Archiv für April, 2008

30.4.: Pause

Veröffentlicht in Allgemeines am April 30, 2008 von skeltem

Hallo Alle.

Ich fahre morgen in die „Alte Heimat“ an den Niederrhein und komme erst eine Woche später wieder zurück. Das heißt, dass die nächste Miszelle frühstens am Freitag, den 9.5. erscheinen wird.

Dafür habe ich dann aber auch sicher viel neues Material. Ob es in die Sparte „Drama“ oder „Comedy“ passt, wird sich noch zeigen. Ich vermute „Dromedy“. Oder „Coma“.

Bis dann,

Skeltem

„Dumbed down“ Evolution

Veröffentlicht in Wissen schaffen am April 29, 2008 von skeltem

Wie ich hier ausgeführt habe, sind die westliche Philosophie und gewisse Strömungen der Natur-, Sozial- und Kulturwissenschaften davon überzeugt, dass es gesichertes wahres Wissen nicht geben kann, da uns als Menschen die Grundlagen dafür fehlen. Jedes Wissen, jede Erkenntnis ist letzten Endes ein Akt des Glaubens. Das klingt erst mal esoterisch und vor allem für uns Bürger der Aufklärung fast wie eine Beleidigung. Haben wir nicht, wie Kant sagte, uns aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit des nicht-Wissens erhoben und „Wissen“ gewagt?

Wenn wir die Welt um uns herum anschauen, sehen wir vor allem, was wir nicht sehen. Wir sehen nicht die Märkte, die unsere Leben in der westlichen Welt so zunehmend beherrschen. Wir sehen nicht die Daten, die auf elektronischem Wege ausgetauscht werden. Die Gespräche, die durch die Luft flitzen. Selbst Geld, unser ein und alles, wird zunehmend unsichtbar. Wir sehen keine Demokratie, keine Freiheit, Oft sehen wir die Menschen nicht oder selten zu denen wir Beziehungen aufbauen. Viele von uns sehen die Früchte ihrer Arbeit nicht. Und doch herrscht ein naiver Positivismus vor. Es existiert angeblich nur das, was man wahrnehmen kann. Dabei verwechseln die naiven Positivisten die Wirkung einer Sache und ihre Ursache. Plato hat das mit seinem Höhlengleichnis vor mehr als 2000 Jahren eindrucksvoll illustriert.

Wenn wir aber die Welt erkennen könnten, wie sie „wirklich“ ist, würde uns wahrscheinlich der Kopf platzen. Nehmen wir nur mal die Welt, wie sie sich unseren jetzigen primitiven Sinne bietet. Unser Gehirn ist vor allem damit beschäftigt, Sinnesdaten herauszufiltern. Rund um die Uhr ist es damit beschäftigt, uns vor all zu großer Verwirrung zu beschützen und arbeitet als zuverlässiger Zensor. Kaum jemand weiß das so gut wie die Menschen, bei denen der Zensor aus irgend einem Grunde nicht mehr arbeitet. Ich habe selber einen Geschmack davon, da mein Implantat ja alle Höreindrücke auf gleiche Art und Weise an das Hörzentrum liefert, was in einem großen Haufen unbrauchbarem Geräuschmüll mündet, aus dem mein Gehirn erkennbare Dinge aktiv heraus filtert. Stellt euch vor, alle 5 Sinne würden so ungefiltert auf uns losgelassen. Der Horror! Und da sind noch nicht mal Infraschall und all die anderen Dinge bei, von denen wir nur von unseren Messinstrumenten wissen.

Die Welt ist also vor allen Dingen unsere Vorstellung von der Welt, die auf den Sinnesdaten beruht, die wir verarbeiten können. Die werden wiederum in sinnvolle Zusammenhänge gebracht und in „Sprache“ im weitesten Sinne als konsumierbares Wissen gespeichert. Wir sind die letzten 60.000 Jahre ziemlich gut damit gefahren. Tatsächlich ist das „dumbing down“ der Wirklichkeit ein evolutionärer Vorteil, der es uns erlaubt, über den Zustand des reinen Instinktes hinaus alternative Bewusstseinszustände zu haben. Und diese sind die Voraussetzung für eine kulturellen Evolution. Mit anderen Worten: Phantasie. Kreativität. Träume. Fortschritt.

