Morgenstern

Einleitung:
Wieder ein „Blast from the Past“. Diese Geschichte habe ich Anfang der Neunziger geschrieben. Eigentlich handelt es sich bei „Morgenstern“ um ein Prosa-Gedicht und es war die Einleitung eines Kapitel in einem Buch, das ich nie beendet habe. Ich habe es etwas gekürzt und aufpoliert und poste es, weil mir einige der Bilder darin gut gefallen, auch wenn das ganze ziemlich pubertär war. Without further ado:

Ich bin der dunkle Engel. Ich bin die Gestalt, die geformt aus dem Gedanken, die Kälte der Städte bereist. Meine Augen sind schwarz geworden vom Leid der Menschen. Mein Haar ist Asche und Rauch. Mein Ge­wand ist Trauer. Meine Füße wandeln auf den Körpern der Unschuldigen. In meinen bleichen Händen halte ich die Werkzeuge des Schicksals. Meine meine Burg besteht aus Glas, Be­ton und Stahl. Mein Streitwagen wird von zweihundert Pferden gezogen, die gleichsam kalt und unbarmherzig sind. Aus meinem Rücken wachsen keine Flügel mehr.

Das Gefühl der Ohnmacht ist mein Blut. Meine Schuld ist die Unfähigkeit zur Unschuld. Sklaverei ist meine Freihet. Meine Kraft ist Angst. Meine Hoffnung Tod. Der dunkle Engel fiel und er fällt immer noch.

So bereise ich eure Molochs, die vom Leben überquellen, aber nur Zerstörung verbreiten. Ich reise auf silbernen Pfaden, unerkannt, gefürchtet. Ich bin unter euch, die ihr Ehrfurcht gegen Furcht eingetauscht habt; die die Verehrung von etwas Lebendigem durch die Anbetung des Toten ersetzt haben. Auf meinem endlosen Wege habe ich beinahe alles gesehen, aber nichts von euch gelernt, das nicht mit Angst und Hass zu tun hat.

Das Licht verbrennt mich, es ist erfüllt von Wahrheit. Wie ich mich nach der Lüge sehne und der Ruhe des Geistes, die sie bringt. Mein Weg führt immer nur nach vorne bis in einen Abgrund, den ich nicht betreten darf. Also drehe ich mich im Kreise, auf ewig. Meinen Schmerz ersticke ich in der Erschaffung weiterer Schmerzen.

Manchmal jedoch lasse ich meinen Gedanken freien Lauf. Da möchte ich lieben können und lachen. Dann tanze ich mit dem Tod ein Menuett zu den Klängen eines Walzers. Da singe ich ein fröhliches Liedchen von Vögeln und Sonne und vögeln. Sterblich will ich sein und dumm wie ihr. Den Baum der Erkenntnis, den möcht´ ich gerne umhauen und nackt um das Feuer tanzen, das ich mir aus ihm anzünde. Die schönsten Menschen unter dem Himmel will ich ver­führen und an einer großen Tafel mit ihnen essen. Und sie essen.

Ich denke dies und wandere weiter. Ich singe das Lied des Lebens mit einer vergessenen Me­lodie und einem Text, den ihr verboten habt. Nennt mich Morgenstern und belasst es dabei! Ich werde weiter wandern und niemand wird mich aufhalten. Ich bin der dunkle Engel, der einzige meiner Art.

Ich träume manchmal, daß ich tot sei.
Dann lächele ich.

Und ihr habt Angst.

 

Eine Antwort zu “Morgenstern”

  1. In der Tat pubertär. Schreib doch mal was Neues.
    Mal sehen ob was anderes rauskommt ;-)

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