Archiv für April, 2007

Romantik

Veröffentlicht in HomeStory, Lebenshilfe, Medien, allgemein, Wissen schaffen am April 27, 2007 von skeltem

In den frühen Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts begab es sich, dass Skeltem, damals noch motorisiert, und seine damalige Lebensabschnittsbegleiterin Konstanze zu einem gemeinsamen Wochenende nach Süddeutschland fuhren. Auf der Höhe von Aachen überkam mich dann beim Anblick der Autobahn in Richtung Belgien eine Anwandlung von temporärer geistiger Umnachtung und ich beschloss, statt in die schöne Pfalz ins hässliche Paris zu fahren. Ehrlich, ich weiß nicht, warum. Ich hasse Paris. Das war die Wundermacht der Romantik, der wahre Grund für den Untergang des Abendlandes.

Das Wochenende in Paris war dann auch so richtig romantisch. Wir haben uns die Hacken abgelaufen, das Geld war schneller weg, als man „Baguette“ sagen kann und übernachtet haben wir dann im Auto. Das war besonders romantisch, weil es arschkalt war. So kalt, dass wir nachts schlotternd aufgewacht sind und geraucht haben in der Hoffnung die Temperaturen wenigstens über den Gefrierpunkt zu bekommen. Seitdem wird mir jedes Mal kalt, wenn ich das Wort „Romantik“ höre.

Die Epoche der Romantik war ja angeblich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beendet, totgeschlagen von der kalten Technokratie der Moderne. Das Schwärmerische vom Patriotischen verdrängt und die Freiheit des Individuums hatte sich der Unterdrückung der europäischen Großmächte unterzuordnen. Doch was die Literaturwissenschaft kategorisch erklären kann, muss uns nicht wirklich betreffen. Die Romantik führte einen Guerillakrieg, indem sie sich tarnte und so tief in das kollektive Unbewusste der westlichen Welt einnistete, dass wir heute kaum noch erkennen, dass wir mehr oder weniger alle Romantiker sind.

Ein besonderes Kennzeichen und ich möchte es als das Bestimmende der Romantik bezeichnen, ist die völlige Unabhängigkeit des Romantikers von der empirischen Wirklichkeit. Er kann durch eine Stadt wandeln wie auf Wolken, von den Menschen dort verachtet, bespuckt, von den Abgasen erstickt, taub vom Lärm und betrogen von den Geschäftsleuten. Und trotzdem liebt er diese Stadt, weil es die „Stadt der Liebe“ ist. In seiner Vorstellung ist der gleiche Ort ein völlig anderer, ein Schleier aus Phantasien taucht die harsche Wirklichkeit in newtonsches Weichzeichnerlicht. Im Lexikon steht, dass das Gegenteil der Romantik die Klassik sei. Ich behaupte, dass das Gegenteil von Romantik die Banalität der wirklich wahren Welt ist. Wenn wir das annehmen, entdecken wir plötzlich überall die Romantiker unter uns.

Besonders das Internet ist voll von ihnen. Verschwörungstheoretikern ist es zu banal, dass es 19 Fanatikern gelungen sein soll, fast 3000 Menschen mittels entführter Passagierflugzeuge zu töten. Nein, die Regierung, die Illuminaten oder Außerirdische haben ihre Finger im Spiel. Ein Produkt ist objektiv gesehen Scheiße. Aber blitzschnell finden sich verklärende Fans, die es „ganz ok“ finden, wenn die Reifen des Wagens in einem halben Jahr nachgeliefert werden, denn immerhin kann man schon hinter dem Lenkrad sitze und „brrm, brrm“ machen.

Im Religionsunterricht hat uns der Lehrer beigebracht, dass man mit „dem Herzen sehen“ soll. Das ist sicher in Ordnung auf der Ebene eines Sonnenauf-, oder -untergangs oder Abendessen beim Kerzenschein. Aber was ist, wenn eine Supermacht der romantischen Vorstellung erliegt, dass diejenigen, die man gerade in die Steinzeit zurückgebombt hat, sie mögen und ihr System mit fliegenden Fahnen übernehmen?

