Archiv für Oktober, 2006

Samhain

Veröffentlicht in Zeitnah, relativ religiös am Oktober 31, 2006 von skeltem

Ich mag Halloween. Und sei es nur wegen der Ironie. Ist es nicht großartig, dass ein Fest, das auf uraltem keltischen Brauchtum beruht in Europa fast völlig verschwindet oder zur Unkenntlichkeit verändert, von katholischen Immigranten über den Teich verschleppt und dort von den protestantischen Zweitbewohnern begeistert aufgenommen wird? Dann schwappt der mittlerweile stark kommerzialisierte „heidnische“ Brauch wieder zurück auf den Ursprungskontinent und alle regen sich auf, dass er un-europäisch ist und nur eine Erfindung der Süßwarenhersteller, um mehr Karies unter die Kinder zu bringen.

Aber in Wirklichkeit mag ich natürlich Samhain (sprich: So-wein). Ja, nennt mich altmodisch, nennt mich morbide, nennt mich Skeltem. Aber ich hatte schon immer etwas über für die keltischen Feiertage. Besonders die winterlichen. Vielleicht liegt es daran, dass ich am Julfest oder wie die Römer es nannten: am Tag der Ankunft der unbesiegten Sonne (Sol Invictus) geboren wurde. Für die beinharten Christen unter euch: Weihnachten.

Samhain (ich denke: Sämhäin) war das offizielle Ende des Sommers und markierte den Übergang des Jahres in die dunkle Jahreszeit. An den Tagen um Samhain war die Grenze zwischen der Welt der Menschen und der übernatürlichen Welt besonders dünn, weshalb die Druiden große Haufen Holz aufschichteten und verbrannten, um die bösen Geister zu erschrecken. Da sie das bei fast jedem Fest machten, stelle ich sie mir übrigens meistens als pyromanische Miraculixe mit einem Dolmen-Komplex vor. Außerdem nahm man an, dass sich wegen der bevorstehenden Herrschaft des Todes(gottes) die Toten unter die Lebenden mischen würden. Weil das zu peinlichen Situationen führen könnte („Warst du nicht derjenige, der mir damals mit der Hacke…?“), wurden die Toten aus schlechtem Gewissen oder echter Freude gefeiert und man brachte allerlei Opfergaben dar. Gruselig war es trotzdem.

Die christlichen Missionare in ihrer groß angelegten PR-Kampagne zur Verbreitung ihres Brands holten die Leute da ab, wo sie waren und erklärten Samhain kurzerhand zur Zeit, an dem man der Heiligen und der Toten gedenkt. Die Bevölkerung zuckte mit den Achseln und, Feier ist Feier, Tote sind Tote, dachten fürderhin an Heilige, die meist unter entsetzlichen Umständen gestorben sind. Grusel ist auch Grusel. Und am nächsten Tag waren dann ja auch die eigenen Verwandten dran mit dem Gedenken.

In Irland, wo die keltischen Wurzeln besonders stark sind, wurde in der Nacht vor Allerheiligen die Totenbestechung fortgesetzt. Über das Schicksal der Iren ist anderswo geschrieben worden, für diese Miszelle sollte es reichen darauf hinzuweisen, dass irgendwann mehr Iren in den USA lebten, als im Mutterland. Und sie brachten natürlich auch ihren Akzent und ihre Feiertage mit in die neue Welt. Kinder sind Kinder sind Kinder! Und egal, was für ein Fest sie feiern sollen, um an Gratis-Süßigkeiten zu kommen, ob Geburtstag des Großen Spaghettimonsters oder George W. Bush-Tag, sie würden mitmachen. Also adaptierten die kleinen WASPs, oft gegen den ausdrücklichen Willen ihrer Eltern den vage katholischen Brauch. Na ja, der Rest ist Geschichte und heißt Halloween, eine bastardisierte Version von „All Hallows Eve“ (Abend vor Allerheiligen).

Ich vermute, einige Hersteller von Süßwaren witterten irgendwann gegen Ende der 90er, dass die Zeit reif sei, das alte vorchristliche Fest wieder in seine Heimat zurückkehren zu lassen. Oder ihnen reichte einfach nicht, Weihnachten und Ostern geschändet und als leere Kommerzhülle liegen gelassen zu haben. Deswegen ist das „neue“ europäische Halloween auch ein blasser Abklatsch der kommerzialisierten amerikanischen Version des irischen Festes, das durch die Christianisierung verwässert wurde.

Wesentlich ursprünglicher hat sich das Fest in Mexiko gehalten, obwohl der „Dia Allegre de los Muertos“ (Heiterer Tag der Toten), der dort gefeiert wird gar nichts mit Samhain zu tun hat. Der „Tag“ dauert vom 31.10 bis zum 2.11. und ganz Mexiko feiert die Toten mit Blumen, Dekorationen und Festen. Überall findet man „Calaveras“, Skelette in verschiedenen Ausführungen. Süßigkeiten in Skelett- oder Totenschädelform werden verzehrt. Familien picknicken auf den Friedhöfen und an den Esstischen werden Gedecke für die Verstorbenen aufgelegt. Am „Tag der Toten“, glauben die Mexikaner, bekommen die Seelen der Verstorbenen Ausgang und Besuchen für kurze Zeit ihre Familien. Der „Dia de los Muertos“ ist ein Ausdruck des mexikaniscben Synkretismus. Die Völker der vorspanischen Zeit hatten bereits Feste, an denen sie die Toten feierten. Die katholische Kirche versuchte vergebens diese zu unterdrücken. Also vereinnahmten sie die Totenfeiern unter dem Mantel der katholischen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen.

