Boys don’t cry

Heute ist wieder großer Flohmarkt in Coburg. Wie immer musste man das genaue Datum nicht kennen, sondern nur auf den Boden gucken. Wenn am Anfang einer Woche überall auf dem Asphalt virtuelle Grenzen auftauchen, kann man sicher sein, dass am Wochenende Ausnahmezustand herrscht.

Diesmal hatte Lapis auch einen Claim abgesteckt, der praktischerweise vor unserer Haustür liegt. Nur hat irgend ein Idiot ihre dezenten Hinweise „LAPIS UND SKELTEM IHR PLATZ!!!“ übersehen und seinerseits großzügig Klebestreifen auf dem Boden verteilt. Lapis hat daraufhin fragliche Streifen entfernt und ihrerseits noch etwas dezenter „MEINS!“ auf den Boden gemalt. Wer die Schrift an der Wand nicht sieht, wird halt gewogen und als zu leicht befunden. Mene mene tekel!

Heute morgen klingelt es, der dreiste Kleber steht vor der Tür und hat auch noch die Stirn sich zu beschweren, dass Lapis seine frechen Markierungen ihrer gerechten Bestimmung zugeführt hat. Vermute ich. Denn Lapis war auf der Arbeit und der Typ schnarrte: „Gnagnagnaflohmarktbrrbrrbrrplatzmurmelmurmelunser“ oder so. Ich spulte dann brav meinen Satz runter: „Bitte sprechen Sie langsam und deutlich…“ Und er bemühte sich tatsächlich, die Worte noch schneller und undeutlicher unter seinem nikotingelben Schnurrbart hervorzupressen. Er ist dann frustriert gegangen, nachdem ich ihm mehrmals erklärte, dass wir den Platz schon markiert hatten, als sein Haar noch voll und sein Bart modern war. Lapis hat sich dann später gütlich (Frauen!) mit ihm geeinigt und ihm einen Teil unsere Platzes überlassen.

Sie selbst hat, kaum dass sie unten stand, schon fast alle ihre Waren verkauft. Sie hatte nicht mal Zeit gehabt, aufzubauen. Denn sie hat im Wesentlichen ihre mehrere Tonnen schwere Schallplattensammlung lächerlich billig verschleudert.

Ein sehr emotionaler, oder wie man heute sagt: „Emo“, Moment war, als ich unter ihren Schallplatten meine ganzen Wave/Gothic Scheiben sah: The Cure (als sie noch gut waren), The Sisters of Mercy, Christian Death, Fields of the Nephilim, Dead can Dance. Und wie die Geier stürzten sich von allen Seiten alte Männer auf Lapis’s Platten und balgten sich um meine alten Schätze.

Ich hatte sie ihr geschenkt, als ich gehörlos geworden war zusammen mit meinen ganzen CDs. Was soll ein tauber Mann mit Mucke? Trotzdem musste ich schlucken. Aber was hat Robert Smith so herrlich larmoyant gesungen: Boys don’t cry. Und wegen Vinyl gleich gar nicht!

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