sie im Leben scheitern wird, springen nicht von einem Hochhaus. Also Scheitern die vier Gestalten selbst als Selbstmörder. Das liest sich traurig, ist aber höchst amüsant. Wobei man wirklich spätestens nach der Hälfte des Buches wünscht Tess, das Mädchen, WÄRE gesprungen.
Die Geschichte wird jeweils aus der Perspektive eines der vier in der Ich-Form erzählt und das ist allein schon sehr brilliant. Jede der Figuren hat einen eigenen Stil und man sieht förmlich durch die Augen der Person. JJ, der amerikanische Musiker, ist halt sehr ‘amerikanisch’ (he uses ‘Fuck’ a lot!), Martin ist der typisch verklemmte britische Mann mit einem trockenen und verletzenden Sinn für Humor. Die frömmelnde und gehemmte Maureen zensiert innerlich alle Flüche, mit denen JJ und Tess reichlich um sich werfen (F*** no! Sorry, Maureen.). Tess ist ein absolut gestörter, asozialer und soziopathischer Teenager.
Die vier erleben keine Abenteuer, aber es ist trotzdem lesenswert, wie sie sich zusammen raufen. Sie stützen einander, obwohl sie sich eigentlich nicht leiden können. Der rote Faden, der sich durch das Buch zieht ist wie sie, sich selbst verblüffend, einander helfen, die jeweiligen Gründe für ihren versuchten Suizid zu beseitigen.
Und das ist vielleicht wirklich das Überaschende: sie scheitern auch dabei. Ok, Tess ‘Problem’ befand sich, wie die meisten ihrer Probleme hauptsächlich in ihrem Kopf. Aber die jeweiligen Lebensumstände der Erwachsenen verschwinden nicht einfach. Und am Ende werden sie nicht alle zu ein er großen Familie und alles wird gut.
Das ist die Kunst von Hornby. Im Grund erzählt er meistens von relativ ‘normalen’ Menschen, die in Ausnahmesituationen geraten. Aber diese Situationen könnten eigentlich jedem passieren. Und die Figuren durchlaufen zwar Entwicklungen, aber man könnte nicht sagen, dass sie etwas ‘gelernt’ hätten. Wenn er sie am Ende zurücklässt, weiß man als Leser, dass das Buch zwar beendet ist, aber die Probleme mit denen sich die Figuren herumschlagen sind es nicht.
Letztendlich erzählt Hornby wahre Geschichten von echten Menschen. Ausgedachten echten Menschen. Und seine Geschichten sind manchmal doch so überraschend, dass man nicht weiß, wie es ausgehen wird. Wie das Leben halt.