Am 2. November begeht die gesamte katholische Welt übrigens Allerseelen. Meistens geht es dabei aber nicht so fröhlich zu wie in Mexiko, sondern ist eine ernte Angelegenheit. Die Gläubigen pilgern dann zu den Friedhöfen und zünden Grablichter an, damit die Seelen der Toten für kurze Zeit den Weg zu ihnen finden. Ich finde den Gedanken aber nicht traurig, sondern eher tröstlich. Vielleicht koche ich am Donnerstag mal „Haluska“ und lege ein zusätzliches Gedeck auf.

30.10.2006

Veröffentlicht in Allgemeines am Oktober 30, 2006 von skeltem

Hallo Alle!

Es war kein so schöner Monat, aber jetzt ist der Oktober vorbei und die Miszellen gehen weiter. Oder so.

Nein, im Ernst. Ich war am Wochenende im Herzen der Finsternis, sprich Moers, und jetzt verläuft das Leben wohl in den üblichen Schlingen und Kurven. Das bedeutet für euch, dass die Miszellen wieder öfter und regelmäßiger erscheinen. Für morgen kann ich jetzt schon eine zeitnahe Halloween-Miszelle ankündigen.

Bitte denkt jetzt nicht an die „Simpsons“. Die letzte Gruselgschichte habe ich 1980 geschrieben bei meinem Versuch, im Eigenbau ein „John Sinclair“- Fanzine zu machen. Immerhin 2 Ausgaben hatte der „Drudenfuß“. Zum Glück gibt es keine Beweise mehr. Hoffe ich. Andererseits wäre es natürlich eine Herausforderung. Vielleicht nächstes Jahr.

So, jetzt überlasse ich euch eurer Vorfreude.

Ah, noch etwas! Wenn jemand von euch Lust hat, in Coburg an einer „World of Darkness/Vampire“-Runde teilzunehmen, möge er oder sie mir doch bitte eine Mail schicken.

CU, Skeltem

Medientation

Veröffentlicht in Blogroll, HomeStory, Spielkram am Oktober 25, 2006 von skeltem

Die heutige Miszelle schrieb mal wieder das Leben selbst. Ich glaube, dass die Welt manchmal mit Menschen „redet“. Man muss nur richtig zuhören. Heute habe ich, wieder einmal, eine Abmahnung bekommen, weil ich manchmal ein eklig arroganter Bastard sein kann.

Es fing damit an, dass Lapis heute später zur Arbeit musste und wir mal wieder Zeit für eine gute Unterhaltung hatten. Unter anderem ging es um staatliche und private Medien. Ich hatte die Idee, dass staatliche Medien eigentlich ein Unding sind, denn wie sollte da unabhängige Berichterstattung möglich sein? Auf der anderen Seite: wenn alle Medien privat wären würden sie sich nach dem Geld recken und eine „BILD“ung der gesamten Medienlandschaft wäre möglich. Nicht zu vergessen die Gefahr durch einen Berlusconi. Man kann also nicht definitiv für das Eine oder das Andere sein. Ich neigte dann wieder zu einem bisschen Kontrolle, damit alle Fernsehsendungen „Heimwerkern für Blöde“, jeder Radiosender das „Beschissenste der 80er, 90er und den Müll von Heute“ bringt und jede Zeitung in Großbuchstaben schreibt.

Meine liebe Frau wies mich dann darauf hin, und das mit einem gewissen Frost in der Stimme, dass es manchmal einfach entspannend sei, den Fernseher laufen zu lassen und irgend eine hirnlose Sendung zu gucken, bei der man den Kopf abschalten kann. Denn manche Menschen sind einfach müde und erschöpft WENN SIE VON DER ARBEIT kommen und wollen dann nicht noch Arte-Dokus über Gregorianik im späten 17. Jahrhundert sehen. Sie sehe das Privatfernsehen als eine Art Meditationshilfe. Statt in kalten Sälen zu sitzen und zu versuchen, nichts zu sein und nichts zu denken (und manchmal Schläge eines japanischen Mönchs zu riskieren) schalte sie „RTL2“ und habe sofort den gleichen Effekt. Minus den Mönch, also ein echter Vorteil.

Ich wandte dann ein, dass dann ja Arbeitslose die Fans des intellektuellen Medienkonsums sein müssten, aber natürlich hatte ich verloren. Als arbeitsloser Klugscheißer hat man einfach gut reden.

Nachdem Lapis dann gegangen war, überlegte ich, was ich mit dem Tag anfange. Zuerst reparierte ich unser Heimnetzwerk, was ich zu lange vor mir hergeschoben hatte. Dann Miszelle schreiben, klar, aber über was? Vielleicht daddele ich vorher, dann fällt mir etwas ein. Nur ein professioneller Prokrastinierer kommt auf so einen Mist!

Das Spiel, dass mich so süß von sinnvollen Beschäftigungen weglockt, lief aber nicht, weil der Server unten war. Da drückte ich widerwillig mal wieder das Symbol von „The Saga of Ryzom“. Ryzom ist ein schönes Spiel, leidet aber (unverdient wie ich finde) an Spielermangel. Es ist kein Weißbrot-Spiel wie „World of Warcraft“ bei dem man schlucken kann ohne kauen zu müssen, sondern das Online-Spiel Äquivalent zu Vollkornbrot. Leider auch ziemlich trockenes Vollkornbrot. Ich hatte Ryzom fast ein Jahr gespielt, bin dann aber raus weil ich ins Krankenhaus musste und auch irgendwie die Luft raus war. Jetzt hatte ich die Möglichkeit bekommen, es mir wieder anzusehen. Seitdem war ich ein oder zweimal im Spiel, aber es packte mich gar nicht mehr. Jedenfalls „traf“ ich dann heute Vormittag einen alten Bekannten von damals, der mir erzählte, wie wunderbar Ryzom doch sei und was er alles Tolles im Spiel erlebe. Ich selbst war ein paar Mal lustlos durch die Gegend gestolpert, habe ein wenig die schöne Landschaft bewundert, aber eigentlich fand ich es nur noch öde.

