Vielleicht ist euch aufgefallen, dass es in den letzten Tagen keine Miszelle gab. Das lag an einem Buch, oder besser einer Buchreihe, vor der ich euch hier eindringlich warnen möchte. In der Reihe „Skeltems paradoxe Interventionen“ rate ich euch heute ab, jemals ein Buch aus George R.R. Martins „Lied von Eis und Feuer“ in die Hand zu nehmen. Es könnte euer Leben, sagen wir, sehr viel komplizierter machen.
Ich muss vorschicken, dass ich mich auf die englische Ausgabe beziehe, aber ich nehme mal an, dass die deutschen Bücher ähnlich verheerend sind. „The Song of Ice and Fire“ (SIF) umfasst bis jetzt 4 oder 5 Bücher? 4 oder 5? Ist Skeltem völlig durchgeknallt? Mitnichten. Der 3. Band „A Storm of Swords“ wurde in 2 Bücher aufgeteilt, aber es ist auch eine Einzelausgabe erhältlich. Was für einen Grund sollte es dann geben zwei Bücher zu kaufen? Euere Gesundheit und euer Leben. Ich erläutere das später. Erst erzähle ich ein wenig, worum es in dieser Reihe eigentlich geht.
SIF ist zunehmend Fantasy. Zunehmend? Ja doch. Können wir jetzt ohne Zwischenfragen weitermachen? Ok. Danke. Der erste Teil von SIF, „A Game of Thrones“ (AGT) beginnt als politischer Roman in einer pseudo-mittelalterlichen Welt. Der Kontinent Westeros, in dem die meisten Kapitel von SIF spielen, wird von dem feudalen Imperium der „Sieben Königreiche“ beherrscht. Ehemals bestand Westeros auch aus jenen Königreichen bis die Dynastie der Targaryen aus dem Osten kam und den Kontinent mit Hilfe von Drachen eroberte. Wie es bei Dynastien, deren Herrscher mit Vorliebe ihre Schwestern heiraten gerne passiert, wurden die Targaryens zunehmend wunderlich und gegen den letzten König Aerys wäre das Stiefelchen Caligula ein ungezogener Schuljunge gewesen. Irgendwann reichte es den Familien Westeros’ und sie zettelten eine Revolution an und brachten (fast) alle Targaryens um. Die letzten Drachen waren schon 100 Jahre zuvor gestorben und so hatten die Drachenherrscher nur noch ihre Armeen und die reichten nicht gegen einen ganzen Kontinent. Der Rädelsführer der Revolte, Robert Baratheon, krönte sich zum König über ganz Westeros. Allerdings rührten sich bei den Familien, die ehemals die Könige der Sieben Königreiche stellten, Vorbehalte gegen Robert, einen Säufer und Frauenhelden, dessen beste Tage dann auch mit dem Sieg über die Targaryens beendet waren. Seit dem Fall der Dynastie bereiteten sich die ehrgeizigeren Familien auf den Tag vor, an dem Robert stirbt.. Und ich verrate sicher nicht zuviel, wenn ich sage, dass genau der Fall in der Mitte von AGT eintritt. Parallel zu den Ereignissen in Westeros verfolgt der Roman auch die Geschichten der beiden letzten Targaryens Viserys und Daenerys, die jenseits des Meeres versuchen, eine Armee aufzustellen, um ihr rechtmäßiges Reich in Westeros zurückzuerobern.
Bis hierhin ist das Buch ein sehr sehr spannender politischer Roman. Die Filigranität mancher Intrigen verschlägt einem den Atem und wenn der Protagonist Eddard Stark von Haus Stark einem dunklen Geheimnis auf die Spur kommen will, das seinen Vorgänger das Leben gekostet hat, schlägt das manchen Thriller. Bis zu Robert Baratheons Tod, muss ich rückblickend sagen, war die Welt von SIF auch noch „in Ordnung“. Es gab zwar Andeutungen schlimmer Dinge, aber alles hielt sich im Rahmen „normaler“ Geschichten. Ich war sogar ein wenig enttäuscht, wie „low“ die Fantasy ist. Zwar existieren Drachenknochen, aber die Drachen sind schon lange weg und Magie existiert höchstens in Geschichten und Legenden. Es gibt zwar Berichte über die „Anderen“, untote Kreaturen gegen die eine riesige Mauer im Norden des Kontinents gebaut wurde, aber in der Zeit, in der AGT spielt, sind die „Anderen“ nicht mehr als Kindermärchen. Dann aber bricht die Hölle los. Viele, die geglaubt haben, sie könnten beim „Spiel der Throne“ mitspielen, stellen plötzlich fest, dass sie sich völlig verrechnet haben und viele bezahlen dafür mit ihrem Leben. Weil Robert aber früher als erwartet stirbt, sind noch nicht alle Pläne vollendet. Das Ergebnis ist eine Reihe von Anwärtern auf den Thron der Sieben Königreiche und das bedeutet natürlich Krieg. Am Ende von AGT kehren übrigens die Drachen zurück und die ganz Welt verändert sich. Was aber kaum jemand merkt.
