Neulich war ich beim „Minus“ um die Ecke, Da gibt es preiswerte Bioprodukte. Meine Frau und ich sind zwar ökologisch bewusst, aber auch nicht blöd. Ich habe die Sojamilch, Tofu und die guten Grünkernfrikos für 1,99 in der Hand, da fällt mir ein, dass ich gar nicht weiß, ob ich genug Geld mitgenommen habe. Also gehe ich ein Stück von der Kasse weg, weil ich die Leute nicht aufhalten will. Schließlich ist Mittagszeit und der Laden recht voll.
Während ich nun versuche, die Tüte mit der Sojamilch, die Ein-Kilo Packung Bohnenquark und die Buletten zu jonglieren und dabei mein Portemonnaie aus der Gesäßtasche zu angeln (ich weiß, dass es einfacher gewesen wäre, das Zeug einfach abzustellen, aber ich bin eben ein echter Mann), kommt eine Kundin mit einer Packung Cräcker, Frischkäse und einem Bund Stangensellerie an die Kasse. Sie lächelt nett. Ich lächele nett zurück, verliere dabei fast die Reismilch und murmele: „Wenn sie wollen, können sie vor. Das dauert noch eine Sekunde hier“. Sie bedankt sich und legt ihre drei Teile auf das Band. Dann geht sie schnell zurück in den Laden. Und holt den Rest. Plötzlich schleppt die 2 volle Einkaufwagen an. Und ihren Freund. Ich denke, ich spinne.
Aber da ich den Freund aus Funk und Fernsehen erkannte, er spielt dort öfter Gebirgsmassive oder Wolkenkratzer, denke ich nur ‘Du und dein Großes Maul!’ und sage nichts.
Die Supermarkt-Kassenfachkraft (Minijob) arbeitet sich ne Sehnenscheiden Entzündung an, während Cräcker dümmlich grinsend daneben steht und der Berg das ganze Zeug in Tüten verpackt. Hinter mir bildet sich eine Schlange bis zur Tiefkühlnahrung.
Als dann, nach etwa einer halben Stunde alles abgezogen ist und die Kassiererin und der Freund fast am Ende ihrer Kräfte, greift der Frischkäse plötzlich in eine Tüte, holt ein Packung Butter raus und kreischt durch den ganzen Laden: „Och nee! Das ist ja gar keine Letta! Ne, das Zeug will ich nicht. Klaus? Hast du das eingepackt?“ Das Klaus-Massiv murmelt etwas und seine Frau/Freundin/Heimsuchung schmeißt der erschöpften Kassiererin die Butter hin und verlangt, sie zu stornieren. Die ersten Kunden hinter mir murren laut und einigen verlassen auch schon den Laden. Ich bin eingequetscht zwischen dem Drama an der Kasse und einem heftig schwitzenden Dicken hinter mir und muss das alles mit morbider Faszination ansehen. Das ist wie ein Verkehrsunfall. Oder ein Mob in Vorbereitung. Rieche ich schon die Pechfackeln?
Um zu stornieren, muss der Filialleiter gerufen werden, der vermutlich wie die anderen Lohnsklaven gerade Mittag macht.. Der kommt dann auch irgendwann, bongt die Butter aus und ich überlege, wann die Euphoriephase des Sauerstoffentzuges wohl einsetzt. Außerdem tun mir die Arme weh.
Ich habe einen Logenplatz, also weiß ich, dass Klaus und Lady Letta € 235,67 zahlen müssen. Ich schließe meine Augen, zähle bis drei und, richtig: „Mooment, das habe ich passend“. An dem Punkt bin ich kurz vor der Hysterie. Klaus guckt zwar komisch, als ich ein glucksendes Kichern von mir gebe, aber die beiden Frauen waren zu sehr damit beschäftigt, den Inhalt von „Ich habe nur drei Teiles“ Geldbeutel zu inspizieren, als auf mich zu achten. Ihr ahnt es sicher. Sie hat nur € 235,63 im Portemonnaie, also überlegt sie, welches Teil sie zurück gibt.
Jetzt scheint sie aber auch die aufgebrachten Menschenmassen hinter sich zu bemerken, die Schilder wie „We want to go home!“ oder akkurat gezeichneten Karikaturen von Cräcker und verschiedenen Todesarten zeigten. Das beunruhigt sie dann doch. Sie zuckt mit den Schultern und murmelte „Mein Gott, man kann sich auch anstellen!“. Zum Glück kommt niemand am Schwitzer vorbei, denn sonst wäre ich vermutlich als Kollateralschaden in die Geschichte von Coburgs erstem Supermarkt-Massaker eingegangen.
Sellerie fummelt unter lauten „Hallo“ und „Mami!“ und „Ich muss mal!“-Rufen ihre EC Karte heraus und erinnert sich tatsächlich nach nur zwei falschen Anläufen an ihre Geheimnummer. Sie packt Mount Klaus und ihre gesammelten Einkäufe ein und rauscht ab. Jubel bricht aus, wildfremde Menschen liegen sich in den Armen und ich schluchze ein bisschen in den Tofu.
Da stellt die Kassiererin das „Bitte andere Kasse benutzen“ Schild auf und läuft so schnell sie kann in ihre Mittagspause.
Tja, so kam das mit den Unruhen. Wenn jemand das hier findet: Bitte sagen Sie meiner Frau, dass ich sie liebe und der Polizei, dass ich im Minus-Markt Marktstraße, Ecke Schneidergasse bin. Ich habe mich hinter dem Toilettenpapier versteckt. Die Reismilch ist alle und ich höre die Leute von den Tiefkühltruhen kommen. Bitte!
