Archiv für Juli, 2008

31.7.2008: Fragment II

Veröffentlicht in Kurze Geschichten am Juli 31, 2008 von skeltem

Das Folgende ist ein Teil eines längeren Textes, einer „Work in Progress“:

Dienstag:

Waage: 71. Yay! Paul, du fette Sau.

Ansonsten: Hausarbeit. Gibt wohl nicht dümmeres, abstumpfenderes und vor allem sinnloseres, was man in unseren Breiten machen kann. Vielleicht Turnschuhnähen in einem rumänischen Sweatshop. Aber kurz danach kommt Hausarbeit. Die Scheiß Turnschuhe sind wenigstens nicht eine Minute nach dem Zusammennähen wieder dreckig. Meiner Meinung nach begann der Aufstieg der Frauen zur Macht an dem Morgen, als eine Proto-Feministin sich weigerte, den Scheiß weg zu wischen, den ihr Mann verbrochen hat und ihm Mop und Eimer in die Hand drückte. Sie selber ging dann zur Uni und als nächstes hatten wir Frauenwahlrecht und eine Kanzlerin. Ich neige meinen Hut vor dem genialen Mann (Affen?), der darauf kam, dass Hausarbeit nicht nur ein Mittel ist, die Weiber zu beschäftigen, sondern sie auch von dummen Gedanken abzuhalten. Lohn zu fordern und so.

Anyway. Beim Wischen (nur Staubsaugen finde ich mehr zum Kotzen) fiel mir auf, dass die Gummisohlen meiner Schlappen auf dem nassen Boden kein Geräusch mehr machten. Paul for Nobel Prize! Er hat entdeckt, dass er eine arme Taube ist. Wieder mal. Fuck You.

Ich erinnere mich: früher gab es ein bohrendes Quietschen gefolgt von einem nassen Saugen. Quieee-plopp, Quieee-plopp. Seit ich taub bin hat mein Gehirn die Geräusche eingespielt. Oder besser die Erinnerung an die Geräusche. Heute bin ich bestimmt fünf Minuten mit dem Wischer in der Hand durch die Küche geschlappt und habe versucht, das Geräusch zu „hören“. Nichts. Dann habe ich den Kaffeelöffel an die Tasse geschlagen. Klirr! Laufen: Nichts. Kein Quiee, kein Plopp. Scheiße.

In Rendsburg haben sie gesagt, dass man sich am Anfang noch an die Geräusche erinnert und das Gehirn sie simuliert. Was heißt das, wenn die Schlappen nicht mehr Quieee-Plopp machen? Ist das das Ende des Anfangs? Der Anfang vom Ende? Schnell an „Song for Whoever“ von The Beautiful South erinnert: „Deep so deep/the number one I hope to reap/Depends upon the tears you weep/so cry, lovey cry, cry, cry, cry Ta da da Ta da da“. Noch da.

Trotzdem beunruhigt. Bin dann noch ein wenig durch die nasse Küche geschlurft. Keine Lust mehr auf Putzen gehabt. Hab ich je? Ich frage mich, was ich als nächstes verliere? Und was ist, wenn ich mich nicht mehr erinnere. An gar nichts mehr. Bin ich dann in der „Twilight Zone“ der Tauben? Wo die Welt ganz Bild aber kein Ton ist? Wenn ich mir das vorstelle, muss ich an eine zweidimensionalen Welt denken. Komisch. Fernsehen ohne Ton. Besteht die Zukunft nur noch aus Länge und Breite ohne Tiefe? Wie in ein Buch gepresst? Oder auf eine Mattscheibe? Ich frage mich, ob die Hörer auch mit so existentiellen Zweifeln leben. Andererseits: Proust war keine Taube und Pinter und Beckett auch nicht. Aber die drei sind heute auch ziemlich zweidimensional.

A propos Hörer. War wieder in der Bäckerei, wo die Niedliche arbeitet. Nach dem Quiee-Plopp Desaster war es erst mal Zeit für die Arbeit am Gewicht. Niedliche war nicht da. Dafür hatte ich Spaß mit der Kollegin. Hörer sind so einfach zu verarschen. Besonders die Dummen, die glauben, sie seien schlauer als wir. Wenn ich TBS verliere, beschließe ich spontan, ziehe ich mich in eine Tauben-Kolonie in der Ägäis zurück und übersetze Homer in Gebärdensprache.

Notiz an Paul: Gebärdensprache lernen.

28.7.2008: Es ist viel zu heiß …

Veröffentlicht in Allgemeines am Juli 28, 2008 von skeltem

Hallo Alle.

Ich habe natürlich keibne Ahnung wo ihr gerade seid, wenn ihr das lest. Aber wenn es in einer Gegend ist, wo das Thermometer die 25° Grenze unterschreitet, dann seid euch meines innigsten Neides sicher. In Coburg herrschen gefühlte 50 Grad im Schatten, auch wenn das Thermometer sich weigert, mehr als 30 zu zeigen.  Verdammtes Kommunistenthermometer :(

Ich sitze halbnackt in der verdunkelten Wohnung und japse. Manchmal schleppe ich mich an den PC. Dann überlege, was ich eigentlich noch tun müsste. Dabei bricht mir soviel Schweiß aus, dass ich mich wieder weg schleppe. Gräulich!