Um zu „funktionieren“ teilen alle, oder zumindest alle gesunden, Menschen einen Bewusstseinszustand, der für sie wirklich ist. Dieser Zustand wird als Realität empfunden, wohingegen alle anderen irreal oder surreal sind. Das grundlegende Element der Realität sind nicht die Sinnesdaten, die für sich genommen kaum Sinn ergeben, sondern das Wissen, das unsere Vorstellung von der Welt prägt, indem es die rohen Daten mit Sinn erfüllt. Beispiel: jemand, der sein Leben lang in einem dichten Urwald lebt. Er kennt den Wald, kann Geräusche, Gerüche und so weiter einordnen und sinnvolle Informationen aus ihnen ziehen. Ein Forscher, der sein ganzes Leben in der Stadt verbracht hat, kommt in den Urwald und sieht sich einem Chaos an Sinneseindrücken ausgesetzt Beide Personen nehmen das gleiche wahr (nicht unbedingt, aber das ist eine andere Diskussion), aber wo der Urwaldbewohner verbindet mit jedem Datum Informationen. Allerdings würde er wohl den Schock seines Lebens bekommen, wenn er plötzlich nach Berlin käme. Und nicht nur wegen der Berliner.

Das Wissen, das unsere Realität ausmacht ist angelernt. Was „wahr“ ist bestimmt also die Kultur. Die Realität grenzt ein, was wir wissen können, zumindest in unseren „normalen“ Bewusstseinszuständen, Und wie wir ja gesehen haben kann man, laut Popper, nur das wissen, was man weiß.

Wozu erzähle ich das? Erstens mal natürlich, weil ich es interessant finde, solche Gedankengänge mit anderen zu teilen. Aber wichtiger ist, glaube ich, die Erkenntnis, dass das, was wir für wahr und wirklich halten, eine kulturelle Konvention ist. In einer zukünftigen Miszelle werde ich die Folgen daraus diskutieren.

Nie wieder „Åmål“

Veröffentlicht in Film-Buch-Filmbuch, HomeStory am April 22, 2008 von skeltem

Kennt einer von euch den Film „Fucking Åmål“(ausgesprochen: „fAkking“; deutsch: „Raus aus Åmål“, englisch: „Show me love“)? Sehr schöner Film. Eine Zeit lang war das mein Lieblingsfilm. Zumindest in der Kategorie „nicht gewalttätiger als ein Pausenhof“. Diese Miszelle zeigt, wie etwas, was man liebt, nicht unbedingt auf Gegenliebe stößt, sondern auf Verwirrung und Ablehnung. Vor allem, wenn es auf schwedisch mit englischen Untertiteln ist.

Der Film handelt von dem Teenager Agnes, 16, die sich in Elin, 14, verliebt hat. Sie gehen beide auf die gleiche Schule im südschwedischen Kaff Åmål. Es ist eine typische Teenager-Liebesgeschichte mit dem „Twist“, dass sich hier zwei Mädchen finden müssen. Der Hauptkonflikt ist, dass die beliebte Elin sich zwar in Agnes verliebt, aber wegen des Gruppendrucks sich nicht dazu bekennen will oder kann. Es ist der bekannte Konflikt, als „Cooles Kid“ einen Außenseiter zu lieben, aber wirklich sehr sehr gut gespielt. Der schwedische Film hebt sich auch sonst wohltuend von der amerikanischen Massenware ab. Die Teenager sind alle glaubwürdiger, vor allem für uns Europäer, was allerdings auch manchmal nervt. Und man sieht an der Ausstattung, der Produktion und, leider, auch an der Vermarktung, dass keine Hollywood-Millionen in dem Film stecken. Dass er, was Romantik angeht, für mich die meisten Großproduktionen schlägt, liegt vor allem an den jungen Darstellerinnen Alexandra Dahlström (Elin) und Rebecka Liljeberg (Agnes).

