Archiv für Mai, 2007

31.5.2007

Veröffentlicht in Allgemeines am Mai 31, 2007 von skeltem

Dude, where is my Miszelle?

Im Wesentlichen in meinem Kopf. Da allerdings bockt sie wie ein Mustang auf Kaffee. Wie ihr vielleicht wisst, arbeite ich an einem Dreiteiler über Religion, Wirklichkeit und Wahrheit. Ihr seht, leichte Kost. Damit das alles ein wenig verdaulicher (und kürzer) als eine Magisterarbeit wird, muss ich ein wenig mehr daran feilen, als an einer 08/15 Miszelle.

Zu allem Überfluss erschien gestern der neue „Spiegel“ mit dem Titel ‘Gott ist an allem schuld’. Da dort vielleicht etwas Relevantes für meine Miszellen drinsteht, muss ich mir das Teil also erst mal besorgen (ich lebe in Coburg!) und durchlesen. Macht euch schon mal auf einen 4. Teil gefasst, der nur von den „wissenschaftlichen Atheisten“ handelt.

Damit die Miszellen nicht so verdaulich werden wie ein Buch von James Joyce, werde ich versuchen, zwischendurch noch ein paar heiterere Miszellen einzustreuen.

So, und jetzt lasst mich wieder mit der $%§$& Wirklichkeit ringen!

Skeltem

Fremder

Veröffentlicht in Kurze Geschichten am Mai 22, 2007 von skeltem

Der Fremde im Spiegel

Das Gefühl:

Du wachst eines Morgens auf. Vielleicht ist gerade Sonntag, Aber jeder andere Tag tut es auch. Du bist ein bißchen benommen, weil du wohl gerade lange geschlafen hast. Auf jeden Fall schlurfst du (möglicherweise) in das Bad. Du versuchst wahrscheinlich leise zu sein, um deine Frau und die Kinder nicht zu wecken. Könnte sein, daß deine Frau hübsch ist und die Kinder könnten wohlgeraten sein, was immer das heißt. Das Badezimmer und das Haus drumherum sollten dir gehören, aber all das ist nebensächlich. Auf jeden Fall gehst du zur Toilette. Du zögerst eventuell ein bißchen um das große Bad zu betrachten, vielleicht willst du den Geruch nach Sauberkeit und Hygiene genießen; das ist aber gleichfalls ohne Belang. Du stellst dich an die Toilette und erleichterst deine Blase. Einem Impuls folgend magst du nach dem Spülen in den Spiegel sehen und………………………

 

Du kannst es nicht fassen, was du siehst. Der Schock macht dich schwanken und beinahe wärst du hingefallen. Vielleicht wäre das sogar besser gewesen, denn dann wäre dir dieser entsetzliche Anblick erspart geblieben. Du kannst es nicht fassen, denn ……………..

 

……. der da, den du in Spiegel siehst, der dich eigentlich widerspiegeln sollte, das bist nicht du! Ein Fremder! In deinem Haus! In deinem Badezimmer !! In deinem Spiegel!!!

Du schaust noch einmal hin. Aber der dich da ebenfalls mit vom Schlaf verklebten Augen anstarrt, das bist immer noch nicht du.

Plötzlich ……………

denkst du an Zeiten, als du noch du warst. Dein erster Schultag, als du dir den Magen mit Süßigkeiten verdarbst. Claudia, dein erster Schwarm, die dir immer nur die kalte Schulter gezeigt hatte. Deine erste große Liebe, die fast tragisch endete. Die erste der vielen Enttäuschungen. Dein Abitur und deine panische Angst davor. Das katastrophale „erste Mal“. Dein erster Joint. Inter-Rail in Portugal. Das Studium und deine Ideale, deine hehren Ideale; dann Karriere, die Frau-fürs-Leben, Lieben und Ehren, „laß doch die Pille Pille sein“ , es ist ein Mädchen!, dann kommt………

………………………….ein Riß.

Und eines morgens wachst du auf, gehst Pinkeln, siehst in den Spiegel und kommst zu der Erkenntnis: „Mein Gott, das bin nicht ich!“

Dann gehst du vielleicht ins Schlafzimmer, küßt deine schläfrige Frau, deine geliebten Kinder und ziehst dich an (oder auch nicht). Du schließt die Tür mit dem Schlüssel auf, den du eventuell gleich in den Briefkasten werfen wirst. Dann öffnest du die Tür. Du zögerst vielleicht den Bruchteil einer Sekunde, aber dann verläßt du dein Haus und atmest die wunderbare Luft, die dir noch nie so köstlich schien wie an diesem Morgen. Du gehst wohl, ohne dich umzusehen.