Ich höre jetzt: Und was ist mit der Liebe? Liebe ist toll. Sie ist das beste auf der Welt. Aber was zum Teufel hat das mit Romantik zu tun? Die romantische Liebe ist eine Erfindung französischer (war ja klar!) Troubadoure (eine längere Abhandlung findet ihr hier) und, das ist das besondere, ist das erste mediale Phänomen, das die Wirklichkeit formte und nicht umgekehrt. Vor den Troubadouren und ihre Versen war die höfische Liebe, die „hohe Minne“ unbekannt, danach wurde sie ein Ideal der Höfe Europas. Wie man in Cervantes’ „Don Quixote“ sehen konnte, zeichnete sich die Hohe Minne vor allem durch die Unerreichbarkeit des oder der Geliebten aus. Der Andere wurde romantisch verklärt und jede banale Alltäglichkeit hatte dort nichts zu suchen. Und das ist auch die Gefahr der Romantik für die Liebe. Bert Brecht hat seinen Herrn K. das Problem sehr schön zusammenfassen lassen. Auf die Frage, was Herr K. denn tue, wenn er jemanden liebt, antwortete er, dass er ein Bild vom Geliebten Wesen male und es dann anpasse. Das Bild? Nein, das geliebte Wesen.

Romantische Liebe verklärt. Das Negative wird im romantischen Überschwang als „Besonders“ gedeutet, wenn es überhaupt wahrgenommen wird. Die Wirklichkeit ist die größte Feindin der Romantik und wird außen vor gelassen. Und die gängigen kulturellen Muster helfe dabei natürlich enorm. Die Fiktion der Filme, Bücher oder Lieder, die sich mit Liebe beschäftigen malen entweder verkitscht euphorische oder zutiefst deprimierende (schwarze Romantik) Bilder von der Liebe. Die Arbeit, die man aufbringen muss, mit einem anderen Menschen eine Beziehung zu führen, die „wahre Liebe“, die eben nicht nur Romantik und ein Himmel voller Geigen ist, wird meist außen vor gelassen. Die Banalität des Alltags hat nichts zu suchen in der Romantik.

Die meisten Menschen werden im Laufe ihres Lebens von der Banalität der Wirklichkeit eingeholt. Und viele reagieren mit Enttäuschung und Wut. „Das habe ich mir so nicht vorgestellt“ oder „Wo ist das Leben, dass mir in den Medien versprochen wurde?“. Dabei ist die Welt nicht so banal, wie sie einem entzauberten Romantiker erscheint. Die Welt ist großartig und wenn man genau hinschaut, kann man auch die Wunder sehen, die man sich erträumt hat. Nur: sie sind da draußen und nicht in irgendeiner erdachten Wirklichkeit. „Mann kann nur mit dem Herzen richtig sehen“? Quatsch, man muss alle Sinne und seinen Verstand benutzen, um richtig zu sehen.

 

26.04.2007 – Medienseite endlich online!

Veröffentlicht in Allgemeines, Film-Buch-Filmbuch, Rollenspiele, analog, Spielkram am April 26, 2007 von skeltem

Darauf habt ihr sicher lange gewartet. Vielleicht auch nicht, aber ihr bekommt sie trotzdem:

Skeltem proudly presents: The „Meine Miszellen Medien„-Seite.

Wie ihr sehen könnt, arbeite ich noch daran und ich werde nach und nach Empfehlungen für alle erschienenen Miszellen (jedenfalls für solche, bei denen es sinnig ist) einfügen.

Die Links führen auf Amazon.de und wenn ihr Bücher oder DVDs darüber bestellt, bekomme ich vielleicht ein paar Cent dafür. Da sich das aber im Bereich eines Cappus im Café bewegt, mache ich das sicher nicht, um „Kohle abzugreifen“, sondern um die Medien, die persönlich als gut und wertvoll erachte euch, den Miszellen-Leserinnen und Lesern, näher zu bringen. Außerdem halte ich euch für so kompetent, eine öffentliche oder Universitätsbibliothek zu benutzen ;) Ich biete nur Links an, wenn ich das entsprechende Medium kenne und weiterempfehlen kann.

