Der Rabe und die Schneeeulen (Teil V und Schluss)
Teil I
Teil II
Teil III
Teil IV
Als es Zeit wurde, die vermaledeite Salbe wieder aufzutragen, ließ er es einfach sein. So hockte er für Stunden im Nest und tat sich vor allen Dingen selber leid. Er pickte an ein paar Knöchelchen herum, aber eigentlich hatte er nicht mal mehr Hunger.
Dann geschah etwas seltsames. Das Pochen und Klopfen in seinem rechten Flügel ließ nach. Auch das Zerren und Reißen. Einzig der Gestank war immer noch schwer erträglich. Um ihn zu lüften, wedelte er ihn vorsichtig hin und her. Bröckchen getrockneter Salbe, Schorf und Schlimmeres flogen davon. Er schmerzte zwar immer noch etwas, aber er fühlte sich definitiv besser an.
Der Rabe schmierte etwas auf seinen linken Flügel, denn der hatte inzwischen wieder begonnen, weh zu tun. Vorsichtig, ganz vorsichtig, schwang er sich aus dem Nest in die Luft. Fast wäre er wieder einmal abgestürzt, konnte sich aber fangen und stieg über die Wipfel der Bäume. Das hatte er schon lange nicht mehr gemacht. Der rechte Flügel war immer noch verklebt und entzündet. Aber weil fast einen ganzen Tag keine neue Salbe dazugekommen war, konnten seine Federn sich besser entfalten und die Luft zwischen ihnen tat ihr Übriges.
Als seine Frau gegen Einbruch der Dunkelheit, schwer an der Schiene tragend, zum gemeinsamen Nest zurück kehrte, fand sie ihren Lebensvogel fröhlich krächzend über einem tot gefahrenen Karnickel sitzen.
„Hallo, meine Süße. Ich habe dir einen halben Hasen über gelassen. Du hast bestimmt noch nichts gegessen.“
Die Räbin war perplex. „Ich hatte ein paar Maden auf dem Weg. Was ist passiert? Du bist so .. anders.“
Der Rabe krähte wie ein Hahn (mit Polypen): „Nii – ichts! Niichts ist passiert. Hahaha. Nichts! Ich habe nichts gemacht. Ahahaha.“
Die Rabenfrau beäugte ihn skeptisch mal mit dem einen Auge, mal mit dem anderen. Hatte er wieder vergorene Früchte genascht? Er war auf jeden Fall berauscht.
„Ich habe dir die Schiene mitgebracht. Die Schneeeulen waren sehr hilfsbereit. Natürlich durfte ich erst mal ein paar Stunden warten. Ich weiß nicht, warum, ehrlich gesagt. Außer mir war niemand da und die Schiene hatten sie auch …“
„Schiene, Trine, böse Miene!“, sang der Rabe. Und es hörte sich furchtbar an!
„Jetzt sag mir sofort, was los ist mit dir, Rabe!“, herrschte die Räbin, am Ende ihrer Geduld und ihrer Kräfte ihn an. Die letzten Wochen waren für sie mindestens ebenso schlimm gewesen wie für ihn.
Ihr Hahn grinste sie an. Dann wurde er aber ernst. „Ich denke immer, dass ich so schlau bin. Aber manchmal bin ich einfach dumm.“ Für Raben ist so ein Satz gleichbedeutend mit dem Eingeständnis einer schweren existentiellen Krise und wird üblicherweise auf Abschiedsreden gehalten. Permanente Abschiede.
„Ich habe auf die Schneeeulen gehört und nicht auf meinen Körper. Ausgerechnet ich habe zugelassen, dass ich Vögeln, bloß weil sie klug daher reden mehr vertraue als meinen Instinkten. Ich war ein Idiot.“
Sein Weibchen widersprach ihm nicht.
Mit der Salbe experimentierte er in der ersten Zeit danach viel herum. Er verringerte die Dosis immer mehr. Aber jedes Mal, wenn er sie benutzte, begannen sofort wieder die Probleme. Es schien, dass wirklich das Weglassen der Salbe der Schlüssel war. Manchmal half sie aber, wenn die Narbe wieder sehr schmerzte. Und der linke Flügel hörte nie auf, weh zu tun. Mit ein wenig Salbe war das aber erträglich. Seine Frau baute die Schiene geschmackvoll in das Nest ein und es war fast wieder wie vor der Zeit, als „Dingus Weißnichtwas“ in das Leben des Raben (und seiner geplagten Frau) gekommen war.
Aber es war nie wieder so, wie vor der Operation. Die Wunde entzündete sich häufig und der Rabe musste seinen Flügel öfter und ausgiebiger putzen als vorher. Auch bereitete er ihm immer noch große Probleme, wenn er viel geflogen war. Dann musste er oft im Nest hocken und die Flügel schonen. Die unbeschwerte Leichtigkeit des Fliegens war wohl dahin.
Aber Raben sind unverwüstlich. Wenn er so im Nest saß unterhielt er seine Frau mit gekonnten Imitationen von Tieren (vorzugsweise Eulen), bis der nähere Wald von krächzendem Gelächter widerhallte. Und ich sehe ihn auch heute noch oft durch die Gegend fliegen, seinen linken Flügel schonend und hinter irgendwelchen genervten Tieren her jagen, denen er unbedingt seine neuesten Erkenntnisse verkünden muss. Und die Tiere laufen nicht mehr so schnell weg wie früher, weil der Rabe langsamer fliegen muss. Wenn man weiß, wonach man sucht, kann man meistens ein erleichtertes Grinsen in ihren Zügen aufblitzen sehen.
Moral: Wie jede Fabel hat auch diese eine Moral. Sie lautet: Manchmal weiß dein Körper besser Bescheid als du, wenn sich die Schneeeulen im Flügel irren