Archiv für Juni, 2006

Gesang

Veröffentlicht in Film-Buch-Filmbuch am Juni 30, 2006 von skeltem

Vielleicht ist euch aufgefallen, dass es in den letzten Tagen keine Miszelle gab. Das lag an einem Buch, oder besser einer Buchreihe, vor der ich euch hier eindringlich warnen möchte. In der Reihe „Skeltems paradoxe Interventionen“ rate ich euch heute ab, jemals ein Buch aus George R.R. Martins „Lied von Eis und Feuer“ in die Hand zu nehmen. Es könnte euer Leben, sagen wir, sehr viel komplizierter machen.

Ich muss vorschicken, dass ich mich auf die englische Ausgabe beziehe, aber ich nehme mal an, dass die deutschen Bücher ähnlich verheerend sind. „The Song of Ice and Fire“ (SIF) umfasst bis jetzt 4 oder 5 Bücher? 4 oder 5? Ist Skeltem völlig durchgeknallt? Mitnichten. Der 3. Band „A Storm of Swords“ wurde in 2 Bücher aufgeteilt, aber es ist auch eine Einzelausgabe erhältlich. Was für einen Grund sollte es dann geben zwei Bücher zu kaufen? Euere Gesundheit und euer Leben. Ich erläutere das später. Erst erzähle ich ein wenig, worum es in dieser Reihe eigentlich geht.

SIF ist zunehmend Fantasy. Zunehmend? Ja doch. Können wir jetzt ohne Zwischenfragen weitermachen? Ok. Danke. Der erste Teil von SIF, „A Game of Thrones“ (AGT) beginnt als politischer Roman in einer pseudo-mittelalterlichen Welt. Der Kontinent Westeros, in dem die meisten Kapitel von SIF spielen, wird von dem feudalen Imperium der „Sieben Königreiche“ beherrscht. Ehemals bestand Westeros auch aus jenen Königreichen bis die Dynastie der Targaryen aus dem Osten kam und den Kontinent mit Hilfe von Drachen eroberte. Wie es bei Dynastien, deren Herrscher mit Vorliebe ihre Schwestern heiraten gerne passiert, wurden die Targaryens zunehmend wunderlich und gegen den letzten König Aerys wäre das Stiefelchen Caligula ein ungezogener Schuljunge gewesen. Irgendwann reichte es den Familien Westeros’ und sie zettelten eine Revolution an und brachten (fast) alle Targaryens um. Die letzten Drachen waren schon 100 Jahre zuvor gestorben und so hatten die Drachenherrscher nur noch ihre Armeen und die reichten nicht gegen einen ganzen Kontinent. Der Rädelsführer der Revolte, Robert Baratheon, krönte sich zum König über ganz Westeros. Allerdings rührten sich bei den Familien, die ehemals die Könige der Sieben Königreiche stellten, Vorbehalte gegen Robert, einen Säufer und Frauenhelden, dessen beste Tage dann auch mit dem Sieg über die Targaryens beendet waren. Seit dem Fall der Dynastie bereiteten sich die ehrgeizigeren Familien auf den Tag vor, an dem Robert stirbt.. Und ich verrate sicher nicht zuviel, wenn ich sage, dass genau der Fall in der Mitte von AGT eintritt. Parallel zu den Ereignissen in Westeros verfolgt der Roman auch die Geschichten der beiden letzten Targaryens Viserys und Daenerys, die jenseits des Meeres versuchen, eine Armee aufzustellen, um ihr rechtmäßiges Reich in Westeros zurückzuerobern.

Bis hierhin ist das Buch ein sehr sehr spannender politischer Roman. Die Filigranität mancher Intrigen verschlägt einem den Atem und wenn der Protagonist Eddard Stark von Haus Stark einem dunklen Geheimnis auf die Spur kommen will, das seinen Vorgänger das Leben gekostet hat, schlägt das manchen Thriller. Bis zu Robert Baratheons Tod, muss ich rückblickend sagen, war die Welt von SIF auch noch „in Ordnung“. Es gab zwar Andeutungen schlimmer Dinge, aber alles hielt sich im Rahmen „normaler“ Geschichten. Ich war sogar ein wenig enttäuscht, wie „low“ die Fantasy ist. Zwar existieren Drachenknochen, aber die Drachen sind schon lange weg und Magie existiert höchstens in Geschichten und Legenden. Es gibt zwar Berichte über die „Anderen“, untote Kreaturen gegen die eine riesige Mauer im Norden des Kontinents gebaut wurde, aber in der Zeit, in der AGT spielt, sind die „Anderen“ nicht mehr als Kindermärchen. Dann aber bricht die Hölle los. Viele, die geglaubt haben, sie könnten beim „Spiel der Throne“ mitspielen, stellen plötzlich fest, dass sie sich völlig verrechnet haben und viele bezahlen dafür mit ihrem Leben. Weil Robert aber früher als erwartet stirbt, sind noch nicht alle Pläne vollendet. Das Ergebnis ist eine Reihe von Anwärtern auf den Thron der Sieben Königreiche und das bedeutet natürlich Krieg. Am Ende von AGT kehren übrigens die Drachen zurück und die ganz Welt verändert sich. Was aber kaum jemand merkt.

