Archiv für Februar, 2007

Re(h)animation #2: Mob

Veröffentlicht in HomeStory am Februar 25, 2007 von skeltem

Aber, ach, alles ist nicht nur Sport, Abenteuer und lauter anstrengende, aber letztendlich gesunde Sachen in der Reha. Es gibt dort auch den Aspekt der sozialen Interaktion mit den Mitpatienten. Ich, zum Beispiel, wurde zwei Tage nach meiner Ankunft gemobbt.

Dazu muss ich erklären, dass seit der OP mein Gesicht vollständig gelähmt ist. Es kommt zwar langsam wieder Bewegung in die Sache, aber wie alles, was mit Nerven zu tun hat, passiert das sehr langsam. Kurz nach der OP war es fast unmöglich, etwas zu essen, ohne dass die Hälfte der Nahrung mir wieder aus dem Mund fiel. Und da soll man zunehmen :( Heute geht es besser, weil der „Tellerlippeneffekt“ nachgelassen hat und ich ein patentes Kerlchen bin, das seine Hände an den richtigen Stellen einzusetzen weiß.

In der Reha-Klinik wurde ich in das Restaurant gesetzt, wo diejengen Essen, die keine Probleme mit dem Essen haben. Da gehörte ich auch hin, denn ich kann alles Essen, auch wenn es etwas länger dauert, bis das Zeug unten ist. Die Verantwortlichen wollten mir wohl einen Gefallen tun, als sie mich in eine Ecke des Restaurants platzierten, in der der Altersdurchschnitt geringfügig unter dem der Klinik lag. Meine Tischnachbarn begrüßten mich höflich bis überschwänglich. Ich musste den Mann im Nylon-Trainingsanzug davon abhalten, mich sofort zum Paten seiner ungeborenen Tochter zu machen. Die strenge Gouvernanten-Typ Frau war etwas reservierter, adoptierte mich aber, indem sie mir bei der Nachfrage, ob Tee in der Kanne sei, wortlos welchen eingoss. Ich hätte ihr sagen können, dass es Völker im Vorderen Orient gibt, die das als Einladung zum Sex verstanden hätten, entschied mich aber dagegen, denn irgendwie hatte ich den Eindruck, dass sie das nicht lustig gefunden hätte.

Allein war das Wohlwollen wohl erschöpft, nachdem ich die erste Mahlzeit zu mir genommen habe, denn der Nylon Mann erwähnte seine Tochte nicht mehr und die Gouvernante zog es vor, mich gänzlich zu ignorieren. Die folgenden Ereignisse kann ich dann auch nicht mehr so ganz nachvollziehen, denn ab dem nächsten Tag war ich drei Tage gehörlos, da mein Prozessor ausgetauscht wurde und ich die Übergabe vergeigt habe. Andere Geschichte. Fragt nicht, ich sag’s nicht.

Anyway. Ich bemerkte, dass bei jeder Mahlzeit ein großes Palawer von meinen Tischnachbarn und Patienten an anderen Tischen stattfand. Manchmal schickten Tische sogar Gesandte an weiter entfernte Tische im Restaurant. Da ich den Nylon Man als sehr kontaktfreudig kennen gelernt hatte, dachte ich, dass die Tische sich zu einen Skatturnier organisierten oder andere Aktivitäten planten, um die doch sehr begrenzte Freizeitaktivitäten der Reha jenseits der Therapien aufzulocken. Wenig ahnte ich, dass diese harmlosen Patienten insgeheim schon die Mistforken und Fackeln verteilten und sich zu einem Mob organisierten, der das einzige Ziel hatte, euren treuen Miszellator aus dem Restaurant zu vertreiben.

