Archiv für August, 2007

26.8.2007: Urlaub

Veröffentlicht in Allgemeines am August 26, 2007 von skeltem

Hallo Alle!

Lapis und ich fahren morgen ins schöne Ruhrgebiet und machen eine Woche Urlaub. Deswegen erscheinen die nächsten Miszellen erst wieder in der Woche vom 3.9. bis 7.9.

Einen schönen Rest-August euch allen.

Skeltem

Aufklärung

Veröffentlicht in Wissen schaffen, relativ religiös am August 26, 2007 von skeltem

Am Ende von „Gegen die Wand“ habe ich unsere westliche Religion die „Aufklärung“ genannt. Die Aufklärung mit ihrem zwanghaften Analysieren (Auseinanderschneiden) ist meiner Meinung nach dafür verantwortlich, dass wir unsere Welt so zersplittert wahrnehmen. Dass wir „Kultur“ von „Natur“ trennen. Das „Religion“ eine Unterkategorie von „Kultur“ ist. Dass Menschen in Körper, Geist und manchmal auch Seele auseinander geschnitten werden und für jeden Teil unserer Wirklichkeit jemand anders zuständig ist.

Bei uns in der Aufklärung ist es eine gute alte Tradition, „Kultur“ und „Religion“ als „im Auge des Betrachters“ liegend zu sehen. „Religion“ findet in den Kirchen oder bei „religiösen“ Veranstaltungen statt. Es gibt zwar auch in der Aufklärung viele Menschen, die ihren Glauben offensiv nach außen tragen. Aber sobald dieser „religiöse“ Themen wie Gott, Heilige oder Kirche berührt, wird es für die Mehrheit der Aufklärer etwas peinlich. In den Vereinigten Staaten ist ist „Religion“ noch wichtiger für die Menschen als in Europa, aber auch dort sind nur 37% der Meinung, Religion sollte eine Rolle in der Politik spielen (Quelle).

Was die wenigsten wissen ist, dass diese Trennung der „religiösen“ und der politischen Sphäre ein Erbe unserer, europäischen, Geschichte ist. Im westfälischen Frieden 1648 wurde festgelegt, dass kein Krieg mehr aus religiösen Gründen geführt werden sollte. Der Frieden beendete über 100 Jahre der blutigsten und grausamsten Konflikte, die Europa je gesehen hatte und im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) mündeten. Anlass war der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken. Natürlich waren die Religionskriege keine reine Auseinandersetzung um Religion. Aber bis 1648 wurde kein Unterschied gemacht, ob es nun um den „wahren Glauben“ oder politische Ziele ging. Glaube war Politik und vice versa.

Damals glaubte man, dass die Trennung von Religion und Politik Kriege zwar nicht verhindern würde, sie aber „zivilisiert“ ablaufen könnten, da niemand mehr die „Wahrheit“* seines Glaubens erkämpfte, was Kompromisse und Vertragsfrieden erheblich schwieriger gestaltete, als wenn es „nur“ und 10 Kohleminen und 100 km² Land ginge.

Im Zuge des Westfälischen Friedens und dem Beginn der Aufklärung säkularisierte sich Europa. Die Kirchen als Vertreter der „Religion“ verloren Einfluss. Und obwohl die Menschen immer noch an Gott glaubten, konnten sich Ideen festsetzen, die früher als Ketzerei von der Kirche verfolgt wurden. Der Siegeszug der Aufklärung gipfelte in der Französischen Revolution (ab 1789), die die Prinzipien der Aufklärung auf ihre Fahnen schrieb und die Kirchen und Priester verbrannte und eine neue Welt ohne Gott und Könige schaffen wollte.

Der Aufstieg der Aufklärung wurde wiederum von einigen der schlimmsten Gräuel begleitet, die Menschen sich antun können. Napoléon Bonaparte versuchte im Namen der Aufklärung ganz Europa unter seine – säkulare – Herrschaft zu bringen, was am Widerstand der reaktionären europäischen Großmächte, und Napoléons Größenwahn, scheiterte.