Und da gibt es Menschen, die sich das auch noch gerne geben und sogar Geld dafür bezahlen! Meine Mutter schreibt, dass es in der Süd-Türkei über 40° im Schatten hat. Kommunistenthermometer bereinigt sind das 60! Death Valley an der türkische Riviera, sag ich nur.  Trotzdem ist Gegend voll mit Touristen. Die liegen wahrscheinlich wie gestrandete Wale nach Luft schnappend im Sand und freuen sich auf das schöne kühle Deutschland.  So kann man auch mit dem Klimawandel umgehen. Einfach dahin fahren, wo es richtig heiß ist. Dann weiß man, wie gut man es zu Hause hat.

Ne, Leute. Nix für Skeltem. Wenn ich „Urlaub“ mache, möchte ich gerne etwas anderes sehen als Oberfranken. Aber nicht von der horizontalen Perspektive eines Sauerstoffzeltes aus. Leider kann ich Lapis nicht überreden, diese Antarktis Kreuzfahrt mitzumachen. Oder Huskyschlitten fahren in Alaska. Mist.

Ich bin dann mal weg.  Dankder kalten Gedanken fröstelt ews mich genug, um ein oder zwei überfallige E-Mails zu schreiben.

Mit kalten Grüßen,
Skeltem

Versuch über ein Paar Turnschuhe

Veröffentlicht in Kurze Geschichten am Juli 24, 2008 von skeltem

Vor ein paar Wochen, es können auch Monate sein, sah ich in der Tageszeitung ein Bild, das mich nicht mehr losgelassen hat. Es zeigte einen vermummten jungen Mann irgend etwas werfen. Er hatte sein Geschoss gerade geschleudert und war für den Schwung gesprungen. Auf dem Foto schwebte er etwa 10 cm über dem Boden, den Wurfarm vor dem Hals, den anderen wie zum Abstützen nach unten gedrückt, die Hand leicht abgespreizt. Das Gesicht war von einem „Pali-Tuch“ vermummt. Deswegen habe ich automatisch angenommen, es handele sich um einen jungen Palästinenser, der etwas auf isrealische Soldaten schleudert. An seine Kleidung erinnere ich mich nicht mehr. Nur an die Schuhe. Turnschuhe. Von Nike. Sehr weiß.

Hinter ihm, verschwommen, konnte man andere Männer sehen. Sie schienen unsicher, ob sie weglaufen oder vorstürmen sollten. Auf dem Boden lagen viele lose Steine. Ich meine mich an ausgebrannte Autos erinnern zu können, aber die Szene ist schon so vertraut von den Bildern, die man jeden Tag in der Zeitung sieht, dass die auch gut hinein editiert hätten sein können. Ansonsten: Rauchfahnen und sandfarbene Häuser. Eine typische Straßenszene aus dem Nahen Osten. Erschreckend.

Was hat mich an diesem Bild so beeindruckt, dass es mir heute noch so deutlich vor Augen steht? Zuerst einmal die Ästhetik der Gewalt. Das Foto wurde von einem Profi geschossen. Die Haltung des jungen Mannes drückt soviel Wut und Energie aus. Festgehalten im Moment des Sprunges, scheint er auf einer Wolke aus Gewalt zu schweben. Er schleudert seinen Feinden nicht nur ein Wurfgeschoss entgegen, sondern seinen Hass und seine Frustration. Gleichzeitig ist er verletzlich. Er hat keine Deckung gesucht wie die anderen Männer im Hintergrund. Es ist ihm egal, was mit ihm passiert. Er hat nichts zu verlieren.

Zum Anderen die schon erwähnte Banalität des Themas. Zumindest für uns hier in Europa. Das wievielte Bild dieser Art ist es, das ich gesehen habe? Ich kann sie nicht mehr zählen. Seit ich denken kann, und das sind immerhin schon fast vierzig Jahre, gibt es diesen verfluchten Konflikt im Nahen Osten. Den Blutzoll, den er gefordert hat möchte man sich nicht vorstellen. Der junge Steinewerfer mit dem gestreiften Tuch ist ein Symbol geworden. Das Symbol für eine offene Wunde, die sich nie zu schließen scheint.

Aber was mir dieses Bild wirklich in das Gedächtnis gebrannt hat sind die Schuhe. ‘Sneakers’ mit dem bekannten Swoosh, der ein eigenes Symbol geworden ist. Ein ‘Brand’. Makellos weiß. Die Turnschuhe haben in mir den Verdacht entstehen lassen, dass es sich bei dem Bild entweder um eine Montage handelt oder dass es gestellt ist. Es kann natürlich sein, dass der junge Mann frisch in die Straßenschlacht gezogen ist. Penibel hat er darauf geachtet, dass seinen kostbaren Nikes nichts passiert. Vorsichtig hat er jede Gelegenheit vermieden, seine „Kampfschuhe“ zu verschmutzen, damit er auf ihnen, einem Engel gleich, gen Himmel zu streben und sie sie in all ihrer jungfräulichen Glorie dazu zu benutzen, dem verhassten Feind nieder zu werfen.

Aber ernsthaft. Wieso Nikes? Wieso kauft sich ein junger Mann, der mutmaßlich in einem der Armenhäuser der Welt lebt, ausgerechnet die teuren billig produzierten Symbole des Globalen Kapitalismus? Und wovon? Waren sie ein Geschenk? Hat ein Verwandter aus dem Westen ihm die teuren Dinger, der Blockade trotzend, zum 18. Geburtstag geschenkt oder sonst einem wichtigen Wendepunkt im Leben eines jungen Orientalen? Hat er ihn ausgestattet mit den Waffen eines Straßenkämpfers? Damit er noch kraftvoller Steine, Molotovcocktails oder puren Trotz schleudern kann? Sind die Nikes eine Entsprechung der Kalashnikov-Gewehre, die afghanische Mudschaheddin den sowjetischen Besatzern abnahmen, um sie dann mit ihren eigenen Waffen zu erschießen?