Die Handlung von SIF dreht sich also um den Krieg in Westeros und dessen Folgen. Außerdem verfolgen wir das Schicksal der Königskinder im Osten und die Ereignisse im Norden an der Mauer, wo die „Anderen“ nach Jahrhunderten wieder in Erscheinung treten. Aber diese Beschreibung ist nur sehr unzureichend für die Ebenen und Meta-Ebenen, auf denen sich die Reihe bewegt.

Warum warne ich also vor SIF. Bis hierher hört sich das doch ganz an. Weil die Bücher verflucht sind, deswegen! Wenn man sie anfasst, kann man sie nicht mehr weglegen. Und solange man sie in den Händen hat, muss man sie lesen. Und ich meine nicht, immer mal wieder reinschauen, wenn man Zeit hat. Ich meine, man muss sie lesen, wenn man wach ist. Und darüber hinaus. Sei ich „A Feast for Crows“ bekommen habe, konnte ich kaum sechs Stunden in der Nacht schlafen. Und nun stellt euch das vor, wenn ihr früh raus müsst! Und das schlimmste ist: Die Mistdinger sind dick! Der „Herr der Ringe“ ist ein Pups gegen SIF. Rund 2700 Seiten (englische Ausgabe). Bevor ich mir „A Feast for Crows“ bestellt habe, musste ich wirklich überlegen, ob ich schon wieder bereit bin, mir Nächte um die Ohren zu schlagen.

Als nächstes sind die SIF-Bücher viel zu unorthodox. Ihr erinnert euch, wie ich mich über Nick Hornby echauffiert habe? Ein Witz! Wo Hornby bloß von tradierten Erzählmustern abgewichen ist, stellt Martin sie an die Wand und gewährt ihnen keine letzte Zigarette. Er tötet Protagonisten! Da erlebt man die Geschichte 500 Seiten durch die Augen einer Figur, und dann sieht man sie durch die Augen einer anderen sterben. Niemand ist sicher! Man hat sich für einen Protagonisten erwärmt und denkt, dass ich ein sympathischer. Und plötzlich begeht er mal eben die schlimmsten Gräueltaten. Oder man hasst eine Figur, die plötzlich ihre Menschlichkeit entdeckt. Männer, Frauen und Kinder können in SIF Opfer und Täter sein. Gut und Böse, die klassische Fantasy Dichotomie, sucht sie nicht in SIF. Es gibt Figuren, die sind vielleicht weniger brutal und grausam als andere. Aber das heißt nicht, dass sie gut sind. Martin verhindert effektiv, dass man sich auf eine Seite schlägt, weil es am Ende nur Opfer und Täter gibt und meistens sind alle beides.

Wenn ihr euch aber entgegen meinen dringenden Warnungen ein oder mehrere Bücher des SIF zulegen solltet, warne ich euch eindringlich und ernsthaft: das sind keine Kinderbücher! Gerade die Kapitel, in denen es um den Krieg in Westeros geht, sind absolut schonungslos. Krieg wird so beschrieben, wie er wohl ist: brutal, dreckig und Seelen zerstörend. Menschen werden verstümmelt, gefoltert und Frauen reihenweise vergewaltigt. Als ich „A Clash of Kings“ las, war ich stellenweise wirklich geschockt. Meinem 14jährigen Kind würde ich die Bücher nicht geben. Ach die Sexszenen lassen wenig Raum für Phantasie. Wären die Bücher ein Film, wäre er „ab 18“.

Ihr seht, dass es besser ist, wenn ihr nie einen Blick in die Bücher werft, denn es könnte euer letzter ruhiger Moment für ca. 1000 Seiten sein. Eure Arbeit, Partnerschaft und soziales Leben wird leiden. Wahrscheinlich werdet ihr konventionelle Fantasy nicht mehr ertragen können und das Wort „Ritterlichkeit“ wir euch würgen machen: Wenn ihr SIF trotzdem lest, gebt mir keine Schuld für die Folgen. Ich habe euch ja gewarnt.

Bibiographie:

Englische Ausgaben:

A Game of Thrones

A Clash of Kings

A Storm of Swords

A Feast for Crows

Deutsche Ausgaben:

Die Herren von Winterfell

Das Erbe von Winterfell

Der Thron der Sieben Königreiche

Die Saat des Goldenen Löwen

Sturm der Schwerter

Die Königin der Drachen

Zeit der Krähen

Die dunkle Königin

Hybride

Veröffentlicht in Gehör gefordert am Juni 27, 2006 von skeltem

Schwerhörigkeit ist so etwas wie eine Hybrid-Klasse unter den Körperbehinderungen. Nichts Ganzes und nichts Halbes. Genau wie „schlecht sehen“ oder „ein lahmes Bein, aber der Rest ist in Ordnung“ behindert es genug, um im Alltag Probleme zu bereiten. Im Gegensatz zur Gehörlosigkeit, Blindheit oder Paraplegie muss man nicht sein ganzes Leben neu ausrichten, sondern kann weiter „normal“ leben. Und das, wenn auch manchmal nervig, ist auch gut so.

Gestern hatte ich ja angefangen, von unserem Stand auf dem Coburger „Tag der Selbsthilfegruppen“ zu berichten. Wir teilten uns einen Stand mit dem Gehörlosenverein, der wesentlich professioneller auftrat, als unsere kleine Schar, bestehend aus Frau Schlank, Frau Georg und meiner Wenigkeit.