Zugegeben, als ich ihn das erste Mal sah, musste ich öfter aus dem Raum gehen. Ich bin schon seit einiger Zeit kein Teenager mehr. Deswegen bereitete mir das Verhalten der Figuren den einen oder anderen „Oh mein Gott. Warum tun die das?“-Moment. Auf der anderen Seite sind die dargestellten Figuren wirklich noch fast Kinder. Das heißt, dass Voyeurismus gar nicht erst aufkommt. Höchstens die Dankbarkeit, dass man die Pubertät überwunden hat.

Vor Jahren bin ich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen über den Film gestolpert. Damals habe ich nur den Anfang gesehen. Deswegen freute ich mich, als ich ihn neulich mit englischen Untertiteln fand. Ich sah ihn endlich komplett und war sehr bewegt von der Geschichte, obwohl sie letztlich das alte „Girl meets Girl“-Thema hat. Mein Fehler war, dass ich Lapis davon erzählte.

„Da ist dieser klasse Film über 2 schwedische Teenager-Mädchen, die sich ineinander verlieben“, ist vielleicht nicht der beste Aufhänger um seiner Frau einen Film schmackhaft zu machen. Dass ich, während ich den Film das erste Mal wieder sah, in ihr Zimmer kam und mich lautstark über das Hormon gesteuerte und völlig bescheuerte Verhalten von Teenagern beklagte, war vielleicht auch nicht die beste Werbung. Und dass der Film im schwedischen Original mit englischen Untertiteln ist, vielleicht nicht das beste Argument, ihn sich gemeinsam anzusehen. Aber ich war romantisch berührt. Auch Männer haben Gefühle!

Das Problem ist, dass Lapis den Film einfach nicht mögen konnte! Erstens sind „realistische“ weibliche Teenager eine Tortur für jeden Nerv. Für Frauen aber doppelt. Zweitens ist eine Girl/Girl (oder Boy/Boy) Geschichte, egal wie subtil, immer mit einem gewissen Ruch behaftet. Und wenn ein Mann so laut davon schwärmt, hm, gibt es da etwas, das ich nicht über ihn weiß? Und drittens und wichtigstens: Sie konnte den Film nicht mögen, weil sie dachte, dass ich so begeistert von dem Film bin, dass ich beleidigt wäre, wenn sie ihn nicht möge. Deswegen fühlte sie sich gezwungen, den Film zu mögen, was schon mal gar nicht in die Tüte kommt, denn man kann ja nicht etwas mögen, nur weil die Alternative Zank und Streit ist. Der vierte Punkt wäre mir nicht eingefallen. Aber schwedisch scheint keine angenehme Sprache für deutsche Ohren zu sein.

Trotzdem mir das bewusst war, legte ich den Film eines Abends in unseren DVD-Spieler ein. Die Chronik einer angekündigten Katastrophe:

- 5 -

Der Film beginnt. Elin streitet sich mit ihrer Schwester lautstark, weil diese den letzten Kakao getrunken hat. Lapis Gesicht verzieht sich schmerzhaft.

- 4 -

Agnes verteilt in ihrer Schule Einladungen zur Feier ihres 16. Geburtstages. Mitschülerinnen hänseln sie. Die einzige, die kommen will ist die behinderte Viktoria. Lapis Augenbrauen ziehen sich zusammen.

- 3 -

Agnes’ Familie wartet um einen opulent gedeckten Tisch auf die Partygäste, die nicht kommen werden. Agnes versucht zum wiederholten Male ihrer Mutter klar zu machen, dass sie keine Freunde hat und dass die Party-Idee ihre Einsamkeit in Åmål nur noch schlimmer macht. Lapis verdreht die Augen.

