Fortsetzung von: “Der Tempel…”
Aber der Tempel ist nicht allein ein bindendes, sondern auch ein ordnendes Instrument. Als Moses die zehn Gebote empfing, wurden die israelitischen Stämme allein von Stammesrecht bzw. gar keinem regiert. Sie waren ja Flüchtlinge. Genauso die Araber vor Mohammed. Der Prophet machte mit Blutrache und Infantizid Schluss. Er gab den Frauen tatsächlich einige Rechte, wo sie vorher reiner Besitz ihrer Männer oder männlichen Verwandten waren.
In der Tat kann man den Siegeszug der großen Religionsgemeinschaften auch damit erklären, dass sie ein funktionierendes Gemeinwesen aufbauten, das sich einer gemeinsamen Idee verbunden fühlte und so für viele Menschen zum ersten Mal so etwas wie Sicherheit brachte. Es ist den Tempeln zu verdanken, dass sie den Glauben der Menschen in Bahnen lenkten, die irgendwann als „zivilisiert“ bezeichnet wurden. Bleibt die Frage bestehen, warum wir dem Tempel nicht danken für alles und „Gute gemacht“ sagen und ihm eine gute Reise wo auch immer hin wünschen. Geh mit Gott, aber geh!
Die Frage ist sehr westlich. Sie geht davon aus, dass man den Tempel, also ‘Religion’, einfach aus dem Leben einer Gesellschaft herausschneiden kann. Das liegt vor allem daran, dass sich viele Menschen der Aufklärung nicht so ganz klar sind, was denn nun genau ihre Religion ist. Sie denken an die verschiedenen Kirchen. Dabei hat das neue Oberhaupt der katholischen Kirche eigentlich jedem deutlich sichtbar zu erkennen geben, dass der ‘Gott’ der Aufklärung die menschliche Vernunft ist. Der Tempel der Vernunft ist die Akademie. Die meisten so genannten Atheisten deifizieren (vergöttlichen) ihre eigene Schlauheit. Mit religiösem Eifer auch noch.
Moment! Wenn die Vernunft religiös sein soll, dann ist doch alles religiös, oder nicht? Ist dann nicht das ganze Argument für den Popo? Wenn alles Religion ist, dann ist gar nichts Religion. Es gibt durchaus Unterschiede. Und die „Vernunft“ die der Prophet Immanuel Kant in seiner heiligen Schrift „Die Kritik der reinen Vernunft“ so empor gehoben hat, ist eine machtvolle Idee. Eine bindende, befreiende Idee. Kant hat sie natürlich nicht „erfunden“. Er hat jedoch eine Reihe von Gedanken, die in Europa seit Jahrhunderten umher waberten eine Form gegeben. Die Aufklärer begründeten ein Symbolsystem, das die profane Wirklichkeit wunderbar machte. Was einfach als gegeben akzeptiert werden musste wurde zum Gegenstand von Untersuchungen und nichts schien dem forschenden Geist mehr lange verborgen bleiben zu können. Die Aufklärung gab uns die Idee, dass wir, wenn wir nur lange genug und mit den richtigen Methoden hinsehen würden, alles würden wissen können.
Wissenschaftler sind die Priester der Aufklärung. Schulen lehren ihre Prinzipien, die Akademien verbreiten die Lehre und forschen immer weiter auf das große Ziel hin: Alles zu wissen. Totale Kontrolle.
Die endgültige (zumindest hier) Antwort auf die Frage, warum es immer noch Tempel gibt muss also lauten: man wird die Scheißdinger einfach nicht los. Was vor allem daran liegt, dass Menschen keine Inseln sind. Sie leben in Gruppen und Gesellschaften und die müssen irgendwie miteinander klar kommen. Und wenn jeder glauben würde, was er will, wo käme man da hin? Horden, also erweiterte Familien in meist nomadischen Gesellschaften, kommen wahrscheinlich ohne Tempel aus. Die Gruppen sind einfach zu klein dafür und neben dem Kampf ums Überleben haben religiöse Spitzfindigkeiten keinen Platz. Aber selbst Horden besitzen Vorstellungen von Ahnen und Geistern, die innerhalb der Familie weitergegeben werden.