Nicht nur hatten die Gehörlosen (und deren hörender Anhang) eine bessere Präsentation als wir, es kamen auch ganze Heerscharen vorbei, um „Guten Tag“ zu sagen, mit unseren Nachbarn zu gebärden oder sich zu informieren. Irgendwann war ein großer dicker Mann im Anzug dabei, der auch Frau Schlank die Hand schüttelte und grinste, als wäre er sonst am Stand „Hilfe für Schmieros“ zu finden. Später erfuhr ich dann, dass das wohl irgend ein Unterbürgermeister und der Schirmherr der Veranstaltung war. Oh well …

Ich begann im Laufe des Vormittags unsere gehörlosen Standnachbarn heftig zu beneiden. Sie hatten einen Kegelverein, der demnächst ein Grillfest veranstaltet, ein eigenes Vereinsheim, wöchentliche Treffen und ganz offensichtlich den Vorteil der Anzahl. Und im Gegensatz zu unserem schwerhörigen Trio hatten sie überhaupt keine Probleme mit der Kommunikation. Wenn ich mich mit Frau Georg unterhalten wollte, mussten wir auf den guten alten Zetteltrick zurückgreifen (und schreibend höre ich mich bestimmt an wie Humphrey Bogard, wenn er ein paar Whisky zuviel hatte). Frau Schlank konnte mich gut hören, aber ich konnte ihre Antworten kaum verstehen. Ich hatte zwar das Fingeralphabet in die Gruppe eingeführt, aber wer lernt das schon, für Leute, die man einmal im Monat sieht? Und über 60 ist? Irgendwann ging mir dann auf, dass ich völlig auf dem Holzweg war.

Gehörlose (im Gegensatz zu Schwerhörigen oder Ertaubten) kennen die Welt der Laute nicht. Früher sollten sie gezwungen werden, sich in dieser für die völlig fremden Umgebung zurecht zu finden. Heute ist man soweit, ihnen einen Raum zu geben, der ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen entspricht. Das führt allerdings dazu, dass so etwas wie eine „Parallelgesellschaft“ entsteht. Sie schotten sich nicht ab, das habe ich am Samstag gesehen, aber allein die Tatsache, dass sie eine eigene Sprache sprechen, sorgt schon für eine gewisse Distanz. Im Gegensatz zu den Schwerhörigen bewegen sie sich meistens in ihrer eigenen „Welt“, während wir uns jeden Tag mit der Welt der normal Hörenden auseinandersetzen müssen. Das ist zwar für die Schwerhörigen anstrengend, nervig und mitunter frustrierend und verletzend, dafür sind wir aber auch viel mehr Teil des „normalen“ Lebens.

Und auch was die Zahlen angeht, war ich im Irrtum. Die letzten konkreten Zahlen stammen von Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Damals ist bei einer Befragung ermittelt worden, dass fast jeder 5. Deutsche Hörprobleme hat. Die Situation wird sich kaum gebessert haben.

Warum saßen dann bei uns so wenige und der Gehörlosenverein konnte sich kaum retten vor Besuchern? Ich denke, es hat mit Identität und Scham zu tun. Ihre Behinderung, die Probleme mit der hörenden Welt und ihre geteilte Sprache schweißen die Gehörlosen zu einer Gemeinschaft zusammen. Sie wissen wer und was sie sind. Vor allem haben sie alle ein Niveau. Im Gegensatz dazu, sind Schwerhörige und Ertaubte nicht so sicher. Allein in unsere Selbsthilfegruppe sind Menschen, die ein bisschen schlecht hören können, schlecht hören, sehr schlecht hören, Frau Georg und ich. Wir bewegen uns 99% unserer Zeit unter normal Hörenden. Wir sind wie Ausländer in einem fremden Land, die die Landessprache nicht so gut beherrschen. Aber wir haben kein Heimatland. Und die anderen Fremden auf die wir treffen, verstehen wir auch nicht so toll. Dazu kommt, dass Schwerhörigkeit in Deutschland oft immer noch als „Schande“ begriffen wird. Fragt mich nicht, warum. Aber die Reaktionen, mit denen ich es manchmal zu tun habe, bestätigen das. In unserer Gruppe sind einige, insbesondere Frauen, die sich erst sehr überwinden mussten, bevor sie kamen. Zum ersten Mal begriff ich wirklich, wie wichtig diese Selbsthilfegruppengeschichte ist. Auch wenn wir aus verschiedenen Gründen behindert sind und auch in verschiedenem Ausmaß, kann die Gruppe trotzdem so etwas wie eine Identität geben. Und was uns eint, ist immerhin nicht wenig. Nämlich die Ignoranz, die Gedankenlosigkeit und die Dummheit die uns jeden Tag begegnen. Und wie jeder zugeben wird, ist das ein immenser Grund.

Das mit dem Kegelverein allerdings ist schade. Ich werde beim nächsten Treffen eine Doppelkopf-Runde anregen.

Ich bin dann auch nicht nach einer Stunde gegangen, wie ich eigentlich vorhatte, sondern saß meine vier Stunden brav ab. Ich wurde sogar belohnt. Irgendwann kam tatsächlich jemand vorbei, der meine Sprache sprach. Und das beste: Er will sie uns bald allen beibringen.

Selbst

Veröffentlicht in HomeStory am Juni 26, 2006 von skeltem

Hilfe

Veröffentlicht in Coburg, HomeStory am Juni 25, 2006 von skeltem

Gestern stand ich den ganzen Vormittag in der Fußgängerzone. Nein, die Arbeitsagenten haben mir keinen Ein-Euro-Job bei einer südamerikanischen Folkloregruppe verschafft („Sie als Ethnologe…“). Gestern war in Coburg der „Tag der Selbsthilfegruppen“.