In deinem Haus tritt derweil der Fremde aus dem Spiegel und geht ins Schlafzimmer. Deine Frau fragt ihn: „Wo bist du gewesen, Liebling?“ Und er antwortet: „Im Bad, Schatz, nur im Bad.“ Dann legt er sich neben sie.

22.5.2007

Veröffentlicht in Allgemeines am Mai 22, 2007 von skeltem

Hallo Alle.

Damit es nicht langweilig wird und um vor dem Großen Dreier mal absolut religionsloses Zeug reinzusetzen, eröffne ich heute mal eine neue Rubrik: „Kurze Geschichten“.

Darin lasse ich mal ein paar von meinen Kurzgeschichten auf die ahnungslose Welt los. Den Anfang macht heute „Der Fremde im Spiegel„. Die Geschichte habe ich vor etwas mehr als 20 jahren geschrieben, also seht mir den Staub nach, der aus euren Monitoren kommt ;) Wer mir jetzt schamlose Verwertung von schon Vorhandenem vorwirft, der mag Recht haben. Für solche Fälle habe ich aber die zeitlosen Worte Alfred E. Neumanns parat: Na und?

Nach dem Meeresbiologen-Debakel hatte ich kurz mit einer Karriere als berühmter Schriftsteller geliebäugelt (he, ich war 13 oder so!), aber letztendlich entdeckte ich, dass Schreiben vor allem eine Frage des Fleißes ist und das erstickte diese Ambitionen wieder :) Trotzdem habe ich einige Sachen geschrieben und ein paar davon sogar behalten und drei oder vier Geschichten sind tatsächlich so, dass ich sie vorzeigen möchte. „Der Fremde im Spiegel“ war übrigens die einzige (fiktionale) Geschichte, die ich veröffentlicht habe. Ich habe sie damals bei einem Wettbewerb in Göttingen eingreicht, zwar keinen Platz gewonnen, bin dafür aber in ein Buch zu diesem Wettbewerb aufgenommen worden.

Ich habe die Geschichte nicht bearbeitet und sie ist auf dem Stand von 1990. Betrachtet sie einfach als Antiquität.

Viel Spaß,

Skeltem

Bekräftigung

Veröffentlicht in HomeStory, relativ religiös am Mai 18, 2007 von skeltem

Diese kleine Szene trug sich vor etwas über 30 Jahren in einem Klassenraum einer Grundschule am Niederrhein zu. Statt des gewohnten Religionslehrers Herr Klops, betritt ein völlig Unbekannter den Klassenraum der 7-8 jährigen. Er stellt sich als Pfarrer T. Vor und teilt Gesangsbücher aus.

T.: So, ihr kleinen Hosentrompeter*. Bald habt ihr Erstkommunion und um euch auf den Kommunionsunterricht vorzubereiten, bin ich für ein paar Wochen hier. Wir singen zuerst das Lied auf Seite X zusammen, „Niemand ist größer als unser Herr und Gott.“

(ein kleiner Junge hebt die Hand)

T:: Ja?

S.: Warum?

T.: Damit ihr das Lied kennt, es ist Teil des ….

S.: Nein. Warum ist niemand größer?

(Hier hält das Universum, zumindest der religiöse Teil, den Atem an, denn das ist einer der Punkte, die ganze Geschichten entscheiden)

T.: Warum, warum! Das ist halt so. Gott ist Gott und niemand steht über Gott und jetzt halt die Klappe und sing.

S.: (singt nicht mit)

T.: Äh, ich meine natürlich, du sollst mitsingen. Nicht die, äh, Klappe…

S.: Nein.

T.: Was?

S.: Nein, ich singe das nicht. Und ich gehe auch nicht zur Kommunion. Ich will, dass Herr Klops wieder kommt.

….