Archiv für März, 2009
Die Lady Letta und Klaus Katastrophe
Veröffentlicht in komisch - ist aber so am März 27, 2009 von skeltem26.3.2009: Standard Comedy Situation
Veröffentlicht in Allgemein am März 26, 2009 von skeltemGeschichten, die das Leben schreibt haben es an sich, oft schrecklich banal zu sein. Trotzdem sind sie die Grundlage für die meisten (und besten) Witze. Eine solche Standard Comedy Situation (SCS) ist mir vorhin beim „Plus“ passiert.
Ich hatte drei Teile eingekauft und war gerade dabei, das Geld nachzuzählen, um nicht in eine peinliche Situation an der Kasse zu geraten. Eine ältere Frau kam an die Kasse, 2 Päckchen mit Gemüsesamen in der Hand. Sie sah mich fragend an. Da ich noch einen kurzen Moment mit dem Zählen beschäftigt war, nickte ich ihr zu und sagte, sie könne gerne vorgehen, ich sei hier noch beschäftigt. Sie bedankte sich und ging vor mir an die Kasse, legte ihre beiden Tütchen aufs Band und rannte dann in den Laden. Kurz darauf kehrte sie mit einem Berg von Einkäufen zurück. Ich stöhnte und dachte „Ich und mein großes Maul!“.
Aber es kommt noch besser. Ihre Einkäufe eingebongt fragte sie die Kassiererin, was die Samen denn gekostet hätten.€ 1,39. Ne, dass sei ihr zu teuer für so ein paar Gurkensamen. Die will sie nicht. Also mussten sie wieder ausgebongt werden. Dafür musste eine Kollegin kommen. Hinter mir bildete sich eine Schlange.
Am Ende musste sie € 13,56 bezahlen. Ich denke, es wundert keinen, dass die gute Frau das Geld centweise aus ihrem Portemonnaie kramte.
Das ist wirklich passiert. Vor etwa einer Stunde. Morgen kommt die Comedy.
Btw, eine andere Miszelle, die auf einer SCS beruht ist Alberich (schamloses Selbstzitat
).
Mahn Wahn
Veröffentlicht in Geschichten um das Netz, Kurze Geschichten am März 25, 2009 von skeltemNeulich traf ich meinen Freund M. Er war ziemlich sauer und ich fragte ihn, was denn sei. Er erzählte, dass er vor ein paar Monaten für seine kleine Tochter ein „Harald Töpfer“-Hörbuch aus dem Internet herunter geladen hätte. Illegal.
„Sie wollte wie alle aus ihrer Klasse „Harald Töpfer“ haben. Natürlich hat sie nicht die Konzentration, es zu lesen. Du weißt ja, wie sie ist.“ Unkonzentriert.
„Also habe ich ihr aus der Stadtbücherei die Hörbücher ausgeliehen. Aber das letzte, ‘Harald Töpfer und der bescheuerte Titel’. war immer ausgeliehen. Aber L. wollte es unbedingt haben. Du weißt ja, dass es bei uns knapp ist. Also habe ich es auf einer Tauschbörse im Internet gefunden und runter geladen. Sie wollte unbedingt wissen, wie es ausgeht.“
„Aha“, sagte ich „also bist du sauer, weil du wegen L. etwas Illegales gemacht hast? So ein schlechtes Gewissen ist ja löblich, aber vielleicht ein wenig übertrieben.“
„Ne“, sagte er, „geht weiter. Also habe ich ihr das Buch auf ihr iPod überspielt. Sie war glücklich, ich hatte meine Ruhe. Paar Wochen später flatterte ein Brief eines Anwalts ins Haus.“
An dieser Stelle verfärbte sich sein Gesicht ungelogen zu der Art dunklem Rot, das normalerweise auf einen guten Jahrgang schließen lässt.
„Es war eine Abmahnung,“ brachte er mühsam hervor.“Aber was für eine. Der Brief unterstellte mir die schlimmste kriminelle Energie. Als hätte ich Kinderpornografie verbreitet oder so etwas. ‘Wir wissen, was Sie getan haben! Zahlen Sie sofort 750 Euro, dann lassen wir Gnade vor Recht ergehen. Aber wehe, Sie zahlen nicht! Ach, und keine Polizei!’“
„Das stand da drin?“
„Ne“, musste er zugeben,“ aber fast. Sie haben meine Internet Adresse ermittelt, als ich auf die Tauschbörse zugegriffen habe. Mein Provider, den ich übrigens so bald wie möglich wechseln werde, hat denen dann meine Daten gegeben. Weil ein Verbrechen vorlag. Wenn ich 750 Euro zahle und eine Unterlassungserklärung unterschreibe, würden sie mich nicht verklagen.“
750 Euro für ein Hörbuch? Das schien mir ein wenig viel.
Der Verlag, der das Hörbuch heraus gibt und sein Anwalt hätten den Streitwert auf 10.000 Euro festgelegt. Weil ja, während das Buch heruntergeladen worden wäre, eine unbekannte Anzahl anderer Nutzer der Tauschbörsensoftware ebenfalls auf die Datei zugreifen können. Deswegen sei es überhaupt zu der Abmahnung gekommen, weil man das Buch ja ‘verbreitet’ habe. M. sei quasi ein Schwerverbrecher, der nicht nur Illegales konsumiere, sondern auch noch deale. Ein Händler des Todes, sozusagen. Des Todes der Buchverlage.
„Na ja, aber du HAST das Buch gestohlen. Du hast es an dich gebracht, ohne dafür zu zahlen. Das ist Diebstahl“, gab ich vorsichtig zu bedenken.