Die Handlung von SIF dreht sich also um den Krieg in Westeros und dessen Folgen. Außerdem verfolgen wir das Schicksal der Königskinder im Osten und die Ereignisse im Norden an der Mauer, wo die „Anderen“ nach Jahrhunderten wieder in Erscheinung treten. Aber diese Beschreibung ist nur sehr unzureichend für die Ebenen und Meta-Ebenen, auf denen sich die Reihe bewegt.
Warum warne ich also vor SIF. Bis hierher hört sich das doch ganz an. Weil die Bücher verflucht sind, deswegen! Wenn man sie anfasst, kann man sie nicht mehr weglegen. Und solange man sie in den Händen hat, muss man sie lesen. Und ich meine nicht, immer mal wieder reinschauen, wenn man Zeit hat. Ich meine, man muss sie lesen, wenn man wach ist. Und darüber hinaus. Sei ich „A Feast for Crows“ bekommen habe, konnte ich kaum sechs Stunden in der Nacht schlafen. Und nun stellt euch das vor, wenn ihr früh raus müsst! Und das schlimmste ist: Die Mistdinger sind dick! Der „Herr der Ringe“ ist ein Pups gegen SIF. Rund 2700 Seiten (englische Ausgabe). Bevor ich mir „A Feast for Crows“ bestellt habe, musste ich wirklich überlegen, ob ich schon wieder bereit bin, mir Nächte um die Ohren zu schlagen.
Als nächstes sind die SIF-Bücher viel zu unorthodox. Ihr erinnert euch, wie ich mich über Nick Hornby echauffiert habe? Ein Witz! Wo Hornby bloß von tradierten Erzählmustern abgewichen ist, stellt Martin sie an die Wand und gewährt ihnen keine letzte Zigarette. Er tötet Protagonisten! Da erlebt man die Geschichte 500 Seiten durch die Augen einer Figur, und dann sieht man sie durch die Augen einer anderen sterben. Niemand ist sicher! Man hat sich für einen Protagonisten erwärmt und denkt, dass ich ein sympathischer. Und plötzlich begeht er mal eben die schlimmsten Gräueltaten. Oder man hasst eine Figur, die plötzlich ihre Menschlichkeit entdeckt. Männer, Frauen und Kinder können in SIF Opfer und Täter sein. Gut und Böse, die klassische Fantasy Dichotomie, sucht sie nicht in SIF. Es gibt Figuren, die sind vielleicht weniger brutal und grausam als andere. Aber das heißt nicht, dass sie gut sind. Martin verhindert effektiv, dass man sich auf eine Seite schlägt, weil es am Ende nur Opfer und Täter gibt und meistens sind alle beides.
Wenn ihr euch aber entgegen meinen dringenden Warnungen ein oder mehrere Bücher des SIF zulegen solltet, warne ich euch eindringlich und ernsthaft: das sind keine Kinderbücher! Gerade die Kapitel, in denen es um den Krieg in Westeros geht, sind absolut schonungslos. Krieg wird so beschrieben, wie er wohl ist: brutal, dreckig und Seelen zerstörend. Menschen werden verstümmelt, gefoltert und Frauen reihenweise vergewaltigt. Als ich „A Clash of Kings“ las, war ich stellenweise wirklich geschockt. Meinem 14jährigen Kind würde ich die Bücher nicht geben. Ach die Sexszenen lassen wenig Raum für Phantasie. Wären die Bücher ein Film, wäre er „ab 18“.
Ihr seht, dass es besser ist, wenn ihr nie einen Blick in die Bücher werft, denn es könnte euer letzter ruhiger Moment für ca. 1000 Seiten sein. Eure Arbeit, Partnerschaft und soziales Leben wird leiden. Wahrscheinlich werdet ihr konventionelle Fantasy nicht mehr ertragen können und das Wort „Ritterlichkeit“ wir euch würgen machen: Wenn ihr SIF trotzdem lest, gebt mir keine Schuld für die Folgen. Ich habe euch ja gewarnt.
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