Dann stammt der Mann sicher aus einer Gegend, in der die USA als der Inbegriff des Bösen gesehen werden. Muss man ja heute nicht mehr so lange suchen. Trotzdem zieht er sich einer der größten Symbole des Großen Feindes an die Füße. Nur McDonald’s und Coca-Cola verkörpern den „American Way of Life“ noch mehr. Was mich glaube ich meisten aufgewühlt hat war der „clash of symbols“. Einerseits der ikonische zornige Orientale, der sich als Opfer einer von den USA geführten Nahostpolitik sieht und dagegen mit allen Mitteln ankämpft. Und andererseits das Symbol schlechthin für globalisiertes Elend, das die westlichen Konsumgesellschaft am Leben erhält. „Alles oder nichts“ gegen „Nichts für Alle“. Der junge Mann ist die globalisierte Gewalt. Und vor allem auch die entideologisierte. Scheinbar geht es in der Post-9/11 Welt um einen Krieg der Kulturen. Aber wenn man genau hinsieht, geht es eigentlich nur um Märkte und Ressourcen. Es geht um die Habenichtse gegen die Habenden. Zwar wird alles Mögliche vorgeschoben. Religion und Freiheit zum Beispiel. Aber Die Kombattanden treten ihre eigenen Ideale so deutlich zu Tode, dass es wirklich sehr großer Ignoranz – oder sehr großer Verzweiflung – bedarf, um die leeren Rechtfertigungen für Kriege und Morde zu glauben.

Da stellt sich ein perfider, aber nicht vollends abwegiger Gedanke ein: Was ist, wenn das Bild eigentlich zu einer Werbekampagne des Konzerns gehört. Seit Benettons Schock-Kampagne in den 90ern wäre das nicht einmal neu. Neu wäre nur der Zynismus, der dahinter steckte. Das Menschen verachtende. Aber Menschlichkeit sucht man nicht in den Sweat-Shops.

Morgen morgen, nur nicht heute …

Veröffentlicht in Lebenshilfe am Juli 20, 2008 von skeltem

Gehören Sie auch zu den Menschen, die gnadenlos alles durchziehen, was sie sich vornehmen? Und das am besten noch gestern? Leute, die geradezu krankhaft erfolgreich sind? Die ihr Leben auf die Reihe bekommen und dabei auch noch gut aussehen? Wenn die Antwort „ja“ lautet, dann habe ich da doch eine Frage an Sie: Warum verschwenden Sie Ihre Zeit mit dem Lesen eines mäßig interessanten Blogs?

Da Sie also genau wie viele, sehr viele Menschen zu den Losern des digitalen Zeitalters gehören, will ich Ihrem armen Leben ein wenig auf die Sprünge helfen. Ich habe keine Ahnung, wie man reich und erfolgreich wird. Aber vom Prokrastinieren weiß ich eine Menge. Deswegen heute in der Miszellen „Lebenshilfe“ Rubrik: Wie slacke ich richtig?

Zuerst einmal gilt es herauszufinden, welcher Typ von Prokrast Sie sind. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Sorten: den Überspringer und die Pro-Krast. Überspringer sind allenfalls Hobby Prokrastiker. Sie haben wichtige, aber unangenehme Dinge zu erledigen, wie eine schwere Prüfung, für die sie lernen müssen, eine wichtige Präsentation oder einen Scheidungstermin. Weil sie die wichtige Sache nicht machen wollen, können oder sie sich danach umbringen müssen, schieben sie sie hinaus. Immer weiter. Das ist natürlich das Mantra des wahren Prokrastikers: „Was ich heute kann besorgen, das kann ich auch noch morgen.“ Aber Überspringer schieben nicht nur lustvoll auf. Sie bestrafen sich dafür, indem sie andere Dinge machen, die meistens nicht angenehmer sind als das Aufgeschobene. Hausarbeit etwa. Oder diese unglaublich wichtigen Reparaturen, die sie eigentlich schon vor Monaten hatten machen wollen. Oder ihr Abitur nach, bloß um nicht für diese Meisterprüfung lernen zu müssen. Aufschieber bringen die protestantische Ethik in das sinnliche, Schuld erzeugende und deswegen fast sexuelle, Vergnügen des Aufschiebens.

Überspringer können zwar echte Prokrastiker werden. Aber meistens entwickeln sie sich entweder zu den Leuten, die dann doch alles auf die Reihe kriegen. Oder einen Zwang. Es ist zwar beeindruckend die porentief reine Wohnung eines zwanghaften Putzers zu sehen, aber gesund ist es nicht. Zumindest nicht, wenn man eine Vorliebe für tropfendes Speiseeis und der Putzer einen schweren stumpfen Gegenstand zur Hand hat. Nein, Überspringer sind nur Prokrastiker pro tem. So oder so.

Der wahre Künstler des Prokrastinierens ist der Pro-Krast. Der Unterschied zwischen einem Pro-Krast und jemandem, der einfach nichts auf die Reihe kriegt ist, dass der Pro-Krast eben doch alles schafft, was er machen muss. Oder zumindest das meiste. Nur zum spätest möglichen Zeitpunkt. Wenn Sie Ihre Diplomarbeit einen Tag vor Abgabeschluss eingereicht haben, sind Sie kein Pro-Krast. Wenn Sie 5 Minuten vor Schluss im Copyshop, der sie Ihnen gebunden hat losrennen, auf dem Weg noch Ihre Unterschrift unter die eidesstattliche Erklärung kritzeln, ihren Fuß in die sich schließende Tür rammen und alles triumpherend auf den Tisch legen und noch eine gute Note kassieren, sind Sie auf bestem Wege, ein Meister des Aufschiebens zu werden.