„Natürlich. Das weiß ich auch, ich bin ja nicht blöd. Ich dachte aber, ich bin nur ein kleiner Fisch, das interessiert keine Sau. Ich lade keine Terabyte Musik und die neuesten Hollywood Filme und Zeug runter. Ich verticke nichts. Ich lade ab und zu mal ne gute Serie runter, weil die hier nie laufen. In Ami-Land gibt’s die umsonst im Internet, aber hier …“
Ich wies ihn darauf hin, dass es erstens eine ziemlich lahme Entschuldigung sei, nicht damit gerechnet zu haben, erwischt zu werden. Fast schon peinlich. Zweitens habe das schlechte deutsche TV-Programm nichts mit der Sache zu tun. Er stimmte zu, sichtlich zerknirscht, und sagte, er sei einfach naiv gewesen. Er habe nicht bedacht, dass viele kleine Fische auch eine Mahlzeit seien.
„Denn da gibt es Anwälte, die sind darauf spezialisiert auf solche Geschichten. Das Schreiben ist ja nicht nur an mich gegangen. Der hat, weiß ich, 100 Leuten den Brief geschickt. Du weißt ja, wie verrückt alle auf „Harald Töpfer“ sind. Von denen haben 50 Angst bekommen und zahlen alles, was der fordert. Das sind 37.500 Euro für einen Serienbrief. Bamm!“
M. gehörte nicht zu den 50, die zahlen und hatte sich einen Anwalt genommen. Der nahm die Sache dann in seine fähigen Hände.
„Danach habe ich kaum noch was gehört. Mein Anwalt schrieb dem anderen Anwalt Anwaltsbriefe und versuchte, ihn herunter zu handeln. Dr. R., mein Rechtsanwalt, meinte aber schon, weil ich ja wirklich etwas Illegales gemacht habe, sollte ich mir keine großen Hoffnungen machen. Jedenfalls hatte ich zwei Monate Ruhe und dachte schon, dass der andere vielleicht die Lust verloren habe, weil sie nicht mit Widerstand gerechnet hatten und der Serienbrief lukrativ genug gewesen sei.“
‘Lukrativ genug’? M. und ich lebten offensichtlich nicht im gleichen Jahrhundert. Aber das behielt ich für mich. „Aber er hat sich nicht herunter handeln lassen und jetzt bist du sauer wegen der 750 Euro?“
Er lachte bitter auf. „Ha! Doch er hat sich runter handeln lassen. Auf rund 500 Euro. Juhuu, ein Hoch auf Dr. R.!“
„500 ist immerhin weniger als 750.“ In meiner Freizeit bin ich ein Mathegenie.
„Stimmt. Aber mir den Anwaltskosten für Dr. R., die meine Rechtsschutzversicherung natürlich nicht übernimmt, komme ich auf 780 Euro. Ganz große Klasse.“
Aua. Ich wusste, dass er strampelte, nur um die laufenden Kosten zu decken.
„Aber jetzt kommt es, Skeltem. Ich hatte ja wirklich ein schlechtes Gewissen wegen des Verlages und des Schriftstellers und so. Geistiges Eigentum und der ganze Klumpatsch. Aber dann bekam ich die Aufschlüsselung der Kosten: Von den 780 Euro, die das beschissene Hörbuch gekostet hat, bekam der Verlag genau 14! Den Rest teilen die Anwälte unter sich auf. Jetzt sag mir noch mal jemand, dass das Urheberrecht den Urhebern nützt.“
M. jedenfalls weiß jetzt, warum es eine spezielle Hölle gibt, die den Anwälten vorbehalten ist.
Der Rabe und die Schneeeulen (Teil III)
Veröffentlicht in Kurze Geschichten am März 22, 2009 von skeltemÜber die Operation am offenen Flügel möchte ich nichts schreiben. Hier könnten Küken mitlesen. Und obwohl Raben einen sehr robusten Geist haben, wachte unser Rabe noch lange nachher in Schweiß gebadet auf. Außerdem lässt ihn das heroischer aussehen, als er tatsächlich war. So sind Raben halt.
Hinterher, als die Schmerzen abebbten und der Rabe wieder klar denken konnte, stellte er fest, dass nur noch die weibliche Schneeeule anwesend war. Sie war eifrig damit beschäftigt, das OP-Nest zu putzen und einen populären Eulengesang vor sich hin zu summen.
Der Rabe konnte seinen rechten Flügel kaum noch spüren. Dafür schmerzte der linke umso mehr. ‘Toll’, dachte er. ‘Das hat’s gebracht.’. Unbeholfen stand er auf und hüpfte probeweise ein wenig umher. Ah! Da war auch der rechte Flüüüauauauauscheißetutdasweh …..
Er krächzte heiser vor Schmerz.
„Uuuuuh, was ich brauch bist duuuuu- uuuh, mein Uhuuu, und meine Schuuu -uuuh. Ah, Sie sind ja wach.“, flötete die Schneeeule. „Sie können jetzt nach Hause fliegen. Das ging doch schnell und schmerzlos, oder? Ja unser Professor ist ein echter Künstler. Sie können von Gück reden, dass…“ Und so weiter.
Der Rabe, immer noch benommen, hüpfte zum Rand des Nestes und wollte seinen „schmerzlosen“ Körper bloß weg und nach Hause bringen, da fiel ihm die Schiene auf. Sie fesselte seinen rechten Flügel an den Körper in einer Stellung, die Schmerzen versprach, wenn er erst mal herausgekriegt haben würde, was „Durchblutungsstörung“ bedeutet. Er hüpfte zurück zu der Henne, die gerade ein wenig Rabenblut wegwischte.
„Ähem“, räusperte er sich.
„Schubiduuuh, mein Schuu -uh -uh. Ja? Sie sind ja immer noch hier.“
Der Rabe drehte sich, dass die Eule den geschienten Flügel sehen konnte. „Äh, was soll das denn da?“
„Ah, das ist eine Schiene.“
Der Rabe starrte sie an.
„Sie schient Ihren Flügel.“
Der Rabe sagte nichts.