Viel Spaß beim Stöbern!
Skeltem

Schatten

Veröffentlicht in Film-Buch-Filmbuch am April 23, 2007 von skeltem

Vorbemerkung: Als ich im Januar ins Krankenhaus gegangen bin, hatte ich nur 2 Bücher dabei. Brett Easton Ellis’ „Lunar Park“ und Tad Williams’ „Shadowmarch“. Das erstere entpuppte sich als ein beunruhigender Alptraum eines von Drogen zerstörten Geistes, also genau das Richtige vor einer schweren Operation. Ich habe „Shadowmarch“ dann in zwei Tagen durchgelesen. Am Ende wusste ich nicht genau, ob ich das Buch gut fand oder nicht. Deswegen gibt es heute statt Skeltems Paradoxer Intervention „Skeltems paradoxe Situation“!

 

Vorbemerkung 2: Dieser Text bezieht sich auf die englische Taschenbuchausgabe von Tad Williams’ „Shadowmarch“, 2005 im Orbit-Verlag erschienen. Auf deutsch ist „Shadowmarch 1. Die Grenze“ bei Klett-Cotta erschienen.

 

Vielleicht ist den regelmäßigen Miszellen-Lesern aufgefallen, dass ich keinen Amazon-Link zur Verfügung gestellt habe. Das liegt daran, dass ich das Buch nicht uneingeschränkt empfehlen kann. Warum ich dann hier darüber schreibe? Abgesehen davon, dass mir gerade nichts anderes einfallt, war ich bis zum vorletzten oder vor-vorletzten Kapitel davon überzeugt, dass es eine Kaufempfehlung wird. Aber wie so oft wird man am Ende doch enttäuscht. Aber der Reihe nach.

Shadowmarch“ ist ein Fantasy-Roman. Nicht nur das. Es handelt sich um das Sub-Genre, dass ich gerne und oft als „Lametasy“ bezeichne. Lametasy, dass sind Welten, die mit meist wenig Phantasie ihre Existenz als „Herr der Ringe“-Klon vertuschen wollen. Kennzeichnend sind dafür vor allem die Existenz von Elfen, Zwergen und der allgegenwärtigen Dichotomie von Gut und Böse. Und fast immer ist die Welt von einem fast unbesiegbaren Bösen bedroht und nur eine Handvoll Helden yaddayaddayada ….

Auf dem Kontinent Eion lebten früher die (eingewanderten) Menschen und die eingeborenen „Qar“, Feenwesen, nebeneinander her. Dann fiel es den Menschen, wie es nun mal ihre Art ist, ein, die fremdartigen Qar für alle Unbill verantwortlich zu machen, die ihnen widerfuhr und begannen einen Genozid. Das „Zwielicht-Volk“ wehrte sich und man kämpfte und kämpfte, bis die Qar sich schließlich den Eisenwaffen der Menschen geschlagen geben mussten und sich hinter einen magischen Vorhang zurückzogen, die „Shadowline“. Seit 200 Jahren hat man die Qar nicht mehr gesehen und das Schloss Shadowmarch bewacht die Grenze mit nachlassender Wachsamkeit.

Es kommt, was kommen muss, die Qar kehren zurück, machen alles in ihrem Weg nieder, es gibt eine epische Schlacht, bei der es um die Existenz der Menschen, zumindest in diesem Teil der Welt, geht. Eine entscheidende Rolle spielen dabei ein unscheinbarer Kleinwüchsiger und ein Kleinkind von mysteriösem Hintergrund.