Viele denken Prokrastination sei einfach. Man müsse einfach nichts machen, bis es fast zu spät sei und dann hektisch durchstarten. Amateure machen das so und wundern sich, warum sie nach ein, zwei Jahren entweder mit Depressionen am Fuß eines hohen Gebäudes liegen (dann natürlich sans Depression) oder Hartz IV beziehend Dosenravioli auf einem Feuer aus Hündekötteln erwärmen müssen.

Wichtig ist es, immer etwas zu tun, ohne zuviel zu tun. Beispiel: Wenn man lästige Hausarbeit machen muss, kann man sich die Qual sehr gut verlängern, indem man zum Beispiel giftigen Haushaltsreiniger versprüht. Bis die Gase unter den Grenzwert fallen ab dem man noch zeugungsfähig ist, kann man mit guten Gewissen andere Sachen machen. Solitaire spielen zum Beispiel (erfunden von Meister Pro-Krasten und garantiert Prokrastination fördernd) oder die gleiche Website 5-1000 mal neu laden.

Der PC ist sowieso der Traum jedes Pro-Krasten und das Internet das Paradies. Ohne diese beiden Zeitverscwendungs-Mittel kommt ein Verschieber und Verschwender, der etwas auf sich hält heute gar nicht mehr aus. Mit nichts anderem kann man so tun, als würde man arbeiten und trotzdem nichts tun. Wenn man dann tatsächlich eine Aufgabe hat, ist die Prokrastination immer eine Alt-Tab entfernt. Die pure Lust.

Eine gewisse Brillianz ist allerdings nie verkehrt als Pro-Krast. So muss man fähig sein, eine Hausaufgabe, bis zum Ultimo aufgeschoben, in den 5 Minuten vor dem Unterricht zusammen zu lügen und dabei auch noch zu beeindrucken. Ein Nobel-Prokrast hat Gerüchten zufolge seine Promotion, seine Habilitation und die Rede vor dem Stockholmer Komitee eine Minute vor dem jeweiligen Termin auf eine Serviette geschrieben. Das sind allerdings Sphären, in die wir Otto-Normal Prokrastiker nie vorstoßen. Trotzdem darf man nie vergessen, dass das, was einem vom gemeinen Penner trennt ein sehr schmaler Grat ist.

Das einzige Problem, das durch die ganze Ablenkerei und Aufschieberei auftut ist, dass die Konzentration flöten geht. Zum Beispiel fällt einem kaum ein guter Schluss für einen Blog-Eintrag ein, wenn man den Flow die ganze Zeit unterbricht, um im Internet zu surfen.

EVE – The Empyrean Age, gelesen

Veröffentlicht in EVE Online, Film-Buch-Filmbuch am Juli 18, 2008 von skeltem

Soeben habe ich das Buch „EVE – The Empyrean Age“ beendet. Es spielt in der Science Fiction Welt des Online Spiels „EVE“ und berichtet von den Ereignissen, die zu der letzten Erweiterung des Spieles, auch „The Empyrean Age“ genannt, führen. In dieser Erweiterung wird der kalte Krieg der vier vorherrschenden Fraktionen heiß. Spieler können sich jetzt sich auf eine der Seiten schlagen und für ihre Fraktion gegen andere Spieler in den Kampf ziehen.

Das Buch von Tony Gonzales ist angenehm dick (520, großzügig bedruckte, Seiten) und Softcover. Bei Amazon.de kostet es derzeit € 16,45. Allerdings scheint es Probleme mit der Verfügbarkeit zu geben. So wurde mir kurz vor dem offiziellen Erscheinungstermin mit Bedauern mitgeteilt, dass es nicht lieferbar sei. Zwei Tage später kam dann die Meldung, es werde Mitte Juli verschickt und tatsächlich war es dann am 1. Juli hier. Es liegt nur auf englisch vor.

Kurz zur Handlung: Seit dem letzten Krieg in „New Eden“ – dem Raumsektor, in dem EVE spielt – sind ca. 200 Jahre vergangen. Damals wurde ein Waffenstillstand zwischen den Konfliktparteien Gallente/Caldari und Amarr/Minmatar ausgehandelt durch die geheimnisvollen Jove. Über den Frieden wacht CONCORD, eine von den Jove mit überlegener Technik ausgerüstete Über-UNO. Allerdings sind die Konflikte, die zum Krieg geführt haben, nie wirklich aufgelöst worden. Die Heimatwelt der Caldari ist von der Gallente Föderation besetzt und ca. ein Drittel aller Minmatar fristen als Sklaven des Amarr Imperiums ein Menschen unwürdiges Leben.

In „The Empyrean Age“ wird aus der Sichtweise mehrerer Personen im Zentrum der Geschehnisse berichtet, wie der Waffenstillstand zerbröckelt und die Konflikte die Überhand gewinnen, so dass nicht einmal CONCORD einen neuen Ausbruch der Feindseligkeiten verhindern kann. Der Höhepunkt sind Ereignisse, die am Patch-Tag von CCP als „Nachrichtenmeldungen“ auf ihrer Homepage lanciert wurden und den Beginn des, spielbaren, Krieges der Fraktionen markierten.

