Wie ich ja in „Gegen die Wand“ schrieb, beschäftige ich mich derzeit mit der Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Religion, Sexualität und Gewalt gibt. Bisher habe ich mich, bestimmt zur Enttäuschung nicht weniger Miszellen-Leser, hauptsächlich mit Religion beschäftigt. Heute würde ich gerne etwas zu Sex und Religion schreiben.
Jede Religion* ist mit Sexualität assoziiert, weil Sexualität und Reproduktion ein fundamentaler Teil von Leben überhaupt ist. So weit, so banal. Interessant wird es da, wo Religion (und andere kulturelle Phänomene) den kreatürlichen Drang verbrämen oder gar verdrängen. Siegmund Freund hat den ganzen Tanz, der in unserer Kultur um Sex aufgeführt wird, als einen reinen Ausdruck eines Konfliktes des kreatürlichen „Es“ und dem kultivierten „Über-Ich“ bezeichnet. Kulturwissenschaftler der funktionalistischen Schule haben religiöse und soziale Institutionen wie Ehe, Tabus oder Verwandtschaftsregeln als einen Ausdruck des Grundbedürfnisses nach Sicherheit der Reproduktion gesehen. Das ist natürlich heute banal, zeigt aber auch wie sehr uns (als Gesellschaft) Sexualität beschäftigt.
Seit der Zeit der „Neolithischen Revolution“ etwa, als große Teile der Menschheit sesshaft wurden, hat ein Wandel auch im Denken stattgefunden. Mit aller gebotenen Knappheit zusammengefasst: Die Natur wurde gezähmt, also verlagerte sich die Verehrung von Naturphänomenen zu abstrakteren Entitäten, also Gottheiten. Solange die Menschen weitgehend von der Fruchtbarkeit der Felder, des Viehs und den Launen des Wetters abhängig waren, ist Fruchtbarkeit ein Gegenstand der Verehrung gewesen. Fruchtbarkeit und Reproduktion ist eine weiblich asoziierte Domäne. Deswegen wird in bäuerlichen Gesellschaften oft eine idealisierte Mutterfigur verehrt. In vielen bäuerlichen Regionen findet man auch heute noch einen starken Kultus der Mutter, der auch innerhalb monotheistischer Religionen wiederzufinden ist. Man nehme zum Beispiel den Marienkult, der am stärksten in landwirtschaftlich geprägten Gegenden verbreitet ist. Fruchtbarkeit und Reproduktion sind ein Grundelement aller menschlichen Gesellschaften und also auch aller Religionen. Umso stärker wird die Rolle derjenigen gewertet, die sich diesen grundlegenden Dingen entziehen. Freiwillig oder unfreiwillig.
Immer wieder gibt es Männer und (seltener) Frauen, die sich dem „natürlichen“ reproduktiven Prozess verschließen. Sei es die „Hijras“ in Indien, Polynesiens „Fakaleiti“ oder die „Berdache“ der nordamerikanischen Indianer. In vielen Kulturen, in denen es diese Ausnahmen aus dem reproduktiven Zyklus gibt, werden sie verehrt oder doch zumindest toleriert. Ihre Außenseiterrolle wird nicht zuletzt als eine Verbindung mit dem Ungewöhnlichen, der Anderswelt oder dem Heiligen gedeutet. Deshalb erfüllen sie oft Rollen als Priester, Schamanen oder Seher. Ihre Stellung „zwischen den Geschlechtern“ ist auch ein Platz zwischen den Welten des Profanen und des Heiligen.
Es ist also kein Wunder, dass in vielen Religionen der Entschluss sich als Mönch oder Nonne freiwillig der Reproduktion zu verschließen ein Ausdruck besonderer Hingabe ist. Die Sexualität ist ein wertvolles Gut, weil sie den Erhalt der Gruppe, der Gesellschaft, der Nation oder der Religion sichert. Auf Sex zu verzichten ist das höchste Opfer, das man seinem Glauben bringen kann.
Allerdings würde die Gesellschaft zusammenbrechen, wenn zu viele Menschen sich dem reproduktiven Zyklus verweigern würden. Deswegen gibt es oft strenge Auflagen, die mit Sexualität zu tun haben. Homosexualität wird gerade bei Kulturen mit ausgeprägten religiösen Institutionen verfolgt. So wird die Ehelosigkeit von Mönchen, Nonnen und Priestern in der katholischen Kirche als gottgefällig gesehen. Homosexualität aber mit dem Hinweis auf das göttliche Gebot der Reproduktion und ihre „Unnatürlichkeit“ abgelehnt.
Es hat also eine Entwicklung gegeben, dass ein „natürlicher“ Rückzug aus dem reproduktiven Zyklus, sei es aus Veranlagung oder biologischen Gründen, von Ruch des Heiligen zu einer Abartigeit erklärt wurde. Auf der anderen Seite wurde die „unnatürliche“ Unterdrückung des Geschlechtstriebes als ein Zeichen von Heiligkeit gesehen.
Und genau hier setzten meine Überlegungen über den Zusammenhang von Sex und Gewalt an. Denn eigentlich ging es um den Zusammenhang von der Abwesenheit von Sex und Gewalt. Aber das ist eine andere Miszelle.
*Ich benutze aus Bequemlichkeit wieder den eingebürgerten Begriff ohne „“. Stellt euch einfach vor, ich schriebe „System, das mit Hilfe transzendentaler, nicht-empirischer Phänomene die Erzeugung einer lückenlos sinnhaften Wirklichkeit zum Ziel hat“. ( ^ )