Letztlich hat die Aufklärung in Europa „gesiegt“. Ihr Ziel, eine „vernünftige“ Welt zu schaffen ist zumindest in Teilen gelungen. Was sie geschafft hat, ist unser Bild von der Welt zu verändern. Der Mensch steht im Mittelpunkt und nicht mehr übernatürliche Mächte. Alles „Irrationale“ wird in „Reservate“ gesperrt. Unser Weltbild ist ein Dualismus aus „Natur“ und „Kultur“, Religion ein Teil der kulturellen Sphäre. Menschen, die im Einflussbereich der Aufklärung leben, haben große Schwierigkeiten, die Grenzen, die sie in unserem Bewusstsein gezogen hat, aufzulösen. Natur ist etwas, was wir nicht sind, was wir erforschen können und müssen, uns aber letztendlich nur in Form der Aneignung (im Gegensatz zu Erfahrung) zugänglich ist. Kultur ist, was uns als Menschen ausmacht, was uns von anderen Menschen in anderen Kulturen trennt.

Die Aufklärung ist ein ganz und gar kulturelles Phänomen, das aus den spezifischen historischen und weltanschaulichen Wurzeln einer bestimmten Weltgegend gewachsen ist. Und weil die Aufklärung auch unsere Wirklichkeit ganz und gar bestimmt ist sie auch unsere Religion.

Ich bin in der Aufklärung groß geworden, wie wahrscheinlich die meisten von euch. Deswegen sehe ich unsere Weltanschauung durchaus sehr positiv. Klar, vieles ist schlecht, verlogen und destruktiv, aber immerhin werden wir nicht mehr von irgendwelchen unfähigen Clowns regiert, die ihre ganze Legitimation von übernatürlichen Typen beziehen und wir sollen das schlucken oder kommen an wirklich, wirklich warme Orte. Wie Scheiterhaufen. Wenn wir von irgendwelchen unfähigen Clowns regiert werden, können wir uns wenigstens selber in den Hintern treten. Oder unserem Nachbarn, der sie gewählt hat. Wir können uns aussuchen, an welche übernatürliche Typen wir glauben und ob überhaupt. Und wenn ich glaube, Jedi-Ritter sind echt, dann ist das meine Privatangelegenheit, und ‘das ist nicht der Sinn, den du suchst’.

Problematisch ist der Kontakt mit anderen Weltanschauungen. Besonders jenen, die nicht so zersplittert sind, wie unsere. Wir können einfach nicht verstehen, was im Kopf von Menschen vorgeht, die ihr Leben von den übernatürlichen Typen bestimmen lassen. Die Aufklärung bestimmt das, was wir als normal und rational betrachten. Wir gehen davon aus, dass unsere Gegenüber genauso denken. Wenn diese nicht so handeln oder denken, haben wir ein Problem. Wir können erklären, warum sie so handeln, wir können es aber nicht verstehen.

Ein Schritt zum Verständnis ist es aber, meiner Meinung nach, sich bewusst zu sein, dass unsere Art zu denken das Ergebnis eines kulturellen Prozesses ist und nicht Ausdruck einer universellen „Vernunft“.

*Dem Begriff „Wahrheit“ widme ich eine eigenen Miszelle.

The Art of Noise (dt.)

Veröffentlicht in Gehör gefordert, HomeStory am August 18, 2007 von skeltem

Heute beim Bodenwischen fiel mir etwas auf..Das Geräusch, dass die Gummisohlen meiner Hausschuhe auf dem nassen Boden machen, hat sich verändert. Früher gab es ein bohrendes Quietschen gefolgt von einem nassen Saugen. Quieee-plopp, Quieee-plopp. Heute bin ich bestimmt fünf Minuten mit dem Mop in der Hand durch die Küche geschlappt und habe versucht, das Geräusch zu identifizieren. Schließlich ist mir nur Jimi Hendrix eingefallen, der beim E-Gitarre-Misshandeln auf einer feuchten Banenschale ausrutscht. Twänggg-Schlupp!

Als ich frisch gehörlos war und das Implantat noch nicht eingeschaltet, hat mein Gehirn oft den Soundtrack meines Lebens nachgeliefert. Ich habe das Klirren des Löffels auf dem Unterteller zwar nicht gehört, aber mich daran erinnert, dass es geklirrt hat. Oder das Tapsen meiner nackten Füße auf dem Boden. Das war etwas unheimlich manchmal. Absolute „Total Recall“ Momente!