Seit letztem Herbst bin ich Mitglied in einer Selbsthilfegruppe für Schwerhörige. Normalerweise trete ich Gruppen ausschließlich in Online-Spielen bei. Selbst als ich noch gut hören konnte, war ich nicht der Typ, der wenn er zwei Leute trifft, spontan einen Verein gründet. Aber das Schicksal in Form von Lapis, einer Ärztin und einer Hörgerateakustikerin hat mich praktisch dazu gezwungen und ich kann Frauen einfach nicht widersprechen. Und letztendlich hatten die Damen ja recht. Ich finde zwar, dass Lapis übertreibt, wenn sie von der heilsamen Wirkung der monatlichen Treffen berichtet. Aber irgendwo tut es doch gut, wenn man Verbündete gegen die grausame Oppression der Hörenden hat. Lapis sagt, dass ich selbstbewusster von den Treffen komme. Ich denke, es freut sie, wenn ich Bäckerei-Verkäuferinnen zur Schnecke mache, die mich blöd anmachen, weil ich ihr Genuschele nicht verstanden habe. Sie hasst Bäckerei-Verkäuferinnen.

Der Tag ist schon länger geplant und wenn bei unseren Treffen die Sprache darauf kam, wurden die meisten von uns etwas unruhig und entdeckten plötzlich eine interessante Stelle an der Decke, die sie unbedingt ansehen mussten. Ich dachte, ich sei aus dem Schneider, weil ich ja zu Lapis’ Mutter Familienfest fahre. Frau Weiß, die Gründerin der Gruppe verkündete beim vorletzten Mal mit dem Ausdruck echten Bedauerns („Oscar!“), dass sie von ihrer Arbeit her eine ganze Woche wegfahren müsse und leider leiden an dem Tag nicht könnte. Herr Still, der Co-Gründer berichtete beim letzten Mal, dass er ein super günstiges Angebot für einen Urlaubsflug hätte, das er einfach nicht ablehnen könne. Man konnte sehen, wie alle fieberhaft nach Gründen suchten, nicht einen Vormittag in der Fußgängerzone verbringen zu müssen. Frau Waid erinnerte sich plötzlich daran, dass ihre Schwiegertochter aus Kanada an diesem Wochenende zu Besuch kommt und Herr Delling entdeckte plötzlich WM-Karten, die man natürlich nicht verfallen lassen kann. („Für das Achtelfinale!!!“ „Na ja, man gönnt sich ja sonst nichts.“ Für DEUTSCHLAND??!!“ „Äh, ne die anderen, die, na ihr wisst schon.“)

Frau Schlank erwischte es schließlich, und ich vermute fast, sie wollte, dass unsere Gruppe vertreten ist. Leider war es auch der Tag, als Lapis mich von der Gruppe abholte und wir waren gerade dabei, das leidige Thema zu besprechen, als sie hereinkam. Frau Weiß sagte gerade: „Wie schade, dass Sie an diesem Tag nicht da sind.“ „Ja“, antwortete ich und versuchte ein zerknirschtes Gesicht, „wirklich schade.“ „Wieso bist du nicht da?“, fragte Lapis. „Weil wir doch auf der Feier deiner Mutter sind.“ „Aber die Feier ist eine Woche früher als der Selbsthilfetag.“ Ich schluckte. „Nicht am 24.6.?“ „Nein, am 17.6.“ Frau Weiß kann zuckersüß lächeln. „Na, dann können Sie ja mit Frau Schlank unsere Gruppe vertreten.“ Ich weiß, wann ich verloren habe und murmelte „Super.“

Frau Georg, die von uns allen am schlechtesten hört, sagte: „Was ist am 24.? Da habe ich Zeit.“

Den eigentlichen Selbsthilfetag schildere ich morgen in „Selbst“.

Blasphemie

Veröffentlicht in relativ religiös am Juni 23, 2006 von skeltem

Wenn es nach CSU-Chef Stoiber ginge, würde der Begriff der Gotteslästerung weiter ausgelegt werden, als es der Paragraph 166 StGB bisher tut. In besagtem Paragraphen wird nur derjenige Blasphemiker bestraft, der den öffentlichen Frieden gefährdet.

Herr Stoiber sorgt sich um die religiösen Gefühle vor allem seiner Wähler, die ihm immer noch gram sind, dass er im letzten Jahr einen „Stoiber“ machte und nach großen Ankündigungen und viel Trara dann doch nicht „Superminister“ im Kabinett von Kanzlerin Merkel wurde. Obwohl sich seine Umfragewerte (wohl aus Mangel an Alternativen) langsam wieder erholen, glaubt er, etwas für sein Image tun zu müssen. Da „der Bayer an sich“ ja katholisch, konservativ und konsequent für Recht und Ordnung ist, gewinnt man die Stammtische am Besten mir irgend einer Werte-Diskussion (siehe „Kruzifix“-Streit und Homo-Ehe).

Wenn man sich so umschaut, ist das deutsche Gesetz wirklich lasch. Maximal drei Jahre Haft für den Häretiker, aber auch nur wenn er das Volk aufstachelt und zu Bildersturm und Ketzerei auffordert. Woanders ist man da konsequenter und es kommt der Verdacht auf, dass der moderne Liberalismus Religion nicht mehr wirklich ernst nimmt.