„Deswegen der Name Schiene. Wenn sie den Flügel schuhen würde, wär’s ein Schuh, was? Huhuhu.“
„Und wie, werte Schneeeule soll ich mit einer Schiene am Flügel nach Hause fliegen? Und wie lange soll das Ding eigentlich dran bleiben?“
Die Schneeeule glotzte. Dann sagte sie in einem Ton, der normalerweise Küken und Hühnern vorbehalten ist: „Na, immer. Der Doktor sagt, dass Dingus Weißnichtswas eine hohe Rückfallquote hat und der Flügel deswegen so wenig wie möglich bewegt werden darf. Sie gewöhnen sich daran.“
Der Rabe konnte nicht glauben, was er hörte. „Werte Dame. Wenn diese Schiene an meinem Flügel bleibt, und das bis ans Lebensende, dann wird wohl am Ende der Woche eine Schiene frei. Denn,“ er flatterte, oder besser versuchte mit dem rechten Flügel ein wenig zu flattern, was dieser mit einem schmerzhaften Stich quittierte. „Mit dem Ding KANN ich nicht fliegen. Und wenn ich nicht fliegen kann, KANN ich nicht essen und wenn ich nicht esse, verhungere ich. KLAR?“
Der Rabe war sehr laut geworden. Schmerz, Angst und Wut vermischten sich zu einem Gebräu, das Panik sehr nahe kam und fast wäre er einfach so aus dem Nest gehüpft, nur um seinen Punkt zu beweisen.
Die Schneeeule sagte indigniert: „Einen Moment, da muss ich den Professor fragen. Aber so dürfen Sie nicht mit mir reden, Sie schwarzer Vogel, Sie. SO nicht!“
Hoch erhobenen Schnabels flog sie irgendwohin und ließ den erschöpften Raben zurück. Nach einer Weile kam sie zurück und machte sich wortlos daran, die Schiene zu lösen. Als sie fertig war, rammte sie dem Raben einen Tiegel vor die Brust.
„Das ist eine Salbe, mit der Sie den Flügel drei Mal am Tag einreiben sollen. Wenn sie ein bisschen angetrocknet ist, können Sie damit auch fliegen. Die Salbe bekommen Sie bei einem ausgebildeten Medizinvogel. Wir schicken Ihnen unsere Rechnung. Ciao.“ Sie ließ dem Raben keine Zeit für eine Antwort, sondern rauschte sofort wieder ab.
Der seufzte schwer, klemmte sich den Tiegel in die Krallen und machte sich auf den schmerzhaften Flug nach Hause. Mehrmals dachte er, er würde abstürzen. Ihm war schwindelig und der Tiegel wog schwer zwischen seinen Füßen. Aber schließlich gelangte er mit letzter Kraft zu seinem Nest. Schwach schnäbelte er seine Frau und fiel dann in einen von Albträumen erfüllten Schlaf.
Er wusste nicht, dass der eigentliche Albtraum gerade erst begonnen hatte.
Killer
Veröffentlicht in Medien, allgemein, Zeitnah am März 19, 2009 von skeltem Die Killerspiel-Debatte ist eng mit toten Kindern und Jugendlichen verbunden. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht ist sie das erste Mal nach dem Schulmassaker in Littleton, Ohio an der Columbine Highschool. Das war 1999.
Die beiden Massenmörder Eric Harris und Dylan Klebold waren neben ihren sonstigen Defiziten auch noch eifrige Konsumenten von „Shooter“-Computerspielen, wie Doom oder Duke Nuke ‘em. Natürlich musste man als verantwortungsvoller Politiker nur 1+1 zusammenzählen um zu sehen, was die beiden Loser dazu gebracht hat, 12 Mitschüler, einen Lehrer und sich selbst zu töten: „Killerspiele“! Alles andere hätte eine geschockte Nation und vor allem Wählerschaft verwirrt und verstört.
In den USA entstand außerdem, kurz, eine Diskussion, ob man nicht die überall herumliegenden und leicht erhältlichen Schusswaffen reduzieren sollte. Aber die wurde mit dem Hinweis dass nicht Waffen Menschen töten, sondern andere Menschen von der übermächtigen „National Rifle Association“ und Charlton „Ben Hur“ Heston schnell unterdrückt. Einige wandten ein, dass Menschen zwar auch mit bloßen Händen töten. Aber dass das irgendwie, nun ja, weniger effektiv sei und Amokläufer, die mit den Handkanten auf ihre Mitschüler losgingen vielleicht aus Scham stürben, die Opfer aber wenigstens die Chance hätten mit ein paar blauen Flecken davon zu kommen. Aber so etwas wollte (und will) niemand hören.
Deutschlands Waffenarsenal ist, zum Gllück noch überschaubar. Obwohl die Winnenden-Tragödie wieder einmal zu Bewusstsein gebracht hat, dass rund 700 000 Schusswaffen in den Händen von Privatleuten auch hier ein Bedrohungspotenzial sind. Und das sind die bekannten Waffen.
Hier hat der populäre Schluss, dass der Konsum von Gewaltspielen zu Gewalttaten führt zu einem einzigartigen Populismus geführt. In Zeiten großen emotionalen Aufruhrs sucht niemand nach komplizierten psychosozialen Ursachen. Am besten noch bei sich. Da verwirrt man sein Publikum nicht mit langen Wörtern wie „Multikausalität“.
Das ist eigentlich der Grund, warum wir uns eine professionelle Kaste von Kühlen-Kopf-Bewahrern leisten. Allerdings wollen die wieder gewählt werden und einfach Lösungen auf komplizierte Probleme kommen immer an. Unterstützt werden sie von den Medien, die die Zusammenhänge gerne mal etwas einfacher darstellen, als sie sind. Und große Buchstaben benutzen, bzw. kleine Worte und viel nackte Haut. Trotzdem sitzt der Reflex mittlerweile so tief, dass selbst „Qualitätszeitungen“ wie meine Tageszeitung sich journalistische Fauxpas leisten, nur um „Killerspiele“ in ihrer Ausgabe unterzubringen.
