Aber, ach, alles ist nicht nur Sport, Abenteuer und lauter anstrengende, aber letztendlich gesunde Sachen in der Reha. Es gibt dort auch den Aspekt der sozialen Interaktion mit den Mitpatienten. Ich, zum Beispiel, wurde zwei Tage nach meiner Ankunft gemobbt.
Dazu muss ich erklären, dass seit der OP mein Gesicht vollständig gelähmt ist. Es kommt zwar langsam wieder Bewegung in die Sache, aber wie alles, was mit Nerven zu tun hat, passiert das sehr langsam. Kurz nach der OP war es fast unmöglich, etwas zu essen, ohne dass die Hälfte der Nahrung mir wieder aus dem Mund fiel. Und da soll man zunehmen
Heute geht es besser, weil der „Tellerlippeneffekt“ nachgelassen hat und ich ein patentes Kerlchen bin, das seine Hände an den richtigen Stellen einzusetzen weiß.
In der Reha-Klinik wurde ich in das Restaurant gesetzt, wo diejengen Essen, die keine Probleme mit dem Essen haben. Da gehörte ich auch hin, denn ich kann alles Essen, auch wenn es etwas länger dauert, bis das Zeug unten ist. Die Verantwortlichen wollten mir wohl einen Gefallen tun, als sie mich in eine Ecke des Restaurants platzierten, in der der Altersdurchschnitt geringfügig unter dem der Klinik lag. Meine Tischnachbarn begrüßten mich höflich bis überschwänglich. Ich musste den Mann im Nylon-Trainingsanzug davon abhalten, mich sofort zum Paten seiner ungeborenen Tochter zu machen. Die strenge Gouvernanten-Typ Frau war etwas reservierter, adoptierte mich aber, indem sie mir bei der Nachfrage, ob Tee in der Kanne sei, wortlos welchen eingoss. Ich hätte ihr sagen können, dass es Völker im Vorderen Orient gibt, die das als Einladung zum Sex verstanden hätten, entschied mich aber dagegen, denn irgendwie hatte ich den Eindruck, dass sie das nicht lustig gefunden hätte.
Allein war das Wohlwollen wohl erschöpft, nachdem ich die erste Mahlzeit zu mir genommen habe, denn der Nylon Mann erwähnte seine Tochte nicht mehr und die Gouvernante zog es vor, mich gänzlich zu ignorieren. Die folgenden Ereignisse kann ich dann auch nicht mehr so ganz nachvollziehen, denn ab dem nächsten Tag war ich drei Tage gehörlos, da mein Prozessor ausgetauscht wurde und ich die Übergabe vergeigt habe. Andere Geschichte. Fragt nicht, ich sag’s nicht.
Anyway. Ich bemerkte, dass bei jeder Mahlzeit ein großes Palawer von meinen Tischnachbarn und Patienten an anderen Tischen stattfand. Manchmal schickten Tische sogar Gesandte an weiter entfernte Tische im Restaurant. Da ich den Nylon Man als sehr kontaktfreudig kennen gelernt hatte, dachte ich, dass die Tische sich zu einen Skatturnier organisierten oder andere Aktivitäten planten, um die doch sehr begrenzte Freizeitaktivitäten der Reha jenseits der Therapien aufzulocken. Wenig ahnte ich, dass diese harmlosen Patienten insgeheim schon die Mistforken und Fackeln verteilten und sich zu einem Mob organisierten, der das einzige Ziel hatte, euren treuen Miszellator aus dem Restaurant zu vertreiben.
Nach dem zweiten Tag im Restaurant kam Lapis besorgt zu mir und berichtete, dass die Restaurant-Chefin sich bei ihr gemeldet habe. Es gebe Beschwerden über mich. Ich habe, man höre und staune, während der Mahlzeit Augentropfen in mein schmerzendes Auge getröpfelt. Zuerst verstand ich ihren Punkt nicht, aber es schien so, dass es im Restaurant einer Reha-Klinik wohl als unschicklich gilt, krank zu sein. Verdammt. Ich hoffe, die Seelchen bemerken nicht die Leute mit den Krücken und Rollatoren, denn dann würden sie glatt verhungern. Ich versprach Lapis dann, dass ich wie ein Mann die Schmerzen ertrüge oder , wenn nichts mehr half, verschämt auf die Toilette ginge, um meiner irrationalen Sucht nach Schmerzfreiheit nachzugehen. Da fand ich das Ganze noch einfach zu irreal. Lapis dagegen fand das nicht so lustig. Am nächsten Tag wusste ich, warum
Da wurde ich mit sofortiger Wirkung aus dem Restaurant verbannt. Offenbar hatte sich die Hysterie wie ein Tsunami von meinem Platz aus auf das Klinik-Restaurant ausgebreitet und die arme Restaurant-Managerin wurde mit Beschwerden über mich bombardiert. Wohlgemerkt: Ich habe mich an meinen Tisch gesetzt, artig ‘Guten Tag’ und ‘Guten Appetit’ gesagt. Wenn ich keine Antwort bekam, habe ich das auf die Gehörlosigkeit geschoben. Dann habe ich mein Essen gegessen, bin aufgestanden und fertig. Aber der Mob hatte auch die mühsam dünne Tünche der Rationalität abgeworfen und den „Augentropfen-Vorfall“ als billigen Vorwand enttarnt, denn die Beschwerden handelten jetzt von meinen Essgewohnheiten. Und was machen gestresste Restaurant-Managerinnen, die sich einem Mob aus gelangweilten und aufgepeitschten Patienten gegenübersehen? Richtig, sie geben dem Mob um des lieben Friedens Willen nach und verbannen den Unruhestifter.
Das Ende vom Lied: Ich esse jetzt im Speiseraum der Privatstation mit richtigen Servietten und Scheichs aus Arabien und Patienten, die entweder zu krank sind, um sich zu beschweren. Oder einfach intelligent genug sind, zu erkennen, dass sie nicht im „Club Aldiana Oberfranken“ einen all inclusive Urlaub machen. Der Mob pöbelt derweil weiter mit dem Pöbel. Und wenn sie nicht an ihrer eigenen Borniertheit gestorben sind, suchen sie sich schon ein neues Opfer.