Die Wahrheit ist, die Wahrheit ist eine Zicke. Man denkt, dass es nur die Wahrheit gibt und alles andere ist falsch. Im besten Fall ein Irrtum, im schlimmsten eine Lüge. Und dann kommt jemand an und macht einem klar, dass wenn man die Dinge von seiner Warte aus sehen würde, sie sich ganz anders darstellen. Und seine, oder ihre, Wahrheit mindestens genau so wahr ist. Das geht mir mit Lapis andauernd so.
Natürlich handelt der erste Absatz nicht von Wahrheit, sondern von Meinung. Nur sehr dumme oder sehr von sich überzeugte (meistens ein und die selben) Menschen würde sagen, dass ihre Meinung ‘wahr’ sei. Was ist aber ‘wahr’? Dass ich hier vor meinem Monitor sitze? In dem Moment, da ihr das lest, kann das schon wieder falsch sein. Dass die Sonne morgen früh aufgeht? Das ist zumindest wahrscheinlich. Es sei denn, man befindet sich an einer bestimmten Stelle zu einer bestimmten Jahreszeit. Dann kann das wahr sein oder nicht. Am treffendsten, und unbefriedigendsten, ist die Aussage, dass etwas wahr ist, wenn es wahr ist. Ich versuche, an einem Beispiel das Problem von Wahrheit, Erkenntnis und Wissen anschaulich zu machen.
Ich weiß nicht, ob ihr als Jugendliche die gleichen Dinge konsumiert habt wie ich. Auf jeden Fall saßen wir einige Male, so um 3 Uhr nachts, angenehm betrunken zusammen und nachdem man über all das geredet hatte, worüber Jugendliche so reden, wurden wir philosophisch. Beim Anblick des halb abgeknibbelten Etiketts der Bierflasche sagte einer von uns dann: „Grün“. Jemand anders fragte dann mit etwas schwerer Zunge: „Woher weiß ich, dass das, was für dich grün ist, für mich nicht rot aussieht? Oder braun?“ Dann ging es los und wir diskutierten bis zum frühen morgen über das Wesen der Wirklichkeit. Und Zeug.
Das Problem der Farbe des Bier-Etiketts ist nur auf den ersten Blick banal. Neurobiologen würden argumentieren, dass jeder vergleichbare Sinnesapparat auf die gleiche Weise mit physikalischen Tatsachen, hier die im grünen Spektrum gebrochenen Lichtwellen, interagiert. Also sieht jeder gesunde Mensch das Etikett auf die gleiche Weise. Natürlich könnte Intoxikation eine Rolle spielen. Oder Müdigkeit. Gut, sagt der Neurobiologe: Jeder vergleichbare Sinnesapparat, der sich zu dem Zeitpunkt, an dem die Aussage gemacht wurde in einem vergleichbaren Zustand befindet, wird das gleiche Phänomen gleich wahr nehmen. Also ist es wahr, dass Menschen grün sehen, wenn sie grün sehen? Der Neurobiologe verschwindet grummelnd zu seinen Instrumenten, die wenigstens keine Widerworte geben.
Eine andere Auffassung ist, dass es keine Rolle spielt, ob jeder Mensch alles gleich wahr nimmt, wenn nur Konsens darüber besteht, was man wahr nimmt. In unserem Fall kann jeder der Jugendlichen das Etikett auf andere Arten sehen. Aber sie haben gelernt, dass ihre Wahrnehmung in der deutschen Sprache „grün“ genannt wird. Also werden sie übereinstimmend sagen: „Ja, das Etikett ist grün“. Ungeachtet, einer Realität, die vielleicht für jeden von ihnen anders ist, sind ihre Aussagen wahr. Man nennt das die konsensual-subjektive Sichtweise.
Das offensichtlichste Problem der subjektivistischen Ansätze ist, dass ihnen zufolge nur Meinungen und keine Tatsachen existieren. Das macht es unmöglich, wahre Aussagen zu treffen. Denn die Bedingung für Wahrheit ist, dass etwas nicht gleichzeitig wahr und unwahr sein kann. Das Etikett kann für den einen grün, für den anderen gelb aussehen. Es kann aber nicht gleichzeitig grün und gelb sein. Trotzdem zeigen sie zwei wichtige Gedanken der Erkenntnistheorie. Und zwar Wissen und Wahrnehmen. Beide Begriffe führen in einen bodenlosen Abgrund endloser philosophischer Gehirnmartern. Glaubt mir, ich war da. Für diese Miszelle reicht es, die Oberfläche anzukratzen.