Wer erinnert sich nicht an das religiöse Urteil des Ayatollah Khomeini gegen den Schriftsteller Salman Rushdi? Er wurde zum Tode verurteilt, weil er „den Islam verhöhnt“ hatte und die iranische Regierung setzte gar eine Belohnung auf seinen Kopf aus. Dass der Islam eine eher unhumorige Einstellung zu tatsächlichen oder so empfundenen Blasphemien hat, dürfte spätestens seit der Hysterie um die Mohammed-Karikaturen bekannt sein.. In den meisten islamischen Ländern steht tatsächlich der Tod als Strafe für Gotteslästerung im Gesetz. Natürlich wird das Gesetz nicht immer angewandt. Aber ich wäre vorsichtig mit sarkastischen Bemerkungen in Saudi-Arabien.

Die christliche Welt ist da nicht so einig und nur ganz wenige Länder oder Staaten empfinden Gotteslästerung noch als Todes würdig, Connecticut z.B. Trotzdem regt alle Jahre wieder irgendein Film oder Buch die Christenheit auf, wie zuletzt „Sakrileg – Der Da Vinci Code“. Was an einem mäßig interessanten Roman, der die Prämisse eines in den 80er Jahren erschienenen „Sachbuches“ als tollen Dreh verkauft, so lästerlich sein soll, entzieht sich allerdings meinem Verständnis. Ich bin ja auch kein Fundamentalist, von daher geht das in Ordnung. Das Judentum ist eher lässig im Umgang mit der Lästerei. Es gibt keinen Strafbestand der Gotteslästerung, wohl weil Gott für die Juden immer sehr nah und ansprechbar war. Auch Hindus haben ihre Probleme mit Ketzern. Nur Buddhisten scheinen Gotteslästerung geradezu als willkommene Lehre zu betrachten (Kunststück ohne Gott :) )

Der bekannteste Prozess, in dem der Paragraf 166 in Deutschland zur Anwendung kam, war 1971 gegen den Kirchenkritiker und Atheisten Karlheinz Deschner. Die ekligeste Gotteslästerung ist wohl der Fall eines westfälischen Rentners, der Klopapier mit der Aufschrift „heiliger Koran“ bedruckte und es an Medien und islamische Vereine schickte.

Die deutschen Kirchen haben Herrn Stoiber übrigens auflaufen lassen. Die katholische Bischofskonferenz wollte sich nicht äußern und die evangelische Kirche Deutschlands sieht „keine Gründe für die Verschärfung des Strafrechts“. Aber letztendlich zählt ja auch nicht, was die potentiell Verletzten denken, sondern der Erfolg an der Populismus-Front.

Anti

Veröffentlicht in Geschichten um das Netz am Juni 20, 2006 von skeltem

Wie ich fast reich geworden wäre (und die WM alles kaputt gemacht hat).

Kürzlich stieß ich bei der Lektüre gewisser Internet-Seiten zu Online-Spielen auf ein interessantes Phänomen. Anscheinend haben Firmen professionelle Forenjubler angeheuert, um ihr Produkt direkt bei der Zielgruppe zu bewerben. Diese Tarnkappenfans tun so als wollten sie der Community einen Gefallen tun und auf ein tolles Spiel hinweisen. Der englische Fachausdruck für diese Leute lautet „Shill“ Die Shills sind einfach zu erkennen. Ihre Beiträge spielen sich meist auf dem Niveau „Das Bäste Spiehl eva!!!1112233“ ab. Dass das „Bäste“ Spiel meistens von allen denkenden Wesen eher in die Kategorie „Computervirus mit graphischer Oberfläche“ eingeordnet wird, muss die Shiller ja nicht interessieren, da sie zu dem Produkt eh keine Beziehung haben. Aber irgendwie muss irgendwer ja glauben, mit dieser durchsichtigen Masche könne man Leute anlocken.

Das brachte mich ins Grübeln. Es gibt bestimmt Agenturen, die sich diskret im Internet umschauen und Leute suchen, die alles, wirklich alles für Geld machen. Aber die Masche ist so dumm, dass selbst ein Marketing-Mensch nach maximal 5 Jahren darauf kommt, dass es nicht genug Lobotomisierte im Netz gibt, damit sich das Shilling lohnt. Also hat das Marketing 2 Möglichkeiten: a) sie werden raffinierter und stellen Leute ein, die subtiler die zarten Pflänzchen des keimenden Hypes pflanzen oder b) sie machen genau das Gegenteil der bisherigen Kampagne, stecken dafür aber das doppelte an Kohle in die Werbung, der Kunde zahlt es ja. Da Möglichkeit a) völlig ausgeschlossen ist, wartet da viel Geld auf diejenigen mit der richtigen Idee.

Ihr kennt bestimmt diesen Brüller, wie man sich das Paradies und die Hölle vorstelle. Da sind dann die Franzosen die Köche im Paradies, aber die Bankiers in der Hölle und das dann für ein paar Nationen. Eigentlich muss man ja vorsichtig sein, wenn man ganzen Nationen Eigenschaften zuspricht. Im allgemeinen sagen die Vorurteile mehr über den aus, der sie hat als über den Gegenstand des Vorurteils.