Shadowmarch hat viele Kennzeichnen der Lametasy. Es gibt Elfen (mit einem Dreh), Zwerge (die hier „Funderlings“ heißen und eine Mischung aus Zwerg und Hobbit sind), böse Mächte, Magie, die ganze Besetzung. Allerdings ist Tad Williams ein guter Schriftsteller und clever noch dazu. Statt sich auf ein Pseudo-Tolkien-Setting zu versteifen hat er einfach noch einen anderen großen Autor ins Boot geholt. Stellenweise (ok, sehr oft) fühlt man sich nämlich an George R.R. Martins Lied von Eis und Feuer erinnert. Die Ähnlichkeiten sind zu viele, um sie hier einzeln aufzuführen. Es reicht, zu sagen, dass wer LEF kennt, hier mehr als ein Déja Vu erlebt. Das macht das Buch an sich aber nicht schlecht. Gut geklaut ist besser als schlecht neu erfunden. Und ich persönlich liebe die Bücher Martins.

Dazu kommt, dass Williams einen spannenden Schreibstil hat und wirklich fesseln kann. Seine „Elfen“ sind dem Schönen Volk der europäischen Mythologie nachempfunden und werden als absolut unmenschliche, im Sinne von unverständliche, Wesen gezeichnet. Ein wenig wie in Pratchetts „Lords and Ladies“ oder genauso wie in dem „Exalted“-Rollenspiel von White Wolf. Der Punkt, warum ich den Roman empfehlen wollte aber war, dass sich das Buch bis fast zum Ende wie eine abgeschlossene Geschichte liest. Ich habe gebetet und gehofft, dass es einmal einem Fantasy-Autoren gelingen würde, einen Schluss zu finden. 850 Seiten müssten doch reichen, um eine Geschichte zu erzählen? Natürlich habe ich ich selbst betrogen, denn schon in der Einführung des „Großen Bösen Imperiums vom anderen Kontinent mit einem Bösen Gottkaiser(tm) “ war klar, dass dieser Konflikt mindestens ein weiteres Buch beanspruchen würde. Aber man darf doch hoffen.

Zusammenfassend ist Shadowmarch eine unterhaltsame Fantasy-Lektüre, die Tolkien, Martin und einige mythologische Elemente miteinander verbindet. Das Buch leidet ein wenig an dem „Da gewesen, kenne ich schon“-Effekt und ich habe mich dabei ertappt, die jeweiligen Vorlagen zu erraten. Abgesehen davon ist es sehr lang, hat aber nur wenige Längen, wobei ich bei dem Handlungsfaden und den „Funderling“ schon Absätze überspringen musste. Williams fehlt aber letztendlich der „Arsch in der Hose“, um wirklich große Bücher zu schreiben. Weder hat er die enzyklopädische Imagination eines Tolkien, noch die Kaltschnäuzigkeit eines Martin. Allein die Routine eines Vielschreibers hebt das Buch über das Mittelmaß hinaus, so dass ich es jedem empfehlen kann, der für den Urlaub oder das Krankenhaus eine fesselnde, aber anspruchslose Lektüre sucht.

Bindestrichgastronomie

Veröffentlicht in HomeStory, komisch - ist aber so am April 18, 2007 von skeltem

Die bisherige Spitze der Bindestrichgastronomie sah ich, als ich mich auf einem gigantischen 500m-Spaziergang mit meiner Oma auf einer Bank ausruhte. Ich war total erledigt. Uns gegenüber war ein Hotel, an dem ich bestimmt schon tausendmal vorbei gegangen war. Aber an diesem Tag fiel mir der Name auf. Oder besser die Bezeichnung, denn es nannte sich Romantik-Hotel.

Nun ist Romantik mir nicht fremd, obwohl ich bisher eher eine durchfrorene Nacht und Verschwörungstheorien damit verbunden hatte*.Im Zusammenhang mit einem Hotel stellte ich mir die „Romantik“ irgendwie als zweideutige Anspielung auf ein Etablissement vor, das stundenweise abgerechnet wird (Nudge! Nudge! Zwinker, zwinker). Aber so wirkte das Hotel nicht. Eher wie die Art von Hotels, in das reiche Leute gehen, um ihren zweiten oder dritten Frühling zu feiern. Ah!