S. ist tatsächlich nicht zur Erstkommunion gegangen und hat sich später geärgert, als seine Freunde ihre neuen Fahrräder oder die Kassettenrekorder vorführten, die sie geschenkt bekommen haben. Einmal mit 12 oder 13 ist er schwach geworden, als ein neuer Pfarrer in der Gemeinde war und eine „Kinderbibelwoche“ veranstaltete. Allerdings versuchte die Kirche ihren Glauben als Spaß und geselliges Beisammensein zu vermitteln und stieß da bei dem eher ernsthaften Halbwüchsigen, für den Religion ganz sicher kein Spaß war (er hatte in der Bibel gelesen) auf Unverständnis. Außerdem hasste er Basteln, Singen und „pädagogische“ Spiele.

Und weil ich langsam einen Cäsarenkomplex kriege, gestehe ich, dass ich S. war. Dieser Vorfall ist mir wieder so präsent, weil Lapis und ich am vergangenen Sonntag bei der Konfirmation einer Nichte waren. Das letzte Mal war ich zu einem Gottesdienst in einer Kirche, da war ich 16 und wollte meiner Oma einen Gefallen tun. Eigentlich wollte ich mich wie ein Aal aus dieser Sache rauswinden, aber gewisse Umstände (es waren Torten, Eier und eine sehr dicke Frau darin verwickelt) machten es unmöglich, diesen Kelch an mir vorüberziehen zu lassen. Und weil die Frau wirklich sehr dick war, musste ich auch mit in die Kirche.

Wie einige wissen, bin ich nicht nur Ethnologe, sondern vor allem Dingen Religionswissenschaftler. Ich habe meine Magisterarbeit über Fundamentalisten im amerikanischen Süden geschrieben. Ich habe die verschiedensten Religionen der Welt studiert, an Zeremonien teilgenommen, Gottesdienste besucht und mich auf Diskussionen mit Mormonen, Pfingstlern und Zeugen Jehovas eingelassen. Aber wie Claude Lévi-Strauss so treffend bemerkte, ist der Ethnologe in seiner eigenen Kultur ein Fremder. Deswegen habe ich christliche Kirchen in Deutschland immer gemieden. Vielleicht wegen der Borniertheit dieses Pfarrers, vielleicht wegen des Ex-Raucher Syndroms. Ich war froh, dass ich da raus bin und jeder weitere Kontakt verursachte mir Unbehagen. Komischerweise war Religion immer mein Lieblingsfach an der Schule gewesen, was sicher daran lag, dass ich fast immer sehr gute Lehrer hatte, die ihre Schüler ernst nahmen.

Jedenfalls nahm ich an dieser Zeremonie teil und weil ich inzwischen fast 40 Jahre alt bin, unterdrückte ich jeden Impuls, allzu angeekelt auszusehen. Ich hatte zu Beginn meinen Prozessor abgeschaltet und konnte nun beobachten, wie sich die Lippen der Anwesenden zu solchen erbaulichen Liedzeilen wie: „Lobe den Herren/der künstlich und fein dich bereitet/der dir Gesundheit verliehen (HA!)/dich freundlich geleitet“ oder „Lass mich Vertrauen fassen/auf dich mich verlassen. Ich möchte dir gehören/und deinen Namen Ehren.“ Aber am besten hat mir gefallen: „O du, den unser größter Regent uns zugesagt: komm zu uns, werter Tröster/ und mach uns unverzagt. Gib uns in dieser schlaffen und glaubensarmen Zeit/ die scharf geschliffenen Waffen der ersten Christenheit.“**

Vielleicht versteht ihr, warum dieses Erlebnis vor 30 Jahren mir wieder sehr deutlich vor Augen stand. Aber dieser Konfirmationsgottesdienst hat mich tatsächlich erleuchtet. Zum einen Begriff ich, was mich schon immer an den großen monotheistischen Religionen gestört hat: das sich-unterwerfen. Dass man sich als Gläubiger absichtlich klein macht und duckt. „Oh Herr, ich bin unwürdig!“ Und dann erwarten sie, dass Gott was macht? Einen Helferkomplex entwickelt? Was ist, wenn Gott findet, ja, ihr seid unwürdig, also verpisst euch aus meinem Vorgarten? Was ist das für ein Gott, dem es gefällt, wenn alle Welt ihm in den Allerheiligsten kriecht? Keiner, mit dem ich was zu tun haben möchte. Von daher war diese Zeremonie auch meine eigenen Konfirmation. Nämlich die Bekräftigung meines Entschlusses, meiner eigenen Wege zu gehen und das Christentum Christentum sein zu lassen.

 

 

*Das hat er wirklich und im Ernst, gesagt!

