Versuch über ein Paar Turnschuhe

Vor ein paar Wochen, es können auch Monate sein, sah ich in der Tageszeitung ein Bild, das mich nicht mehr losgelassen hat. Es zeigte einen vermummten jungen Mann irgend etwas werfen. Er hatte sein Geschoss gerade geschleudert und war für den Schwung gesprungen. Auf dem Foto schwebte er etwa 10 cm über dem Boden, den Wurfarm vor dem Hals, den anderen wie zum Abstützen nach unten gedrückt, die Hand leicht abgespreizt. Das Gesicht war von einem „Pali-Tuch“ vermummt. Deswegen habe ich automatisch angenommen, es handele sich um einen jungen Palästinenser, der etwas auf isrealische Soldaten schleudert. An seine Kleidung erinnere ich mich nicht mehr. Nur an die Schuhe. Turnschuhe. Von Nike. Sehr weiß.

Hinter ihm, verschwommen, konnte man andere Männer sehen. Sie schienen unsicher, ob sie weglaufen oder vorstürmen sollten. Auf dem Boden lagen viele lose Steine. Ich meine mich an ausgebrannte Autos erinnern zu können, aber die Szene ist schon so vertraut von den Bildern, die man jeden Tag in der Zeitung sieht, dass die auch gut hinein editiert hätten sein können. Ansonsten: Rauchfahnen und sandfarbene Häuser. Eine typische Straßenszene aus dem Nahen Osten. Erschreckend.

Was hat mich an diesem Bild so beeindruckt, dass es mir heute noch so deutlich vor Augen steht? Zuerst einmal die Ästhetik der Gewalt. Das Foto wurde von einem Profi geschossen. Die Haltung des jungen Mannes drückt soviel Wut und Energie aus. Festgehalten im Moment des Sprunges, scheint er auf einer Wolke aus Gewalt zu schweben. Er schleudert seinen Feinden nicht nur ein Wurfgeschoss entgegen, sondern seinen Hass und seine Frustration. Gleichzeitig ist er verletzlich. Er hat keine Deckung gesucht wie die anderen Männer im Hintergrund. Es ist ihm egal, was mit ihm passiert. Er hat nichts zu verlieren.

Zum Anderen die schon erwähnte Banalität des Themas. Zumindest für uns hier in Europa. Das wievielte Bild dieser Art ist es, das ich gesehen habe? Ich kann sie nicht mehr zählen. Seit ich denken kann, und das sind immerhin schon fast vierzig Jahre, gibt es diesen verfluchten Konflikt im Nahen Osten. Den Blutzoll, den er gefordert hat möchte man sich nicht vorstellen. Der junge Steinewerfer mit dem gestreiften Tuch ist ein Symbol geworden. Das Symbol für eine offene Wunde, die sich nie zu schließen scheint.

Aber was mir dieses Bild wirklich in das Gedächtnis gebrannt hat sind die Schuhe. ‘Sneakers’ mit dem bekannten Swoosh, der ein eigenes Symbol geworden ist. Ein ‘Brand’. Makellos weiß. Die Turnschuhe haben in mir den Verdacht entstehen lassen, dass es sich bei dem Bild entweder um eine Montage handelt oder dass es gestellt ist. Es kann natürlich sein, dass der junge Mann frisch in die Straßenschlacht gezogen ist. Penibel hat er darauf geachtet, dass seinen kostbaren Nikes nichts passiert. Vorsichtig hat er jede Gelegenheit vermieden, seine „Kampfschuhe“ zu verschmutzen, damit er auf ihnen, einem Engel gleich, gen Himmel zu streben und sie sie in all ihrer jungfräulichen Glorie dazu zu benutzen, dem verhassten Feind nieder zu werfen.

Aber ernsthaft. Wieso Nikes? Wieso kauft sich ein junger Mann, der mutmaßlich in einem der Armenhäuser der Welt lebt, ausgerechnet die teuren billig produzierten Symbole des Globalen Kapitalismus? Und wovon? Waren sie ein Geschenk? Hat ein Verwandter aus dem Westen ihm die teuren Dinger, der Blockade trotzend, zum 18. Geburtstag geschenkt oder sonst einem wichtigen Wendepunkt im Leben eines jungen Orientalen? Hat er ihn ausgestattet mit den Waffen eines Straßenkämpfers? Damit er noch kraftvoller Steine, Molotovcocktails oder puren Trotz schleudern kann? Sind die Nikes eine Entsprechung der Kalashnikov-Gewehre, die afghanische Mudschaheddin den sowjetischen Besatzern abnahmen, um sie dann mit ihren eigenen Waffen zu erschießen?

Dann stammt der Mann sicher aus einer Gegend, in der die USA als der Inbegriff des Bösen gesehen werden. Muss man ja heute nicht mehr so lange suchen. Trotzdem zieht er sich einer der größten Symbole des Großen Feindes an die Füße. Nur McDonald’s und Coca-Cola verkörpern den „American Way of Life“ noch mehr. Was mich glaube ich meisten aufgewühlt hat war der „clash of symbols“. Einerseits der ikonische zornige Orientale, der sich als Opfer einer von den USA geführten Nahostpolitik sieht und dagegen mit allen Mitteln ankämpft. Und andererseits das Symbol schlechthin für globalisiertes Elend, das die westlichen Konsumgesellschaft am Leben erhält. „Alles oder nichts“ gegen „Nichts für Alle“. Der junge Mann ist die globalisierte Gewalt. Und vor allem auch die entideologisierte. Scheinbar geht es in der Post-9/11 Welt um einen Krieg der Kulturen. Aber wenn man genau hinsieht, geht es eigentlich nur um Märkte und Ressourcen. Es geht um die Habenichtse gegen die Habenden. Zwar wird alles Mögliche vorgeschoben. Religion und Freiheit zum Beispiel. Aber Die Kombattanden treten ihre eigenen Ideale so deutlich zu Tode, dass es wirklich sehr großer Ignoranz – oder sehr großer Verzweiflung – bedarf, um die leeren Rechtfertigungen für Kriege und Morde zu glauben.

Da stellt sich ein perfider, aber nicht vollends abwegiger Gedanke ein: Was ist, wenn das Bild eigentlich zu einer Werbekampagne des Konzerns gehört. Seit Benettons Schock-Kampagne in den 90ern wäre das nicht einmal neu. Neu wäre nur der Zynismus, der dahinter steckte. Das Menschen verachtende. Aber Menschlichkeit sucht man nicht in den Sweat-Shops.

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