Der Roman ist eindeutig Gebrauchsliteratur. Er dient dazu, den Spielern von EVE Online das Universum näher zu bringen, in dem sie sich mehr oder weniger häufig aufhalten. Und das gelingt ihm auch gut. New Eden wird von CCP immer als ein kalter, grausamer Ort beschrieben, in dem die Masse der Menschen einen schnellen Tod in Raumschiffgefechten dem langsamen Siechen in anonymen Megastädten vorzieht. Die Kapselpiloten (also die Spieler von EVE Online) werden als quasi unsterbliche Halbgötter verehrt, die ihre eigenen Regeln machen. Das Kalte, Grausame kommt gut rüber, manchmal ein bisschen zu gut. Gerade als EVE-Spieler bekommt man ein Gefühl für die brodelnden Massen „Normalsterblicher“, die mehr vegetieren als Leben. Die Frage, ob in den Raumschiffen, die wir fast täglich abschießen auch Mannschaften außer dem Piloten in seiner Kapsel sind, wird positiv beantwortet. So wie auch einige andere, die man sich in seiner EVE Karriere so stellt. Warum zum Beispiel automatisch jeder in einem Sonnensystem weiß, dass man da ist.

Das Buch gibt dem Computerspiel mehr Substanz. Die Spielwelt wird lebendiger. Leider manchmal etwas zu lebendig. Wenn ich von den Praktiken der Amarr gewusst hätte, hätte ich Skeltem wahrscheinlich nicht zu einem gemacht. Von den vier spielbaren Parteien kommen eigentlich nur die Gallente gut weg. Aber das könnte daran liegen, dass sie viel weniger Raum bekommen als die anderen drei Reiche. Es liest sich so, als sei Tony Gonzales zu den „Franzosen“ einfach nichts eingefallen.

Und damit kommen wir zu den negativen Dingen. Ich kann mir vorstellen, dass Mr. Gonzales sehr mit dem schon vorhandenen Hintergrund kämpfen musste. Die Spielwelt von EVE haben sich offensichtlich Menschen ausgedacht, deren Gefühl für die Logik einer Kultur bei „das liest sich cool“ aufhören. Wieso halten die Amarr in einer weit fortschrittlicheren Zukunftswelt Sklaven, wenn die Sklaverei schon im 17. – realen – Jahrhundert durch die Einführung der Dampfmaschinen obsolet wurde? Wieso herrschen im Caldari-Staat 7 Mega-Konzerne mit Menschen verachtenden Methoden, während der achte sozial wirtschaftet? Nebeneinander wohlgemerkt. Warum bemannen auch die Gallente ihre Raumschiffe mit Millionen Suizid Kandidaten, wo es den Menschen der Föderation doch so gut geht? (Und wo nimmt der achte „gute“ Caldari Konzern seine Mannschaften her?) Und wieso lassen die kriegerischen Minmatar rund ein Drittel ihrer Bevölkerung von dem Amarr, vorsichtig gesagt, misshandeln?

Gonzales kann den Kampf gegen einen wenig durchdachten Hintergrund nur verlieren. Deswegen hat er ihn schon zu Anfang aufgegeben. Ohne die wenige Spannung zerstören zu wollen, sind mir die frühen Episoden von Raumschiff Enterprise und ihre immer wieder kehrenden „Plot Device“ Wesenheiten eingefallen. Die Handlung ist arg konstruiert und verlässt sich zu sehr auf Mächte, gegen die keiner der Protagonisten eine Chance hat. EVE-Spieler wissen sowieso, was kommt. Alle anderen Leser haben Mühe, das Interesse aufrecht zu erhalten.

Das Aufsplitten der Geschichte in vier Erzählstränge hat ihr auch nicht gut getan. Zumal die Protagonisten überhaupt keine Entwicklung durchmachen. Eher Zustände. Vom Suizid planenden armen Schlucker zum mörderischen Diktator braucht es gerade mal ein Kapitel. Außer den vier Hauptpersonen werden einige Kapitel aus der Sicht anderer Beteiligter erzählt. Man muss ziemlich aufpassen, um mitzubekommen, welcher Strang gerade dran ist.

Eve- The Empyrean Age ist ein mittelmäßiges Buch für EVE- Spieler, die mehr über ihr Spiel-Universum wissen wollen. Nicht-Spieler werden verwirrt sein von dem nicht oder nur wenig erklärten Jargon, der uns Spielern in Fleisch und Blut übergegangen ist. Dazu kommt ein unglaubwürdiger Hintergrund. Für die EVE-Spieler ist die an sich unspannende Geschichte noch weniger spannend weil wir wissen, wie es aus geht. Zumindest, wenn wir nicht die letzten Monate unter einem Asteroiden in TA3T-3 zugebracht haben. Übrigens fand ich das Ende, obschon bekannt, enttäuschend. Gonzales, scheint es, hatte vollends die Lust verloren und die Erzählstränge flatterten traurig im Sonnenwind. Dass im letzten Kapitel die Jove auftauchen war ebenfalls keine Überraschung. Höchstens, dass man nach dem Lesen hofft, dass sie niemals eine spielbare Rasse werden.

51% – 22% = Deutschland

Veröffentlicht in Zeitnah, komisch - ist aber so am Juli 10, 2008 von skeltem

Ein Sitzungssaal irgendwo in einer deutschen Großstadt. Alles strahlt Geld, Macht und kalten Zigarrenrauch aus. Drei Männer in konservativen, maßgeschneiderten Anzügen in diversen Schattierungen von Blau sitzen an einem schweren Tisch. Die Getränke vor ihnen sind unberührt und werden auch während des Gesprächs nicht angebrochen. Die drei Männer sitzen im Vorstand eines börsennotierten Konzerns.

CEO: Meine Herren, die Lage ist ernst. Ich habe Sie zu diesem informellen Gespräch gebeten, um die aktuelle Krise unseres Unternehmens zu diskutieren.

