Ade, SHG!
Letzten Montag war ich wohl das letzte Mal bei unserer Selbsthilfegruppe „Schwerhörige und Implantierte“. Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Schritt machen soll, aber letztendlich denke ich, dass es die richtige Entscheidung war. Auch wenn es ein bisschen weh getan hat.
Ich war jetzt fast zwei Jahre bei der SHG, die mittlerweile einen festen Kern von ca. 7 Menschen mit Hörproblemen hat. Dazu kommen öfter wechselnde Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Statistisch gesehen sind das nur sehr wenige Personen, denn in Coburg gibt es sicher über 1000 Menschen die man als „Hörbehinderte“ einordnen könnte. Das zeigt einerseits, wie schwer sich die Leute tun, sich diese Art von Behinderung einzugestehen und offen damit umzugehen. Und es zeigt auch, dass diejenigen, die es dann doch tun und sich mit anderen treffen, um ihre Probleme zu besprechen und vielleicht etwas zu tun gegen die weit verbreitete Ignoranz der Hörenden entweder besonders verzweifelt oder besonders engagiert sind. Auf jeden Fall besonders. Ich werde diejenigen vermissen, die ich nicht mehr kontaktieren kann und versuchen, den Kontakt per E-Mail oder persönliche Treffen so lange wie möglich aufrecht zu erhalten.
Ich habe ich zum Austritt entschlossen, weil ich leider in einer Situation bin, die ich mit den anderen nicht teile und das hat sich immer stärker bemerkbar gemacht. Der große Unterschied ist, dass alle anderen funktionierende Hörnerven haben und ich nicht. Ich kann zwar, wie in diesem Blog öfter berichtet, eingeschränkt „hören“. Aber die Einschränkung ist eine ganz andere als selbst bei Menschen mit einem Cochlear Implantat. Die Anderen hören schlecht, in dem Sinne von, dass die Schwelle, die die Laute überqueren müssen sehr hoch ist und deswegen nicht alles ankommt. Wenn die Töne verstärkt werden, sie also „drüber gehoben“ werden, hören sie wie gewohnt. Die Laute sind zwar verzerrt und der Unbetroffene ist fälschlicherweise der Annahme, dass ein Hörgerät reicht, damit ein Schwerhöriger ganz normal hören kann. Aber das Gehirn gleicht viel aus und die Schwerhörigen können mit technischer Hilfe zum Beispiel auch Geräusche filtern, was es ihnen ermöglicht, in Gruppen zu hören. In den letzten Jahren sind die Hörgeräte gerade in dieser Hinsicht sehr verbessert worden.
Und da liegt auch die Crux bei meinem „Hören“. Der Prozessor liefert mir einen Brei aus Geräuschen, aus dem ich bewusst Informationen filtern muss. Das geht in den aller seltensten Fällen rein akustisch. Ich brauche mehr Informationen wie Gebärden, Mundbild und ein rudimentäres Vorwissen, um was es überhaupt geht. Das funktioniert ganz gut in Dialogen oder maximal kleinen Gruppen, wenn alle eine gewisse „Sprachdisziplin“ an den Tag legen. (Hier noch mal ein riesengroßes Kompliment an meine Rollenspielgruppe.) Aber bei mehreren Teilnehmern, die durcheinander reden oder deren Gesicht ich nicht gut sehen kann oder die einfach nur normal schnell reden habe ich schlicht keine Chance, etwas zu verstehen. Die Gruppe hat schon versucht, dass ich auch etwas mitbekomme. Am Anfang war auch eine junge Frau zugegen, die das Gesprochene mit geschrieben hat, so dass wir es lesen konnten (ich will einen Beamer, btw
). Oder Frau Weiß hat mir Stichpunkte aufgeschrieben. Aber das ist natürlich sehr aufwändig und jeder fällt über kurz oder lang in seine gewohnt bequem-gedankenlose Kommunikation zurück. Dazu kommt, dass sobald wir von einem örtlichen Unternehmer ein Hilfsgerät gespendet bekamen, das die Signale der Hörgeräte im Raum verstärkt, die Schwerhörigen weniger schwer hörten und prompt in fröhliches Geschnatter ausbrachen. Gut für sie, aber mich ließ das noch weiter zurück fallen. Die letzten Treffen saß ich also die meiste Zeit nur herum, während um mich alle redeten und ich nichts beitragen konnte. Frau Weiß und Frau Schlank versuchten mich noch einzubeziehen, aber ich wusste einfach nicht, worum es ging und kam mir etwas dumm vor.
Die taubblinde amerikanische Schriftstellerin Helen Keller hat mal geschrieben „Blindheit trennt von den Dingen, Taubheit von den Menschen.“. Ich versuche, mich nicht von den Menschen trennen zu lassen. Aber ich sehe, wie leicht das ist, aufzugeben, sich in seinen Kokon zurückzuziehen und irgendwann festzustellen, dass da keiner mehr ist. Dass mein Engagement in der SHG zum größten Teil beendet ist heißt, dass ich versuche, andere Möglichkeiten zu finden, mit Menschen in Kontakt zu kommen.
Pascal
Frau Weiß heißt in Wirklichkeit Braun und Frau Schlank Hager. Sie sind wirklich großartig. Ich hoffe, dass der Kontakt nicht abbricht.