Das heißt nicht, dass die Tempel grundsätzlich eine gute Sache sind. Im Gegenteil. In der katholischen Kirche missbrauchten Priester hunderte von Kindern und Jugendlichen. Die Kirche deckte sie auch noch. Evangelikale Christen propagieren Hass gegen Homosexuelle, Abtreibungsärzte und Andersgläubige auf und schrecken auch vor Gewalt nicht zurück. Muslimische Organisationen fordern zum Terror auf oder bringen tatsächlich Tausende um. Radikale jüdische Siedler töten Palästinenser. Radikal-islamische Palästinenser töten Juden. Hindu-Nationalisten töten Moslems. Moslems töten Inder. Buddhisten töten Hindus. Wissenschaftler entwickeln immer perfektere Möglichkeiten, Menschen möglichst effektiv umzubringen Die Liste ließe sich fortsetzen. Man kann sie jeden Tag aus den Nachrichten aktualisieren.
Die Gräuel, die von Tempeln angerichtet werden haben viele Menschen, vor allem der Aufklärung, dazu gebracht, zu glauben, dass wenn man die Tempel abschaffe, man auch die Gräuel abschaffe. Das ist natürlich naiv. Erstens kann man die Tempel nur abschaffen, wenn man die Menschheit ausrotten würde und zweitens töten nicht Tempel Menschen sondern Menschen töten Menschen. Oft.
Die Sache ist doch die: gebt Menschen Macht und sie missbrauchen sie. Niemand ist davor gefeit. Wer jetzt sagt, dass Religionen eher dazu führen, dass Macht mörderisch missbraucht wird, dem sage ich: stimmt. Das liegt in der Natur der Sache. ‘Religion’ („Ein Symbolsystem, dass …“) erzeugt eine Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist absolut, sonst wäre sie es nicht. Religiöse Wirklichkeit lässt keine halben Sachen zu. Es gibt einen Gott oder nicht. Deswegen sind religiöse Auseinandersetzungen immer so, dass sie ums Ganze gehen. Wir in Europa haben das auf die harte Tour gelernt. Im Westfälischen Frieden wurde festgelegt, dass Kriege nie mehr wegen Religion geführt werden sollten. Aber der Krieger der Aufklärung, Napoleon Bonaparte, führte wieder einen „totalen Krieg“. Dann wurden Kriege für die „Nation“ geführt. Die zwei größten Mörder des letzten Jahrhunderts waren keine ‘religiösen’ Männer (obwohl Hitler von sich selbst wohl als eine Art „Deutscher Messias“ dachte) bzw. sogar aggressiv antiklerikal. Heißt das, dass wir uns damit abfinden müssen, dass Tempel des Todes ein Teil unserer Wirklichkeit sind?
Nein, heißt es nicht. Und damit verlasse ich meine, sowieso nur mythologische, wissenschaftliche Objektivität. Wir müssen mit den Tempeln leben, denn sie sind ein Teil unseres Lebens. Die Tempel formen unser Denken. Sie zeigen uns, wie wir unsere Welt ordnen könne, was wir mit unseren Ideen anstellen können. Sie machen aus Glauben Sinn. Aber genauso werden die Tempel von den Gläubigen geformt. Eine der größten Erkenntnisse der Aufklärung war, dass wir frei sind, zu denken. Wenn wir es wagen. Im Zuge dieser Erkenntnis verloren die Tempel im Bereich der Aufklärung viel von ihrer Macht. Und damit auch die Priester. Und Priester ohne Macht können niemandem befehlen, die Ungläubigen zu töten, wo ihr sie trefft.
Das heißt nicht, dass die Aufklärung perfekt und ohne Fehl sei. Aber die Entmachtung der eigenen Tempel war ein großer Schritt nach vorne. Ich wünschte, dass andere Menschen sehen, was Europäer so blutig erkämpft haben und für ihre eigenen Gesellschaften anpassen. Aber durch unsere Geschichte von Intoleranz und Unterdrückung und der Verbreitung unserer Ideen durch das Schwert haben wir uns eigentlich jeden Anspruch auf Glaubwürdigkeit wieder verspielt.
Letztendlich sind die Tempel nur ein Teil unserer Wirklichkeit. Und wenn die anderen Teile statt Freiheit Tod bringen, was nützt die ganze Aufklärerei?