Flöhe

Am Wochenende ist es wieder soweit. Dann verwandelt sich Coburg in Dodge City, die Itz wird zu Yukon und ein Flair von Kasbah und Kathedrale weht durch die kleine oberfränkische Metropole. Wem das zu viele widersprüchliche Bilder sind, war noch nie beim Flohmarkt in Coburg.

Zweimal im Jahr wird Coburg zur Grenzstadt, zur Frontier City. Schon Tage bevor der Markt beginnt legt sich eine gespannte Erwartung über die Stadt. Die Sheriffs sind nervös und beäugen Fremde besonders misstrauisch. Und bei einer Stadt, die so viele Besucher hat, ist das misstrauisch beäugen dann ein 24-Stunden-Job. Zum Glück sitzen die Colts nicht locker, aber die Einheimischen ducken sich schon mal nervös in ihre sicheren Wohnhäuser und gucken durch Vorhänge zu, wie seltsam aussehende Gestalten auftauchen.

Etwa eine Woche vor dem Ereignis stecken die ersten Geldsucher ihren Claim ab. Überall in der Stadt tauchen Zeichen auf dem Boden auf. Sie beschreiben einen Raum, auf dem geschürft werden soll und die Namen der Schürfer. Kurz vor dem Markt ist ganz Coburg in kleinere oder größere Quadrate, Rauten oder Kreise eingeteilt. Teils mit Kreide auf den Boden gemalt oder mit Klebeband abgeklebt.

Am Samstag tauchen dann die Goldsucher selber auf. Sie sitzen gemütlich in der Fußgängerzone auf Klapp-, Liege-, Garten- oder anderen, exotischeren Stühlen. Sie beobachten das Treiben und werden von den Unwissenden begafft. Diese finden es schwer einzuordnen, warum Scharen von Menschen einfach so in der Fußgängerzone sitzen, eine Thermoskanne immer griffbereit und je nach Wetter entweder in eine dicke Decke gehüllt oder im Schatten eines mitgebrachten Sonnenschirms. Die Coburger und diejenigen, die das Spektakel schon einmal mitgemacht haben wissen, dass es sich um die misstrauischeren Händler handelt.

Am Nachmittag, nachdem die legitimen Ladenbesitzer ihre Läden geschlossen haben bauen die legitimen Standbesitzer ihre Stände auf. Das ist eine kritische Phase und die Marktsheriffs sind doppelt angespannt. Denn obwohl es meines Wissens bei Claim-Streitigkeiten noch keine Verletzten gegeben hat, sind die Geldsucher nicht über einen handfesten Streit erhaben, wenn es darum geht, Standrechte zu verteidigen, die womöglich schon seit Generationen existieren. Der häufigste Anlass für eine Zänkerei ist, dass ein junger dynamischer Händler einen Claim abgesteckt hat, der „rechtens“ einem älteren schon seit ca. 170 Jahren „gehört“. Dieser aber keine Zeit hatte, ihn zu markieren und sowieso ja jeder weiß, dass ich hier schon seit und fragen Sie doch die da, die sind immerhin auch schon seit 15 Jahren….

Irgendwann ist auch das geregelt und der Markt beginnt. Mit dem orientalischen Flair einer Dönerbude ist die gesamte Innenstadt jetzt von Ständen zugestopft auf denen allerlei Ramsch angeboten wird. Zusammen mit der historischen Kulisse Coburgs entsteht so ein Bild, das an „die schlechte Zeit“ nach dem Krieg gemahnt, nur dass der Schwarzmarkt wegen der ganzen Eichenmöbel in eher bräunlichen Tönen erstrahlt.

Jetzt wird Coburg für einen Moment zu einer richtigen Stadt. Von nah und fern und nicht nur aus Oberfranken strömen (!) Besucher, die hoffen, das ein oder andere Schnäppchen zu machen. Einen Eierkocher für 50 Cent, der fast noch geht. Oder eine hässliche Uhr im Gelsenkirchner Barockstil, die dafür aber nur 2 Euro kostet und im Gästezimmer hängen kann, Das ist das Schöne am Floh- oder auch Trödelmarkt. Plötzlich gewinnen sogar gehäkelte Toilettenrollenüberzüge Charakter. Toaster sind hier nicht nur Toaster sondern „Guck mal, der sieht doch gut aus, meinst du nicht unsere Tochter freut sich darüber, die wollte doch einen Toaster“. Trotz Schubsens und Schiebens und Ware, die normalerweise auf eine Sperrmüllkarte gehörte sind die Marktbesucher glücklich und die Standbesitzer froh, dass sie das hässliche Teil doch nicht weggeschmissen haben.

Der Markt dauert übrigens die ganze Nacht an und es ist ein großes Vergnügen für alle Beteiligten, wenn Kunden in finstrer Nacht die Ware mit Taschenlampen erhellen und versuchen, sich deren Zustand zu ertasten. Diese abgemilderte Form des „Russischen Roulettes“ erzeugt immer wieder Heiterkeit, wenn die so erstandenen Schätze dann bei Licht betrachtet werden.

Eines der größeren Rätsel bei dem Flohmarkt, bei allen Flohmärkten sind die überaus hässlichen Porzellanfiguren- und geschirre. Diese sehen meist aus, als habe irgendein Rokoko-Künstler ausprobiert, wie weit er es mit Rosa, Rüschen und lustigen Tiermotiven treiben kann, bevor ihm schlecht wird. Ihr kennt das Zeug, das unter dem Sammelbegriff „Nippes“ einen Kölner Stadtteil dauerdiffamiert sicher. Ich frage mich ernsthaft, wer so etwas kauft? Das Zeug stellt nicht nur einen Anschlag auf den Geschmack dar, ich gehe sogar so weit zu sagen, dass es der „9/11“ für jeden Geschmack ist. Meine Vermutung ist, dass sich die Händler den Nippes gegenseitig abkaufen. Oder sie tauschen. Nach dem Motto: „Ich ertrage die Ballerina mit dem rosa Tütü einen Monat lang, wenn du meinen humorvollen Hund und den Buben mit der Latzhose nimmst“.

Ich freue mich schon auf den Flohmarkt. In diesem Jahr werde ich vielleicht sogar teilnehmen. Letztes Jahr habe ich mich mit einigen schrecklichen Büchern, die ich loswerden wollte, kurz vor die Tür gestellt (denkt Hohlbein) und habe tatsächlich 5 Euro dafür bekommen. Dieses Mal werde ich sicher etwas von dem Zeug los, dass ich im Juni gekauft habe. Ich weiß nicht mehr, warum ich 2 „Carrera“-Autos, eine nicht funktionierende Popcorn-Maschine und ein elekrtisches Dartbrett, an dem die Pfeile nicht haften, gekauft habe. Aber es war sicher ein Schnäppchen.

Eine Antwort zu “Flöhe”

  1. [...] don’t cry Jump to Comments Heute ist wieder großer Flohmarkt in Coburg. Wie immer musste man das genaue Datum nicht kennen, sondern nur auf den Boden gucken. [...]

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