** Die Texte lagen für die schlaffen und glaubenarmen Kirchgänger freundlicherweise aus.

Aahmdessen

Veröffentlicht in komisch - ist aber so am Mai 12, 2007 von skeltem

Neulich in Herne-Wanne:

 

Vatta: Mutta, bin zu Hause. Wat gibbet denn zum Aahmdessen?

Mutta: Dinna.

V: Döner? Hattn wa dat nich ers’ am Mittwoch?

M: Ne, Vatta. Et gibt heut’ kein Aahmdessen, sondern Dinna. Wie im Färnsehn.

V: Sach’ ma Brennse, oda wat? Ich tu’ den ganzen Tach in der Waschanlage anner Kasse stehn. Un’ wenn ich nach Hause komm’ vonner Maloche, dann ich will ich wat zu essen, aba pronto.

M: Hömma, wat et gibt: Als Vorspeise „Potasch o Lentilles aweg Sosiss Wiennäse Winägree“.

V: Wat is’ dat denn?

M: Linsensuppe mit Wiener un’ Essich.

V: Dat is’ genemicht.

M: Als Hauptgericht: „Demi Pulet Frit o Pommes aweg Soß des Tomate Piment Rusch“

V: Pommes mit Tomatensoße?

M: Halben Brathahn auf Pommes mit Chili-Ketschap.

V: Lecker.

M: Un’ als Deßer gibbet „Gatto o fromasch Blonk“

V: Wat is’ dat nu wieder?

M: Käsekuchen. Weisse die hatten bei Aldi ein Angebot …

V: Lass ma’ stecken, Mutta. Ok, dann ma’ rann an die…

M: Waate ma’. Die andern sin’ noch nich’ da.

V: Welche andern?

M: Na, die Rita, die Uschi, die Kasupke von gegenüber und der Ingo, der Freund vonner Uschi.

V: Ach neee, nich’ schon wieder die Rita. Die is’ immer so scheiße arrogant, bloß weil ihr Alter beim Arbeitsamt die Kloschüsseln putzt.

M: Der Günni putzt doch keine kloschüsseln, Vatta. Der is’ Bürobote! Dat ist fast ‘n Beamter.

V: Fast, aber die alte Michlowski tu so, als wär er der, der .. wie heißt der noch? Der sauerländer Spargel da, die rote Socke?

M: Münte?

V: Genau Münte selbs’.

M: Lass ma’ die Rita in Ruhe, dat is’ meine beste Freundin am sein.

V: …

M: Wat solln denn die Grimassen? Na jedenfalls, die komm’ alle un’ die essen alle ….

V: Un’ ich?

M: Ja, du auch Herrgott. Un’ hinterher tun die dann Punkte geben.

V: Punkte? Wenn die sich bei uns durchfressen, könn’ die auch wat bezahlen. Oder wenigstens n’ paar Flaschen Bier mitbringen.

M: Vatta! Ich ess’ dann auch bei denen un’ dann geb’ ich denen auch Punkte, und wer die meisten Punkte hat gewinnt.

V: Wat?

M: Wat wat?

V: Wat gewinnsse?

M: Ich weiß ja noch gar nich’ ob ich gewinnen tu’. Die Uschi tut ne gute Currywurst oda „Sauciss Pik“ machen. Un’ dat’ Kordon Blö vonner Kasupke! Die hat ma’ anner A40, weisse da, wo …

V: Un’ watt kann ma’ nu gewinn’?

M: Wenn dat Essen schmeckt, kannsse dich bei Fernsehen bewerben. Die Kasupke hat gesacht, dat der Sender bald ne Sendung ausm Pott macht.

V: Von wegen Pott, ich bin ma’ dat Gegenteil vom Essen tun.

M: Bäh, Vatta.

<1 Minute später>

V: Ey sachma. Wat ist den mitm Klo passiert?

M: Habbich geputzt. Wie jeden Mittwoch.

V: Dat sieht so anders aus. Un’ wo is’ meine Läktüre?

M: Du mein’s die ekligen Hefte mit die nackten Weiber? Die habbich weg geräumt.

V: Du kannst doch nich’ einfach meine Hefte wegräumen. Die brauche ich zum Relaxen! Un’ wat is’ dat auf unserm Küchentisch?

M: Dat is’ Tischschmuck. Da habbich einfach die Pärlen, die du mir mal geschenkt hast aufn Tisch drapiert und bei Bischu Brischid ‘n bissken Strass gekauft, damit dat schöner aussehn tut, ne?