So fand ich am Montag einen an sich interessanten, wenn auch fragwürdigen, Artikel in der Süddeutschen. Es ging darum, dass vor allem männliche Jugendliche mehr Zeit vor dem PC zubringen, als gut für sie ist. In eindrucksvollen Grafiken wird gezeigt, dass fast ein Drittel aller (befragten) Jungs um die 15 mehr als drei Stunden am Tag vor der Daddelkiste hängt. Der Verursacher dieser „Abhängigkeit“ von Computerspielen ist auch schnell gefunden: „World of Warcraft“. Der zitierten Studie (Mitautor, der Kriminologe Christian Pfeiffer) nach seien fast 20% der untersuchten Spieler abhängig von WoW oder gefährdet. Pfeiffer fordert deswegen, die Altersfreigabe von WoW und ähnlichen Online-Spielen von 12 Jahren auf 18 herauf zu setzen.
Der Artikel allein würde viel Stoff für kontroverse Diskussionen bieten. Schon allein der sehr freie und großzügige Umgang mit Begriffen wie „Sucht“ oder „Abhängigkeit“ sollte eigentlich aufmerken lassen, dass da eine Agenda verfolgt wird. Die Krönung des 4-Spalten Artikels sind aber der Titel „Gewaltorgien am Computer“ und ein Absatz, der darauf hinweist, dass sich unter den 10 „suchtgefährdensten“ Spielen auch vier Shooter befinden, von denen einer „Counterstrike“ auch im Zimmer des Amokläufers von Winnenden gefunden wurde. Der Titel und der halbe Absatz hatten soviel mit dem Rest des Artikels zu tun wie „BLÖD“ mit ausgewogener Berichterstattung. Soviel zur „Qualität“.
Wenn irgend jemanden meine Meinung interessiert:
Natürlich hat es Auswirkungen auf die Psyche von Menschen, nicht nur junger, wenn sie den ganzen Tag vor dem Computer sitzen. Vor allem auf ihre Sozialkompetenz und Physis. Ich denke, ich DENKE, dass es auch einen Einfluss hat, wenn man den ganzen Tag nur auf Pixel schießt. Aber das, was man am PC oder der Konsole macht hat weniger Relevanz als das was es mit einem macht. Die excessiven Daddler mögen einen großen virtuellen Freundeskreis haben. Aber das den Kontakt zu echten Menschen nie ersetzten. Aber das ist eigentlich eine Binsenweisheit. Alles, was man im Übermaß tut, schadet letztendlich. Übermäßiger Computerkonsum kann tatsächlich zu Verhaltensabhängigkeiten führen. Das ist erwiesen.
Ich bin sehr dafür, den Spielkonsum von Kindern und Jugendlichen zu überwachen und wenn nötig auch einzuschränken. Aber das muss in den Familien passieren. Die Betreffenden als entweder krank oder gefährlich zu stigmatisieren fördert nur die Entfremdung der Kinder von ihren Eltern und der Generation ihrer Eltern. Der richtige Weg wäre meiner Meinung nach Integration statt Stigmatisierung.
Ein Grund für School Shootings ist nämlich auch die Entfremdung. Von anderen Menschen und vor allem von ihren Familien. Wer keine Emapathie lernt, den interessiert auch nicht der Schmerz, den er verursacht.
„Amok“ – Die Miszelle, die nicht ist
Veröffentlicht in Zeitnah am März 17, 2009 von skeltemSeit Samstag schreibe ich an einer Miszelle zu dem Amoklauf in Winnenden herum. Sie fängt immer so an:
„„Amok“ ist ein malaiisches Wort, das soviel wie „blinde Wut“ bedeutet. Das Phänomen, eigentlich eine Art kollektiver Blutrausch der Krieger wie bei den nordeuropäischen Berserkern, ähnelt der „Wiitiko-Psychose“ (auch „Wendigo“-Psychose). Die Indianer des nordöstlichen Waldlandes glaubten, dass ein böser Menschen fressender Geist ist all jene fährt, die Menschenfleisch essen. Dieser zwinge seine Opfer dazu, blindwütig jeden anzufallen und zu töten (und aufzuessen). In unserem Kulturkreis glaubt man nicht mehr an böse Geister. Aber die guten Geister können uns trotzdem verlassen.“
Danach gab es vier Fassungen, die ich alle verworfen habe.
Worüber ich schreiben will:
– Betroffenheit und Trauer
– Wut
– Zorn
– Abscheu
Vielleicht kommt das deswegen nicht zusammen, weil ich trotz allem versuche, keinen „Rant“ oder Schimpfkanonade loszulassen, was mich irgendwie zu der der Sorte Typ machen würde, die mich gerade so ankotzen.
Also. Ich bin betroffen und entsetzt wie wahrscheinlich jeder andere normale Mensch auch. Wie alle anderen versuche ich natürlich auch meine Gefühl der Hilflosigkeit und Trauer zu verarbeiten. Und verdrängen.
Zuerst war ich wütend auf die Medien, die wie Geier an den Kadavern der toten Kinder herumpickten. Das bin ich immer noch.
Dann war ich angeekelt von Arschlöchern, die eine Tragödie, wieder einmal, für ihre eigenen Zwecke ausschlachten wollen. Das bin ich immer noch.
Ich bin auch immer noch fassungslos, wie viele „Experten“ oder sonstige professionelle Besserwisser uns verkaufen wollen, dass wir nur an einer Stellschraube unserer Gesellschaft drehen müssen, damit es keine Amokläufe mehr gibt. Wenn das kein Naziwort wäre, würde ich glatt „Volksverdummung“ schreiben.