Sorenal machte mir deutlich, warum mich das Spiel nicht mehr motiviert. Ryzom ist eins von diesen Spielen, bei denen man seinen Spaß selbst suchen muss. Er entsteht aus der Interaktion mit anderen Spielern und dem Eintauchen in die Spielwelt. Es ist eines der Spiele, die den echten Rollenspielen nahe kommen. Aber man muss sich eben darauf einlassen und aktiv etwas für seine Unterhaltung tun. Und da merkte ich dass ich da eigentlich keine Lust mehr drauf habe. Mein Leben ist momentan so Kraft beanspruchend, dass ich einfach nichts mehr dafür über habe, es in ein Spiel zu investieren.

Und jetzt die Pointe: Das Spiel, das ich gerade so gerne spiele ist ein Asia-Grinder. Also ein Spiel, bei dem man einfach hirnlos auf irgendwelche digitale Monster einschlägt, bis man ein neues Level erreicht hat. Dann geht man an einen anderen Ort und metzelt die nächsten Monster nieder. Die Onlinespiel Entsprechung zu Telenovelas oder Justin Timberlake also. Wenn man so richtig in Fahrt ist, spricht man übrigens auch vom „Zen-Grind“. Eine andere Meditationshilfe also. Im Gegensatz zu Heimwerkersendungen kann der japanische Mönch allerdings auftauchen und der hat meist eine Mörderkelle dabei.

Demokratie

Veröffentlicht in Wissen schaffen, Zeitnah am Oktober 24, 2006 von skeltem

Stellt euch vor es ist Demokratie, und keiner geht hin. Dazu braucht man nicht einmal viel Phantasie, man muss einfach nur die Zeitung lesen oder die Nachrichten verfolgen. In Europa, dem Geburtskontinent der Demokratie gehen immer weniger Menschen wählen. Vor allem fällt das in den ehemals totalitär regierten Ländern des einstigen Warschauer Pakts auf. Tschechien, Polen, die Slowakei hatten in den letzten Wahlen eine Wahlbeteiligung auf USA-Niveau und auch zu den Wahlen in der ehemaligen DDR sind nur knapp über die Hälfte der Wahlberechtigten gegangen.

Ist das die immer wieder von den Medien beobachtete Politikverdrossenheit? Warum haben die Menschen ihre Freiheit erstritten, nur um dann nichts damit anzufangen?Das Analysieren dieser Zusammenhänge überlasse ich gerne den politischen Kommentatoren und anderen professionellen Klugscheißern.

Mich als unprofessionellen Klugscheißer würde interessieren, ob die Demokratie nicht vielleicht heute an dem Ende angelangt ist, das Platon ihr vor rund 2300 Jahren zugedacht hatte.

Wir erinnern uns: In der Politeia hatte Platon von einem idealen Staat gesponnen. Der Staat sollte eine perfekte Verfassung haben und von vollkommenen Philosophen regiert werden. In einem Dialog erörterte er auch die Vor- und Nachteile anderer Regierungsformen, unter anderem der Demokratie. Er schildert den Verfall des idealen Staates durch die Hinwendung der Menschen von hehren Idealen zu weltlichen Gelüsten.

Die Demokratie ist durch eine große Freiheit der Menschen gekennzeichnet, die alle ihren Neigungen nachgehen können. Es herscht eine große Vielfalt an Meinungen und Lebensweisen. Gesetze sind lasch und oft werden Verbrecher nur unvollkommen bestraft. Platon schildert die Demokratie so, wie heutige Konservative vielleicht die „liberale Gesellschaft“ zeichnen würden. Er macht keinen Hehl aus seiner Verachtung für die Wischi-Waschi (meine Worte) Demokraten.

Das Ende ist klar. Es herrschen Beliebigkeit und Sittenverfall. Keine klare Verfassung, sondern nur ein „Trödlerladen“ (seine Worte, natürlich in Altgriechisch) aus dem sich jeder Bürger seinen Vorteil rauspickt. Daran geht die Demokratie auch zu Grunde Die Ordnung bricht zusammen, niemand erkennt mehr Gesetze an, weil er den Staat nicht mehr ernst nehmen kann. Was folgt ist Tyrannei.

Ist das liberale Europa also am Ende? Die Demokratie gescheitert aufgrund der Maßlosigkeit und Unersättlichkeit der demokratischen Menschen wie Platon vor langer Zeit wetterte? Ich hoffe nicht, aber eine Auswahl von Tyrannen hat sich ja schon in Stellung gebracht, um sie zu beerben. Ich gehe mal davon aus, dass die Miszellen-Leser wie der Miszellen-Schreiber fest in der demokratischen Verfassung ihres Heimatlandes verankert sind. Aber Platon hatte schon irgendwie recht, vor allem wenn ich mir die Sperenzchen meines Heimatlandes ansehe. Wer will denn das noch ernst nehmen? Oder wie wir unlängst an dieser Stelle lesen konnten, scheinen die USA ja schon sehr platonisch zu sein. Ist der Tyrann schon vor der Tür? Oder im Hausflur?

Aber was ist die Alternative? Oder besser: Was ist die Alternative wenn man keine Lust hat in einem Land zu leben, dass entweder von religiösen Fanatikern (jedweder Religion) oder Faschisten jeglicher Couleur regiert wird?