Wir erlangen Wissen, im Großen und Ganzen, indem wir lernen. Von wem lernen wir? Von anderen Menschen, die ihr Wissen auf ähnliche Weise erlangt haben. Eine ewige Inzucht. Die Erforschung von sog. „Wolfskindern“ und in neuerer Zeit psychologische Experimente mit Babies haben gezeigt, dass jeder Mensch zumindest ein Grundgerüst von übereinstimmenden Wahrnehmungen von Geburt an in sich trägt wie Schwerkraft usw. Aber viel von dem, was wir wahrnehmen beruht auf erlerntem Wissen. Als ich in Göttingen gearbeitet habe, erzählte ein Kameramann, der in Neuguinea einen Film gedreht hat, dass er den Papuas Fotos von sich gezeigt hat. Die konnten aber auf den Bildern nichts erkennen, vor allem nicht sich selbst. Mit ihren Augen war alles in Ordnung, sie hatten nur nie gelernt, diese speziellen Sinneseindrücke sinnvoll zu interpretieren, weil sie ihnen nie begegnet sind. Wenn einer unserer Jugendlichen in einer Umgebung aufgewachsen wäre, in der es die Farbe grün nicht gäbe, würde er die Frage, welche Farbe das Etikett denn habe, nicht einmal verstehen.
Was wir wahrnehmen können wird also einmal von unserem Erkenntnisapparat, unsere Sinne und die Zentren im Gehirn die die Eindrücke verarbeiten, bestimmt. Zum anderen aber auch von unseren Erfahrungen. Und da ist der große Casus Knackus.
Die klassische Erkenntnistheorie geht davon aus, dass es eine unveränderliche physikalische Wirklichkeit, die Tatsachen, gibt, auf die sich Aussagen beziehen. Es gibt eine Korrespondenz zwischen den Tatsachen und den Aussagen über sie. Wir können ewig darüber diskutieren, ob nun alle das grüne Etikett genau gleich wahrnehmen. Aber die Tatsache, dass das Etikett existiert, eine bestimmte Farbe hat und auch keine andere, ist die Grundlage jeder Logik. Das Etikett ist grün, wenn es grün ist. Aber der Satz gilt nur, wenn es ‘grün’ tatsächlich gibt. Wenn ‘grün’ aber etwas ist, das wir gelernt haben und das andere unter anderen Umständen vielleicht nicht gelernt haben, ist es keine Tatsache mehr. Vor allem, woher weiß ich, dass mein Wissen über ‘grün’ wahr ist? Wenn wir ‘grün’ mit ‘Gott’ ersetzen wird das vielleicht anschaulicher. Wir glauben an ‘grün’, weil wir ‘grün’ jeden Tag erfahren. Aber Menschen glauben an ‘Gott’, weil sie jeden Tag ‘Gott’ erfahren. Die ‘grün’ Gläubigen, die ‘Gott’ nicht erfahren haben, können es ebenso wenig als Tatsache akzeptieren, das ‘Gott’ existiert wie Menschen, die noch nie ‘grün’ erfahren haben, dass ‘grün’ eine Tatsache ist. Die Frage ist: „Woher weiß ich, dass etwas, das für mich grün aussieht, nicht für andere Menschen Gott ist?“ Man kann’s nicht wissen.
Philosophie ist auch eine Zicke. Da machen sich seit 3000 Jahren kluge Männer Gedanken über das Wesen der Welt, Wirklichkeit, das Wahre und das Schöne. Und was ist herausgekommen? Dass der Ausspruch eines der Väter der Philosophie immer noch gilt: „Ich weiß, dass ich nicht weiß!“ Zu diesem Schluss gelangt nach all der Zeit auch der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Sir Karl Popper, der resignierend feststellte „Man kann nicht mehr wissen, als man weiß“.Und weil Philosophen auch entsetzliche Erbsenzähler sind, wurde Popper darob gefragt: „Woher weißt du das?“ Unüberliefert ist allerdings Poppers Antwort: „Ist wahr. Ich schwöre!“