Wie ritualisiert der Zynismus mittlerweile ist, kann man jeder sehen. In einer Internet-Community wurden Wetten darauf abgeschlossen, wann das Wort „Killerspiele“ das erste mal fallen würde. Überflüssig zu sagen, dass es sehr schnell fiel. Massenmord als Beispiel für simplen Behaviorismus. Hier der Reiz, da die Reaktion.
Aber (um diese Miszelle doch mal „nach Hause“ zu bringen) mir ist eigentlich bewusst, dass jeder Angst und Schrecken auf seine Art verarbeitet. Auch wenn es stinkt und ich da manchmal reinhauen könnte, gibt es keine „richtige“ Art mit seinen Gefühlen umzugehen. Der menschliche Geist ist recht robust. Ich nehme einfach mal an, dass die jenigen, die wirklich Ahnung haben, diese nicht in der „Bild“-Zeitung und an den Stammtischen herausposaunen. Und neben der ganzen „Killerspiel“ und „Schützenverein“ – Hysterie sind sich die meisten Leute wahrscheinlich bewusst, dass die Auslöser der Amokläufe und deren Vorgeschichte viele verschiedene Ursachen haben und man letztendlich nie mit 100% Sicherheit so etwas wird verhindern können.
Was nicht heißt, dass man es nicht versuchen sollte. Und mir ist auch nicht klar, warum Schützen unbedingt ein Arsenal zu Hause lagern müssen, mit dem sie ein kleines afrikanisches Land erobern könnten. Und Kinder und Jugendliche von den Daddelkisten wegzuholen ist bestimmt auch nicht verkehrt. Wenn sie etwas machen, bei dem sie Sozialkompetenz lernen und sich nicht wie die kleinen Herren der Welt fühlen obwohl ihre einzige Leistung eine Nicht-Leistung ist werden sie vielleicht nicht zu Oberarschlöchern. Das wäre doch gut. Man kann ne Menge machen, das vieleicht keine Amokläufe verhindert, sie aber vielleicht in Zukunft weniger tödlich sein lässt.
Politker, die versuchen, Wählerstimmen mit menschlichem Elend zu kriegen, können von mir aus aber in der Hölle schmoren. Genauso wie gewisse Medienvertreter.
Der Rabe und die Schneeeulen (Teil II)
Veröffentlicht in Kurze Geschichten am März 12, 2009 von skeltemNach mehreren Stunden des Wartens fühlte der Rabe plötzlich, dass er nicht mehr alleine war. Auf einem Ast ihm gegenüber saßen 3 Eulen. Schneeweiß, aber ansonsten sahen sie aus wie die anderen Eulen des Waldes. Der Rabe hatte sie nicht kommen hören.
„Wahnsinn!“, dachte er, „sie verfügen sicher über magische Krafte!“
„Nein“, sagte die mittlere und älteste Eule, ein Hahn.“Sie sind einfach eingenickt.“
Der Rabe errötete etwas unter seinem Gefieder, was zum Glück niemand sehen konnte.
„Und? Wie geht es uns?“, fragte der Eulerich.
Der Rabe setzte zu einer Antwort an, die beinhaltete, dass er nicht wisse, wie es den Eulen ginge, aber er für seinen Teil fühle sich eigentlich jetzt viel viel besser, haha, er wisse gar nicht, was er hier tue und, mann, ist es schon so spät? Kinder, wie die Zeit vergeht, das Abendessen wartet und hoffentlich wird das besser bei Ihnen, was immer sie haben. Abgang rechts: Rabe. Vorhang. Applaus.
Gerade wollte er sich auf räbisch verabschieden, da wurde er brutal gepackt. Der Eulerich zur Linken war vor gesprungen und hatte ihn gepackt. Ohne auf sein erschrockenes Krächzen zu hören packte, die Eule seinen rechten Flügel und RISS und DREHTE und DRÜCKTE dass dem Raben Sterne vor den Augen erschienen. Ein unglaublicher Schmerz durchzuckte ihn und er fürchtete, die Eule habe den Flügel glatt abgerissen.
„Dingus Weißnichtwas!“, triumphierte die Foltereule. „Im fortgeschrittenen Stadium.“
Die alte Eule war sofort sehr besorgt. „Das ist ernst. Wie lange haben Sie die Probleme mit dem rechten Flügel schon?“
„Rechts?“, keuchte der Rabe, am Rande der Bewusstlosigkeit, „Nein, nein, mein rechter Flügel ist in Ordnung. Mein linker Flügel …“
Aber die alte Eule hörte gar nicht zu. Sie wandte sich an die junge weibliche Eule zu seiner Linken und sagte: „Wir müssen sofort operieren. Dingus Weißnichtwas, nicht zu verwechseln mit Keinschimmer Egalwas Wegmus, ist eine degenerative Erkrankung der Knochen und Zeug. Findet man leider sehr oft bei Krähen, Dolden, Elstern und …“
„Raben“, ergänzte der Folterknecht.
„Genau, äh, Raben. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Ist alles vorbereitet?“
Die junge Eule legte Kopf schief, sah ihren Chef an und antwortete unterwürfig:“Ja, Herr Oberwalddoktor. Das Blut ist weggewischt, die Instrumente wieder steril und das ganze Team wartet nur auf Sie und …“ Sie sah bedeutungsvoll zu dem Raben.
„B- Blut?!“, stotterte dieser. Jetzt gelang ihm sogar das Kunststück, zu erbleichen. Und das ist bei einem Raben gar nicht so leicht, dass könnt ihr mir glauben.
