Die Ameise und die Heuschrecke
Als die Ameise eines Tages wieder schwer schuftete um Vorräte für den Winter anzulegen, hielt eine Heuschrecke ihr Cabriolet neben ihr an und schob sich die teure Ray-Ban Sonnenbrille auf die Stirn, um das kleine Wesen besser betrachten zu können.
„Was glotzt’n so?“, fragte die Ameise, die gerade ein Käserad stemmte, das sieben mal mehr wog als sie.
Die Heuschrecke gluckste. „Ich gucke mir nur an, wie man möglichst ineffizient an seiner Vorsorge für schlechte Zeiten arbeitet.“
Die Ameise ließ den Käse sinken und starrte die Heuschrecke an. „Was meinst du denn? Dich sehe ich den ganzen Tag nur in deinem Auto rumfahren, mit anderen Heuschrecken irgendwelche Partys feiern und solchen Kokolores. Aber wenn der Winter kommt, dann habt ihr gar nichts.“ Sie fügte nicht ohne Häme zu: „Dann verreckt ihr elend, weil ihr nicht vorgesorgt habt.“
„Au contraire, liebe Ameise“, entgegnete da die Heuschrecke. „Ich habe sehr wohl vorgesorgt. Ich habe mir Vorräte von anderen Ameisen geliehen und die einer anderen Heuschrecke gegeben, die wiederum dem Land der Berge und Flüsse die Vorräte gegeben hat. Du weißt ja, was sie über das Land der Berge und Flüsse sagen.“
Die Ameise, die ihr Land, das Land der Wiesen und Wälder, nie verlassen hatte wusste es natürlich nicht. Sie wollte sich vor der schnöseligen Heuschrecke aber keine Blöße geben. „Natürlich weiß ich das“, murmelte sie.
„Dann weißt du natürlich, dass das Land der Berge und Flüsse so reich ist, wie alle unsere Länder diesseits des Sees zusammen. Und du weißt natürlich auch, dass sie so reich sind, dass sie überhaupt nicht arbeiten müssen dort, weil sie viel viel Gold haben, mit dem sie sich einfach alles kaufen, was sie brauchen. Deswegen werde ich im Herbst alle Vorräte, die ich jetzt an meinen Freund, die Heuschrecke gegeben habe, der sie an seinen Freund im Land der Berge und Flüsse gegeben habe, der sie dort verkauft hat. Der im Herbst dafür doppelt so viele neue Vorräte kauft, meinem Freund doppelt so viele Vorräte gibt, mir das Doppelte gibt, was ich ihm gab und ich den Ameisen auch doppelt so viele Vorräte zurück geben kann. Deswegen, liebe Ameise, werde ich im Winter in Saus und Braus auf den sonnigen Paradiesinseln verbringen.“
Die Ameise, die nur ‘doppelt so viel’ verstanden hatte und die Heuschrecke in ihrem teuren Auto und ihrer teuren Sonnenbrille sah, dachte einen Moment nach. „Du meinst, du kannst meine Vorräte verdoppeln?“
„Sicher“, sagte die Heuschrecke. Und verschwörerisch fügte sie hinzu, „Ich habe einen Tipp bekommen, dass ein paar Heuschrecken im Land der Berge und Flüsse sich verspekuliert haben und es deswegen billige Vorräte geben könnte. Deswegen kann ich vielleicht sogar verdreifachen.“
Gier besiegte jede Logik in der Ameise und kurz entschlossen überschrieb sie der Heuschrecke alle Vorräte, die sie bis dahin gesammelt hatte.
Nun arbeitete sie nicht mehr so hart, da sie ja wusste, dass kommt der Herbst, sie von der Heuschrecke das Doppelte, vielleicht sogar Dreifache ihrer gesammelten Vorräte bekommen würde und das reichte bequem für den ganzen Winter. Vielleicht sogar noch darüber hinaus.