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Viktoria kommt und schenkt Agnes ein Parfüm zum Geburtstag. Agnes bedankt sich dadurch, dass sie Viktoria als „Spasti“ und „Krüppel“ beschimpft. Sie seien bloß miteinander „befreundet“, weil niemand sonst etwas von ihnen wissen wolle. Lapis und Skeltem verziehen gemeinsam das Gesicht.

- 1-

Skeltem: „Das ist die Stelle, wenn ich den Film nicht schon drei Mal gesehen hätte ….“

- 0 -

Lapis: „UND WARUM MUSS ICH MIR DAS JETZT ANTUN?“

Der Rest ist Schweigen.

17.4.2008: Bewerbung

Veröffentlicht in Allgemeines, HomeStory am April 17, 2008 von skeltem

Nein, kein verspäteter Aprilscherz. Skeltem geht in die Offensive. Nach über drei Jahren Krankheit, Arbeitslosigkeit, bisschen mehr Krankheit, Arbeitlosigkeit und so weiter geht es mir jetzt allein um unser schönes Vaterland. Überall lese ich, dass in Deutschland qualifizierte Fachkräfte gesucht werden. Wie die Wirtschaft händeringend jeden Stein umdreht, ob da nicht vielleicht doch jemand hockt, der eine gute Ausbildung hat, aber lieber weiter von den süßen Früchten unseres Wohlfartsstaates naschen will.
Wie kann ich da, Universitätsabschluss, drei Sprachen, Computer- und Journalistik-Kenntnisse nicht meine Stimme, meinen Finger oder gar meinen Kopf erheben, die Brust rausdrücken und mit wildem Blick verkünden: „Ja, ich bin auch Deutschland. Wenn Deutschland mich will – ich bin bereit!“ Und ich verzeihe Deutschland sogar, dass es mich in den letzten drei Jahren konsequent ignoriert hat.
Also sage ich hier und jetzt, in den Miszellen, vor den Augen des gesamten Internets:

„Äh, hat jemand nen Job für mich? Irgendjemand? Hallo?“

Haushalt

Veröffentlicht in HomeStory, Zeitnah am April 13, 2008 von skeltem

Nach dem Motto, dass man über Geld nicht spricht, sondern schreibt, weint, klagt, greint, sich empört oder schlicht den Mangel desselben bejammert will ich heute den aktuellen Haushalt unserer kleinen Kommune, bestehend aus meiner Frau Lapis und mir, vorstellen.

Das fiskalische Jahr ist uns völlig schnuppe. Die Haushaltsplanung reicht von Lapis’ letzter Gehaltserhöhung (ca. 2004) zu ihrer nächsten (ca. 2012, wenn die Welt vorher nicht untergeht). Unsere Einnahmen sind stabil gesunken, bedingt durch Inflationsblabla, Teuerungdings und allgemein schlechter Konjunkturlage wie zum Beispiel einer dreisten Waschmaschine, die nach nur 25 Jahren ihren Geist aufgegeben hat. Zu den regelmäßigen Einnahmen kommt eine Nettoneuverschuldung von 0 Euro, weil wir uns dem kapitalistischen Grundsatz, dass dumm ist, wer nicht auf Pump lebt, verschlossen haben und statt dessen mit unseren Steuergeldern windige Bankgeschäfte auf dem internationalen Geldvernichtungmarkt finanzieren. Bis jetzt hat sich daraus eine großzügige Rendite unbekannten Ausmaßes im Negativbereich ergeben. Die Details sind in den Zeitungen nachzulesen unter „Immer neue Details darüber, wie windige Zocker Milliarden verspielen und nicht bestraft, sondern mit Millionenabfindungen belohnt werden“.