Trotzdem. Hierzulande kommt immer mal wieder das Wort von der „Leidkultur“ auf. Und womit? Mit Recht! Niemand leidet, jammert und greint so wie wir Deutschen. Das Glas ist nicht halb voll oder leer: es ist schmutzig und mir gefällt die Form nicht. Sowieso. Früher, ja früher hatten wir Gläser. Das sag ich euch: GLÄSER! Nicht den Mist, den sie heute haben.

Da setzte dann meine geniale Idee ein: ich gründe eine Agentur und nenne sie „German Whine“. Ich stelle die schlimmsten Nörgler und Meckerer ein, die ich finde. Leute, die an einem Millionengewinn im Lotto etwas schlechtes fänden. Die aus Prinzip schon keinen Spaß habe. Die Créme de la Créme der Hater. Wenn dann eine Firma ein neues Produkt herausbringen will, kann mich die Konkurrenz mieten. Wir machen dann Anti-Shill. Wir überfluten das Internet mit der Botschaft „This sux!“ Da kann die Software das Beste sein, was man sich vorstellen kann. Und dazu noch Kaffe kochen. „German Whine“ wird einen Fehler finden. Wenn wir unsere Herrschaft des Terrors über die Netzgemeinde ausgebreitet haben und die letzten Fans unter der ätzenden Macht unserer Negitivität zusammengebrochen sind, werden wir Geld dafür nehmen, dass wir nichts sagen. „Wäre doch schade um Ihr neues Betriebssystem, Mr. Ballmer. Aber schlechte Presse kriegt man sooo schwer wieder weg.“ (manisches Lachen denken)

Und? Was ist? Nix is. Auf einmal ist WM und alle sind froh und gut gelaunt. Aber das Verhängnis scheint tiefer zu gehen. Die Wirtschaftsdaten deuten seit Jahren mal wieder einen leichten Optimismus an. Bücher, die sich positiv mit uns beschäftigen, sind plötzlich auf der Bestseller-Liste. Florian Langenscheid, der Optimismus-Mosi in der SZ. Wir sind Papst! Wir sind Deutschland! Ach, es ist ein Elend.

Ich hoffe, dass wir bald wieder zu alter Form auflaufen. Falls wir Deutschen plötzlich zu einer Nation wie alle anderen werden, habe ich aber schon einen Plan B. Ich plane Deutschland-Fahnen, die beim Schwenken fröhliches Kinderlachen erzeugen. Das wird der Renner. Damit bediene ich nicht nur die wachsende Nachfrage nach Fahnen. Ich sorge auch für die Lust nach Vermehrung. Wenn wir schon wieder wer sind, müssen wir auch wieder mehr werden. Ich muss jetzt leider Schluss machen. Ich habe ein Meeting mit Frau von der Leyen.

Horde

Veröffentlicht in HomeStory am Juni 19, 2006 von skeltem

An diesem Wochenende waren Lapis und ich bei einem Familienfest. Attila der Hunnenkönig hätte seine Horden verschämt eine „Kleingruppe“ genannt, wenn er Lapis’ Familie gewahr geworden wäre.

Meine Familie kann ihre großen Treffen im Moerser Schlosstheater veranstalten. Wenn wir dann noch ein paar Passanten bitten, sich zu uns zu gesellen, kriegen wir das Foyer bestimmt halb voll. Als Lapis und ich geheiratet haben, musste ich ein paar Verwandte in Ungarn einladen, damit ich annähernd so viele Gäste zusammen bekam wie Lapis’ Kernfamilie ausmachte. Aber nur, weil eine ihrer Schwestern nicht kommen konnte.

Lapis’ Familie dagegen, wenn sie mal zusammenkommen, könnte bestimmt die Dortmunder Westfalenhalle füllen. Die Lazulis sind ein Clan, für den eigene Wissenschaftszweige erfunden wurden, die Lazulilogie etwa oder Lazu-Ethnologie. Nicht zu vergessen die politische Strömung des Lazulismus. Ein Vetter Lapis’ vertraute mir einmal an, das 5 der weniger wichtigen Ökonomien Europas darauf beruhten, dass die Lazulis Butter statt Margarine äßen.

Als sie dann ankündigte, dass an diesem Wochenende „ihre ganze Familie“ kommen wolle, sah ich vor meinem geistigen Auge Landstriche sich leeren, Völker wandern, große Migrationsbewegungen in den Nachrichten auftauchen, inklusive Pfeilen, die auf einen Punkt im südlichen Niedersachsen zeigen. Eine Zeltstadt erfüllte die Täler des Sollings, die den großen Armeen der Völkerwanderungszeit in nichts nach stand.

Ich stellte mir Fußball spielende Kinder vor. 6 Mannschaften, die ein kleines Turnier veranstalten, während einige der Erwachsenen ein „Fischer Chor Revival“ Konzert gaben. Abends würde es eine Nachstellung der Völkerschlacht von Leipzig geben und zum Ausklang des Tages sorgte ein rauschendes Fest für eine ernste Nahrungsmittelknappheit in ganz Norddeutschland. Gesetze würden erlassen werden müssen, zum „Schutze der Volkswirtschaft“, die verböten, dass mehr als zwei Generationen der Lazulis jemals wieder zusammen kämen. .

„Alles in allem sind wir dann so 18.“, riss Lapis mich aus meinen Visionen. „Was? Warum guckst du so? Sind dir das schon wieder zu viele Menschen?“

 

Kadaver

Veröffentlicht in relativ religiös am Juni 15, 2006 von skeltem

„Happy Kadaver“ wünschten wir uns in der Schule vor Fronleichnam und freuten uns über einen freien Donnerstag. Wenn ich damals nicht so ignorant gewesen wäre, hätte ich erkannt, dass Fronleichnam mein Festtag ist.

