Das Folgende ist ein Teil eines längeren Textes, einer „Work in Progress“:
Dienstag:
Waage: 71. Yay! Paul, du fette Sau.
Ansonsten: Hausarbeit. Gibt wohl nicht dümmeres, abstumpfenderes und vor allem sinnloseres, was man in unseren Breiten machen kann. Vielleicht Turnschuhnähen in einem rumänischen Sweatshop. Aber kurz danach kommt Hausarbeit. Die Scheiß Turnschuhe sind wenigstens nicht eine Minute nach dem Zusammennähen wieder dreckig. Meiner Meinung nach begann der Aufstieg der Frauen zur Macht an dem Morgen, als eine Proto-Feministin sich weigerte, den Scheiß weg zu wischen, den ihr Mann verbrochen hat und ihm Mop und Eimer in die Hand drückte. Sie selber ging dann zur Uni und als nächstes hatten wir Frauenwahlrecht und eine Kanzlerin. Ich neige meinen Hut vor dem genialen Mann (Affen?), der darauf kam, dass Hausarbeit nicht nur ein Mittel ist, die Weiber zu beschäftigen, sondern sie auch von dummen Gedanken abzuhalten. Lohn zu fordern und so.
Anyway. Beim Wischen (nur Staubsaugen finde ich mehr zum Kotzen) fiel mir auf, dass die Gummisohlen meiner Schlappen auf dem nassen Boden kein Geräusch mehr machten. Paul for Nobel Prize! Er hat entdeckt, dass er eine arme Taube ist. Wieder mal. Fuck You.
Ich erinnere mich: früher gab es ein bohrendes Quietschen gefolgt von einem nassen Saugen. Quieee-plopp, Quieee-plopp. Seit ich taub bin hat mein Gehirn die Geräusche eingespielt. Oder besser die Erinnerung an die Geräusche. Heute bin ich bestimmt fünf Minuten mit dem Wischer in der Hand durch die Küche geschlappt und habe versucht, das Geräusch zu „hören“. Nichts. Dann habe ich den Kaffeelöffel an die Tasse geschlagen. Klirr! Laufen: Nichts. Kein Quiee, kein Plopp. Scheiße.
In Rendsburg haben sie gesagt, dass man sich am Anfang noch an die Geräusche erinnert und das Gehirn sie simuliert. Was heißt das, wenn die Schlappen nicht mehr Quieee-Plopp machen? Ist das das Ende des Anfangs? Der Anfang vom Ende? Schnell an „Song for Whoever“ von The Beautiful South erinnert: „Deep so deep/the number one I hope to reap/Depends upon the tears you weep/so cry, lovey cry, cry, cry, cry Ta da da Ta da da“. Noch da.
Trotzdem beunruhigt. Bin dann noch ein wenig durch die nasse Küche geschlurft. Keine Lust mehr auf Putzen gehabt. Hab ich je? Ich frage mich, was ich als nächstes verliere? Und was ist, wenn ich mich nicht mehr erinnere. An gar nichts mehr. Bin ich dann in der „Twilight Zone“ der Tauben? Wo die Welt ganz Bild aber kein Ton ist? Wenn ich mir das vorstelle, muss ich an eine zweidimensionalen Welt denken. Komisch. Fernsehen ohne Ton. Besteht die Zukunft nur noch aus Länge und Breite ohne Tiefe? Wie in ein Buch gepresst? Oder auf eine Mattscheibe? Ich frage mich, ob die Hörer auch mit so existentiellen Zweifeln leben. Andererseits: Proust war keine Taube und Pinter und Beckett auch nicht. Aber die drei sind heute auch ziemlich zweidimensional.
A propos Hörer. War wieder in der Bäckerei, wo die Niedliche arbeitet. Nach dem Quiee-Plopp Desaster war es erst mal Zeit für die Arbeit am Gewicht. Niedliche war nicht da. Dafür hatte ich Spaß mit der Kollegin. Hörer sind so einfach zu verarschen. Besonders die Dummen, die glauben, sie seien schlauer als wir. Wenn ich TBS verliere, beschließe ich spontan, ziehe ich mich in eine Tauben-Kolonie in der Ägäis zurück und übersetze Homer in Gebärdensprache.
Notiz an Paul: Gebärdensprache lernen.