Nach dem zweiten Tag im Restaurant kam Lapis besorgt zu mir und berichtete, dass die Restaurant-Chefin sich bei ihr gemeldet habe. Es gebe Beschwerden über mich. Ich habe, man höre und staune, während der Mahlzeit Augentropfen in mein schmerzendes Auge getröpfelt. Zuerst verstand ich ihren Punkt nicht, aber es schien so, dass es im Restaurant einer Reha-Klinik wohl als unschicklich gilt, krank zu sein. Verdammt. Ich hoffe, die Seelchen bemerken nicht die Leute mit den Krücken und Rollatoren, denn dann würden sie glatt verhungern. Ich versprach Lapis dann, dass ich wie ein Mann die Schmerzen ertrüge oder , wenn nichts mehr half, verschämt auf die Toilette ginge, um meiner irrationalen Sucht nach Schmerzfreiheit nachzugehen. Da fand ich das Ganze noch einfach zu irreal. Lapis dagegen fand das nicht so lustig. Am nächsten Tag wusste ich, warum

Da wurde ich mit sofortiger Wirkung aus dem Restaurant verbannt. Offenbar hatte sich die Hysterie wie ein Tsunami von meinem Platz aus auf das Klinik-Restaurant ausgebreitet und die arme Restaurant-Managerin wurde mit Beschwerden über mich bombardiert. Wohlgemerkt: Ich habe mich an meinen Tisch gesetzt, artig ‘Guten Tag’ und ‘Guten Appetit’ gesagt. Wenn ich keine Antwort bekam, habe ich das auf die Gehörlosigkeit geschoben. Dann habe ich mein Essen gegessen, bin aufgestanden und fertig. Aber der Mob hatte auch die mühsam dünne Tünche der Rationalität abgeworfen und den „Augentropfen-Vorfall“ als billigen Vorwand enttarnt, denn die Beschwerden handelten jetzt von meinen Essgewohnheiten. Und was machen gestresste Restaurant-Managerinnen, die sich einem Mob aus gelangweilten und aufgepeitschten Patienten gegenübersehen? Richtig, sie geben dem Mob um des lieben Friedens Willen nach und verbannen den Unruhestifter.

Das Ende vom Lied: Ich esse jetzt im Speiseraum der Privatstation mit richtigen Servietten und Scheichs aus Arabien und Patienten, die entweder zu krank sind, um sich zu beschweren. Oder einfach intelligent genug sind, zu erkennen, dass sie nicht im „Club Aldiana Oberfranken“ einen all inclusive Urlaub machen. Der Mob pöbelt derweil weiter mit dem Pöbel. Und wenn sie nicht an ihrer eigenen Borniertheit gestorben sind, suchen sie sich schon ein neues Opfer.

Re(h)animation #1: 24.2.2007

Veröffentlicht in Allgemeines, HomeStory am Februar 24, 2007 von skeltem

Hallo Alle.

Heute fudele (schummele für alle nicht-Rheinländer) ich ein bisschen. Denn dieser Eintrag entsteht nicht im „Internetcafé“ der Reha-Klinik, lauschig am einzigen PC zwischen puzzelnden Senioren, sondern am eigenen PC. Ich bin für zwei Tage auf Freigang und genieße die Freiheit in vollen Zügen. Der Muskelkater ist auch schon besser geworden.

Habe ich „Marathonplan“ geschrieben? Da war ich noch unschuldig und ein klein wenig optimistisch. Ich langweile euch nicht mit den Einzelheiten. Stellt euch einfach vor, das Sport ähnlichste, das ihr in den letzten 10 – 15 Jahren gemacht habt, waren 2 mal 25 Minuten Krankengymnastik in der Woche. Und jetzt stellt euch vor, ihr macht den lieben langen Tag nichts anderes als Gymnastik, Bewegung, Krafttraining u.ä. Autsch!

Ich wollte schon früher schreiben, aber meistens schaffe ich den Weg runter ins „Internetcafé“ nicht. Dazu kommt, dass ich immer noch Probleme mit den Augen habe.

