Glaube

Alle Menschen glauben. Sie glauben entweder an Gott, dass die Börse sich erholt, dass die Falten um ihre Augen wieder etwas zugenommen haben, dass die Sonne gleich aufgeht oder ‘ich dir gleich ein paar aufs Maul geben muss’.

Der Unterschied von Glaube und Wissen ist marginal. Zumindest in der Wissenschaft. Wissen ist Glaube, den genug Menschen teilen und den man durch Beobachtung in einer sehr großen Anzahl von Fällen nachvollziehen kann. Im Alltag ist Wissen Gewissheit. Es muss Gewissheiten geben, da wir sonst nicht unsere Leben leben könnten. Wenn wir ständig an den einfachsten Sachen zweifeln würden, kämen wir gar nicht mehr dazu, irgend etwas zu tun. Unsicherheit erzeugt Angst. Deswegen vermeiden wir Unsicherheit auf viele verschiedene Arten, aber die grundsätzlichste Strategie der Vermeidung von Unsicherheit ist der Glaube. Der Glaube, dass die Welt so ist, wie wir sie wahrnehmen.

Unsere Wahrnehmungen, oder besser: unsere Erkenntnismöglichkeiten sind jedoch begrenzt. Wenn wir nur alles das für real hielten, was wir mit unseren Sinnen erfassen könnten, würde ich immer wieder aufstehen müssen, um mich davon zu überzeugen, dass die Küche noch existiert. Wenn ich ‘weiß’, dass die Küche noch existiert, ist das eine sehr wahrscheinliche Annahme, aber kein ‘Wissen’ in dem Sinne einer unmittelbaren empirischen Wirklichkeit.

Es gibt aber auch Phänomene, deren Existenz weniger wahrscheinlich ist. Hier bekommen wir Probleme. Die Welt ‘zerfasert’ an den Rändern dessen, was wir wissen und Unsicherheit erhebt ihr hässliches Haupt.

Beispiel Evolution. Wir beginnen gerade erst die Komplexität des Systems Erde zu begreifen. Wie kann man sich vorstellen, dass sich so etwas entwickelt hat? Die Wissenschaft sagt, die Erde hat sich im Laufe der Jahrmilliarden so entwickelt, wie sie heute ist. Das Leben ist von den ersten Einzellern in einer Ursuppe durch Mutation, Auslese und Anpassung zu dem geworden, was wir heute immer noch nicht ganz überschauen können. Als Beweis liegen eine ganze Reihe von Fakten vor wie Bohrkerne, Fossilien und so weiter. Es ist eine Theorie. Es ist keine Gewissheit und kein Wissenschaftler, der sich so nennen darf, wird sagen, dass es gesichert ist, dass es so abgelaufen ist. Der Streitpunkt ist die Höhe der Wahrscheinlichkeit, dass es so abgelaufen ist. Funde und Berechnungen werden herangezogen, um die Theorie zu untermauern. Religionen sagen, in den Heiligen Schriften steht, dass die Welt von einem äußeren, übernatürlichen, Einfluss erschaffen wurde. Für sie ist das Wissen. Es steht geschrieben, also ist es so. Sie glauben den Schriften oder den Überlieferungen ihrer Ahnen. Problem erledigt. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Gott die Welt in 6 Tagen erschaffen hat? Wie wahrscheinlich ist es, dass mythische Vorfahren die Welt erträumt haben oder ein Geschichte Gestalt angenommen hat? Die meisten Mitteleuropäer sagen: Sehr, sehr unwahrscheinlich. Vielleicht halten sie den Fragenden sogar für etwas zurückgeblieben, überhaupt so etwas zu fragen. In anderen Gegenden des Welt, ja sogar im ‘zivilisierten’ Ausland, werden die Wahrscheinlichkeiten anders wahrgenommen. Wie wahrscheinlich ist es, dass so etwas wie eine Hummel existiert? Wie kann das gesamte komplexe Ökosystem der Erde aus blinden Zufällen entstanden sein? Und warum? Dass die Welt einfach existiert, keinem Zweck dient und einer Ansammlung von völlig spontanen Entwicklungen entsprungen sein soll, halten sie für sehr unwahrscheinlich.

Die ‘Aufgeklärten’ wüten gegen die Religiösen, aber jede Fraktion ist letztendlich vom Glauben an die Richtigkeit der eigenen Argumente überzeugt. Das Problem ist: wir können nicht wissen. Wir sitzen auf einer kleinen Insel der Wirklichkeit und um uns schwappt der große Ozean des Möglichen an den Strand, aber selbst, wenn wir nasse Füße bekommen, ziehen wir vor, lieber weiter ins Landesinnere zu gehen als zuzugeben, dass da etwas ist, das wir uns nicht erklären können.

Wir versuchen, das Unbeschreibliche zu beschreiben. Wir können nicht über den Horizont hinaus sehen, stellen uns aber vor, was da sein könnte. Und weil wir nur unsere Insel kennen, muss es jenseits des Horizontes andere Inseln geben, die genauso aussehen wir unsere. Manche Menschen gehen systematisch vor und untersuchen Kiesel am Strand. Oder bestimmte Abschnitte des Wassers. Oder das eine oder andere Tier, das an den Strand gespült wurde. Sie beschließen, dass wir auf diese Art und Weise irgendwann einmal alles über den Ozean wissen können. Andere sehen in dem Ozean selbst eine Macht, die ihr Leben beeinflusst. Es gibt nichts außer der Insel und den Ozean denken sie. Und weil der Ozean so groß und mächtig ist, können wir ihn nie ganz erfassen und das ist gut so.

Man kann also grob drei verschiedene Glaubensformen unterscheiden: Der Glaube, dass das, was man wahrnehmen kann, alles Existierende ist. Der Glaube, dass man nicht alles wahrnehmen kann, aber wenn man sich bemüht, schafft man es irgendwann. Oder der Glaube, dass man nicht alles wahrnehmen kann, aber wenn man das Unbekannte benennt, ist es nicht mehr ganz so unbekannt. Die erste Strategie nennt man Positivismus, die zweite Wissenschaft und die dritte Religion. Es gibt auch andere Strategien, wie den Nihilismus oder den Solipsismus, aber das sind allenfalls Randerscheinungen.

Wenn wir glauben, dass die Welt, in der wir leben erklärbar ist, hat der Glaube seine Schuldigkeit getan. Glaube an sich ist ein Rüstzeug, dass die Natur des Menschen ausmacht. Soweit ich weiß, funktionieren die meisten anderen Tiere, aber die stellen sich und die Welt nicht in Frage. Nur Menschen schauen manchmal sinnierend über das Meer und schaudern.

 

Veröffentlicht in:  on 1. Juni 2007 at 10:40 Kommentare (1)

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Ein Kommentar Leave a comment.

  1. Da hast Du mir wirklich aus der Seele gesprochen… vielleicht sollten wir uns ab und an selbst nicht zu ernst, zu wichtig sehen. cheers. D.


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