CFO: Krise? Ich verstehe nicht. Unserem Unternehmen geht es glänzend. Die Kurse schießen in den Himmel. Die internationale Situation ist sehr zu unseren Gunsten. Mit anderen Worten: Wir machen mehr Geld, als wir jemals …

CEO: … und weil Sie nicht verstehen, bin ich der Chef und Sie mein Chefbuchhalter. Weil es uns so gut geht haben wir diese Krise. Uns fehlen schlicht die Humanressourcen, um vernünftig auf den Märkten agieren zu können. Bei unserer letzten „Personal Freisetzungs Aktion“ waren wir vielleicht etwas übereifrig.

CFO und CHR: (atmen hörbar ein)

CFO: So etwas sagt man nicht, Herr Vorsitzender.

CHR: Wir haben unsere Rendite um 5 Prozent gesteigert! Die Aktionäre haben gejubelt. Gejubelt!

CEO: Tatsache ist, dass wir einfach zuviel Geld haben …

CFO und CHR: (springen auf)

CEO: (hebt beschwichtigend die Hand) … um es vernünftig zu verwalten. Wir müssen investieren, re-investieren, Steuern erklären …

CHR zu CFO: Wir zahlen Steuern?

CFO: (grinst) In Tortuga.

CHR: Tortuga? Aber das … oho! (grinst auch)

CEO … etc. pp. Uns fehlen einfach die Managment Kapazitäten. Vorschläge?

CFO: Stellen wir einfach welche ein? Ich kann ja mal rechnen lassen, ab wann es besser ist, das Geld in der Matratze zu verstecken, als einen Buchhalter anzustellen.

CHR: Das Problem ist, es fehlen einfach gute Männer. Die werden meist schon von den Unis weg geholt und in die USA gelockt. Meine Headhunter sind schon in Bukarest, um nach Kandidaten zu suchen. Dazu kommt, dass China lockt. Was die da zahlen! PLUS einen persönlichen Tibeter für jeden Manager! Da kommen wir kaum gegen an.

CEO: Ich habe mit den Vorständen der anderen Konzerne geredet. Bei denen sieht es ähnlich düster aus. Die guten Manager sind schon alle weg. Was bleibt sind höchstens noch alte Männer. Vielleicht sollten wir so ein, ein „Revitalisierungsprojekt“ starten. Moment. Kaffee? Kaffee? (spricht in die Sprechanlage) Frau Dr. Müller? Können Sie uns bitte Kaffee bringen?

Eine attraktive Mittdreißigerin in strengem Businesskostüm betritt den Raum, knallt ein Tablett mit Kaffeetassen auf den Tisch und verschwindet wortlos.

CHR: Mann, seit ihrer Babypause ist die aber ganz schön kratzbürstig.

CFO: Ja, Schwangerschaften machen das mit Frauen.

CEO: Ach ja, bei Ihrer auch?

CFO: Woher soll ich das wissen?

Alle lachen.

CEO: Also. Wo bekommen wir qualifiziertes Personal her …

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Schule. 6. Klasse. Sozialkunde

Lehrer: Wie heißt die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland? Wer weiß es? Kommt schon Zwei Worte. Fängt mit „F“ an. Ja, Carlotta?

Carlotta: Frauen Feindlich?

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Guten Tag, Frau Dr. Kleinschmidt. Sehr nett, dass Sie kommen konnten. Sie haben sich ja mit unserem Personalchef unterhalten und Ihre Bewerbungsmappe hat uns wirklich beeindruckt. Alle Achtung. Das Jahr, das Sie an der Universität in Massachusetts gelehrt haben, war dann ausschlaggebend für das zweite Gespräch. Sie konnten uns glaubhaft versichern, nicht schwanger zu sein und keine Schangerschaft zu planen. Ich hoffe, Sie verstehen uns. Eine Mitarbeiterin in der Position, die Sie anstreben ist eine Investition für unser Unternehmen und die wäre gefährdet, wenn Sie bald wieder wegen eines, natürlich verständlichen, Kinderwunsches ausfielen.

Gut, der Attest ihres Frauenarztes und die eidesstattliche Erklärung liegen vor, nun bleibt nur noch die Frage Ihres Gehaltes. Wären Sie bereit, für etwas weniger zu arbeiten, als der Gehaltsspiegel vorsieht? Immerhin haben Sie bei dem Bewerbungsgespräch so enthusiastisch von unsere Firma gesprochen, und dass es eine Ehre und Freude wäre für uns zu arbeiten. Sagen wir: 22 Prozent weniger. Ist das in Ordnung?

Gehstock 2008 – das Konzert

Veröffentlicht in Coburg, HomeStory, komisch - ist aber so am Juli 8, 2008 von skeltem

Am Samstag Abend waren Lapis und ich auf einem Open Air Konzert in Coburg. Jetzt werden sich diejenigen, die mich kennen fragen: „Was macht ein gehörloser Mann auf einem Konzert?“ Das gleiche, das Hörende dort machen. Die Atmosphäre genießen. Oh, und leicht bekleidete Groupies begaffen, die auf den Schultern ihrer Freunde reiten und den Musikern ihre … Begeisterung zeigen.

Leider war in der letzteren Kategorie nicht so viel los. Das könnte natürlich daran liegen, dass das Konzert ein klassisches war und der Altersdurchschnitt der Besucher die Fünfzig deutlich hinter sich gelassen hat. Wenn ich es mir recht überlege bin ich sogar froh, dass keine ältere Dame auf die Schultern ihres Galans gestiegen ist. Das hätte sicher zur Unterbrechung des Konzertes geführt. Bis der Krankenwagen weg gefahren wäre.