„Jaja“, sagte die Eule fröhlich. „Keine Angst. Sie werden gar nichts spüren wegen der Narkose.“
„Keine Narkose“, warf die alte Schneeeule ein. „Zu gefährlich. Patienten mit Dingus Weißnichtwas reagieren sehr heftig auf die Narkose. Wir müssen bei Bewusstsein ran.“ Bevor der Rabe etwas sagen konnte fügte der Eulerich hinzu:“Bei Ihrem Bewusstsein.“
Der Rabe bemerkte einen Schatten hinter sich und drehte sich blitzschnell um. Aber der junge, stämmige Schneeeulenhahn, der ihn untersucht hatte guckte nur unschuldig in die Gegend. War das hinter seinem Rücken vielleicht ein großer Hammer? Der Rabe konnte es nicht richtig erkennen.
Der Ältere meinte dann, dass die Narkose eh nicht nötig sei, denn der Eingriff, Eingriff(!!), sei trotz der Gefährlichkeit von Dingus Weißnichtwas eigentlich und im Grunde harmlos und er sei wieder zu Hause, bevor er „Piep“ sagen könne.
„Piep!“, krächze der Rabe hoffnungsvoll. Aber es nützte nichts. Der Albtraum war immer noch nicht vorbei. In Wirklichkeit hatte der nämlich noch gar nicht begonnen.
Die Schneeeulen brachten ihn zu einem großen Horst, der peinlich sauber war und nur hier und da klebte noch ein wenig Blut an den Ästen. Der Rabe fiel fast in Ohnmacht. Die Eulen legten sich Masken an und die Henne sagte noch gedämpft: „Machen Sie sich keine Sorgen. Wir haben das schon oft gemacht“. „Ich nicht“, sagte der stämmige Eulerich zum ersten Mal etwas.
„Oh, dann müssen Sie das aber unbedingt machen, Herr Kollege. Das ist eine sehr interessante Operation, die jede Schneeeule mal probieren sollte.“
Dann begannen sie.
11.3.2009: Short Cuts
Veröffentlicht in Coburg, Gehör gefordert, HomeStory mit Tags Short Cuts am März 11, 2009 von skeltemEin Umpf-Moment:
In Coburg wird der Bahnhof umgebaut. Jede Hoffnung auf einen barrierefreien Zugang zu den Zügen wurde allerdings schon früh zerschlagen. Wenn das im Jahr 2013 tatsächlich mal so weit kommt, wird der Preis für den Umbau sicher als Begründung herhalten müssen, warum die Ticketpreise drei Mal im Jahr erhöht werden. So lange fahren Rollstuhlfahrer eben eine Station weiter oder steigen früher aus, um sich dann mit dem Taxi nach Coburg bringen zu lassen.
Aber schöner soll er werden. Immerhin. Leider sind die Anzeigetafeln dafür außer Betrieb. Die Bahn denkt aber an alles: „Bitte achten Sie auf die Lautsprecherdurchsagen“ steht da. Umpf.
Wie gut, dass noch keiner meiner Züge auf einem anderen Gleis hielt. An die Verspätungen gewöhnt man sich ja eh. Und da wundert sich jemand, dass Gehörlose generell ungerne mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren.
—–
Völkerverständigung:
In München waren Lapis und ich indisch essen. Freunde hatten uns eingeladen. Der Laden hieß „Nuurgh Moor“ oder so ähnlich. Leckeres Essen, pampige Kellner. Aber das das eigentlich Interessante war das Schild am Eingang des Restaurants.
Dort stand der Name des Ladens „Aargh Morgh – indische Spezialitäten“. Das „indische“ war auf einer Plakette nachträglich angebracht worden. „Was steht darunter?“ fragte nicht nur ich mich. J. schraubte die Plakette ab und unter dem Wort „indische“ kam „pakistanische“ zum Vorschein.
Ich bin kein Experte, aber die Abwesenheit von Armen, blauen Frauen und weißen Elefanten sowie die Speisekarte waren für mich ein Hinweis, dass „Graah Murg“ tatsächlich eher ein pakistanisches denn ein indisches Etablissement ist. Eigentlich ist das ja auch egal, solange es schmeckt.
Nur: Eigentlich, so ist die vorherrschende, durch die Medien verbreitete Meinung, hassen sich Inder und Pakistanis bis aufs Blut. So ein „Erbfeindschafts“-Ding.Ich fragte mich also, was die, mutmaßlich, pakistanischen Besitzer dazu gebracht hat, sich den Ruch ihres Erzfeindes zu geben.
Vielleicht ist Pakistan durch die Politik gerade so unbeliebt, dass die Besitzer dachten, ein ausgewiesen pakistanisches Lokal würde keine Gäste bekommen. Dass sie sich dann kurzerhand als indisch ausgeben, zeigt doch: eigentlich ist es egal, solange man Geld verdienen kann. Ich habe den Verdacht, dass diese ganze Erbfeindschafts Geschichte zwar irgendwo auf einem Level stimmt, dass die konkreten Menschen, Restaurantbesitzer, Kellner, whatever ganz normal ihre Arbeit machen wollen.
Vielleicht sollten Politiker öfter essen gehen.
Leere, wo das Herz sein sollte
Veröffentlicht in HomeStory, relativ religiös am März 9, 2009 von skeltemEigentlich wollte ich ja in die Kandinsky Ausstellung. Aber als wir am Donnerstag Abend im strömenden Regen beim Lenbachhaus in München vorfuhren und die Schlange der Menschen immer noch so lang war wie beim Vorverkauf für eines der vielen Stones-Abschiedskonzerte, wenn das Publikum wohl auch etwas jünger war, gaben wir das Vorhaben auf.
Zumal sie auch keine Karten vorverkauften und Lapis und mir der Gedanke, Stunde um Stunde im kalten Münchner Fiesel* zu stehen jeden Kunstgenuss verdarb. Also beschlossen wir, uns das neue jüdische Museum am Jakobsplatz anzusehen.

