Als ich Kind war habe ich an das Christkind geglaubt. Das war harte Arbeit.
Vielleicht erinnert die Vor-Coca-Cola-Santa-Claus-Generation sich noch an das Christkind? Das war das Blag, dessen Geburtstag man eigentlich Weihnachten feiert. Baby Jesus sozusagen. Ich kannte das Christkind von der Krippe, die jedes Jahr im Advent im Wohnzimmer meiner Großeltern stand. Es war blond, hatte dicke rote Wangen, eine saubere Windel an und war ca. 10 Monate alt. Ein Wunder!
Meine Eltern waren orthodoxe Atheisten, die „das Ganze nur [Skeltem] zuliebe mitmachten“. Kirchlich geheiratet haben sie meinen Großeltern zuliebe. Meine Taufe war sicher auch jemandem zuliebe geschehen. Jedenfalls hatte Religion in meiner Kindheit viel mit Liebe zu tun.
Weihnachten war jedenfalls mein Fest. Es lief bei uns immer so ab: Den ganzen 24. Dezember hatte ich vor Aufregung Hummeln in diversen Körperteilen. Wir waren immer bei meinen Großeltern, weil meine Eltern a) mit Weihnachten nichts am Hut hatten wegen des ganzen orthoxen Atheisierens und b) wir in einem Loch wohnten, in dem ein Christbaum höchstens die Decke gestützt hätte. Außerdem war kein Platz für die Familie und Weihnachten ist ja bekanntlich das Fest der Liebe und der ausgedehnten Familienzwiste. Meine Tante und meine Mutter halfen meiner Oma bei der Zubereitung des Festmenüs, das sehr viel mit der Liebe zu toten Tieren zu tun hatte. Und weil es die 70er Jahre waren und sie emanzipiert taten sie es nicht gern. Schon gar nicht, weil der männliche Teil der Familie sich von jeder Form der Hausarbeit emanzipiert hatte. Allerdings schon vor den 70er Jahren.
Ich beschäftigte mich meistens mit meiner Cousine, bis unsere Eltern uns trennten und sie heulend und mich schmollend (es war nur eine
stumpfe Waffe, oder?) vor „Wir warten aufs Christkind“ setzten. Die Sendung ist älter als jede andere Sendung im Deutschen Fernsehen und ist wahrscheinlich schon vor Hitlers „Ansprache zum endgültigen Ende des Endsiegs“ oder so einem Mist gelaufen.
Irgendwann wurden meine Cousine und ich dann aus dem Wohnzimmer verbannt und geheimnisvolle Dinge ereigneten sich. Es rumpelte und polterte im Haus. Erwachsene liefen in verschiedenen Stadien der Aufregung umher. Meine Cousine und ich waren so hypnotisert, dass wir sogar vergaßen, uns zu zanken. Am Ende erklang aus dem Wohnzimmer ein Glöckchen (ziemlich rachitisch), die Tür öffnete sich und wie durch ein Wunder lagen plötzlich Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Halleluja!
Ich weiß nicht wie andere Eltern ihren Kindern erklären, dass plötzlich das Indianerkostüm, das sie sich sich sehnlich gewünscht haben plötzlich unter dem Baum liegt. Bei uns hieß es jedenfalls: „Das Christkind war da“. Das musste reichen. Wie schon geschildert, war ich theologisch von meinem Elternhaus gefordert. Für mich war es erst mal ein Fakt, dass das Christkind da gewesen ist. Das Christkind, das hatte ich in der Krippe gesehen, ist ein Säugling. Ergo war ein Säugling in Omas Wohnzimmer gewesen und hatte mein Indianerkostüm unter den Tannenbaum gelegt.
Das fand ich ziemlich komisch. Wo soll es denn das Kostüm gehabt haben? Unter seiner Windel? Ugh! Nein, das Christkind hatte bestimmt einen Sack dabei wie der Nikolaus. Aber der Sack musste ziemlich groß sein. S’. Puppe passte auch noch rein und was die Erwachsenen sich so schenkten. Hm. Brachte das Christkind auch Geschenke für Erwachsene? Die konnten sich das ja auch kaufen. Außerdem sparte das dem Säugling eine Menge Arbeit.
In meinem Kinderglauben vermischte sich das Christkind mit den Putten, die ich schon mal gesehen hatte. Ich glaubte, es flitzte am Heiligen Abend, mit seinen Stummelflügelchen schlagend durch das Wohnzimmerfenster herein, grüßte kurz meine Eltern und Großeltern, lud die Geschenke ab, die es in einem großen Sack mit sich führte und flog davon, um seine Runde fertig zu bekommen und dann in der Krippe Feierabend zu machen. Ich glaubte, dass wenn ich durch das Schlüsselloch lugen könnte, ich einen männlichen Säugling mit Windeln und einen großen Jutesack sehen würde.
Später erfuhr ich dann die Wahrheit.
Das Christkind beschäftigt Subunternehmer.