Händewaschen
Als 1488 das erste Flugblatt erschien, der Vorläufer der heutigen „Bild“-Zeitung, prangte in Großbuchtaben „KUWE AENTFLOGEN. Wâr ißt schûlt?“ (oder so ähnlich) und unter der Titelzeile stand „Juncker Gert zôg das Thier auff. Är hat die holtsten Kuwe, sicht är.“ Das gab sofort Ärger zwischen dem rasenden Reporter, der die Nachricht der entlaufenen Kuh knallhart recherchierte und dem Besitzer des Blattes, der vom Junker Gert zwei Dukaten extra für die lobende Erwähnung der Kühe des Junkers bekam. Ob die entlaufenen Kuh wieder eingefangen wurde ist übrigens nicht überliefert, aber der Reporter verließ das Blatt im Zorn und suchte sie Arbeit bei einem unabhängigen Konkurrenzblatt.
Als Jugendlicher wollte ich unbedingt Journalist werden. Das zerschlug sich dann, als ich einsehen musste, dass meine Vorstellungen von dem Job „etwas“ unrealistisch waren. Trotzdem fand ich mich mit 18 und 19 in der Rolle eines Hobby-Reporters bei einem Kalender mit Redaktionsteil wieder. Ihr kennt die Teile sicher. Heute sind das Hochglanzblätter, die gratis beim Friseur ausliegen und besoffene Teenager auf unwichtigen Partys oder Konzerten lokal unbekannter Bands zeigen. Und natürlich Werbung! Neben einem Beitrag zu schicken neuen Autos, die ein Redakteur mal zur Probe fahren durfte prankt natürlich die großformatige Anzeige vom „Autohaus Klöbmann“.
Damals waren wir jung, brauchten das Geld noch nicht so dringend und hatten lieber ein schäbiges Blatt, waren dafür aber relativ unabhängig. Layoutet wurde am Schneidetisch, die Fotos waren schwarzweiß und griselig und unser Kalender der Liebling der künstlerischen Avant Garde der Kleinstadt. In meiner Eigenschaft als Berichterstatter kam ich das erste Mal in intimen Kontakt mit der Kommunalpolitik. Das führte dazu, dass ich das Reporterdasein relativ schnell aufgab und öfter den dringenden Wunsch verspürte, mich zu waschen.
Das heißt nicht, dass die Jungjournalisten besser waren. Für einen Bericht über Rassismus in Moerser Nachtclubs klapperten sie zum Beispiel alle möglichen Lokale ab, wo unser „Undercover-Türke“ anstandslos eingelassen wurde, bis sie eine Kneipe fanden, bei der der Türsteher den Mann nicht reinlassen wollte. Das gab dann gleich einen Riesenaufhänger. Der ehrgeizige Möchtegern-Wallraff, der das verbrochen hat schreibt jetzt Gedichte für Grußkarten. Hoffe ich jedenfalls. Als ein Freund von mir die Prunksitzung des Karnevalsclubs besuchte und wegen der vielen 12- und 13jährigen Funkenmariechen in kurzen Röcken „Fest für Pädophile“ als Titel seines Berichtes schrieb, stand das Blatt kurz vor dem Aus. Man soll gar nicht glauben, wer alles im Karnevalsverein ist.
Später, nach dem Studium, kam ich über einen Freund an ein Praktikum bei einer niedersächsischen Lokalzeitung. Das Praktikum hat mir viel Spaß gemacht, obwohl ich als Kind die Nase über die Aussicht gerümpft hatte, in einer Lokalredaktion zu sitzen. Durch den sehr souveränen Chefredakteur war die Zeitung recht unabhängig. Der ackerte dafür aber und kannte alle in der kleinen Stadt und ich mag mir nicht vorstellen, wie oft er „sanftem Druck“ ausgesetzt war, doch etwas Gutes über „La Romantica“ zu schreiben. Die Pasta geht übrigens aufs Haus. „Do ut des“ ist Latein für „eine Hand wäscht die andere“. In der Kleinstadt war die eine Hand die Anzeigen, die andere waren Nennungen. Ich als Praktikant durfte u.a. Leserartikel in druckbare Form zu bringen. Da schrieb dann ein „freier Mitarbeiter“ eine kurzen Artikel über das „1. Traditionelle Grillfest“ im Autohaus Paslowski. Oder die Physiotherapeutin K. schrieb etwas über eine neue Methode der Bandscheibenbehandlung in ihrer Praxis. Es stimmt, dass die Lokalzeitungen davon leben, dass die Leser ihre eigenen Namen lesen können. Und wenn sie dabei den Namen ihrer Arbeitsstätte sehen, ist das auch nie verkehrt. Das ist eine völlig legitime Praxis.
Der Kampf der Redaktion gegen die Anzeigen ist so alt wie es Menschen gibt, die anderen etwas mitteilen und damit Geld verdienen wollen. Dabei ist es ein gesunder Kampf, wenn beide Seiten wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind. Denn mit redaktionellen Beiträgen allein konnte man noch nie die Arbeit der Redakteure bezahlen. Umgekehrt kann die Anzeigenabteilung kein Medium ohne Inhalte verkaufen.
Der 2. Teil dieser Miszelle erscheint morgen oder Mittwoch unter dem Titel „korrupt“.
November 6, 2006 um 7:38
Irgendwie wird nicht deutlich warum du nun genau nicht auf der Schiene geblieben bist, wenn es doch ein Kindheitstraum/Berufswunsch war.
mfg
ZZ
November 6, 2006 um 8:11
Das hat auch mit dem Anzeigengeschäft zu tun. Anfang des Jahrzehnts, als ich mit Studium und Zusatzausbildung fertig war gab es eine Krise in den Printmedien und sie haben Leute entlassen statt eingestellt.
Und wie Hurz es an anderer Stelle schon gesagt hat, Redaktionsarbeit ist zu 90% am Schreibtisch und am Telefon. Die Schreibtisch- und Computerarbeit kann ich ja noch verrichten, aber nicht mehr Telefonieren.
Einen Job würde ich natürlich nicht ablehnen, aber so lange sind eben die Miszellen mein Projekt.
Mein Kindheitsberufwunsch war übrigens nicht Journalist, sondern Meeresbiologe. Journalismus kam später, als ich etwas „Bodenständiges“ lernen wollte: Auslandskorrespondent.
November 6, 2006 um 8:47
Und warum nicht Meeresbiologie? Wegen dem Tauchen?
mfg
ZZ
November 6, 2006 um 9:30
Das ist eine andere Geschichte und soll (vielleicht) ein andermal erzählt werden.
November 7, 2006 um 4:31
Na aber Hallo. Daran werde ich dich beizeiten erinnern
mfg
ZZ