In Würzburg haben sie gesagt, dass man sich am Anfang noch an die Geräusche erinnert und das Gehirn sie simuliert. Was heißt das, wenn die Schlappen nicht mehr Quieee-Plopp machen? Ist das das Ende des Anfangs? Der Anfang vom Ende? Wird meine Zukunft von Twängg-Schlupps bestimmt sein?

Als der Boden dann trockener war, aber noch nicht ganz trocken, veränderte sich das Geräusch schon wieder. Das sanfte „tap-platsch“ von einst hört sich etwa an wie „brrr-rumms“. Ich frage mich, ob Hörenden manchmal auf so etwas achten.

Mit dem Einschalten des Hörprozessors hat sich alles verändert. Der Soundtrack ist von der „unplugged“ Version zum 80er Jahre Technopop geworden. Allerdings eher „Art of Noise“ als „Kraftwerk“.

Und jetzt kommt eine der erstaunlichsten Fähigkeiten des menschlichen Gehirns zum Tragen. Es adaptiert. Es passt sich an. Wenn ich auf meiner Tastatur klappere, ist das Geräusch ein spitzes „tackertacker“ mit einem kleinen Nachhall wenn die Taste wieder hochspringt. Und ich bin mir 100% sicher, dass das genau das Geräusch war, dass die Tasten schon immer gemacht haben. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann bin ich mir auch nicht mehr so sicher, ob meine Hausschuhe früher Quieee-plopp gemacht haben. Vielleicht haben sie immer schon ge- Twäng-schluppt?

Die Erinnerung wird total von der Gegenwart überschrieben. Die Stimme von Lapis hört sich genau so an, wie sie sich immer angehört hat. Mittlerweile bin ich mir auch nicht mehr sicher, dass ich vor der letzten OP besser verstanden habe. Der Status Quo programmiert die Wirklichkeit mit beängstigender Geschwindigkeit um. Aber wenn man sich nicht an die Alternative erinnert, existiert sie dann überhaupt? Welches Geräusch macht ein nasser Schlappen, wenn keiner da ist, es zu hören? Und ist das wichtig?

Ich sehe jetzt, dass die Zukunft die Twängg-Schlupps sind. Aber das ist gut so, denn es hat immer nur Twängg-Schlupps gegeben. Sie haben sich nur anders angehört.

Die „Ihr wisst schon worum es geht“ Miszelle

Veröffentlicht in Film-Buch-Filmbuch am August 16, 2007 von skeltem

Soeben habe ich die Lektüre des siebten Bandes einer Reihe beendet, die in gewissen – vornehmlich jugendlichen – Kreisen bekannter ist als die Bibel, der Koran und „Der Prima Guide zu World of Warcraft“ zusammen. Na gut, bekannter zu sein als Bibel und Koran ist immer noch eine Leistung. Ich rede natürlich von dem Jungen, der lebte. Der, dessen Name bei Verlagen, Jugendlichen und Medien verzückte Gesichter bzw. Dollarzeichen in den Augen hervorruft.

Aber ich will mich nicht auf eine billige Polemik gegen das Medienphänomen herablassen. Zumal das eine ziemliche Heuchelei wäre, denn ich habe das betreffende Buch und drei seiner Vorgänger immens genossen. Seit ich das dicke Ding am Samstag geliefert bekam, konnte ich es kaum aus den Händen legen. Sonntag habe ich Vampire gespielt, Montag Abend eine EVE. Online Aktion gehabt. Ich habe mich dabei ertappt, dass mir beide Aktivitäten, die sonst großen Spaß machen, eher wie eine Ablenkung vom Wesentlichen, Lesen, vorkamen.

Dabei hatte das Buch Längen. Viele sogar. Die Autorin, Frau R. hat wirklich Mut zur Langeweile gezeigt, denn große Strecken der Handlung handelten von – nichts. Dass die Dame ihr Geld und ihren Ruhm verdient hat, wird dadurch belegt, dass selbst die Langeweile kurzweilig war. Hört sich komisch an, ist aber so.

