Gehstock 2008 – das Konzert

Am Samstag Abend waren Lapis und ich auf einem Open Air Konzert in Coburg. Jetzt werden sich diejenigen, die mich kennen fragen: „Was macht ein gehörloser Mann auf einem Konzert?“ Das gleiche, das Hörende dort machen. Die Atmosphäre genießen. Oh, und leicht bekleidete Groupies begaffen, die auf den Schultern ihrer Freunde reiten und den Musikern ihre … Begeisterung zeigen.

Leider war in der letzteren Kategorie nicht so viel los. Das könnte natürlich daran liegen, dass das Konzert ein klassisches war und der Altersdurchschnitt der Besucher die Fünfzig deutlich hinter sich gelassen hat. Wenn ich es mir recht überlege bin ich sogar froh, dass keine ältere Dame auf die Schultern ihres Galans gestiegen ist. Das hätte sicher zur Unterbrechung des Konzertes geführt. Bis der Krankenwagen weg gefahren wäre.

Es war eine super Stimmung. Die anwesenden Herrschaften hätten ihren Kindern zwar damals sicher verboten, das „Woodstock“ Festival zu besuchen, trotzdem kam man sich vor wie beim „Sommer der Liebe“. Der eine oder andere ältere Herr wiegte seine Herzdame zu den Klängen von Wagner und Beethoven und als Mozart gegeben wurde, war das Publikum ein Meer von Feuerzeugen, die zum ersten Satz der G-Moll Sinfonie hin und her geschwenkt wurden. Auch bei der romantischen Habanera von Emanuel Chabrier kam es zu ergreifenden Szenen von gut situierten Menschen im Liebestaumel. Die Küsschen hier und Küsschen da nahmen schier kein Ende. Fast war es mir ein wenig peinlich.

Drogen wurden rumgereicht. Allerdings keine verdächtig aussehenden Zigaretten oder dubiose Pillen, sondern die eine oder andere Flasche gekühlten Chablis oder Kelche mit tief rotem Claret. Aber auch das gemeine Volk erfreute sich an proletarischem Sushi, Prosecco oder ganz banalen Austern. Das leise Knacken und der anschließende Fischgeruch zogen aber so manchen bösen Blick auf sich. Leider waren auch auf diesem Festival ein paar Leute, die sich partout daneben benehmen müssen. Neben uns belästigten einige ältere Damen im „Klosterfrau“ Rausch zwei knapp fünfzig Jahre alte Männer und mussten mit sanftem Druck von der Wiese geschoben werden.

Das Politische kam nicht zu kurz. Buttons mit „Grieg statt Krieg“ oder „Débussy diente nie!“ unterstrichen, dass die klassische Musik nichts von ihrem Biss verloren hat. Die Haare mögen grau sein, aber in den maßgeschneiderten Dreiteilern oder der Cocktailkleidern schlagen die Herzen von Rebellen. Das aggressive Nicken zu Brahms „ungarischem Tanz“ vermittelte mehr Feuer als jedes Headbanging bei Metallica Konzerten. Und als zu Strauß’ „Radetzky Marsch“ einige Männer fast die Bühne gestürmt und ins Publikum gesprungen wären (sie haben es dann doch nicht ganz über die Absperrung geschafft), wusste man, dass die Klassik der legitime Vorgänger, Wegbegleiter und Erbe des Punk ist.

Als Kommentar zu aktuellen Lebensmittelkrise hatten die Veranstalter nur Catering Services zugelassen, die auf Biodiesel verzichteten. Außerdem durften nur Hummer gereicht werden, die in ökologischen Hummerfarmen herangezogen wurden. Dafür wurde das nah gelegene SÜC-Gebäude mit mehr Glühbirnen beleuchtet als Las Vegas in einer Woche verbrauchte. Aber wer wird an solch einem Abend auf die CO2-Bilanz schauen?

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Zu Tschaikowskis Polonaise aus „Eugen Onegin“ hielt es das Publikum dann nicht mehr in seinen Stühlen. Viele wollten aufspringen, einige schafften es sogar. Rollatoren wiegten sich im Takt, Champagnergläser wurden geschwenkt, Gehstöcke dirigierten das hervorragende Orchester mit und ein Summen erfüllte die laue Sommerluft wie 100 Bienenschwärme. Das Summen hatte ich natürlich seit Beginn der Veranstaltung im Kopf, weil ich die Musik nicht hören konnte. Aber Lapis versicherte mir, dass das Konzert großartig war. Nachdem sie mich geweckt hatte. Beim nächsten Konzert passe ich glaube ich, obwohl das Sushi wie immer exzellent war.

Eine Antwort zu “Gehstock 2008 – das Konzert”

  1. Mal wieder delikat serviert dein Blog !

    *b (thumb up!)

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