Am Ende dieser Miszelle habe ich den Standpunkt wiedergegeben, dass unser Wissen über die Wirklichkeit nur einen Teilaspekt dieser Wirklichkeit wiedergibt und dass wir nicht in der Lage seien, die gesamte Realität zu begreifen. Die Teile des Ganzen, die wir erfassen können, spiegeln vor allem kulturell tradiertes Wissen wider. Um es kurz zu sagen: Wirklichkeit liegt immer im Auge des Betrachters.
Die resignierte Aussage, dass etwas wahr sei, wenn es wahr ist und dass man keine sicheren, positiven Aussagen treffen kann, scheint zu bedingen, dass alles irgendwie wahr sein kann. Das kann natürlich nicht sein, es würde den Grundlagen unseres Denkens widersprechen und sinnvolle Wissenschaft wäre unmöglich. Deswegen haben Erkenntnistheoretiker den „kritischen Rationalismus“ entwickelt, der sinngemäß besagt, dass als wahr angenommen werden kann, was einer ernsthaften Kritik standhält.
Das ist ziemlich dünnes Eis. Sie räumen ein, dass letztendlich alles Wissen Glauben ist. Aber wenn der Glaube gerechtfertigt ist, dann geht das in Ordnung. Diese Rechtfertigung erfolgt durch kritisches Hinterfragen. Kurz gesagt: Es wird überprüft, ob ein Glaube „vernünftig“ ist oder anderen „akzeptablen“ Wissensinhalten widerspricht.
Das ist (zumindest mein) Stand dessen, was Wissenschaft heute ist: Der Wissenschaftler ist sich bewusst, dass Wissen gerechtfertigter Glaube ist. Es ist die Aufgabe der Wissenschaft durch ständige Überprüfung der eigenen Postulate sicherzustellen, dass ihre Erkenntnisse, soweit man es sagen kann, „wahr“ sind. Aber genug Theorie! An einem Beispiel aus der richtigen Welt will ich den kritischen Rationalismus in Aktion zeigen.
Kreationismus, das dürfte bekannt sein, ist die Lehre, dass die Welt vor etwa 10.000 Jahren (die genauen Angeben gehen hier auseinander) erschaffen wurde. Sie bezieht sich explizit auf die Heiligen Texte der Religionen, die wortwörtlich als wahr angenommen werden. Eine moderne Spielart des Kreationismus ist die Lehre vom „intelligent Design“. Sie sieht sich selbst als Wissenschaft, die versucht zu beweisen, dass die Komplexität der biologischen Vielfalt der Welt nicht durch Mutation und Selektion entstanden ist, sondern durch die „lenkende Hand“ eines nicht näher bezeichneten „Designers“.
Der Kreationismus steht in direktem Gegensatz zu der Evolutionstheorie, die im 19. Jahrhundert von Charles Darwin begründet wurde und davon ausgeht, dass sich die Lebewesen über Jahrmilliarden durch zufällige Mutationen in natürlicher Auslese zu den heutigen Formen entwickelt haben. Grundlagen dafür sind Beobachtungen der rezenten Flora und Fauna und Fossilienfunde.
Momentan ist der Kreationismus wieder groß in Mode. Kürzlich wurde eine Umfrage unter Biologielehrern in den USA veröffentlicht, laut der etwa ein sechstel der Lehrerinnen und Lehrer erklärten, sie würden Kreationismus und Evolutionstheorie gleichwertig im Unterricht behandeln. Auch in Großbritannien Deutschland oder der Schweiz ist der Kreationismus im Biologieunterricht aufgetaucht. Andere Beispiele für das Wiedererstarken des Kreationismus sind die Macht, die der türkische Islam-Kreationist Harun Yahya alias Adnan Okdar besitzt, der wegen Kritik an seiner Person und seinen Vorstellungen („Wenn es die Evolution gegeben hätte, stünde etwas davon im Koran!“) alle WordPress Blogs in der Türkei sperren ließ. Und nicht zuletzt ist ja auch der ‘Commander-in-Chief’ der letzten verbliebenen Supermacht ein evangelikaler Christ und Wortführer des „Intelligent Designs“.
Die Arena ist bereitet. Die beiden Kontrahenten stoßen in „Unintelligentes Design“ aufeinander.
(Wer sich für das Thema interessiert, dem lege ich das (kritische) Blog „Evil Under The Sun“ von JLT ans Herz, das sich ausschließlich mit Evolution <> Kreation befasst.)
Ach ja, der gute Karl Popper und sein Kritischer Rationalismus… der läuft einem auch beim Soziologie- und Pädagogikstudium ständig über den Weg, und zwar jeweils wenn es um die empirischen Teilbereiche der Studiengänge geht.