Der Vorschlag des Finanz- und Wirtschaftministers Skeltem, dem Trend zu folgen, sich Geld zu leihen und in der Spielbank zu verzocken in der Hoffnung darauf vom Staat dafür Geld zu bekommen hat die Regierungschefin Lapis einstimmig abgelehnt. Darüber verstimmt, mahnte Skeltem eine strenge Haushaltsdisziplin an. Die Ausgaben für Lebensmittel seien durch die gegenwärtige Krise derart gestiegen, dass inbesondere bei Luxusartikeln wie Schokolade ein Ausgabenstopp zu erfolgen hätte.

Lapis löste daraufhin die Regierung auf und verkündete ein „Schokoladennotprogramm“. Sie verpflichtete das Kabinett, bestehend aus Lapis und Skeltem, nach Alternativen zu suchen, die es ermöglichten, den gestiegenen Lebenshaltungskosten unter Beibehaltung der Schokoladeninvestitionen gerecht zu werden. Nach hitzigen Diskussionen über Bücher, Computerspiele, Schuhe und Klamotten einigten sich die Fachminister für Einkaufen, Putzen und Haushalt (Skeltem) und alle anderen (Lapis) darauf, dass das Schokoladenniveau auf dem derzeitigen Stand eingefroren wird und die inflationsbedingten Mehrkosten aus dem Topf für Energie bestritten werden.

Konkret bedeutet das, dass nach der Pi x Daumen – Formel jeden Abend eine „Schokostunde“ eingeführt wird, in der alle Stromabnehmer der Kommune ausgeschaltet werden. Regierungschefin Lapis begrüßte dies als Beitrag gegen den Klimawandel. Die Opposition (Skeltem) nannte das Augenwischerei, da das wahre Ziel der Regierung nur darin liege „möglichst viel Alpenvollmilch in die eigenen Backen zu stopfen“.

Die Regierungschefin präsentierte daraufhin der Opposition (mit einem maliziösen Lächeln, wie ich betonen möchte) die Rechnung über eine Investition in Forschung und Bildung aus dem Februar 2008 in Form eines neuen PCs. Diese Ausgabe erfolgte zu mehr als 60% aus Sondermitteln des Haushaltes, die die Regierung persönlich freigegeben hatte. Der Kommentar von Skeltem: „Umpf!“

Der n-te Vorschlag Skeltems, Zuwendungen aus dem befreundeten Inland in die Haushaltsplanung einfließen zu lassen um ein allgemein freundlicheres Klima für Ausgaben zu ermöglichen, lehnte Lapis zum n-ten Male ab. Wie immer verwies sie auf die desolate Lage und die allgemein gestiegenen Lebenshaltungskosten, auch im Inland.

Schließlich schlug sie vor, eventuelle Sonderzuwendungen in einen gesonderten Auslandsfonds zu investieren. Dieser Fonds soll dazu verwendet werden, ins Ausland zu reisen um dringend benötigte Rekreationskräfte zu sammeln. Diese wiederum seien nötig, um die Produktivkräfte und letztendlich die Einnahmen der Kommune auf gleichbleibend hohem Niveau zu sichern. Der Vorschlag wurde mit zwei zu null Stimmen angenommen.

Alle weiteren Ausgaben der Kommune wie Wohnen, Wärme, Verkehr, Versicherung etc. pp. werden wie bisher vom unerschütterlichen Glauben von Regierung und Opposition bestritten, dass „es schon irgendwie reicht“.

Die ganze Wahrheit

Veröffentlicht in Wissen schaffen am April 6, 2008 von skeltem

Die Wahrheit ist, die Wahrheit ist eine Zicke. Man denkt, dass es nur die Wahrheit gibt und alles andere ist falsch. Im besten Fall ein Irrtum, im schlimmsten eine Lüge. Und dann kommt jemand an und macht einem klar, dass wenn man die Dinge von seiner Warte aus sehen würde, sie sich ganz anders darstellen. Und seine, oder ihre, Wahrheit mindestens genau so wahr ist. Das geht mir mit Lapis andauernd so.