Auf der positiven Seite habe ich tatsächlich etwas zugenommen und an den Paris-Hilton-Beinen und den Size 0 – Armen finden sich wieder Andeutungen von Muskulatur.

Um mit der Band „Fehlfarben“ zu sprechen: Keine Atempause – Reha wird gemacht. Es geht voran!

relativ

Veröffentlicht in Allgemeines, HomeStory am Februar 13, 2007 von skeltem

Hallo Alle.

Ich bin wieder zu Hause. Morgen geht es allerdings wieder los. Dann ziehe ich für einen Monat in eine Reha-Klinik. Sehr zur Erleichterung der armen Lapis, die in der letzten Wochen mein Gegrantele ertragen musste UND mich gepflegt hat UND den Haushalt am Hals hatte. Ach ja, gearbeitet hat sie auch noch. Wenn ich könnte, würde ich ihr einen Urlaub bezahlen. Sie ist wirklich die beste Ehefrau von allen.

Ich danke vielmals für eure guten Wünsche. Dass so viele Leute an mich gedacht haben, hat mich wirklich gerührt. Und dass alles so relativ gut verlaufen ist, kann auch damit zusammenhängen, dass so viele positive Gedanken bei mir waren. Los, beweist mir das Gegenteil :)

Das bringt mich zum Thema der Miszelle: relativ. Mir geht es relativ gut. Verglichen mit der OP von vor zwei Jahren bin ich das blühende Leben und bereit, den einen oder anderen Bonsai auszureißen. Verglichen mit zwei Wochen vor der OP geht es mir natürlich immer noch dreckig, aber man soll ja positiv denken. Ich kann schlucken und essen, was ich will, nur fällt mir der Mist immer aus dem Mund, was relativ frustrierend ist. Außerdem dauert es relativ lange, bis ich das Zeug runter habe. Am Sonntag brauchte ich für anderthalb Cheeseburger und eine Portion Pommes Frites fast zwei Stunden.

Essen ist überhaupt harte Arbeit geworden, denn ich habe relativ viel abgenommen. Ok, im Gegensatz zu Victoria Beckham bin ich eine fette Sau, aber dem Vergleich mit einem „Order of the Stick“-Charakter können zumindest meine Beine standhalten. Trotzdem bin ich relativ fit. Ich kann gehen und sogar die Treppe komme ich alleine runter (und wieder rauf) ohne dass ich länger als 5 Minuten verschnaufen muss.

Mein Gesicht sieht nicht mehr so aus, wie noch nach der OP. Jetzt sieht es so aus, was eine relative Verbesserung ist. Die Ärztin, die mich operiert hat, hat mir aber versichert, dass das Gesicht wieder ins Lot kommt. Und diesmal dauert es auch nicht wieder acht Monate, bis sich der erste Muskel bewegt. Ich kann jetzt schon angewidert gucken, was bei dem Zeug, das ich für die Kalorienzufuhr trinken muss, sehr nützlich ist.

Ihr seht, dass ich fast wieder der Alte bin, minus 6 Kilogramm und einer ordentlichen Mimik. Ab morgen werde ich so lange therapiert, bis ich entweder ganz gesund bin oder keine Lust mehr habe. Ich kann in der Klinik für nur noch 1 Euro die Minute ins Internet und werde da ein Vermögen lassen, denn die Klinik ist relativ öde, da der Altersschnitt so bei 80 liegt und dementsprechend das Angebot für Aktivitäten. Andererseits nach mehreren Stunden Ergo-, Physio- und sonstiger Therapie am Tag, will ich vielleicht auch einfach mal relativ früh ins Bett. Was ich sagen will, ich kann meine E-Mails lesen und werde in die Miszellen gucken und vielleicht auch die eine oder andere Mini-Miszelle schreiben. Lange gehen nicht, sonst muss ich einen Kredit aufnehmen.

Also: die nächste reguläre Miszelle erscheint im März. Ich gehe jetzt packen.

 

CU, Skeltem