Hilfe

Gestern stand ich den ganzen Vormittag in der Fußgängerzone. Nein, die Arbeitsagenten haben mir keinen Ein-Euro-Job bei einer südamerikanischen Folkloregruppe verschafft („Sie als Ethnologe…“). Gestern war in Coburg der „Tag der Selbsthilfegruppen“.

Seit letztem Herbst bin ich Mitglied in einer Selbsthilfegruppe für Schwerhörige. Normalerweise trete ich Gruppen ausschließlich in Online-Spielen bei. Selbst als ich noch gut hören konnte, war ich nicht der Typ, der wenn er zwei Leute trifft, spontan einen Verein gründet. Aber das Schicksal in Form von Lapis, einer Ärztin und einer Hörgerateakustikerin hat mich praktisch dazu gezwungen und ich kann Frauen einfach nicht widersprechen. Und letztendlich hatten die Damen ja recht. Ich finde zwar, dass Lapis übertreibt, wenn sie von der heilsamen Wirkung der monatlichen Treffen berichtet. Aber irgendwo tut es doch gut, wenn man Verbündete gegen die grausame Oppression der Hörenden hat. Lapis sagt, dass ich selbstbewusster von den Treffen komme. Ich denke, es freut sie, wenn ich Bäckerei-Verkäuferinnen zur Schnecke mache, die mich blöd anmachen, weil ich ihr Genuschele nicht verstanden habe. Sie hasst Bäckerei-Verkäuferinnen.

Der Tag ist schon länger geplant und wenn bei unseren Treffen die Sprache darauf kam, wurden die meisten von uns etwas unruhig und entdeckten plötzlich eine interessante Stelle an der Decke, die sie unbedingt ansehen mussten. Ich dachte, ich sei aus dem Schneider, weil ich ja zu Lapis’ Mutter Familienfest fahre. Frau Weiß, die Gründerin der Gruppe verkündete beim vorletzten Mal mit dem Ausdruck echten Bedauerns („Oscar!“), dass sie von ihrer Arbeit her eine ganze Woche wegfahren müsse und leider leiden an dem Tag nicht könnte. Herr Still, der Co-Gründer berichtete beim letzten Mal, dass er ein super günstiges Angebot für einen Urlaubsflug hätte, das er einfach nicht ablehnen könne. Man konnte sehen, wie alle fieberhaft nach Gründen suchten, nicht einen Vormittag in der Fußgängerzone verbringen zu müssen. Frau Waid erinnerte sich plötzlich daran, dass ihre Schwiegertochter aus Kanada an diesem Wochenende zu Besuch kommt und Herr Delling entdeckte plötzlich WM-Karten, die man natürlich nicht verfallen lassen kann. („Für das Achtelfinale!!!“ „Na ja, man gönnt sich ja sonst nichts.“ Für DEUTSCHLAND??!!“ „Äh, ne die anderen, die, na ihr wisst schon.“)

Frau Schlank erwischte es schließlich, und ich vermute fast, sie wollte, dass unsere Gruppe vertreten ist. Leider war es auch der Tag, als Lapis mich von der Gruppe abholte und wir waren gerade dabei, das leidige Thema zu besprechen, als sie hereinkam. Frau Weiß sagte gerade: „Wie schade, dass Sie an diesem Tag nicht da sind.“ „Ja“, antwortete ich und versuchte ein zerknirschtes Gesicht, „wirklich schade.“ „Wieso bist du nicht da?“, fragte Lapis. „Weil wir doch auf der Feier deiner Mutter sind.“ „Aber die Feier ist eine Woche früher als der Selbsthilfetag.“ Ich schluckte. „Nicht am 24.6.?“ „Nein, am 17.6.“ Frau Weiß kann zuckersüß lächeln. „Na, dann können Sie ja mit Frau Schlank unsere Gruppe vertreten.“ Ich weiß, wann ich verloren habe und murmelte „Super.“

Frau Georg, die von uns allen am schlechtesten hört, sagte: „Was ist am 24.? Da habe ich Zeit.“

Den eigentlichen Selbsthilfetag schildere ich morgen in „Selbst“.

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