Bald darauf kehrten Oma und ich in einem Lokal ein, dass früher mal gut bürgerlich oder gutbürgerlich geheißen hatte und sich durch dunkles Holz und Cholesterin auf der Speisekarte hervortat. Allerdings nannte es sich „Traditions-Gaststätte“. Anscheinend tempus mutantur et mutamur in illis. zu deutsch: Wir gehen mit der Zeit und die Traditions-Gaststätte hat sogar vier Gerichte ohne Fleisch auf der Karte. In der Woche. Am Sonntag kehren die Fünfziger zurück. Nebenbei war der Besitzer der Schnitzelbude so begeistert von der Bindestrichgastronomie, dass er seinen Laden „Müncher [sic!] Bindestrich Hofbräuhaus“ nannte.

Dabei geht es mir gar nicht mal um den überflüssigen Bindestrich. Das überlasse ich Sebastian „Deutschlehrer der Nation“ Sick. Ich glaube, dass die Gastronomie vom „Super-Mega-Ultra“-Virus betroffen wird. Nur was bei Waschmitteln und Kinderwindeln geht, funktioniert bei Bewirtungsbetrieben eher schlecht. Ok, es gibt die „Mega-Döner“ mit einem halben Kalb oder die „Giga-Fritten“ mit noch mehr Acrylamid. Aber ein „Hotel Ultra“? Zum „Extragoldenen Lamm“? „Salvatores Giga Pizza“?

Weil der Kapitalismus bekanntlich nicht funktioniert, wenn den Konsumenten nicht ständig etwas Neues geboten wird (und wenn es auch das Alte in einer anderen Verpackung ist) ist die Gastronomie wohl den Weg der Spezialisierung gegangen. Es fing an mit der „Erlebnis Bindestrich Gastronomie“. Das waren (und sind?) Lokale, die so laut sind, dass man sich auch garantiert nicht miteinander unterhalten kann, denn man soll ja was erleben. Für das Erlebnis sorgen dann Berufsjugendliche auf Speed, die wegen schlechten Betragens aus dem Clubhotel auf Malle geschmissen wurden und jetzt in Osnabrück „Mister Wet Unterhosen“-Wettbewerbe veranstalten. Die Kneipen geben sich dann noch so lustige Namen wie „Furzkissen“, „Jodelhobel“ oder „Hausverbot“ und schon haben wir ein Gefühl wie im Urlaub. Kotzen vor der Tür inklusive.

Die Bendestrichgastronomie ist die Antwort eines darbenden Gewerbes auf wegbleibende Kunden. Dass die in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit lieber ein Ei in die Pfanne geschlagen haben, als „Sugo di Manzana an Fettucine mit Trüffelgarnitur“ beim Luxus-Italiener zu essen ist unerheblich. Und es geht ja wieder aufwärts. Die Exotik-Restaurants füllen sich wieder und die Wohlfühl-Pensionen haben immer mehr Gäste. Bindestrichgastronomie ist die Antwort auf den Teuro und heute schreit niemand mehr auf, dass bei der Pommes-Bude die Fritten drei Euro kosten, denn es sind ja „Freedom-Fries“.

Übrigens ist die Bindestrichgastronomie trotz allem Anschein nach keine deutsche Erfindung. Als Lapis und ich vor Jahren in London waren entdeckten wir ein „Hofbrau“. Dort war in ekligstem Gelsenkirchner Barock der Tagungsort der NSDAP nachgebaut worden und ein Schild versprach „German beer and original bavarian Neo-Gemutlichkeit“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

* Schamlose Werbung für eine kommende „Romantik“-Miszelle!