Konstitionelle Monarchie, wie Kent in einem Kommentar äußerte? Die gibt es ja in Europa zur Genüge, aber leider sehe ich keine Vorteile außer einem weiteren Posten im Haushalt. Als junger Mensch habe ich auch mal mit der Anarchie geliebäugelt. Ich finde immer noch, dass keine Regierung die beste ist, aber leider müssen erst noch Menschen geboren werden, die die Freiheit in solch einem System nicht ausnützen würden. Weil Freiheit immer auch eine Verpflichtung ist. Und da mangelt es leider bei Platons und den heutigen Demokraten. Die meisten sehen die Demokratie als einen Gemischtwarenladen an, aus dem sie sich das beste herauspicken können. Aber das ist nicht nur das Problem der Bürgerinnen und Bürger, sondern dieser Einstellung wird (in der BRD zumindest) auch von den Politikern gefördert. Es würde Wunder wirken, wenn der Bürger mehr Einfluss hätte, z.B. bei Volksabstimmungen. Oder diese völlig verfilzte undurchsichtige Praxis des Regierens mal offen und ehrlich beleuchtet würde.

Wie ich das sehe ist heute die einzige Alternative zur Demokratie die Tyrannei. Und so beschissen Demokratie manchmal ist und wie frustrierend unbefriedigend einem die Politik der demokratischen Parteien vorkommt, ist sie doch besser als die Alternative. Also tapere ich auch das nächste mal zur Wahl, mache mein Kreuz und bete, dass es die Tyrannei wieder einmal nicht schafft.

Ess-El

Veröffentlicht in Rollenspiele, analog am Oktober 23, 2006 von skeltem

Den hoffentlich nicht allzu fernen Start meiner neuen „Vampire: the Requiem“ Rollenspielgruppe nehme ich mal zum Anlass wieder ein bisschen aus dem Würfelkästchen zu plaudern. Aufgepasst. Heute lasse ich euch sogar einen Blick hinter den Schirm werfen. Es ist mir nämlich ein Bedürfnis einmal meine Art, Rollenspiele zu leiten auszuführen.

Es gibt zwei Arten von Spielleitern (ab jetzt SL): Die Spiel-Leser (S-L) und die Impro-Künstler (I-K). Natürlich gibt es tausend tausend verschiedene Variationen dazwischen, aber um der Diskussion willen gibt es halt nur zwei Arten, ok?

Der S-L ist der harte Arbeiter. Fleißig wie die Ameise bereitet er sich minutiös auf Spielsitzungen vor. Er investiert mehr Arbeit als manche Studenten in die Recherchen zum Schauplatz des Abenteuers im 12. Jahrhundert. Er erstellt Handouts (Materialien für Spieler) auch wenn die Chance, dass diese zum Einsatz kommen eins zu einer Million stehen. Er versucht, sich auf jede noch so absurde Idee der Spieler vorzubereiten. Das allerdings zeigt eine gewisse Hybris, denn meiner Meinung nach wäre ein durchschnittliches Höchstes Wesen damit überfordert. Wenn es das Abenteuer selber schreibt, neigt er zu ausufernden Beschreibungen mit vielen Adjektiven und Wörtern wie „unheimlich“, „düster“, oder „Was macht ihr?“. Da der S-L aber soviel Zeit mit den Vorbereitungen der Spielsitzung verbringt, bleibt ihm selten Zeit, ein Abenteuer zu schreiben. Deswegen neigt dieser Spielleitertyp zu gekauften Modulen (Abenteuern).

Der Vorteil eines S-L ist, dass man sich als Spieler schon verdammt anstrengen muss, um ihn aus der Ruhe zu bringen. Er weiß, was passiert und er weiß, wie er die Spieler dazu bringt, es passieren zu lassen. Im günstigsten Fall denken die Spieler, dass es alles ihre Ideen waren, die zum Fall des Großen Drachen Schmorfleisch führten. Der S-L erstellt verlässliche, grundsolide Abenteuer, die allen Regeln des Genres entsprechen. Als Bonus kommt hinzu, dass S-L dazu neigen auch noch die obskurste Regellücke, die in einer Errata eines vergriffenen Magazins zu lesen war und die der Spiel-Verlag, aber bestimmt nicht der Klugscheißer der Spieler, vergessen hat.

Der Nachteil ist, dass der S-L eben auch das ist. Er liest je nach Talent mal interessant mal dröge seine Geschichten vor. Die weniger erfahrenen S-L kommen derbe ins Schleudern, wenn die Spieler mal nicht den „richtigen“ nächsten Schritt der Geschichte machen, sondern eigensinnig auf ihrer „falschen“ Vorgehensweise bestehen. Des weiteren neigen gekaufte Abenteuer dazu, dem Pizza-Syndrom zu verfallen. Zuerst sind sie ja lecker und es gibt verschiedene Beläge, aus denen man wählen kann. Aber irgendwann schmecken alle gleich und man sehnt sich nach Kartoffeln. Dazu kommt auch, dass für die Entwicklung des eigenen (Spieler-)Charakters sehr wenig Platz ist und die Spielfigur selten mehr Eigenleben entwickelt als ein Halma-Pöppel.