A propos Mut. Am Ende des letzten Teiles schien mir eigentlich die Handlung des finalen Bandes der Heptalogie klar. Ich habe ja nun lange genug Bücher dieses Genres verschlungen, dass einen eigentlich nichts mehr wirklich überraschen kann. Aber es kam doch anders und das war sicher ein Grund, warum ich das Buch so fiebrig verschlang. Es wich völlig von dem uns schon bekannten Schema F ab. Frau R. begann die Welt, die sie so lange aufgebaut hatte, buchstäblich vor die Hunde gehen zu lassen. Sollte sie? Kann sie überhaupt? Was ist mit all den Kindern?

Am Ende war es dann allerdings doch kein Nick Hornby-Ende, sondern eher ein Peter Jackson-Ende. Im Ernst, ich wäre jetzt viel weniger enttäuscht über das Finale der Reihe, wenn sie sich diesen lächerlichen Epilog gespart hätte. Aber vielleicht sollte man einfach Frau R. nachsehen, übers Ziel hinausgeschossen zu sein, wenn sie immerhin gefühlte 20.000 Seiten beschrieben und 10 Jahre Jugendbuch geprägt hat. Und letztlich ist es genau das, was sie abgeliefert hat: ein sehr gutes Jugendbuch. Wenn ich mehr erwartete, ist das ganz allein mein Fehler.

Es wird ein Kreis geschlossen, der mit dem ersten Band der Reihe begann und der Sequels hoffentlich gänzlich ausschließt. Die Geschiche ist zu Ende erzählt. Es tauchen fast alle Figuren auf, die man in den letzten sechs Bänden kennen gelernt hat und einige davon tauchen auch endgültig unter. Überhaupt ist der Ton und die Stimmung des Buches nichts mehr für kleine Kinder. Es wird entführt, gefoltert, gemordet. Die völlige Abwesenheit von Sex verhindert Vergewaltigungen, obwohl ein Kindesmissbrauch angedeutet wird. Auf Sex kann das Buch verzichten, auch wenn es komisch und unnatürlich anmutet, zumal die Protagonisten 17 Jahre alt sind und zumindest zwei davon scharf aufeinander. Leider, und das ist eine Sache, die mich an dem Buch wirklich gestört hat, geht ihm auch völlig der Humor ab. Ok, in einem faschistoiden Überwachungsstaat gibt es nicht wirklich viel zu lachen. Aber selbst im 3. Reich gab es eine Kultur des subversiven Witzes.

Insgesamt war es aber der krönende Abschluss einer Reihe, die uns zeigte, dass man um Erfolg zu haben, das Rad nicht neu erfinden muss. Oder darf? Darin ähnelt die Buchreihe um den Zauberazubi allerdings dem bekannten Online-Spiel. Der Hype um sie ist fast unerträglich. Das Ding an sich reine Geschmackssache. Mir hat es geschmeckt.

Gegen die Wand

Veröffentlicht in HomeStory, Wissen schaffen, relativ religiös am August 10, 2007 von skeltem

 

Wie regelmäßige Miszellen-Leserinnen und Leser sicher wissen bin ich Ethnologe und Religionswissenschaftler. Und arbeitslos. Trotz des allgemeinen Aufschwungs ist der Stellenmarkt für gehörlose Religionwissenschaftler in Oberfranken klagenswert klein. Lapis, meine liebe Ehefrau, meinte deswegen, ich solle wenigstens etwas mit meiner vielen freien Zeit anfangen und promovieren.

Abgesehen von den verschiedensten bürokratischen Hürden war die letzte wissenschaftliche Arbeit, die ich verfasst habe meine Magisterarbeit und das ist jetzt auch schon fast 10 Jahre her. Deswegen fasste ich den verwegenen Plan, an einer Publikation zu arbeiten, um langsam wieder in Schwung zu kommen. Teile davon finden sich ja immer wieder in diesem Blog. Und ihr dachtet, ich schreibe das nur, um euch zu ärgern!