Als der Herbst kam und die Nahrung knapp zu werden begann, wartete die Ameise ungeduldig darauf, dass die Heuschrecke endlich mit ihren Vorräten auftauchte. Eines Tages, der Magen der Ameise begann bereits zu grummeln, tauchte sie endlich wieder auf. Aber ach! Was für ein Anblick Sie ging zu Fuß wie alle anderen auch. Ihre Kleidung war zerschlissen und statt der Ray-Ban trug sie ein billiges Kassengestell. Und vor allem: sie hatte keine Vorräte bei sich!
„Heuschrecke! Heuschrecke! Wo sind meine Vorräte? Wo ist das Doppelte von dem, was ich dir gegeben habe? Wo das Dreifache?“
Die Heuschrecke sah die Ameise traurig an. „Es tut mir so leid, liebe Ameise. Aber mein Freund sagt, dass das Land der Bambushaine und Pandas den Markt mit billigen Vorräten überschwemmt hat und alle Vorräte aus unserem Land plötzlich nichts mehr wert waren und wir deswegen nichts dafür bekommen haben. Wir sind gerade so über den Sommer gekommen. Sieh mich an, ich habe gar nichts mehr. Und allen Heuschrecken geht es wie mir.“
Die Ameise erschrak bis ins Mark. „Aber, aber, was mache ich denn jetzt? Ich habe gar keine Vorräte für den Winter gesammelt, weil du gesagt hast…“
Die Heuschrecke hustete erbärmlich. „Wir müssen zur Königin gehen. Die wird im Winter hoffentlich für uns sorgen. Ich gehe schon mal vor, komm du nach.“
Die Ameise schöpfte Hoffnung. „Ja, die Königin! Sie wird helfen. Ich ziehe mich schnell an und …“
Aber da war die Heuschrecke schon weiter gegangen.
Am Hof von Königin Hummel herrschte ein großer Andrang. Hunderte von Tieren waren unter dem Staatskorb versammelt und riefen lauthals nach Königin Hummel und dass das Land der Wiesen und Wälder sie über den Winter bringen müsse. Die Ameise wäre fast von einem Hirschkäfer, der wütend einen Zettel hochhielt auf dem ‘Schuldschein’ stand, zertreten worden. Anscheinend hatten noch mehr Tiere ihre Vorräte in der Hoffnung auf fette Gewinne weggegeben.
Als der Lärm und das Geschrei am größten waren, landete ein Steinadler in der Menge, die sich respektvoll zurückzog.
„Hört, hört, hört, was Königin Hummel, die Herrscherin des Landes über die Wiesen und Wälder zu sagen hat“, kreischte er. Die Tiere sahen ihn erwartungs- und hoffnungvoll an. „Leider muss ich euch allen sagen, dass es noch viel schlimmer ist, als angenommen. Wir haben einen großen Teil der Steuern, die wir von allen Tieren erheben den Heuschrecken gegeben, um sie für Vorräte für unschuldig in Not geratene Tiere mit Gewinn zurück zu bekommen. Leider haben die Heuschrecken wohl mit schwarzen Schafen gehandelt und die haben die Vorräte verantwortungslos an dunkle Kanalratten weitergegeben, die mit ihnen auf und davon sind. Das bedeutet, dass nicht nur ihr im Winter keine Vorräte habt, sondern das ganze Land der Wiesen und Wälder hungern muss.“
Der Aufschrei war groß und die verzweifelten Tiere fielen zuerst über den Steinadler her und sahen sich, nachdem dieser bis auf die Knochen abgenagt war, nach den Heuschrecken um. Schwarze Schafe oder Ratten hätten es auch getan. Aber keines der genannten Tiere war zu sehen. Also zerstreute sich die Menge und ging nach Hause.
Als der Winter kam, war die Not im Land der Wiesen und Wälder bitter und viele Tiere, auch unsere Ameise, verhungerten.
Auf den Paradiesinseln feierten derweil die Heuschrecken. Die hatten natürlich einen großen Batzen der ihnen anvertrauten Vorräte in des Land der Gletscherseen, wo keine Fragen gefragt wurden, geschafft. Indem sie dem Land der Bambushaine und Pandas Gold liehen, um seine Landwirtschaft anzukurbeln hatten sie so fette Gewinne gemacht, dass sie den Rest ihrer Tage auf den Inseln der Seligen verbringen konnten.