Natürlich handelt der erste Absatz nicht von Wahrheit, sondern von Meinung. Nur sehr dumme oder sehr von sich überzeugte (meistens ein und die selben) Menschen würde sagen, dass ihre Meinung ‘wahr’ sei. Was ist aber ‘wahr’? Dass ich hier vor meinem Monitor sitze? In dem Moment, da ihr das lest, kann das schon wieder falsch sein. Dass die Sonne morgen früh aufgeht? Das ist zumindest wahrscheinlich. Es sei denn, man befindet sich an einer bestimmten Stelle zu einer bestimmten Jahreszeit. Dann kann das wahr sein oder nicht. Am treffendsten, und unbefriedigendsten, ist die Aussage, dass etwas wahr ist, wenn es wahr ist. Ich versuche, an einem Beispiel das Problem von Wahrheit, Erkenntnis und Wissen anschaulich zu machen.

Ich weiß nicht, ob ihr als Jugendliche die gleichen Dinge konsumiert habt wie ich. Auf jeden Fall saßen wir einige Male, so um 3 Uhr nachts, angenehm betrunken zusammen und nachdem man über all das geredet hatte, worüber Jugendliche so reden, wurden wir philosophisch. Beim Anblick des halb abgeknibbelten Etiketts der Bierflasche sagte einer von uns dann: „Grün“. Jemand anders fragte dann mit etwas schwerer Zunge: „Woher weiß ich, dass das, was für dich grün ist, für mich nicht rot aussieht? Oder braun?“ Dann ging es los und wir diskutierten bis zum frühen morgen über das Wesen der Wirklichkeit. Und Zeug.

Das Problem der Farbe des Bier-Etiketts ist nur auf den ersten Blick banal. Neurobiologen würden argumentieren, dass jeder vergleichbare Sinnesapparat auf die gleiche Weise mit physikalischen Tatsachen, hier die im grünen Spektrum gebrochenen Lichtwellen, interagiert. Also sieht jeder gesunde Mensch das Etikett auf die gleiche Weise. Natürlich könnte Intoxikation eine Rolle spielen. Oder Müdigkeit. Gut, sagt der Neurobiologe: Jeder vergleichbare Sinnesapparat, der sich zu dem Zeitpunkt, an dem die Aussage gemacht wurde in einem vergleichbaren Zustand befindet, wird das gleiche Phänomen gleich wahr nehmen. Also ist es wahr, dass Menschen grün sehen, wenn sie grün sehen? Der Neurobiologe verschwindet grummelnd zu seinen Instrumenten, die wenigstens keine Widerworte geben.

Eine andere Auffassung ist, dass es keine Rolle spielt, ob jeder Mensch alles gleich wahr nimmt, wenn nur Konsens darüber besteht, was man wahr nimmt. In unserem Fall kann jeder der Jugendlichen das Etikett auf andere Arten sehen. Aber sie haben gelernt, dass ihre Wahrnehmung in der deutschen Sprache „grün“ genannt wird. Also werden sie übereinstimmend sagen: „Ja, das Etikett ist grün“. Ungeachtet, einer Realität, die vielleicht für jeden von ihnen anders ist, sind ihre Aussagen wahr. Man nennt das die konsensual-subjektive Sichtweise.

Das offensichtlichste Problem der subjektivistischen Ansätze ist, dass ihnen zufolge nur Meinungen und keine Tatsachen existieren. Das macht es unmöglich, wahre Aussagen zu treffen. Denn die Bedingung für Wahrheit ist, dass etwas nicht gleichzeitig wahr und unwahr sein kann. Das Etikett kann für den einen grün, für den anderen gelb aussehen. Es kann aber nicht gleichzeitig grün und gelb sein. Trotzdem zeigen sie zwei wichtige Gedanken der Erkenntnistheorie. Und zwar Wissen und Wahrnehmen. Beide Begriffe führen in einen bodenlosen Abgrund endloser philosophischer Gehirnmartern. Glaubt mir, ich war da. Für diese Miszelle reicht es, die Oberfläche anzukratzen.

