… behindert wird man

Nazi-Vergleiche sind böse. Im besten Fall sind sie geschmacklos, im schlimmsten kriminell. Nur Leute, denen das letzte Bisschen Argumentation verloren geht, schmeißen auch jeden Anspruch auch Ernsthaftigkeit über Bord, um ein letztes: „Hitler war auch Vegetarier!“ in eine Diskussion zu rotzen und dann den erbärmlichen Tod einer Lachnummer zu sterben. Und Politiker. Und Bischöfe. Und Leute, die auf der dritten Seite eines Forenthreads schreiben.
Trotzdem. Als meine Mutter am Ende eines langen, anstrengenden und demütigenden Tages mit der Deutschen Bahn sich in dem Waggon für gesellschaftliche Randgruppen (Radfahrer, Eltern mit Kleinkindern, Behinderte) „Viehwagen“ auf unseren Block kritzelte, konnte ich den unwillkürlichen Gedanken an andere Waggons, als die Bahn noch Reichsbahn hieß, nicht ganz unterdrücken. Vielleicht lag es auch dran, dass wir in Würzburg den „Zug der Erinnerung“ gesehen hatten. Der hatte zumindest in meinem Fall dann ganze Arbeit geleistet.
Vorausgegangen war, wie gesagt, ein Tag auf Schienen. Bzw. auf kalten zugigen Bahnsteigen, eingeklemmt zwischen Türen, unter den gleichgültigen Blicken von „Helfern“, der freundlichen Güte von Fremden, der ständigen Angst, den Zug zu verpassen, Langeweile und schließlich im „Viehwagen“.
Wenn ich den Tag in einem kurzen Statement zusammenfassen sollte, würde der wohl: „Fahrt nicht mit der Bahn! Jedenfalls nicht, wenn ihr gehbehindert und auf Hilfe angewiesen seid.“ lauten. Seit der Zeit, in der Frachtwaggons so schrecklich missbraucht worden sind, ist die Bahn weit gekommen. Alles ist modernen geworden. „Modern“ ist im Falle der Bahn kein besonders positives Wort. Zwar setzt man jetzt Züge ein, die auf etwa 100 KM im deutschen Schienennetz eine Spitzengeschwindigkeit von einer hundertstel Astronomischen Einheit pro Stunde erreichen können. Diese tollen Züge sind aber notorisch verspätet, was den Geschwindigkeitsvorteil ad absurdum führt. Darüber hinaus sind sie unbequem und sehr sehr teuer.
Es ist irgendwie süß anzusehen, wie die Bahn sich um die Gesundheit ihrer Kunden sorgt. Sie hat sich ein sportliches Programm ausgedacht, das jedem Sporthotel zur Ehre gereichen würde. Zum Beispiel sind die Bahnsteige mindestens eine Bundesjugendspiel-Urkunde im Weitsprung weit vom Zug entfernt. Irgendwann hat ein Ingenieur sich Regionalzüge ausgedacht, deren Einstieg mit der Bahnsteigkante abschließt. Ich schätze,der Mensch wurde gefeuert. Denn die nächste Generation fügte dem Zug-Fitnessprogramm neben dem Weit- auch noch den Hochsprung zu. Und ein paar Treppen. Im Zug.
Damit die Ausdauer nicht zu kurz kommt, gibt es beim Umsteigen die Sprints. Die Züge sind normalerweise schon so geplant, dass man höchstens 5-6 Minuten zum Umsteigen hat. Allerdings kommen sie selten zu dem exakten Zeitpunkt an. Und sich darauf zu verlassen, dass der Anschlusszug auch verspätet ist, heißt das Schicksal herausfordern. Also sieht man schwer beladene Reisende ihre Fitness beim „Treppe runter rennen, Baby verlieren, Baby wieder einsammeln, Uhr checken, Panik kriegen, Treppe rauf rennen, Bby in den Zug werfen, in den Zug springen“ steigern.
Und weil „Wellness“ so hip ist, hat die Bahn ein Programm für die seelische Ausgeglichenheit entwickelt. So kann man sich, während man auf den Zug wartet, in Zen-Medidation üben. Man kann sich vor Augen führen, dass man ein Nichts ist, wenn man versucht, mit dem Kundendienst und/oder Schaffner zu verhandeln. Die Stoiker frohlocken, wenn sie erfahren, dass ihr Anschlusszug weg ist, sie den letzten Zug nach Hause verpassen und sehen müssen, wo sie bleiben. Nein, Entschädigungen gibt es nur im Fernverkehr. Das ist Ihr Problem, nicht meins. Wer unter diesen Umständen nicht das Tutzinger Bahnhofsmassaker veranstaltet, kann auch gleich ins Nirvana eingehen.
Dass die Bahn auch ein Herz für Kinder hat, beweisen immer wieder besorgte Schaffnerinnen und Schaffner, denen die Gesundheit der jungen Bahnreisenden am Herzen liegt. Sie bringen die Sport geforderten Jugendlichen deswegen häufig dazu, auszusteigen, und sich körperlich zu betätigen. Auch nachts. Ich sehe Peter Lustig mit DB-Mütze förmlich vor mir: „Und jetzt, du weißt schon. Einfach mal aussteigen, ne?“
Leider gilt das Fitnessprogramm der Bahn nur schon gesunden Menschen. Wenn man behindert ist, ist Bahn fahren die Hölle. Wir haben zwar Atteste, die uns vom Sport befreien, aber das interessiert die Bahn nicht. Viele Bahnhöfe haben keine Aufzüge. Wie soll man im Rollstuhl die Treppen bewältigen? Die Umsteigezeiten sind für gesunde Menschen knapp. Sollen ältere und gehbehinderte stundenlanges Warten auf Bahnhöfen in Kauf nehmen? Überall steht „Achten Sie auf die Durchsagen“ wegen Gleisänderungen. Das ist toll. Ich kann zumindest hören, dass das eine Durchsage ist. So wie die anderen Millionen Schwerhörigen. Gehörlose fragen sich da wenigstens nicht, ob es sie wohl betrifft. Die Durchgänge im Zug sind zu schmal für Rollatoren und Rollstühle. Letztere kommen sowieso nur mit Hebebühnen in die Züge rein. Und es sind ja nicht nur behinderte Menschen, sondern auch Senioren und Familien mit Kleinkindern für die Bahn fahren eine Tortur ist.
Meine Mutter jedenfalls will das nächste Mal wieder fliegen. Und die meisten Menschen mit Handicaps werden, wenn sie können, lieber das Auto nehmen. Die Bahn kommt – aber wir kommen nicht rein.

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