Es war eine super Stimmung. Die anwesenden Herrschaften hätten ihren Kindern zwar damals sicher verboten, das „Woodstock“ Festival zu besuchen, trotzdem kam man sich vor wie beim „Sommer der Liebe“. Der eine oder andere ältere Herr wiegte seine Herzdame zu den Klängen von Wagner und Beethoven und als Mozart gegeben wurde, war das Publikum ein Meer von Feuerzeugen, die zum ersten Satz der G-Moll Sinfonie hin und her geschwenkt wurden. Auch bei der romantischen Habanera von Emanuel Chabrier kam es zu ergreifenden Szenen von gut situierten Menschen im Liebestaumel. Die Küsschen hier und Küsschen da nahmen schier kein Ende. Fast war es mir ein wenig peinlich.

Drogen wurden rumgereicht. Allerdings keine verdächtig aussehenden Zigaretten oder dubiose Pillen, sondern die eine oder andere Flasche gekühlten Chablis oder Kelche mit tief rotem Claret. Aber auch das gemeine Volk erfreute sich an proletarischem Sushi, Prosecco oder ganz banalen Austern. Das leise Knacken und der anschließende Fischgeruch zogen aber so manchen bösen Blick auf sich. Leider waren auch auf diesem Festival ein paar Leute, die sich partout daneben benehmen müssen. Neben uns belästigten einige ältere Damen im „Klosterfrau“ Rausch zwei knapp fünfzig Jahre alte Männer und mussten mit sanftem Druck von der Wiese geschoben werden.

Das Politische kam nicht zu kurz. Buttons mit „Grieg statt Krieg“ oder „Débussy diente nie!“ unterstrichen, dass die klassische Musik nichts von ihrem Biss verloren hat. Die Haare mögen grau sein, aber in den maßgeschneiderten Dreiteilern oder der Cocktailkleidern schlagen die Herzen von Rebellen. Das aggressive Nicken zu Brahms „ungarischem Tanz“ vermittelte mehr Feuer als jedes Headbanging bei Metallica Konzerten. Und als zu Strauß’ „Radetzky Marsch“ einige Männer fast die Bühne gestürmt und ins Publikum gesprungen wären (sie haben es dann doch nicht ganz über die Absperrung geschafft), wusste man, dass die Klassik der legitime Vorgänger, Wegbegleiter und Erbe des Punk ist.

Als Kommentar zu aktuellen Lebensmittelkrise hatten die Veranstalter nur Catering Services zugelassen, die auf Biodiesel verzichteten. Außerdem durften nur Hummer gereicht werden, die in ökologischen Hummerfarmen herangezogen wurden. Dafür wurde das nah gelegene SÜC-Gebäude mit mehr Glühbirnen beleuchtet als Las Vegas in einer Woche verbrauchte. Aber wer wird an solch einem Abend auf die CO2-Bilanz schauen?

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Zu Tschaikowskis Polonaise aus „Eugen Onegin“ hielt es das Publikum dann nicht mehr in seinen Stühlen. Viele wollten aufspringen, einige schafften es sogar. Rollatoren wiegten sich im Takt, Champagnergläser wurden geschwenkt, Gehstöcke dirigierten das hervorragende Orchester mit und ein Summen erfüllte die laue Sommerluft wie 100 Bienenschwärme. Das Summen hatte ich natürlich seit Beginn der Veranstaltung im Kopf, weil ich die Musik nicht hören konnte. Aber Lapis versicherte mir, dass das Konzert großartig war. Nachdem sie mich geweckt hatte. Beim nächsten Konzert passe ich glaube ich, obwohl das Sushi wie immer exzellent war.

Unintelligentes Design

Veröffentlicht in Wissen schaffen, relativ religiös am Juli 4, 2008 von skeltem

Um es deutlich vorneweg zu sagen: das ist keine Diskussion über die Wahrheit oder Unwahrheit der Evolutionstheorie beziehungsweise des Kreationismus. Ich bin ein Laie in Biologie und achte das Menschenrecht auf freie Religionsausübung. Diese Miszelle soll zeigen, wie man kritisch-rational mit wissenschaftlichen Fragestellungen umgehen kann und dass es letztendlich doch eine Rolle spielt, ob Beobachtungen mit einer empirischen Wirklichkeit korrespondieren.

Es ist mit großen Schwierigkeiten verbunden, „outside the box“ zu denken, also jenseits der gewohnten Rahmen des Bekannten und Akzeptierten. Wie schwer das wirklich ist kann jeder sich vor Augen führen, wenn er versucht dafür Argumente zu finden, dass die Welt wie wir sie kennen nicht mehrere Milliarden Jahre alt ist, sondern höchstens zehntausend. Dass die Vielfalt des Lebens auf dieser Erde nicht durch genetische Mutation und natürliche Auslese entstanden ist, sondern durch den kreativen Akt eines höchstens Wesens.

Oder, auf der anderen Seite, wie schwer es ist, sich vorzustellen, dass das gesamte komplexe Ökosystem der Welt dadurch entstanden ist, dass im Laufe von Milliarden von Jahren bestimmte zufällige Mutationen im Genom der Lebewesen einen bestimmten positiven Effekt hatten. Und dass Träger der positiven Mutation ihr verändertes Genom weitergeben konnten, weil die weniger angepassten Lebewesen früher starben. Das bedeutet, dass unsere gesamte Welt auf mehr oder weniger glücklichen Zufällen beruht. Dass wir das Ergebnis einer sehr langen Reihe von trial and error der Natur sind.