<aus der Wohnung>

V: Du has’ meine ganzen Hefte versteckt! Ham se dir ins Gehirn geschissen?

M: Weisse, wenn ich nachher die Hähnchem beim Max an der Ecke holen tu, gucken die sich unsere Bude an un’ da wollte ich nich’ datt da überall nackte Weiber rumliegen.

V: Rita wohnt praktisch hier! Un’ die Kasupke kommt auch alle 2 Tage. Meinsse nich’, dat die die schon gesehn haben? Außerdem, wat is’ schon dabei? Is’ ja kein Porno un’ ich les halt gerne die Interwus.

M: Et is’ doch fürs Färnsehn!

<Es klingelt>

M: Da sinse schon. Sei einmal nett zu der Rita, ja?

 

Margarete Michlowski, 43, Hausfrau: Also ich weiß nich’. Die Linsen waren ja in Ordnung, aber die Wurst hat geschmeckt, wie schon mal gekocht und nich’ aufgegessen. Un’ der Essich war Himbeeresig! Gott, un’ ich sach noch zu der Anna, Anna sachich, dann geh schnell zum Minus un’ hol Balsamico. Dat Hähnchen war wie immer gut, aba sie hattet auf den Pommes gelassen un’ deswegen waren die total labbrig. Da hat auch der gute Ketchup von Maggi nix rausgerissen. Und der Kuchen war noch nich’ ma’ richtich aufgetaut. Aalso ich geb da mal 3 Punkte, weil ich die Anna mag. Wat? Ne, dass’ der Horst mich blöde Planschkuh genannt hat, hat da jetz’ nix it zu tun.

 

Ursula Müller, 39, Sekretärin: Machen wir es kurz: 4 Punkte. 1 Punkt fürs Antreten. Der zweite Punkt für die Linsensuppe, die entweder selbst gemacht war oder aus einer teuren Dose. Dritter Punkt für die Mühe 200m zum Hähnchenbrater zu laufen. Der vierte Punkt? Horst hat Frau Michlowski „arrogante Schlampe“ genannt, als sie wieder von ihrem Mann anfing. Das fand ich drollig.

 

Heidemarie Kasupke, 51, Rentnerin: Also wenn ich dat den Trackern im Kwik Schtop vorgesetzt hätte, ne, die hätten den Laden auseinander genommen. Die Linsen warn total verkocht, ne, un’ dann der Himbeeressich. So wat macht man nich, ne, un’ wennse dann halt sagen tus’, dat tut mir leid, aba is’ Essich mit Essich. Dat Hähnchen, ne, war schon zwei Stunden vonner Stange runter un’ hat in seinem fett gelegen. Dat kenn ich vonner A40, ne, wo ich damals 82/83 für sechs Monate im Kwik Schtop gearbeitet habe. Die Stelle hat mir der Erwin besorgt, ne, was der Mann von meiner Schwester Traudel is’, also mein Schwager quasi, der hat damals bei Hochtief … Wat? Aso, 1 Punkt. Un’ den auch nur, weil der Horst die Rita gezwungen hat, den Essich mit Brot aufzutunken, ne, als die sich beschwert hat.

 

Ingo Ackermann, 28, arbeitslos: Also ich weiß nicht. Die Linsen waren einfach zu fest im Biss und etwas schleimig im Abgang. Die Wurst schmeckte nach gar nichts. Der Himbeeressig war eine interessante Note an der Gesamtkomposition, aber da hätte ich mir mehr Konsequenz beim Bruch mit den kulinarischen Traditionen gewünscht. Der Hauptgang war dann wieder sehr bieder. Das Hähnchen zu stark gewürzt und mit zuviel Paprika, obwohl ich da auch eine Note Kumin geschmeckt haben meine. Die Pommes Frites waren langweilig und zu mou. Die Sauce wiederum pikant, aber zu doux, wie der Flambée bei Antoine, wie ich immer sage.

Über den Gâteau sollte man besser kein Wort verlieren, außer, dass er bestimmt vor den Alpengletschern auftaut. Insgesamt gebe ich 8 Punkte. Was ich da in der Tasche habe? Nur ein paar Rezepthefte, die ich mir von Frau Reinemann ausgeliehen habe. Äh, kann ich jetzt gehen? Ich muss noch … Bewerbungen .. Sie verstehen …

9.5.2007 – Blockade

Veröffentlicht in Allgemeines am Mai 9, 2007 von skeltem

Hallo Alle.