Wir erlangen Wissen, im Großen und Ganzen, indem wir lernen. Von wem lernen wir? Von anderen Menschen, die ihr Wissen auf ähnliche Weise erlangt haben. Eine ewige Inzucht. Die Erforschung von sog. „Wolfskindern“ und in neuerer Zeit psychologische Experimente mit Babies haben gezeigt, dass jeder Mensch zumindest ein Grundgerüst von übereinstimmenden Wahrnehmungen von Geburt an in sich trägt wie Schwerkraft usw. Aber viel von dem, was wir wahrnehmen beruht auf erlerntem Wissen. Als ich in Göttingen gearbeitet habe, erzählte ein Kameramann, der in Neuguinea einen Film gedreht hat, dass er den Papuas Fotos von sich gezeigt hat. Die konnten aber auf den Bildern nichts erkennen, vor allem nicht sich selbst. Mit ihren Augen war alles in Ordnung, sie hatten nur nie gelernt, diese speziellen Sinneseindrücke sinnvoll zu interpretieren, weil sie ihnen nie begegnet sind. Wenn einer unserer Jugendlichen in einer Umgebung aufgewachsen wäre, in der es die Farbe grün nicht gäbe, würde er die Frage, welche Farbe das Etikett denn habe, nicht einmal verstehen.

Was wir wahrnehmen können wird also einmal von unserem Erkenntnisapparat, unsere Sinne und die Zentren im Gehirn die die Eindrücke verarbeiten, bestimmt. Zum anderen aber auch von unseren Erfahrungen. Und da ist der große Casus Knackus.

Die klassische Erkenntnistheorie geht davon aus, dass es eine unveränderliche physikalische Wirklichkeit, die Tatsachen, gibt, auf die sich Aussagen beziehen. Es gibt eine Korrespondenz zwischen den Tatsachen und den Aussagen über sie. Wir können ewig darüber diskutieren, ob nun alle das grüne Etikett genau gleich wahrnehmen. Aber die Tatsache, dass das Etikett existiert, eine bestimmte Farbe hat und auch keine andere, ist die Grundlage jeder Logik. Das Etikett ist grün, wenn es grün ist. Aber der Satz gilt nur, wenn es ‘grün’ tatsächlich gibt. Wenn ‘grün’ aber etwas ist, das wir gelernt haben und das andere unter anderen Umständen vielleicht nicht gelernt haben, ist es keine Tatsache mehr. Vor allem, woher weiß ich, dass mein Wissen über ‘grün’ wahr ist? Wenn wir ‘grün’ mit ‘Gott’ ersetzen wird das vielleicht anschaulicher. Wir glauben an ‘grün’, weil wir ‘grün’ jeden Tag erfahren. Aber Menschen glauben an ‘Gott’, weil sie jeden Tag ‘Gott’ erfahren. Die ‘grün’ Gläubigen, die ‘Gott’ nicht erfahren haben, können es ebenso wenig als Tatsache akzeptieren, das ‘Gott’ existiert wie Menschen, die noch nie ‘grün’ erfahren haben, dass ‘grün’ eine Tatsache ist. Die Frage ist: „Woher weiß ich, dass etwas, das für mich grün aussieht, nicht für andere Menschen Gott ist?“ Man kann’s nicht wissen.

Philosophie ist auch eine Zicke. Da machen sich seit 3000 Jahren kluge Männer Gedanken über das Wesen der Welt, Wirklichkeit, das Wahre und das Schöne. Und was ist herausgekommen? Dass der Ausspruch eines der Väter der Philosophie immer noch gilt: „Ich weiß, dass ich nicht weiß!“ Zu diesem Schluss gelangt nach all der Zeit auch der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Sir Karl Popper, der resignierend feststellte „Man kann nicht mehr wissen, als man weiß“.Und weil Philosophen auch entsetzliche Erbsenzähler sind, wurde Popper darob gefragt: „Woher weißt du das?“ Unüberliefert ist allerdings Poppers Antwort: „Ist wahr. Ich schwöre!“