Die beiden angeführten Weltanschauungen erklären beide, wie die Welt zu dem wurde was sie ist. Sie machen es beide auf der Basis von rationalen Denkprozessen. Die rationale Basis der Evolutionstheorie ist die empirische Wissenschaft. Die Basis des Kreationismus ist der theistische, in Heiligen Texten offenbarte, Glaube an ein oder mehr Höhere Wesen.

Wenn man kritisch an die Evolutionstheorie herangeht, kann man alle Argumente anführen, die die Wissenschaftsphilosophie gegen den Empirismus ins Feld führt. Kurz gesagt, wir können unseren Sinnen nie vollständig trauen, weswegen jede Theorie die auf Sinneseindrücken beruht letzten Endes Glauben ist, der aber so weit wie möglich Tatsachen entsprechen soll. Die Evolutionstheorie hat sich in den letzten 150 Jahren verändert. Sie hat sich den neuen Erkenntnissen der Naturwissenschaften angepasst, wurde erweitert und vervollständigt. Sie unterliegt dem wissenschaftlichen Prozess einer ständigen kritischen Hinterfragung. Der Grund, warum sie immer noch „Theorie“ heißt ist, dass es noch viele offene Fragen gibt, missing links und einfach Nickeligkeit des Wissenschaftsbetriebes. Dazu kommt, dass der Gedanke hinter der Evolutionstheorie auf einem Verständnis von Zeit und Entwicklung beruht, der typisch „westlich“ ist und sich somit der Verdacht auf Ethnozentrismus besteht. Trotzdem: die Wahrscheinlichkeit, dass es eine Evolution des Lebens im Verlauf der letzten Milliarden Jahre gegeben hat ist nahezu 100%. Zumal diese Entwicklung heute immer noch stattfindet.

Mittlerweile ist die Theorie einer evolutionären Entwicklung des Lebens zusammen mit anderen Theorien über die Entstehung des Lebens, des Universums und allem anderen längst im kollektiven Wissensschatz fast jeden Bewohners der von der Aufklärung erfassten Gesellschaften. Man kann anhand der Evolutiostheorie gut sehen, wie Spezialwissen zum Common Sense wurde. Und wieder zurück. In der hier zitierten Umfrage unter US-Biologielehrern, scheint sich ein Trend der letzten Jahre widerzuspiegeln, die positivistische Weltanschauung der Aufklärung zugunsten religiöser Wirklichkeiten aufzugeben.

Die Kreationisten haben es viel einfacher. Zum Ersten ist ihre Lehre viel plausibler. Es gibt eine Wirkung, also gibt es auch eine Ursache. Die Wirkung ist die Existenz eines schier unüberschaubar komplexen Universums, das wir nicht einmal mit den Methoden der Wissenschaft endgültig beschreiben können. Der Schluss liegt also nahe, dass die Ursache genau so unüberschaubar komplex sein muss. Jenseits der menschlichen Erfahrung. Also muss es ein Höchstes Wesen geben, dass der Grund von Allem ist. Und, praktisch, es steht ja alles bereits geschrieben. Wieso also noch suchen, wenn die Wahrheit schon bekannt ist?

Das Problem bei der Schöpfungslehre ist einmal, die Nachvollziehbarkeit für aufgeklärte Menschen. Das Denken, welches dahinter steckt ist diametral entgegengesetzt zum wissenschaftlichen. Es wird die Existenz eines Höchsten Wesens angenommen, also werden Beweise dafür gesucht. Diese Beweise sind die offenbarten Worte eben jenes Wesens, also ist der Beweis erbracht, dass es existiert. Das ist rationales Denken. Nur anders ratonal.

Die aktuellen Versuche, besonders amerikanischer Fundamentalisten oder auch des türkischen Kreationisten Oktar, der Lehre von der Schöpfung ein wissenschaftliches Gesicht zu geben indem sie „intelligent Design“genannt wird und ein paar „wissenschaftliche Argumente“ zu finden ist fast sexy. Besonders der weniger evangelikale Kreationismus, der die Evolution anerkennt aber einen „intelligenten Designer“ als ihre Triebfeder sieht, kann von den aufgeklärten Menschen als eine Versöhnung des wissenschaftlichen und des religiösen Weltbildes aufgefasst werden.

Ich bin wie immer bereit, den Leuten ihren Glauben zu lassen. Aber ich bin auch wenig sauer, dass uns der Glaube als Wissenschaft untergeschoben werden soll. Auf der Wikipedia gibt es dazu einen längeren Text. Hier reicht es mir aufzuführen, dass es von intellektueller Faulheit zeugt Dinge, die man nicht erklären kann, als Hinweis auf einen höheren Intellekt am Werk zu sehen. Wer so etwas macht, der öffnet den Spekulationen über seinen Geisteshorizont Tür und Tor. Auch das Suchen nach einem positiven Beweis ist unwissenschaftlich. Das Ganze „intelligent Design“ Geschwurbele ist leider sehr unintelligent aufgezogen. Und die Kampagne für eine „objektive“ Lehre von ID und Evolution entlarvt endgültig, welcher Geist am Werk ist. Unfassbar ist es allerdings, dass Menschen in hohen Positionen der Bildungspolitik wie z.B. die hessische Kultusministerin den religiösen Glauben an die Schöpfung gleichberechtigt neben der wissenschaftlichen Theorie der Evolution an den Schulen lehren lassen wollen.

Dass der (noch) mächtigste Mann der Welt ein überzeugter Anhänger des „intelligent Design“ ist, wundert wahrscheinlich niemanden Aber intelligente, aufgeklärte Menschen sollten zwischen Glauben und (wahrscheinlichem) Wissen unterscheiden können.