Vielleicht wartet ihr schon auf eine neue Miszelle. Ich auch. Das Problem ist nicht, dass mir die Ideen ausgehen. Ich habe ein Triptychon „Glaube“, „Liebe“, „Hoffnungslosigkeit“ geplant und bis auf den letzten Teil stehen die Inhalte auch schon. Dazu kommt eine seit Monaten fertige ‘Lebenshilfe’-Miszelle zum Thema „Was mache ich, wenn ich ins Krankenhaus muss?“.

Aber wenn ich mir die letzten Miszellen ansehe, kommen Leichtigkeit und Humor zu kurz. Also soll die nächste Miszelle eine lustige werden. Ich habe auch schon mehrere Anläufe gestartet, aber irgendwie bin ich spaßgebremst :( Ich habe eine Spaßblockade.

Mir geht es nicht schlecht, ich bin nicht mies drauf oder so etwas. Mir fallen einfach im Moment keine guten Pointen ein. Ich denke, dass wird sich spätestens am Wochenende geben, wenn ich Lapis’ Familienfeier besuche. Aber ich versuche, auch schon vorher zur allgemeinen Erheiterung beizutragen.

Ich beneide George „Dubyuh“ Bush. Dem ist es von Natur gegeben, die Leute zum Lachen zu bringen. So behauptete er auf dem Empfang zu Ehren Königin Elizabeth II., ihr letzter Besuch sei 1776 gewesen. Lizzie ist zwar nicht mehr die Jüngste, aber so alt …

CU all,
Skeltem

Akzeptanz

Veröffentlicht in Gehör gefordert, HomeStory am Mai 4, 2007 von skeltem

Am Samstag hatte die Selbshilfegruppe der Schwerhörigen und Implantierten Besuch aus dem Hohen Norden. Ein Vertreter des Reha-Zentrums für Hörgeschädigte in Rendsburg wollte uns etwas über die Bewältigung von Kommunikationsproblemen bei Hörbeeinträchtigungen erzählen. Aus diesem Anlass hat unsere rührige Frau Weiß (deren richtiger Name, das muss dann hier doch einmal gesagt werden „Braun“ ist) SHGs aus Bamberg und Erlangen eingeladen. Der Laden war also richtig voll. Ich will hier aber eigentlich nicht über die Veranstaltung an sich schreiben, sondern über eine Sache, die mir an diesem Tag aufgefallen ist. Zuerst aber doch zwei Sachen zu dem ‘Seminar’.

Erstens: Bis auf Lapis, den Sohn von Frau Weiß und den Ehemann einer Frau aus unserer SHG waren überhaupt keine Angehörigen da. Man sollte denken, dass Kommunikationsprobleme doch gerade in der näheren Umgebung von Hörgeschädigten stattfinden. Und weiterhin sollte man doch annehmen, dass die Angehörigen ein Interesse daran haben, die schwierige Situation zu verbessern. Aber entweder ist diese Annahme naiv und die Mehrzahl der Angehörigen scheren sich einen Dreck um eine Verbesserung oder die meisten Hörbehinderten haben keine Familie mehr.

Zweitens: Eine eher drollige Beobachtung war, dass der Referent, als es um Schwerhörige und Gehörlose ging, fast wörtlich Passagen aus „Hybride“ äußerte. Die Beobachtungen dort sind schon ziemlich offensichtlich, aber trotzdem …

Eigentlich geht es mir in dieser Miszelle, wie der Titel schon sagt, um die „Akzeptanz“. Das Wort kam auf, als es um die größten Probleme ging, die wir so mit der Schwerhörigkeit hätten. Und die, die es benutzen meinten eigentlich zwei verschiedene Dinge. Sie sprachen von Akzeptanz, in dem Sinne von „akzeptiert werden“ und „akzeptieren“ (also die Realität der Behinderung annehmen).

Hörgeschädigte haben in Deutschland sehr kleine Stimmen. Schwerhörige sind prozentual gesehen unorganisiert. Es gibt keine spezielle Lobby für uns, wir werden höchstens bei den anderen Behinderten „mitgeschleppt“. Am Samstag ist mir mal wieder aufgefallen, warum das so ist. Hörbeeinträchtigte Menschen schämen sich ihrer Behinderung. Nicht alle, aber sehr viele. Die meisten würden wahrscheinlich nicht einmal sagen, dass sie behindert seien. Viele Problemlösungsstrategien zielen darauf ab, zu verstecken, dass man nicht versteht. Dabei liegt die Ursache nicht mal so sehr in dummen Bächereiverkäuferinnen oder anderen verständnislosen Hörenden. Das größte Problem ist die Akzeptanz, will sagen: die Annahme, der eigenen Beeinträchtigung.