Dazu muss ich natürlich erwähnen, dass ich in den späten 80ern ein so genannter „Waver“ war. Heute sagt man wohl Gothic zu den Leuten, die überwiegend in schwarz rumlaufen, unaussprechliche Dinge mit ihren Haaren anstellen, Depri-Mucke hören und von ihren Kollegen erschossen werden, wenn eine Emotion (außer allgemeiner Verachtung) über ihr weiß geschminktes Gesicht huscht. Ach, was waren das für Zeiten! Im „Old Daddy“ zu Joy Division oder The Cure stundenlang vor und zurück über die Tanzfläche schleichen. Oder Friedhöfe besuchen. Nachts. Ich glaube, wir waren ziemliche Poser. Außer, dass wir uns ein bisschen gegruselt haben oder mal ein Joint die Runde machte, kamen wir uns ziemlich albern vor. Wir hatten das mit den Friedhöfen wohl nicht richtig verstanden. Aber egal. Es war cool und wir waren cool. Und wir konnten auf die ganzen Leute herabsehen, die nicht so cool waren wie wir. Also alle.

Ah, wo war ich? Fronleichnam, richtig. Wenn ich damals gewusst hätte, das Fronleichnam das Fest des Blutes ist, hätten wir uns bestimmt ein cooles Ritual ausgedacht, um das Blutfest zu begehen. So was wie roten Genever gemischt mit Schweineblut trinken oder so was. Ich sage hier nichts gegen die christliche Kirche. Denn wenn man bedenkt, was sie heute Feiern, muss man schon sagen: Christen sind die Härtesten. Die genaue Bezeichnung Fronleichnams in der Kirchensprache ist: „Hochfest des Leibes und Blutes Christi“.

Wer im groben Dunstkreis der christlichen Religion aufgewachsen ist, wie wohl die meisten hier, dem wird der Begriff des Abendmahls oder der Kommunion ein Begriff sein. Da ihr alle gut im Religionsunterricht aufgepasst habt (und nicht Liebesbriefe geschrieben oder Skat gespielt habt wie gewisse andere Schüler :P ), wisst ihr was da so abläuft. Was mich als Ex-Katholiken dabei immer angemacht hat war das Wort „Transsubstantion“. Transsubstantion, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ich fand das Wort so klasse. Aber die die Idee, dass sich so ein Obladen und Wein in meinem Mund in Fleisch und Blut verwandeln und alle Christen jedes Mal, wenn sie zum Abendmahls mal gehen wirklich Jesus naschen hat mich ziemlich abgeschreckt. Ich bin dann auch nie zum katholischen Initiationsritus, genannt „Erstkommunion“ gegangen.

Anyway, bei allen kulinarischen Vorbehalten gegen Theophagie muss auch ein Außen stehender zugeben, dass der Gedanke an ein Wunder bei jeder Messe stattfindet beeindruckend ist. Und wenn man ihn isst und sein Blut trinkt, ist einem so ein Gott auch irgendwie näher als wenn er jetzt in, sagen wir, Wolkenkuckusheim wohnt und nur einmal im Jahr an deinem Geburtstag vorbei schaut. Wenn er es nicht wieder vergisst.

Unsere katholischen Mitmenschen sind so begeistert von ihrem Wunder, dass sie es allen zeigen wollen auch den Ketzern und besonders den Protestanten. Deshalb bilden sie zu Fronleichnam eine Art katholische Love Parade, die sogenannten Prozessionen und prozessieren durch die Gegend. Dabei haben sie u.a. eine frisch transsubstantiierte Hostie rufen fröhlich „Up yours!“ Ob die Hostie am Ende gegessen wird (Prozessieren mach hungrig) habe ich allerdings jetzt nicht herausgefunden.

Einen drolligen Brauch beschreibt die Wiki: aus der Schweiz. Da bringen die Bauern in Dörfern, wo Katholiken und Protestanten nebeneinander wohnen zu Fronleichnam ihren Mist aufs Feld. Karfreitag ist es dann umgekehrt. Glückliche Schweiz, da werden religiöse Konflikte mit Mist geregelt und nicht mit Sprengstoffgürteln.

Die Aufgeklärten, Preußen und Protestanten unter euch finden das bestimmt im höchsten Maße albern. Aber ich denke die Katholiken haben einen Punkt. Die Verehrung von Fetischen zieht sich wie ein roter Faden durch alle menschlichen Gesellschaften. Online-Rollenspieler wissen das ebenso gut wie Musik- oder Autoliebhaber. Und was anderes als ein Hostienwunder ist es, wenn wieder einmal Elvis’ Kopf auf einem Pfannkuchen erscheint?

In diesem Sinne: Happy Kadaver!

Käfer

Veröffentlicht in HomeStory am Juni 13, 2006 von skeltem

Das Haus, in dem wir wohnen ist toll. Es hat eine Fachwerk-Fassade, einen Erker und an der Decke von Lapis’ Zimmer ist Stuck. Es war sogar schon mal jemand hier, um Fotos zu machen. Ich weiß nicht genau, wann es gebaut wurde, aber das wird so um die Zeit gewesen sein, als Martin Luther sich als Zimmermann versucht hat.