 

Koma

Veröffentlicht in Zeitnah am April 10, 2007 von skeltem

„Flatrate“ ist modern, „Flatrate“ bedient den Geiz-Reflex, also gibt es plötzlich überall Flatrates. Nicht nur im „klassischen“ Telekommunikationsbereich. Nein, auch ein Autohändler bietet plötzlich eine „Flatrate“ an und stößt damit „all inclusive“ und den teutschen Urvater „rundum sorglos“ vom Werbeblabla-Thron. Ich prophezeie hier und in den Miszellen, dass es bald den Flatrate-Urlaub („Flug, Übernachtung, Frühstück UND kostenloser Zugang zu einem Strand Ihrer Wahl!“), Flatrate-Kirchen („Zahlen Sie monatlich X Euro und nehmen Sie an allen Gottesdiensten teil! Außerdem bieten wir kostenlose Sakramente. Für das Leben Nach Dem Tod können Extrakosten entstehen.“) oder die Klo-Flatrate („Für nur noch 5 Euro können Sie große oder kleine Geschäfte bei uns tätigen. Seife, Luftstrom-Händetrockner und ein ‘Verpiss Dich’ Aufkleber sind im Preis enthalten. Dazu monatlich wechselnde Graffiti.“) geben wird.

Wie wir ja in „Flatrate“ schon sahen, liegt es in der Natur des kapitalistisch denkenden Menschen, den anderen nichts zu schenken. Das humoristisch fragwürdige, aber immerhin wahre Wort „Besser den Magen verrenken, als dem Wirt was zu schenken“ gilt immer noch. In Verbindung mit grenzenlosen Konsummöglichkeiten wird hier aber ein Gefahrenpotenzial erzeugt, das bereits die ersten Todesopfer gefordert hat.

Ich rede natürlich vom „Flatrate“-Trinken, von der Presse auch liebevoll Koma-Saufen genannt.. Man zahlt einmal und kann dann trinken, bis der Arzt kommt. Kürzlich starb ein 16-jähriger Flatrater und die politischen Wellen schlugen hoch. CSU-irgendwas Beckstein will das Flatrate-Trinken verbieten und die Grünen mahnen an, dass man wenigstens ne Limo auf so einer Veranstaltung kriegen soll. Die Reflexe der Politiker funktionieren. Die Schwarzen (und einige Tiefrote) wollen verbieten, die anderen „die bestehenden Gesetze durchsetzen“. Volkes Seele (aka BILD) kocht und gibt besorgten Eltern jetzt Ratschläge, wie sie erkennen können, ob ihr Kind Koma-Sauf-gefährdet ist.

Der tragische Tod des Schülers hätte verhindert werden können. Vor etwa 60 Jahren! Oder vielleicht vor 600, jedenfalls vor ziemlich langer Zeit. Ich erkläre:

„Flatrate-Trinken“ kannte ich schon, als ich noch auf die Schule ging. Wir nannten das damals „10-Marks-Parties“ und ich habe sogar eine mitveranstaltet. Wir haben mit einer Brauerei einen Vertrag abgeschlossen, dass die das Bier wieder zurücknehmen, das nicht verbraucht wird, haben sehr günstige Preise bekommen eine Scheune billig gemietet und 10 Mark Eintritt genommen. Dafür konnte man dann soviel trinken, wie man konnte. Die Brandschutzbestimmungen mussten stimmen und ich glaube die GEMA wollte Kohle für die Musik sehen, aber insgesamt war es kein großer Aufwand, so etwas auf die Beine zu stellen. Und ich glaube nicht, dass wir die einzigen waren, die solche Parties aufgezogen haben. Also gehe ich einfach mal davon aus, dass es die „Flatrate-Veranstaltungen“ schon immer überall im Land gab. Und es sind nicht reihenweise Jugendliche ins Koma gefallen, das wüssten wir. Also ein harmloser Spaß?

Auf keinen Fall, denn Alkohol ist ein Gift. 2005 allein starben mehr als 16.000 Menschen im Zusammenhang mit den Alkoholkonsum. Das sind zwar nicht so viele, wie durch Tabak starben (140.000) aber mehr als dreimal so viele Opfer wie der Straßenverkehr gefordert hat.