Der I-K ist die Grille unter den Spielleitern. Er macht sich wenig Sorgen und seine Spielvorbereitungen bestehen meist darin, sich zu überlegen, was passieren könnte. Abenteuer haben bei ihm den Umfang eines Zettels mit „Letztes Mal hat Gruppe Mist gebaut (mal wieder). Wie kriege ich sie da raus? WILL ich sie da rauskriegen?“ Und seine Materialien sind Kritzeleien auf Blöcken: „Der Fischhändler in Zuffich heißt Richard (?)!“ Wenn er leitet erzählt er viel und gerne und meistens kohärent. Dem folgen lange Pausen, in denen die Spieler interagieren bis sie verwirrt fragen: „Was machen wir hier eigentlich?“ Kauft der I-K jemals ein Modul verwirft er es spätestens nach der Hälfte der Handlung oder passt die Geschichte so stark an seine Gruppe an, dass der Autor sie nicht mehr wiedererkennen könnte.

Gruppen, die einen I-K haben sind entweder sehr glücklich oder entsetzlich genervt. Der I-K hat keine Ahnung, was passiert, warum es passiert aber das ist seine Stärke. Er unterliegt keinem Zwang irgendeine Handlung voranzutreiben, außer der die seine Spieler bestimmen. Man kann den I-K nicht überraschenden Volten aus der Ruhe bringen, weil er sofort auf sie reagieren kann. Weiterhin ist durch die offene Art seiner Abenteuer die Eigeninitiative seiner Spieler nicht nur erlaubt, sondern auch dringend gefordert. Das Abenteuer eines I-K können Spieler am effektivsten zerstören, indem sie nichts tun.

Die Nachteile eines I-K aufzuführen würde eine weitere Miszelle erfordern. Schlecht vorbereitete Abende können in Desastern enden, wenn der I-K nicht mehr improvisieren kann. Er neigt dazu, Regeln eher als Richtlinien zu betrachten und manchmal führt das zu zweifelhaften Spielleiter-Entscheidungen. Die Spieler haben mehr Arbeit und müssen ihre Geschichten selber suchen. Und manchmal vergisst der I-K Namen, Orte und Ereignisse, deswegen sollten Spieler in einer I-K Gruppe alles sorgfältig protokollieren.

Ich selbst bin ein I-K. In guten Zeit ist das die allerbeste Art, Rollen zu spielen. Ich habe die Spielwelt in meinem Kopf und bin eine völlige Tabula Rasa für die Handlungen der Gruppe. Dabei weiß ich natürlich, um was es in etwa geht, was die Nichtspielercharaktere motiviert und für den Fall, dass die Spieler faul auf ihren Hintern sitzen habe ich ein Arsenal von spitzen Stöcken, mit denen ich sie in die Allerwertesten pieksen kann. Ich kann mich um die Eigenarten des guten Paladins und der liebestollen Verbena-Hexe kümmern. Ich tröste den Kinder-Vampir, wenn seine UZI Ladehemmung hat und besorgen dem Halblings-Dieb Geschäfte, die er ausrauben kann, um im Training zu bleiben. Wenn eine Geschichte von der Gruppe aus irgendwelchen Gründen nicht gespielt werden kann, habe ich sofort eine andere zur Hand. Ich kann meine Gruppe ganze Abende damit verbringen lassen, dass sie sich fast nur mit sich selbst beschäftigen und es als eine der besten Spielsitzungen überhaupt betrachten. Ich kann Gegner in jeder Größe, Form und Geschmacksrichtung mit einem Fingerschnippen erscheinen lassen.

Leider hat das auch Nachteile. Ich bin zwar nicht enge Grenzen von Handlungen gebunden, wohl aber an die Innere Logik der Spielwelt. Und wenn meine Vorstellungen der Spielwelt nicht mit denen der Spieler übereinstimmen, kann es zu Problemen kommen. Manchmal verhaspele ich mich, dann kriegt die Spielwelt unschöne „Dellen“ in denen etwas plötzlich anders als noch vor einer Minute war. Und ich bin leider sehr faul, was Spielregeln angeht.

Zusammenfassend kann ich nur jedem Spielleiter raten zu versuchen, ein ordentlicher S-L zu werden. Gute Improvisationskünstler gibt es nur sehr wenige und wenn ein I-K stinkt, dann stinkt er richtig.

Ethno

Veröffentlicht in Etwas ethnisch, HomeStory am Oktober 20, 2006 von skeltem

Als ich letzte Woche wieder in Moers war habe ich auch A. getroffen, einen Jugendfreund aus ganz frühen Tagen. Ich hatte ihn bestimmt 20 Jahre nicht mehr gesehen und wir haben uns beide sehr gefreut. A. ist der Sohn marokkanischer Eltern. Fragt mich nicht, wie der Borg-Schädel funktioniert, aber das Treffen mit A. hat mich daran erinnert, dass Kent sich bei der ersten oder zweite Miszelle gefragt hat, wie ich dazu gekommen bin, zu studieren, was ich studiert habe. Heute werde ich es nicht erzählen.

Zumindest nicht alles. Die Geschichte, wie ich zur Soziologie gekommen bin wäre mir zu peinlich und Religionsgeschichte ist eine Miszelle für sich. Dass ich Ethnologe geworden bin verdanke ich, wie so vieles in meinem Leben, Frauen.

Aber von Anfang an. Wie gesagt habe ich als Kind viel mit A. und seinem Bruder Y. gespielt. Bei uns in der Zechenkolonie war es damals völlig normal, dass Menschen verschiedener ethnischer Herkunft zusammenlebten. Es gab sicher auch Reibereien, aber das ist meine Erinnerung und da lebten Deutsche, Polen, Italiener, Türken, Griechen usw. in trauter Harmonie zusammen. Na ja, bis auf den Bruder des italienischen Mädchens mit dem ich damals aus der Grundschule nach Hause gegangen bin. Der hat mich (7) verhauen und mir den Umgang mit seiner Schwester (auch 7) verboten. Das war ein harter Schlag, wollte sie doch etwas von mir und nicht umgekehrt. Das Leben ist ungerecht. War das der Grund, warum ich mich später für die Eigenarten und Lebensweisen fremder Völker interessierte? Nein.

