Ich mag Halloween. Und sei es nur wegen der Ironie. Ist es nicht großartig, dass ein Fest, das auf uraltem keltischen Brauchtum beruht in Europa fast völlig verschwindet oder zur Unkenntlichkeit verändert, von katholischen Immigranten über den Teich verschleppt und dort von den protestantischen Zweitbewohnern begeistert aufgenommen wird? Dann schwappt der mittlerweile stark kommerzialisierte „heidnische“ Brauch wieder zurück auf den Ursprungskontinent und alle regen sich auf, dass er un-europäisch ist und nur eine Erfindung der Süßwarenhersteller, um mehr Karies unter die Kinder zu bringen.
Aber in Wirklichkeit mag ich natürlich Samhain (sprich: So-wein). Ja, nennt mich altmodisch, nennt mich morbide, nennt mich Skeltem. Aber ich hatte schon immer etwas über für die keltischen Feiertage. Besonders die winterlichen. Vielleicht liegt es daran, dass ich am Julfest oder wie die Römer es nannten: am Tag der Ankunft der unbesiegten Sonne (Sol Invictus) geboren wurde. Für die beinharten Christen unter euch: Weihnachten.
Samhain (ich denke: Sämhäin) war das offizielle Ende des Sommers und markierte den Übergang des Jahres in die dunkle Jahreszeit. An den Tagen um Samhain war die Grenze zwischen der Welt der Menschen und der übernatürlichen Welt besonders dünn, weshalb die Druiden große Haufen Holz aufschichteten und verbrannten, um die bösen Geister zu erschrecken. Da sie das bei fast jedem Fest machten, stelle ich sie mir übrigens meistens als pyromanische Miraculixe mit einem Dolmen-Komplex vor. Außerdem nahm man an, dass sich wegen der bevorstehenden Herrschaft des Todes(gottes) die Toten unter die Lebenden mischen würden. Weil das zu peinlichen Situationen führen könnte („Warst du nicht derjenige, der mir damals mit der Hacke…?“), wurden die Toten aus schlechtem Gewissen oder echter Freude gefeiert und man brachte allerlei Opfergaben dar. Gruselig war es trotzdem.
Die christlichen Missionare in ihrer groß angelegten PR-Kampagne zur Verbreitung ihres Brands holten die Leute da ab, wo sie waren und erklärten Samhain kurzerhand zur Zeit, an dem man der Heiligen und der Toten gedenkt. Die Bevölkerung zuckte mit den Achseln und, Feier ist Feier, Tote sind Tote, dachten fürderhin an Heilige, die meist unter entsetzlichen Umständen gestorben sind. Grusel ist auch Grusel. Und am nächsten Tag waren dann ja auch die eigenen Verwandten dran mit dem Gedenken.
In Irland, wo die keltischen Wurzeln besonders stark sind, wurde in der Nacht vor Allerheiligen die Totenbestechung fortgesetzt. Über das Schicksal der Iren ist anderswo geschrieben worden, für diese Miszelle sollte es reichen darauf hinzuweisen, dass irgendwann mehr Iren in den USA lebten, als im Mutterland. Und sie brachten natürlich auch ihren Akzent und ihre Feiertage mit in die neue Welt. Kinder sind Kinder sind Kinder! Und egal, was für ein Fest sie feiern sollen, um an Gratis-Süßigkeiten zu kommen, ob Geburtstag des Großen Spaghettimonsters oder George W. Bush-Tag, sie würden mitmachen. Also adaptierten die kleinen WASPs, oft gegen den ausdrücklichen Willen ihrer Eltern den vage katholischen Brauch. Na ja, der Rest ist Geschichte und heißt Halloween, eine bastardisierte Version von „All Hallows Eve“ (Abend vor Allerheiligen).
Ich vermute, einige Hersteller von Süßwaren witterten irgendwann gegen Ende der 90er, dass die Zeit reif sei, das alte vorchristliche Fest wieder in seine Heimat zurückkehren zu lassen. Oder ihnen reichte einfach nicht, Weihnachten und Ostern geschändet und als leere Kommerzhülle liegen gelassen zu haben. Deswegen ist das „neue“ europäische Halloween auch ein blasser Abklatsch der kommerzialisierten amerikanischen Version des irischen Festes, das durch die Christianisierung verwässert wurde.
Wesentlich ursprünglicher hat sich das Fest in Mexiko gehalten, obwohl der „Dia Allegre de los Muertos“ (Heiterer Tag der Toten), der dort gefeiert wird gar nichts mit Samhain zu tun hat. Der „Tag“ dauert vom 31.10 bis zum 2.11. und ganz Mexiko feiert die Toten mit Blumen, Dekorationen und Festen. Überall findet man „Calaveras“, Skelette in verschiedenen Ausführungen. Süßigkeiten in Skelett- oder Totenschädelform werden verzehrt. Familien picknicken auf den Friedhöfen und an den Esstischen werden Gedecke für die Verstorbenen aufgelegt. Am „Tag der Toten“, glauben die Mexikaner, bekommen die Seelen der Verstorbenen Ausgang und Besuchen für kurze Zeit ihre Familien. Der „Dia de los Muertos“ ist ein Ausdruck des mexikaniscben Synkretismus. Die Völker der vorspanischen Zeit hatten bereits Feste, an denen sie die Toten feierten. Die katholische Kirche versuchte vergebens diese zu unterdrücken. Also vereinnahmten sie die Totenfeiern unter dem Mantel der katholischen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen.
Am 2. November begeht die gesamte katholische Welt übrigens Allerseelen. Meistens geht es dabei aber nicht so fröhlich zu wie in Mexiko, sondern ist eine ernte Angelegenheit. Die Gläubigen pilgern dann zu den Friedhöfen und zünden Grablichter an, damit die Seelen der Toten für kurze Zeit den Weg zu ihnen finden. Ich finde den Gedanken aber nicht traurig, sondern eher tröstlich. Vielleicht koche ich am Donnerstag mal „Haluska“ und lege ein zusätzliches Gedeck auf.