Das Problem ist, dass die Welt keine „triviale Maschine“ ist, wie der Physiker Heinz von Förster es einmal formuliert hat und wie viele Menschen und vor allem Politiker gerne hätten. Man sieht ein Problem A, das hat Ursache X. Wenn wir X entfernen, entfernen wir auch A, so einfach ist das. Das klappt mit (A=Amoklauf) – (X=“Killerspiele“) = 0 genauso gut wie mit (A=Arbeitslosigkeit) – (X=zuviel ‘Stütze’) = 0. Vor allem führen die deutschen Politiker sich selbst gerne vor, wie man bei ihrem peinlichen Rauchverbotsgesetz gesehen hat. Im Prinzip wollen wir ja, aber auf anderen Seite… Tabak bringt so viel Geld!

Zurück zum Alkohol. Man kann zynisch sein und sagen, dass ist eben der Preis, denn wir zahlen, in einem freien Land zu leben. Alkohol trinken ist bei uns Tradition und auch wenn Beckstein die Flatrate-Parties verbieten will, würde er nie daran denken, an der grundsätzlichen Einstellung zu der legalen Droge zu rütteln. Was wäre ein Stammtisch ohne Bier?

Ich bin nicht naiv und kenne die Geschichte der Prohibition (in den USA) und meine Landsleute gut genug, dass ich kein Alkoholverbot favorisiere. Verbote insgesamt sind ein Reflex der „Triviale Maschine“-Fraktion. Es gilt, die Ursachen des übermäßigen Alkoholkonsums bei Jugendlichen und Erwachsenen genau zu analysieren. Im Zusammenhang mit dem Tod des 16jährigen, der aus einem ‘gut situierten’ Elternhaus stammt wurde beispielsweise als ein möglicher Grund für das Komasaufen der Leistungsdruck unter dem die Jugendlichen stehen genannt. Übrigens ist das das auch als einer der auslösenden Faktoren bei dem Amoklauf in Erfurt 2002 diskutiert wurde. Neben den „Killerspielen“ natürlich.

Die Miszellen sind nicht die „Bild“ und ich kann keine ‘Antwort’ geben, zumal ich nicht mal alle Fakten kenne. Aber niemand darf sich darüber wundern, wenn sich Kinder ins Koma trinken, wenn Erwachsene es ihnen vormachen. Niemand darf sich aufregen, dass nichts passiert, solange niemand etwas tut. Alkoholkonsum positiv zu besetzen ist ein Fehler. Ein Fehler, der allerdings schon vor sehr langer Zeit begangen wurde. Aber was schon der Aufklärer John Locke lehrte ist immer noch wahr: Die beste Erziehungsmethode ist nicht das Verbot, sondern das Vorbild.

5.4.2007

Veröffentlicht in Allgemeines am April 5, 2007 von skeltem

Da meine Leserinnen und Leser schon an Ausflüchte gewohnt sind, warum die Miszellen nicht erscheinen, dachte ich, ich bringe mal eine originelle Entschuldigung:

Meine Oma ist zu Besuch und will die ganze Zeit betuddelt werden!

Jaja, und der Hund hat meine Festplatte gefressen. Aber im Ernst, sie sitzt leibhaftig drüben in Lapis’ Zimmer und guckt irgendeine Soap, der sie offensichtlich rettungslos verfallen ist. Vielleicht will sie auch ganz einfach Gesellschaft. Anyway, sie ist die nächsten zwei Wochen in Coburg, was sich zeitlich und nervlich bei mir bemerkbar machen wird.

„Koma“, die Fortsetzung von „Flatrate“ war fast fertig (ich schwöre!), bis Lapis in ihrer schrecklich rechthabenden Art ein paar Bemerkungen machte, die mich nachdenklich stimmten und den wie üblich fröhlich dahinger…. schriebenen Text noch einmal überarbeiten ließen. Es geht um die Ford-Flatrate, Flatrate-Trinken aka Koma-Saufen und ein paar Schwänke aus meiner Jugend bis hin zum unvermeidlich gesamtgesellschaftlich Relevanten, das die Miszellen so brisant und aktuell machen.