Meinen Neigungen auf der Schule entsprechend habe ich angefangen Deutsch und Geschichte auf Lehramt zu studieren. Ich war einer dieser Schüler, die nie genug von der Schule kriegen können und deswegen da alt werden wollen. Also einer jener zukünftigen Lehrer, die mit 30 Selbstmord begehen, weil 99% der Schüler sie hassen. Ich wurde zum Glück gerettet. Ein Teil meiner Rettung war sicher, dass wir so interessante Seminare hatten wie „Die Gründung des Erzbistums Bamberg durch Heinrich II im Jahre 1007“, vulgo: Texte aus dem mittelalterlichen Latein übersetzen. Das Mittelalter bzw. Mediävistik versetzten auch meinem Enthusiasmus für die Germanistik den Todesstoß. Tanderadei.

Es war also klar, dass ich dringend etwas anderes machen musste. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit Konstanze liiert, die Ethnologie und Soziologie studierte. Sie schlug sich gerade mit dem Grundstudium herum und hatte die Funktionalismus-Strukturalismus-Debatte am Hals. Wir redeten öfter darüber und ich stellte sofort fest, dass der Funktionalismus von falschen Voraussetzungen ausging und leicht anfechtbar war, während ich aber die Schwächen des Strukturalismus nicht so leicht durchschaute. He! Ich war 20 und habe Germanistik studiert, na und?! Hat der Kontakt mit dem Fach durch Konstanze mich so gefesselt, dass ich endlich einen Ausweg aus dem Mittelalter-Dilemma sah? Wo denkt ihr hin?

Aus einer völlig anderen Richtung kam dann der Anstoß, das Studienfach und den Studiengang zu wechseln. Über andere Bekannte in Göttingen lernte ich Roberta von Wunsiedel kennen, eine typische Aristokratentochter, die auch Ethnologie studierte. Roberta, mit der ich keine Beziehung hatte, sollte als Proseminarsarbeit etwas über Voudoun schreiben. Da ich schon immer Interesse an religiösen Themen hatte, half ich ihr ein bisschen bei der Recherche. Um genau zu sein, drängte ich mich wohl ein wenig auf. Am Ende vernachlässigte ich sträflich meine Hausarbeit „Handwerksgilden im ausgehenden 14. Jahrhundert“ für Robertas Projekt. Deswegen und weil die Frau, mit der ich die Hausarbeit schrieb mit sämtlichen Büchern zum Thema zwei Wochen verschwand und ohne eine Zeile Text und Lust etwas zu schreiben wieder auftauchte. Wenn mich jemand fragt, warum ich so lange studiert habe, schiebe ich es immer dieser Frau in die Schuhe.

Jedenfalls: Konstanze stellte dann nur noch trocken (und ein bisschen säuerlich fürchte ich) fest, dass ich dann ja auch gleich Ethnologie studieren kann. Da hätte ich auch eher drauf kommen können.

19.10.2006

Veröffentlicht in HomeStory am Oktober 19, 2006 von skeltem

Ich gestalte die heutige Mizelle als Tagebuch-Eintrag, obwohl es eigentlich nur um ein Thema geht.

Danke an die freundlichen mitfühlenden Kommentare zu meinem Nachruf. Besonders Roses Beitrag hat mich sehr bewegt. Rose ist übrigens meine Mutter. Und US und meine C…. sind auch Familie.

Wer schon einmal nahe Familienangehörige verloren hat, dem mus ich bestimmt nichts über Trauer erzählen. Aber die Mizellen sind nicht nur für euch, sondern auch für mich. Also habt bitte etwas Geduld mit mir. Hört meinen Gedankengängen zu oder nicht.

Opa war meine erster wirklicher Trauerfall. Ich habe schon Verwandte und Bekannte verloren, aber da war ich entweder zu jung oder die Betreffenden standen mir nicht so nahe. Ich bin also ein blutiger Anfänger im Trauern. Deswegen mag für mich vieles überraschend sein, was die fortgeschrittenen Traurer schon aus dem Eff-Eff kennen und hassen.

Zuerst ist da diese Leere an der Stelle, wo mein Opa war. Es fühlt sich nicht an, als hätte man mir bei lebendigem Leibe ein Organ entfernt, wie ich vermutet habe. Es ist eher wie ein Loch mit relativ sauberen Rändern. Aber wenn ich an dem Loch herumprökele wie an einer entzündeten Stelle im Mund, bei der man immer nachschauen muss, on sie noch weh tut, überkommt mich eine tiefe tiefe Traurigkeit. Meistens fange ich dann an zu weinen, ohne wirklich genau zu wissen warum.

Dann ist da diese empörende Irrationalität. Ich kann soviel argumentieren und rationalisieren wie ich will. Und ich will oft und viel, wie ihr wisst. Aber die Trauer entzieht sich mir einfach. Sie scheint in unseren Körper eingebaut zu sein wie lachen, wenn wir etwas lustig finden oder weinen, wenn etwas traurig ist. Ich meine übrigens nicht, dass ich sie nicht will. Ich versuche, sie zu verstehen. Ich verstehe Trauer jetzt, aber nicht wirklich. Oder besser: das Verstehen ändert einfach nichts.