Bevor wir einzogen hat der Vermieter es grundsaniert, also fehlt es auch nicht an modernem Komfort wie fließendem Wasser und einer Heizung. Wie gesagt, wir sind sehr glücklich die Wohnung bekommen zu haben.

Leider gab es schon Bewohner hier, die der Vermieter nicht durch Eigenbedarf rausklagen konnte. Er hat zwar versucht sie zu vergiften, aber wohl nicht die ganze Familie erwischt. Später kamen dann noch Spezialisten, quasi die fränkischen Marines, mit schwerem Gerät. Aber wie ihre Gegenstücke im Zweistromland haben sie nicht mit der Zähigkeit der Einheimischen gerechnet. Diese haben, ganz nach Mao Tse Tungs Maxime „wie die Fische im Wasser“ zu sein, lauernd abgewartet. Sie tarnten sich als einfache Schmutzbrocken und duldeten, dass hin und wieder einer ihrer Kameraden einer Putzattacke zum Opfer fiel. Oder von Pixie gefressen wurden *yuck* Verborgen taten sie das, was laut Altem Testament Gott eigentlich uns auftrug. Sie waren fruchtbar und mehrten sich.

Jetzt haben wir den Salat. Aus den Leisten kommen sie und krabbeln überall herum. Sie sind groß wie ein Stecknadelkopf, rund und schwarz. Vor allem im Flur und in meinem Schlafzimmer (!) sind überall diese ekligen Käfer. Wahrscheinlich haben sie sich wegen der Wärme jetzt vorgewagt. Das ist zwar nicht so eklig wie die Ameisenstraße durch unser Bad damals in Göttingen, aber lästig ist’s schon.

Wahrscheinlich muss wieder mal Gift gesprüht werden, aber meiner Erfahrung nach kriegt man die Insekten kaum aus den Gemäuern raus. Lapis zuckte auch in untypischem Fatalismus die Schultern, als sie nach ihrer Meinung fragte. Also wird es bei einem symbolischen Einsatz der menschlichen Macht über den gemeinen Käfer bleiben, der einige der Rädelsführer töten wird. Es ändert zwar nichts an dem Problem, aber wir fühlen und wenigstens wieder wie die Herren im Haus. Bis zum nächsten Käfer auf dem Kopfkissen.

Verdorben

Veröffentlicht in Film-Buch-Filmbuch am Juni 12, 2006 von skeltem

Es gibt ein Update zu dieser Miszelle: „Unverdorben.

Ich gebe es zu. Ich bin verdorben. Bis ins Mark. Und ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, ich könnte ganz normal sein. Aber dem ist nicht so.

Das Buch hieß „A long way down“ und ist das neueste Werk von Nick Hornby. Ich hatte schon die anderen Bücher von ihm gelesen und fand ihn unterhaltsam, aber nicht wahnsinnig aufregend. Und er bekommt keine guten Enden hin.
Ich wusste nie genau, warum. Aber jedes Buch von Hornby hat mich am Ende mit einem vagen Gefühl von „Und jetzt?“ zurückgelassen. Ich sag’s offen: Ich mag die Hornby-Enden so wenig, dass ich den Schluss der Verfilmung von „High Fidelity“ besser fand als den im Buch.
Aber „A long way down“ war viel perfider als die anderen „Hornbys“. Jedes Mal, wenn die Geschichte von „A long way down“ eine Kurve beschrieb oder eine Abkürzung nahm um dann wieder einen Umweg zu machen, schoss ich für einen Moment mit meiner Erwartung wie es weitergehen soll über das Ziel hinaus. In einem Cartoon wäre ich die Figur, die einer Straße einen Moment länger folgt, als sie vorhanden ist. Ich war gleichzeitig verunsichert und amüsiert.. Nachdem ich erst mal gemerkt hatte, dass Mr. Hornby den Teufel tut und seine Geschichte meinen Erwartungen anpassen wird, habe ich wirklich gerätselt, wie er es schafft, das Buch zu einem Ende zu bringen. Er hat es geschafft. Ich muss zugeben, dass das Ende, obschon nicht wirklich „befriedigend“, schlüssig ist. Ich habe sogar endlich verstanden, dass die anderen Bücher ebenfalls gute Enden haben, wenn man von den Erwartungen einer in sich geschlossenen Geschichte abgeht. Hornby erzählt von Lebensphasen seiner Figuren und nicht von ihrem Leben. Muss ich erwähnen, dass ich das Buch keinen Moment aus der Hand legen konnte?

Das Problem ist, dass ich danach „Anansi Boys“ von Neil Gaiman gelesen habe. Ein gutes Buch, wenn auch nicht so gut wie „American Gods„. Leider war das Ende sehr klischeehaft und die Handlung, wenn man ehrlich ist, schon ziemlich vorhersehbar. Ich war am Ende ziemlich enttäuscht, obwohl ich Gaiman eigentlich sehr mag. Kürzlich habe ich mir mal wieder „Taxi Driver“ von Scorsese angesehen. Guter Film, aber das Ende hat ihn mir ein wenig verdorben.

Ich hoffe, dass sich der Effekt von „A long way down“ bald wieder legt. Mal abgesehen davon, dass es es sehr stressig und anstrengend sein kann, nicht zu wissen, wohin die Reise geht: Wo kämen wir hin, wenn man anderen Leuten überließe, wie ihre Geschichten auszugehen haben?