Bis die Tage,

Skeltem

PS: Und den Christen und Christinen ein „Frohes Ostern“, dem Rest: „Geil! Freie Tage!“

Flatrate

Veröffentlicht in Geschichten um das Netz, Medien, allgemein am April 3, 2007 von skeltem

Dass heutzutage (?) bestimmte Modewörter von den Medien bis zum Erbrechen benutzt werden, so dass man wegen „modern“, „Krokodil“ oder „Killerspiele“ eine Hassattacke nach der anderen fährt, ist ja fast schon eine banale Feststellung. Das neueste Opfer der Wortverschleißung ist ‘Flatrate’.

Dabei sind Flatrates eigentlich ziemlich gut. Natürlich gibt es Rechenkünstler, die jeden Monat genau ausrechnen, dass sie 26,7 Stunden im Internet surfen und damit bei einem zeitabhängigen Tarif besser fahren, denn die Flatrate amortisiert sich erst ab der 30. Stunde. Oder sie verschieben den Anruf zum Geburtstag ihrer Mutter in die frühen Morgenstunden („Hallo Mama! Ja, ich weiß es ist erst vier“), um den billigen „Nachteulen-Tarif“ mitzubekommen. Aber ich gehe mal von mir als Vertreter einer grundsätzlich faulen Konsumentengeneration aus und wir sind froh, einfach einmal pro Monat unseren Obulus abzudrücken und dafür den Rest der Zeit einfach keinen Gedanken mehr an Zeit und Volumen zu verschwenden.

Andererseits führen die Flatrates zu fast schon manischem Konsumverhalten. Eine frühe Form der Flatrate (als wir noch ‘deutsch’ sprachen) ist das Buffet. Man zahlt einmal und kann dann so viel Essen, wie man will. Der Effekt ist natürlich, dass man viel zuviel isst, weil man ja den Preis wieder reinbekommen muss. Im wahrsten Sinne des Wortes. Moderne (wie ich dieses Wort hasse) Versionen des Buffets heißen „All you can eat“. Zwanghafte Telefonierer profitieren von den mittlerweile erhältlichen Telefonflatrates aka „All you can Sabbel“. Ersten weiblichen Teenagern mussten inzwischen die Hörer operativ vom Ohr entfernt werden.

Als ich mitte der 90er die ersten zaghaften Schritte ins Internet unternahm, damals noch in der warmen Sicherheit des AOLspaces mittels einen 28.800er Modems, kosteten 10 Minuten AOLchat den Gegenwert eines Kleinwagens. Der Leid- und Neidgeprüfte deutsche Surfer konnte nur in ohnmächtigem Sehnen nach Amerika schauen, wo die Herren der New Economy für eine lächerlich geringe monatliche (!) Gebühr die digitale Welt in Besitz nahmen, die ihr verdientes Erbteil zu sein schien.

Als die Preise fielen und die Technik erschwinglich wurde, berauschten wir uns hier an den Möglichkeiten des Web 1.0. Noch nie wurde so viel geklaut. Wenn man nicht auf den Gigabyte schauen muss, wird man ziemlich wahllos und auf vielen Festplatten schlummerten Wochen niemals gehörter Musik und Tage von ungesehenen Filmen. Allein die Porno-Industrie erlebte einen Aufschwung, der nur mit dem nach dem Fall der Berliner Mauer vergleichbar war.

Leider fordert auch die Schöne Neue Flache Welt ihre Opfer und mittlerweile gibt es das Krankheitsbild der Internetsucht. Darüber weiß ich allerdings nichts zu berichten, denn als ich neulich einen Fragebogen im Internet (!) ausfüllte, unterbrach die Website von sich aus meine Verbindung und ich konnte mein DSL-Modem gerade noch retten. Sie hätten auch  einfach schreiben können „Sie surfen zu viel“.

Andere dunkle Seiten der Flatrates gibt es morgen.