Trauer überkommt mich in Wellen und auch das ist nicht, womit ich gerechnet habe. Ich hatte mit einer konkreten Zeit gerechnet, in der ich in tiefer Trauer versinke. Und damit, dass ich da allmählich herauskomme, bis es wieder geht und das Leben einfach weitergeht. Aber es schüttelt mich in Abständen durch. Dazwischen geht es, ich fühle mich OK, habe fast ein wenig schlechtes Gewissen, dass ich nicht weinend in der Ecke liege. Aber dann denke ich an bestimmte Situationen und alles ist wieder schwarz und traurig.

Ich könnte weitermachen, aber damit ermüde ich euch und mich auch. Nächste Woche kann es noch einmal zu einer Lücke in den Miszellen kommen, wenn ich zu Opas Beerdigung fahre. So recht nach lustigen oder sarkastischen Miszellen ist mir auch nicht zu Mute. Aber ich hoffe, dass ich euch auch weiterhin davon überzeugen kann, dass „Meine Miszellen“ ein Must-Read sind.

Opa

Veröffentlicht in Allgemeines am Oktober 16, 2006 von skeltem

Mein Opa war ein Arbeiter.
Er hat hart gearbeitet, um seine Familie in schweren Zeiten durchzubringen. Und als die Kinder selbständig waren, hat er weiter hart gearbeitet, um mich zu versorgen. Er hat sich nie darüber beklagt.

Mein Opa war ein einfacher Mann.
Er ist in Zeiten des Kriegs und des Leids groß geworden. Er hat keine besondere Ausbildung machen können. Aber er war nicht dumm und in dem, was er gemacht hat, konnten ihm wenige etwas vormachen. Er hat nie vornehm geredet, aber er hat gerne und viel erzählt. Aber ich habe viel zu selten zugehört.

Mein Opa war ein ehrlicher Mann.
Er war der am wenigsten gierige Mensch, den ich kenne. Wenn er etwas wollte, dann eigentlich nur, dass es seiner Familie gut geht und vielleicht Anerkennung für seine Arbeit. Was ich an ihm sehr mochte war, dass er völlig unkorrupt war. Sein Herz war so groß, wie warm.

Mein Opa war ein liebevoller Mann.
Er hat seine Familie geliebt, auch wenn er das so nie gesagt hätte. Manchmal muss man erst das Offensichtliche sehen lernen, damit man begreift, dass man geliebt wird. Ich bin glücklich, dass ich in den letzten Jahren endlich meine Borniertheit abgelegt habe und dem in Gesicht sehen konnte, was immer da war.

Mein Opa war ein bescheidener Mann.
Wenn er das hier lesen könnte, würde er bestimmt die Hände in einer abwehrenden Geste ausstrecken. „Alla!“, würde er sagen (das hat er sich von Oma abgeguckt) und die Schultern hochziehen „Was vorbei ist, ist vorbei. Und? Ich hatte ein schönes Leben, kümmert euch jetzt nicht um mich. Mir geht’s schon viel besser.“

Mein Opa ist tot.

Ich vermisse meinen Opa.

Sehr!

Für Franz (4.2.1926 bis 16.10.2006)

12.10.2006

Veröffentlicht in Allgemeines am Oktober 12, 2006 von skeltem

Hallo, alle!

Gestern war tatsächlich ein Rekordtag für die Miszellen. 98 Hits. Ich bin aber Realist genug zu sehen, dass das nichts mit der gestrigen Miszelle zu tun hatte, sondern eher mit der Design-Diskussion bei den Tridents. Wie dem auch sei, ich plane jetzt schon meine Strategie, um die Hits auf über 100 zu bringen. Es wird irgendwas mit Sex zu tun haben. Es schwirren ja immer noch die Nacktfotos von Carmen Nebel herum. Das ist übrigens eine echte Suchanfrage und hat mir Besuche nach der entsprechenden Miszelle eingebracht.

Nach einigen mutigen Design-Versuchen sind wir also wieder bei den guten alten Miszellen. Es soll niemand sagen, dass ich mich dem erklärten Willen einer kleinen Minderheit meiner Leser widersetzen würde. Wenn wir schon einmal dabei sind: Da das Forum so schlecht angekommen ist, würde ich gerne ein Gästebuch einbinden. Wer eine gute Idee hat, wie man das in eine Seite hier integrieren kann, sollte also HTML oder sowas sein, der kann ja einen Kommentar schreiben oder mir eine E-Mail schicken.

Der eigentliche Grund dieses Beitrages ist aber, dass ich euch informieren will, dass ich von heute bis Sonntag weg muss. Und weil ich anfang nächster Woche einige Termine habe, erscheint die nächste Miszelle wohl erst wieder am Mittwoch, dem 18. Oktober. Da ich in nächster Zeit viel Zug fahren muss, versuche ich vorher etwas zu schreiben, das dann am Montag im Netz ist, aber nagelt mich nicht drauf fest.

Ich wünsche euch allen jetzt schon mal ein schönes Wochenende.

Skeltem

Bombe

Veröffentlicht in Lebenshilfe, Zeitnah am Oktober 11, 2006 von skeltem

Als eine neue Rubrik möchte ich die „Lebenshilfen“ in die Miszellen einführen. Ich möchte meine Leser ja nicht nur unterhalten und auf pädagogisch unterhaltsame Art bilden. Ich möchte auch ein wenig von meiner großen Lebenserfahrung weitergeben und praktische Hilfen für die alltäglichen Sorgen meiner Leserinnen und Leser bieten. Also gleich hinein in die erste Lebenshilfe-Miszelle zum Thema: „Was mache ich, wenn ein Wahnsinniger Diktator die Bombe hat?“

Zuerst einmal bewahrt die Ruhe, kein Atom wird so heiß verballert, wie es gespalten wird. Oder doch? Keine Ahnung. Anyway, der fragliche Diktator wird erst einmal eine Weile damit zubringen, sich ein Loch in den Bauch zu freuen, dass er der ganzen Welt ein Schnippchen geschlagen hat. Wahrscheinlich freut er sich, dass die besagte Welt bei einem anderen Diktator gesucht hat. Er hat also das globale Hütchenspiel gewonnen, die Bombe war nicht unter der linken Kokosnusshälfte, sondern unter der ganz rechts.