Bevor man etwas schreibt, muss man natürlich erst mal wissen, was und worüber. Ok, das ist nicht unbedingt bei allen Miszellen so, aber wenn man gerne was veröffentlichen will, sollte man sich so ein, zwei Gedanken machen. Der ungeformte Gedanke hinter meiner Magisterarbeit war: „Ich schreibe irgendwas über religiöse Fundamentalisten in den USA und meine Lieblingstheorie, den Konstruktivismus“. Herausgekommen ist dann ein „bemerkenswert mutiges“ Werk (O-Ton Prüferin), dass genau nicht das machte, was es beabsichtigte. Nämlich die Mechanismen der religiösen Konstruktion von Wirklichkeit aufzeigen. Ich bin immer noch auf meinen theoretischen Teil stolz, aber sobald es zu den Baptisten ging, ging auch die Arbeit baden. Schade, aber immer noch ein „gut“.

Das Thema hat mich aber nie losgelassen. Und der ungeformte Gedanke, der hinter eine Publikation und einer eventuellen größeren Arbeit steckte lautet: „Gibt es einen Zusammenhang zwischen Religion, religiös motivierter Gewalt und wie auch immer unterdrückter Sexualität?“ Der Gedanke ist mir schon bei der Beschäftigung mit den Baptisten gekommen und wurde von diversen Berichten über die Taliban konkreter. Gerade die Fundamentalisten scheinen großen Wert auf die Kontrolle der reproduktiven, also vornehmlich weiblichen, Elemente der Gesellschaft zu legen. Dazu kommt eine rigorose Ablehnung aller abweichender Formen von Sexualität und Reproduktion. Wie gesagt, das ist ein ungeformter Gedanke gewesen.

Zum Glück kann jeder Interessierte bei der Landesbibliothek Coburg einen Benutzerausweis bekommen und am sehr guten Fernleihe-System teilnehmen. So konnte ich mir erst mal einen Berg Fachliteratur bestellen. Das ist auch der Grund, warum ich in der letzten Zeit so wenig zu dem Thema geschrieben habe. Ich musste mich durch einige religionwissenschaftliche Monographien lesen.

Dabei kamen mir zwei wichtige Erkenntnisse: 1. Ich habe es immer noch drauf (zu lesen). 2. Ich lag total, vollkommen und in fast jeder Hinsicht daneben.

Eigentlich ist es so lächerlich, dass ich mich wirklich schämen müsste, mich Religionswissenschaftler zu nennen. Aber ich fürchte, ich bin nicht der Einzige, der meinen Fehler begeht. Bei der Lektüre des sehr guten – wenn auch mit Vorsicht zu genießenden – „Unterstanding Religious Violence“ von J.P. Larsson fühlte ich mich plötzlich, als wäre ich vor eine Wand gelaufen.

Oder besser gesagt, ich sah die Wand gegen die ich schon lange gelaufen war, ohne sie wahrzunehmen. Um es kurz zu machen: ich habe meine eigene Borniertheit gesehen.

Ich habe beim Thema Religion genauso gedacht, wie 99,9% aller Menschen der „westlichen“ Kultur. Religion ist ein Teil der Kultur. Religion dient bestimmten Zwecken und sie ist ein politisches Instrument. Religion ist erklärbar. Ich habe Religion als Mittel zum Zweck betrachtet. Religion als einen Mechanismus, Wirklichkeit zu konstruieren. Oder Menschen zu unterdrücken. Dabei habe ich zwei sehr fundamentale Fehler gemacht. Erstens: es gibt keine Religion. Zweitens: Religion ist Wirklichkeit.

Ich werde in kommenden Miszellen näher darauf eingehen. Aber eine wissenschaftlich banale Tatsache ist, dass „Religion“ ein Konzept ist, dass erst im 17. Jahrhundert in Europa eingeführt wurde. Vorher war es nicht vorstellbar (und lange Zeit war es bei der Bevölkerung danach noch so), nicht „religiös“ zu sein. Genauso wie es heute für uns Europäer schwer möglich ist, eine rein „religiöse“ Wirklichkeit nachzuvollziehen. Indem wir in unseren Vorstellungen den Aufbau unseres Universums mechanisch betreiben, analysieren, Kausalitäten herstellen und vor allem unser Weltbild als absolut wahr annehmen, frönen wir einer eigenen „Religion“. Selbst religiöse Menschen im „Westen“ rationalisieren ihren eigenen Glauben. Gleiche Religion, ich nenne sie mal „Aufklärung“, anderer Geschmack.

Ich komme darauf zurück.