Schwerhörigkeit ist meistens eine schleichende Behinderung mit negativer Tendenz. Sie beginnt irgendwann harmlos und im Laufe von Jahren nimmt das Hörvermögen immer weiter ab. Im Gegensatz zu plötzlicher Ertaubung oder angeborener Gehörlosigkeit müssen Schwerhörige mit „anhören“ wie sie immer mehr verlieren. Dazu kommt, dass ihre soziale Umgebung sie als völlig normal, wenn das die einzige Behinderung ist, wahrnimmt. Der Schwerhörige ist völlig integriert und versucht natürlich, diesen Zustand aufrecht zu erhalten. Das fällt aber schwerer und schwerer und irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem er oder sie akzeptieren muss, dass das Leben so nicht weitergehen kann.

Die eigene Behinderung anzunehmen ist eine der schwierigsten Entscheidungen. Selbst, wenn es offensichtlich ist, dass es nicht wie bisher weiter gehen kann, klammert man sich an das Leben, das man kennt. Und die Angehörigen sind oft auch überfordert. Deswegen sind viele Behinderte, gerade Hörbehinderte allein. Wenn ich nicht mit Hörenden zusammen bin, fällt mir meine Behinderung kaum auf und die Hörenden sind froh, wenn sie nicht in die unangenehme Situation einer unbefriedigenden Interaktion (vgl. auch „Grenzerfahrung“) kommen.

Es gibt kein Patentrezept. Wie so vieles ist ein guter Mittelweg lebenswichtig. Auf der einen Seite kann die Behinderung zu akzeptieren zu Apathie und Kontaktverlust führen. Ich sehe ein, dass ich nicht mehr oder nicht mehr ausreichend hören kann und versuche mich so zu verhalten, dass ich keine frustrierenden Situationen erlebe. Und das können dann alle Situationen sein, die mich in Kontakt mir anderen Menschen bringen. Auf der anderen Seite kann die Akzeptanz zu einer „jetzt erst Recht!“-Stimmung führen, in der ich versuche an meine Grenzen und über sie hinaus zu gehen. Das kann gut sein, kann aber auch eine Enttäuschung nach der anderen bringen, bis man dann doch entmutigt aufgibt und „sich in sein Schicksal fügt“.

Eine Schlüsselrolle spielen dabei andere Menschen. Wenn Lapis mich nicht andauernd „treten“ würde (was manchmal ziemlich weh tut), würde ich meinen knochigen Hintern kaum vom Computer weg bekommen. Noch weniger als jetzt schon, heißt das :( Und ständig besteht sie darauf, mit mir zu sprechen. Das ist nervig, aber wichtig. Ich habe trotz meiner Taubheit eine ziemlich gut funktionierende Rollenspielgruppe. Da gehe ich jedes Mal an meine Grenzen, aber hinterher bleibt nicht nur das gute Gefühl, das ich nach jeder gelungenen Rollenspielsitzung habe, sondern auch das Bewusstsein etwas über mich hinaus gewachsen zu sein. Auf der anderen Seite meide ich Parties oder volle Gaststätten, weil ich weiß, dass ich da sowieso nichts höre.

Das hört sich jetzt so an, als wäre ich mit mir im Reinen. Aber leider ist dem nicht so. Ich kämpfe jeden Tag mit mir. Morgens den Prozessor anzustellen ist eine Mühe und die Kommunikation mit Lapis lässt, wenn wir nicht aufpassen, auch nach. Wir müssen ständig an uns arbeiten.

Aber nur, wenn wir die Situation, die uns in den meisten Fällen aufgezwungen ist, akzeptieren und versuchen uns anzupassen, werden wir auch akzeptiert. Wir können den Hörenden sagen: „Hier, das ist So-und-So, aber ich weiß, wie wir damit umgehen können.“ Gesunde Menschen sind ein wenig naiv und man muss ihnen auf die Sprünge helfen, denn sonst ist ihnen das Zusammentreffen mit Behinderten unangenehm und sie laufen weg.