Aber keine Panik, noch ist nicht alles verloren. Ihr habt jetzt verschiedene Möglichkeiten, wie ihr damit umgehen könnt:

  1. Ihr könnt euch gegenseitig die Fresse polieren. Warum? Irgend jemand hat da Scheiße gebaut und bevor man etwas anderes macht, sollte man erst einmal den Verantwortlichen suchen. Als Nebeneffekt würde es den Diktator amüsieren und wer sich ins Fäustchen lacht, schießt keine Atomraketen ab.

  2. Ihr denkt darüber nach, wie ihr den Diktator für seine Unverschämtheit bestraft. Da das allein schon fast unmöglich sein wird, Wahnsinnige Diktatoren pflegen sich mit ihren Armeen in gut gesicherten Bunkerkomplexen zu verbergen, muss man eben das Volk des Diktators bestrafen. Wenn keiner mehr da ist, den man dirigieren kann, kommen auch Diktatoren in arge Erklärungsnöte

  3. Ihr könnt den Diktator isolieren. Wie auf dem Schulhof spielt dann einfach keiner mehr mit ihm. Soll er doch seine Scheiß-Bombe behalten, interessiert uns doch nicht. Nänänä!

  4. Das genaue Gegenteil. Ihr labert ihn einfach tot. Hofiert ihn, bittet ihn zu Gesprächen, macht, dass er sich wichtig fühlt und versucht ihn davon zu überzeugen, dass so eine Bombe wahnsinnig sexy ist und ladet ihn zu den coolen Partys ein.

 

Meiner Meinung nach ist 1. nie verkehrt. Wenn jemand Scheiße baut, dann geht sicher, dass keiner euch im Verdacht hat. Am besten ihr findet jemanden, der in letzter Zeit Kontakt zu dem Diktator hatte und zeigt mit dem Finger auf ihn. Wenn das ein anderer Diktator ist, umso besser. Wenn der die Bombe nicht hat ist das ein Geschenk des Himmels, denn dann schlagt ihr erst einmal dem die Rübe ab. Strafe muss sein. Aber da kann es leider nicht aufhören. Wir haben ja noch Diktator 1 und seine Bombe.

2. ist problematisch. Aus mehreren Gründen. Die Erfahrung hat gezeigt, das die Völker von Diktatoren hart im Nehmen ist. Sanktionen werden sie mit einem Achselzucken abtun, wenn es bedeutet, dass sie jetzt nur noch eine halbe Tasse Reis pro Tag haben statt einer Dreiviertel. Und Medikamente, Heizung, warme Decken etc. sind für die sowieso Stoff aus Legenden. Man kann sie Bevölkerung natürlich auch auf Nulldiät setzen und ein paar Monate warten. Aber das ist irgendwie… unethisch. Abgesehen davon, dass der Diktator ja wahnsinnig ist und eher sein Volk verrecken sieht als sich von seiner wichtigen Bombe zu trennen.

Die dritte Methode hat auf dem Schulhof auch noch nie geholfen. Wenn der Schulschläger will, dass man ihn wahrnimmt, dann ist das meistens schmerzhaft. Und der Erfahrung nach sind die Mitschüler solche Arschlöcher, dass sie eher mit ihm über dich lachen als dir zu helfen. Methode drei mündet fast zwangsläufig in Methode vier.

Und nichts ist falsch daran. Ok, ihr kommt euch wie miese Opportunisten vor. Aber eure eklige Schleimerei hat ja Methode. Wahnsinnige Diktatoren neigen dazu, klein zu sein, Brille zu tragen, zurückgehende Haaransätze zu haben oder generell unattraktiv zu sein. Mit anderen Worten, der Wahnsinnige Diktator an sich ist ein unsicherer Nerd. Ein Nerd, dem das Schicksal ein paar Megatonnen in die Hand gespielt hat. Und wonach sehnen sich Nerds? Richtig. Anerkennung. Zutiefst verunsichert klammert er sich an seine Bombe in dem sicheren Wissen, dass eigentlich jeder über ihn lacht.

Hier müsst ihr ansetzen und ihn so behandeln, als sei er wichtig, schön und charismatisch. Ladet ihn zu Verhandlungen ein und lasst durchblicken, dass ihr ihn immer schon bewundert habt. Schon vor der Bombe. Und ihr möchtet gerne sein Freund sein. Am besten kennt ihr ein paar der Reichen und Schönen, die für einige Scheine so tun, als würde er dazugehören. Schöne Frauen sind ein sicherer Plan, da er fast immer Probleme mit seiner Sexualität hat. Seid begeistert über den Hauptexportartikel seines Landes und wenn es Gras in Flaschen ist. Schließt Handelsabkommen. Füllt ihn so richtig mit seiner eigenen Wichtigkeit ab. Ihr werdet sehen, in ein paar Monaten ist er so zahm wie ein Pudel.

Und was sollte die anderen Wahnsinnigen Diktatoren daran hindern, sich ebenfalls die Bombe zu besorgen, damit sie auch in den VIP-Bereich eingeladen werden? Ganz einfach. Verleiht ihm den Friedensnobelpreis und knippst ihn bei der Zeremonie aus.

Ich hoffe, ich konnte euch weiterhelfen.