(c) Roland Halbe Stuttgart
Von außen haben das Museum und die neue Synagoge den diskreten Charme von Betonklötzen. Was daran liegt, dass der Architekt, nun, sehr sehr große Klötze aus Beton genommen hat und sie auf eine Glasbasis stellte. Na ja. Aber wenigstens sie die Tore sowohl des Museums als auch der Synagoge sehr beeindruckend. Die Architekten, Wandel Hoefer Lorch aus Saarbrücken, sind allerdings auch hier ihrem „Atombunker in Hochbauweise“ Thema treu geblieben.
Im Museum waren drei Ausstellungen zu sehen. Die Dauerausstellung über die Geschichte der Münchner Juden, eine Sonderausstellung über die „Stadt ohne Juden“ und eine weitere Sonderausstellung über die Beziehung Münchens zu Istanbul als Fluchtpunkt aber auch Herkunftsort Münchner Juden.
Alle Ausstellungen sind nach modernen museumsdidaktischen Gesichtspunkten gestaltet worden von Leuten, die wirklich wissen, was sie tun. Was das bedeutet sagte Lapis hinterher: „Ich fand die Ausstellungen schon gut, aber es waren mir zu wenig Objekte dort und zu viel Text. Außerdem habe ich zu wenig über das jüdische Leben erfahren.“
Während meines Studiums hatte ich selber Ausstellungen (mit-)gestaltet und war praktisch an der Front des Umbaus von voll gestopften Vitrinen mit kuriosem Zeug hin zu bedeutenden Exponaten, die in ihrem Zusammenhang präsentiert werden. Für mich war das Museum ein Fest. Die Ausstellungen sind spartanisch bestückt und mit sehr viel erklärendem Text versehen. Die Ausstellungsstücke sind Objekte, Videos, Installationen und sogar ein Comic. Durch die sehr hohen Räume und die Weitläufigkeit des Museums wird die Konzentration auf die einzelnen Stücke noch einmal unterstrichen.
Aber Lapis hat auch Recht. Denn bei aller Modernität entsteht nicht nur der Eindruck von „Konzentration auf wenige Objekte zu maximaler Entwicklung ihrer Bedeutung“, sondern auch von: Leere.
Das fällt vor allem im ersten Stock in der Ausstellung „Stadt ohne Juden“. Eine Ausstellung die ja Abwesenheit thematisiert. Hier wird anhand von zwölf Objekten an Zeiten erinnert, in denen Juden nicht in München leben durften. Selbst mit den strategisch eingezogenen Zwischenwänden wirkt dieses Geschoss leer.
Ich habe mir dann gedacht, dass dieser „moderne Ansatz“ vielleicht eine Tugend ist, die aus der Not geboren wurde. Was ist, wenn einfach nicht mehr so viele Objekte existieren, die ein umfassendes Bild vom jüdischen Leben in München (und Deutschland) geben. Vielleicht will das Museum auch zeigen, dass das rege jüdische Leben, das vor den Nazis existierte nur noch in Fragmenten über den tiefen Abgrund unserer Geschichte zu uns kommt. Wie viel wir im Feuer verloren haben. Wie viele Menschen könnten heute unser Land bereichern, wenn sie nicht ermordet worden wären? Was könnte dieses Land für ein Land sein?
Plötzlich hatte ich ein Bild vor Augen. Ein Bahnsteig, der absolut menschenleer ist. Nur auf dem Boden liegen ein paar Dinge herum. Hier steht ein hastig gepackter Koffer. Da liegt eine Puppe. Ein paar Sabbatleuchter, achtlos weggeworfen um Gewicht loszuwerden. Und über allem hängt eine Gewissheit: Sie werden nie wieder kommen.
*Fiesel oder Fissel (niederrh.): leichter Regen, der einem am Anfang nicht so richtig auffällt, nach etwa 5 Minuten unangenehm wird und nach etwa 10 die chinesische Wasserfolter erstrebenswert macht. Die Inuit mögen keine 300 Wörter für Schnee haben, aber wir am Niederrhein kennen jede Menge Wörter für Regen.**
** Jedes drückt tief empfundene Abscheu aus.
5.3.2009: Hockendes Volk, auch Sesselpupser genannt
Veröffentlicht in Allgemeines, HomeStory am März 5, 2009 von skeltemMoin.
Heue fahren meine Frau und ich nach München. Ich bin am Samstag wieder hier.
Das macht meine Unruhe allerdings nicht kleiner. Es ist albern. Aber wenn ich verreise, und sei es noch so kurz, bin ich total nervös, gereizt und im Großen und Ganzen unausstehlich. Lapis könnte dafür bestimmt ein schöne Wort aus ihrer Praxis finden. Ich nenne es Reisefieber. Zum Glück ist es nach Antritt der eigentlichen Reise meist wieder weg und weicht dem Zustand, den ich bei mir „Reiselethargie“ nenne. Man könnte auch sagen, dass ich jenseits aller Vernunft entsetzt bin und mein Gehirn beruhigende Hormone in men System pumpt.
Wo ist die Zeit, als ich in der Welt rumgereist bin, andere Länder, andere Kontinente sah und feststellte, dass es am schönsten immer noch da ist, wo ich nicht bin? Temps perdu! Heute, so sieht die schnörkellose Wirklichkeit aus, bin ich das genaue Gegenteil meiner glorreichen, wenn auch mythischen Vorfahren. Die kurvten in bunt bemalten Wagen durch Europa, machten feurige Musik, aßen feuriges Essen und wurden von allen gehasst und verachtet.
Ich bin vom fahrenden zum hockenden Volk gekommen. Ein echter Sesselpupser und Stubenhocker eben.
Meh.
Skeltem
